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Die Zeit der Fliegen„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im ...
„Die Zeit der Fliegen“ von Claudia Piñeiro, erschienen 2025 im Unionsverlag, ist ein Buch, das mich zwiespältig zurückgelassen hat. Der Roman schließt lose an „Ganz die Deine“ an, das 2009 ebenfalls im Unionsverlag erschien, ist aber auch ohne Kenntnis dieses Vorgängers gut zu lesen, allerdings finde ich, es hilft beim Verständnis in der Tiefe, auch diesen Roman gelesen zu haben.
Inés Experey, ehemals Pereyra, kommt aus dem Knast, pardon, sie bevorzugt das Wort Gefängnis, nachdem sie eine lange Haftstrafe für den Mord an der Geliebten ihres Gatten verbüßt hat. Wirklich reuig ist sie nicht, auch wenn sie sich über dies und das Gedanken macht, während sie versucht, im Leben Draußen wieder anzukommen, das sich sehr weiterentwickelt hat und Inés vor Aufgaben stellt, zu denen sie noch keine Haltung gefunden hat. Was ist das mit dieser Gender Fluidity und Political Correctness und dem intersektionalen Feminismus, irgendwie vielleicht gut aber irgendwie auch ganz schön anstrengend? In der Haft hat Inés die Manca kennengelernt und mit ihr gemeinsam gründet sie nun die Firma FFF – in der vollkommen unterschiedliche Tätigkeitsbereiche zusammengeführt werden, einfach weil frau es kann – und weil es so doch auch viel mehr Spaß macht, als alleine vor sich hin zu wurschteln. Während die Manca ihren Lebensunterhalt mit Detektivarbeit verdient, ist Inés in der Ungeziefervertilgung aktiv, denn in ihrer Zeit im Gefängnis hat sie sich viel Wissen über Insekten, insbesondere hierbei über Fliegen, angeeignet (die Buchauswahl war nun einmal nicht so groß). Alles läuft genau so langweilig wie gut, bis Inés eines Tages ein unmoralisches Angebot erhält, das sie ins Wanken bringt.
Das Buch verfolgt formal neben der Handlungsebene noch zwei weitere, zum einen gibt es immer wieder Kapitel, die sich sehr ausführlich mit den Fliegen beschäftigen, zum anderen gibt es einen antiken Chor, angelehnt an Medea von Euripides, der die Themen aus genau diesem Werk hier in der Neuzeit verhandelt, insbesondere hier die Frage nach Mutterschaft als Wohl oder Wehe. Das hat hohe Relevanz, denn Inés hat mit dem Gang ins Gefängnis seinerzeit auch den Kontakt zu ihrer Tochter Laura verloren, die, inzwischen erwachsen, selbst ein Familienleben wie aus dem Poesiealbum führt.
Der Erzählton sehr ähnlich wie schon bei „Ganz die Deine“ souverän, etwas gehetzt, lässig, grundsätzlich humorvoll, manchmal auch plakativ, aber Piñeiro weiß, was sie tut, das lässt sich gut lesen. Und am Ende wartet das Buch mit einem Clou auf, den wahrscheinlich die wenigsten haben kommen sehen.
Das Grundproblem des Romans ist ein sehr langsamer Fortgang der Handlung bei gleichzeitiger Überfrachtung mit philosophisch-gesellschaftlicher Thematik bei extrem viel Bildungsreferenz, insofern ist das Buch auch sehr elitär und somit exklusiv. Das Thema des Mutterseins oder doch nur Gebärens oder vielleicht auch nichts davon finde ich ein sehr Wichtiges, insgesamt wird es mