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Veröffentlicht am 19.01.2025

Körperschau

Aua!
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Zu Beginn geht es um die Abgrenzung des ca. 68jährigen Körpers gegen seine Umwelt. Und je kleinteiliger die Gedanken werden, desto ungenauer wird die Grenze. Atome und ihre Elektronen haben eben Zwischenräume ...

Zu Beginn geht es um die Abgrenzung des ca. 68jährigen Körpers gegen seine Umwelt. Und je kleinteiliger die Gedanken werden, desto ungenauer wird die Grenze. Atome und ihre Elektronen haben eben Zwischenräume und in diese kann etwas hineingelangen, Oder vielleicht können Elektronen sich auch mit anderen Elektronen austauschen. Möglicherweise hat man selbst schon mal über etwas ähnliches nachgedacht und ist zu einer ähnlichen Unendlichkeit oder Ewigkeit gelangt. Dann freut man sich, dass man mit den Gedanken nicht alleine dasteht. Die verschwommene Körperlichkeit hat echt was.

Auch geht es um Mut, der aus dem Streß geboren wird. Es wirkt so. als habe der Autor Mut gebraucht, um seine nicht mehr geliebte aber sichere Arbeit zu kündigen und selbstständiger Autor zu werden. Doch manchmal ist es einfach so, dass der Körper Signale gibt, die irgendwann nicht mehr überhört werden können. Genauso wie der Tinnitus im Ohr, der hier jedoch sehr irdische Ursachen hat, die etwas mit dem Geburtsjahr des Autors zu tun haben. Überhaupt hat der Autor einen guten Draht zu seinen Ärzten, was ihm zum Glück des Öfteren vor Schlimmeren bewahrt hat. Gleichwohl wirkt er für sein Alter erfreulich gesund, fit und auf der Höhe der Zeit.

Die biografischen Essays und Gedanken über seinen Körper beziehungsweise einzelne Körperteile lassen den Autor sehr nahbar wirken. Auf unkomplizierte und intelligente Weise bekommt man Einblicke in ein normales und zugleich besonderes Leben. Wie bei anderen auch, denkt er manchmal erst dann über Körperteile oder Organe nach, wenn sie sich melden. Und so geht es uns wohl allen. Der Körper wird als selbstverständlich hingenommen. Er hat zu funktionieren. Doch wenn es zwickt und zwackt, sollte man hin und wieder schnell werden. Mitunter reicht es aber auch, mit seinem Körper liebevoll umzugehen und ihn pfleglich zu behandeln. Und sich zu erinnern, zu welchen Gelegenheiten sich der Körper gemeldet hat und welche Familienerinnerungen sich damit verbinden. Die Betrachtungen sind amüsant, humorvoll und haben Tiefe. Sie können gerne empfohlen werden, auch wenn üblicherweise eher dem Fiktiven zugeneigt ist, denn sie sind einfach nachvollziehbar und lebendig erzählt. Anhand der kleinen Illustrationen auf dem Cover kann man sich eine Vorstellung von den Organen machen, um die es wohl geht.

Veröffentlicht am 29.12.2024

Die Voigtin

Die Lungenschwimmprobe
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Im Jahr 1681 wird in der Nähe von Leipzig in einem Beet vergraben die Leiche eines neugeborenen Mädchens gefunden. Der bekannte Doktor Johannes Schreyer wird gebeten, die Leichenschau vorzunehmen. Es besteht ...

Im Jahr 1681 wird in der Nähe von Leipzig in einem Beet vergraben die Leiche eines neugeborenen Mädchens gefunden. Der bekannte Doktor Johannes Schreyer wird gebeten, die Leichenschau vorzunehmen. Es besteht der Verdacht, dass die erst fünfzehnjährige Mutter das Kind nach der Geburt umgebracht wird. Schreyer ist ein gewissenhafter Arzt, der Vorverurteilungen kritisch sieht, und mit der noch neuen Methode der Lungenschwimmprobe will er herausfinden, ob das Kind tot geboren sein kann. Der Vater der Beschuldigten Anna Voigt besitzt einen Gutshof. Als liebender Vater und recht wohlhabender Mensch engagiert er den angesehenen, jungen Anwalt Christian Thomasius.

In beginnenden Zeitalter der Aufklärung ist dieser historische Roman angesiedelt. Doch noch hat der Klerus das Sagen. Die junge Anna Voigt wird schon deshalb schlecht angesehen, weil sie überhaupt schwanger geworden ist. Dann kann es auch nur so sein, dass sie das Kind umgebracht hat und den Tod verdient. Doch die Obrigkeit hat weder mit dem Arzt gerechnet, der eine neuartige wissenschaftliche Untersuchung vornimmt, noch mit dem Vater, der eine Verteidigung auf die Beine stellt. Und so müssen sich die Oberen länger mit der Sache beschäftigen, die sie doch eigentlich schnell erledigen wollten. Kann die neue Vernunft gehen das althergebrachte obsiegen. Vielleicht entsteht eine Furcht vor der eigenen Courage.

Vielleicht etwas unsicher, ob dieser ungewöhnliche historische Roman die richtige Wahl war, kann man froh berichten, dass man die Lektüre genossen hat. Zwar ist einem die Zeit fremd. Da wird einfach die Schuld auf einer jungen Frau abgeladen und wissenschaftliche Darstellungen einfach unter den Tisch gekehrt werden. Es ist eine Epoche, in der es zwar schon die Stimme der Vernunft erklingt, sich aber nicht immer durchsetzen kann. Man wünscht der jungen Anna Voigt, dass sie diese Anschuldigungen übersteht, doch sicher sein kann sie nicht. Der junge Anwalt Thomasius hat keinen leichten Stand in Leipzig, er ist jedoch ein gewissenhafter Verteidiger, der es wagt, einen Schritt weiterzugehen. In diese Zeit einzutauchen ist spannend und manchmal auch schrecklich, wegen der damals vorherrschenden Verhältnisse. Mal wieder ist man gerade als Frau froh, dass man heute leben darf.

Bei dem Cover handelt es sich um eine Illustration, die wohl anlässlich des Erscheinen des Buches geschaffen wurde. Sie stellt eindrucksvoll dar, um welches Organ es bei der Lungenschwimmprobe geht.

Veröffentlicht am 26.12.2024

Schneekristall

Unmöglicher Abschied
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Die Autorin Gyeongha träumt schlecht, sie kann nicht mehr aus dem Haus gehen und kaum etwas essen. Familie und Freunde wenden sich von ihr ab, weil sie mit ihrem seltsamen Verhalten nicht umgehen können. ...

Die Autorin Gyeongha träumt schlecht, sie kann nicht mehr aus dem Haus gehen und kaum etwas essen. Familie und Freunde wenden sich von ihr ab, weil sie mit ihrem seltsamen Verhalten nicht umgehen können. Endlich allein geht es Gyeongha ein wenig besser. Allerdings nicht so gut, dass sie Kontakt mit anderen haben möchte. Völlig unerwartet meldet sich ihre Freundin Inseon aus dem Krankenhaus in Seoul. Gleich einem Hilferuf bittet sie Gyeongha auf die Insel Jeju, ihren Wohnort, zu reisen, um den kleinen Vogel zu retten, den Inseon dort hält. Wenn das Tier nicht schnellstens Wasser und Futter bekommt, wird es sterben.

Mit ihrem neuen Roman erinnert die Autorin an ein ausgesprochen schlimmes Massaker, das 1948/49 auf der Insel Jeju verübt wurde. Auch Inseons Familie war davon betroffen. Davon hat sie allerdings nie groß erzählt. Nur kehrte sie vor vier Jahren überraschend auf die Insel zurück, um ihre Mutter zu versorgen. Gyeongha war überrascht, dass Inseon nach dem Tod der Mutter nicht wieder als Filmschaffende gearbeitet hat. Auch wollte Inseon an einem Projekt festhalten, das Gyeongha schon längst ad acta gelegt hatte. Dennoch macht sich Gyeongha ohne groß zu zögern auf den Weg nach Jeju. Durch den immer stärker werdenden Schneefall muss sie sich vorkämpfen.

Die koreanische Autorin Han Kang holt ein Massaker ins Gedächtnis zurück, über das hier wahrscheinlich nicht viel bekannt ist. Doch jedes extreme Unrecht darf nicht vergessen werden. Weder von denen, die über Generationen darunter gelitten haben, noch von denen, die eigene Themen haben, die nicht vergessen werden dürfen und die gleichzeitig auch eine Erinnerung bilden können. Gleichzeitig handelt der Roman von den beiden Freundinnen Gyeongha und Inseon, die sich nach der Ausbildung kennenlernten, und deren Freundschaft Höhen und Tiefen überwand. Doch erst als sie die Reise nach Jeju alleine und im tiefsten Winter unternimmt durchdringt Gyeongha das Leid, das Inseon und ihre Familie geprägt hat. Das ist berührend, aber auch schrecklich zu lesen. Immer wieder muss man sich fragen, wieso Menschen einander so etwas antun können. Gerade in der heutigen Zeit kann es darauf wieder keine Antwort geben, außer dass die Menschen nicht in der Lage zu sein scheinen aus ihren Taten zu lernen. Auch wenn das Ende ein wenig zu offen erscheint, so kann dieser Roman nur allen ans Herz gelegt werden, die vielleicht doch fähig sind, zu reflektieren.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Das kleine Café

Tod im Piemont - Trüffel, Nougat und Barolo
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Ein Fremder ist im Ort und er kommt zu Sofie ins kleine Café, um einen Mokka zu bekommen. Die Kunst des Mokka Kochens hat Sofia von ihrer lieben Großmutter geerbt. Es handelt sich um eine besondere Gabe, ...

Ein Fremder ist im Ort und er kommt zu Sofie ins kleine Café, um einen Mokka zu bekommen. Die Kunst des Mokka Kochens hat Sofia von ihrer lieben Großmutter geerbt. Es handelt sich um eine besondere Gabe, bei der es nicht nur darum geht, das Getränk zuzubereiten, sondern auch darum, aus dem Kaffeesatz zu lesen. Das fällt ihr beidem Fremden, der sich als Gianluca vorstellt, nicht leicht, denn was sie sieht ist nicht gut. Nur wenig später ist der junge Mann tot. Sofia fühlt sich schuldig, hätte sie etwas verhindern können. Deshalb versucht sie, mehr über den Toten herauszufinden.

Sofia Dalmasso lebt und liebt ihr kleines Café. Die Menschen aus dem Ort schauen bei ihr rein, essen, trinken, reden. Ihre beste Freundin Laura bringt ihr die Post und ist immer für einen Plausch zu haben. Eine Freude ist es Sofia auch zu backen, zu kochen und die Kaffeemaschine zu bedienen. An das mit dem Mokka glaubt sie eigentlich nicht, doch wenn sie richtig liegt, wird es schon so sein sollen. Und wegen des Todesfalls ist Sofia eine Zeugin für den smarten Commissario Alessandro Ranieri, der die Ermittlungen übernommen hat.

Ein Sommer Krimi, der Lust auf Urlaub macht. Wenn Italien noch nicht das Traumland wäre, nach der Lektüre wünscht man sich an den Lago Maggiore, um die schöne Gegend auch im wahren Leben in Augenschein zu nehmen. Man möchte dieses kleine Café besuchen und die Kekse probieren. Vielleicht würde man diesen spannenden Krimi mit seinem sympathischen Personal an einem der Tische lesen. Gegenwart und Vergangenheit treffen durch das Eintreffen des Fremden aufeinander und die typische Reaktion eines Dorfes - man hüllt sich in Schweigen. Nicht nur der Commissario hat es schwer, auch Sofia erhält kaum Antworten. Dennoch geht es nach und nach voran. Dieser Kriminalroman ist eines dieser Bücher, die man immer weiterlesen möchte. Man wünscht sich mehr von Sofia, Alessandro und Laura zu lesen. Eine perfekte Abrundung wäre noch eine Darstellung der so appetitlichen Rezepte.

Veröffentlicht am 17.12.2024

Des Totengräbers Spaten

Flavia de Luce 11 - Des Henkers letzte Mahlzeit
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Flavia de Luce weiß nicht mehr so richtig, wer sie ist. Sie ist nicht mehr wirklich ein Kind, aber erwachsen ist sie noch lange nicht. Und manchmal ist sie einfach froh, wenn sie so tun kann, als sei sie ...

Flavia de Luce weiß nicht mehr so richtig, wer sie ist. Sie ist nicht mehr wirklich ein Kind, aber erwachsen ist sie noch lange nicht. Und manchmal ist sie einfach froh, wenn sie so tun kann, als sei sie noch ein Kind. Dann radelt sie mit Gladys durch die Gegend wie eigentlich immer. Dann wäre sie fast glücklich, gäbe es da nicht den Dorn in ihrer Seite, ihre junge Cousine Undine. Völlig unerwartet gerät ihre Köchin Ms. Mullet unter Mordverdacht. Außer bei den de Luce’ hat sie noch bei einem älteren Herrn ein paar Haushaltsdinge erledigt. Und dieser wurde tot aufgefunden nachdem er Ms. Mullets gebratene Pilze verspeist hat.

Mit einem elften Band über die Abenteuer von Flavia de Luce im England der 1950er war nicht unbedingt zu rechnen, da der Autor doch schon etwas älter ist. Erfreulicherweise gibt es nun diesen elften Band, in dem Flavia die Todesumstände eines ehemaligen Henkers unbedingt aufklären muss, um Ms. Mullet von jedem Verdacht zu befreien. Dabei kann Flavia ihre Fähigkeiten zu chemischen Analysen gut gebrauchen wie die Gespräche mit Dogger, dem Gärtner. Cousine Undine ist in Flavias Augen zwar eine Nervensäge, aber Flavia muss zugeben, dass Undines Ideen ihren eigenen in Nichts nachstehen.

Große Freude bereitet die Ankunft dieses weiteren Bandes um Flavia de Luce in den Regalen des Bücherladens und auch im eigenen Bücherregal. Wie schon vorher angedeutet ist Flavia auf dem Weg zur Jugendlichen. Ihre kindliche Unbeschwertheit ist nicht mehr so gegenwärtig und das merkt sie selbst auch. Das ist sehr einfühlsam beschrieben. Undine scheint quasi in Flavias Fußstapfen zu treten. Vor der Notwendigkeit Ms. Mullet von dem Verdacht zu befreien, tritt dies jedoch in den Hintergrund. Und Faliva muss sich richtig anstrengen. Dabei entdeckt sie zufällig noch ein anders Geheimnis. Gerade letzte Entdeckung ist dermaßen unerwartet und spannend zu lesen, dass einem fast der Atem wegbleibt. Man fragt sich vielleicht, ob das überhaupt sein kann. Aber es gibt die dichterische Freiheit und man ist während der Lektüre richtig gepackt. Auch Ms. Mullets Problem erfährt einige fesselnde Wendungen. Zwar kommt der Abschluss dann etwas plötzlich. Man vermisst das Teekränzchen der Ermittler. Vielleicht aber verspricht gerade dies einen nächsten Band. Die Reihe um Flavia de Luce ist ausgesprochen empfehlenswert.

4,5 Sterne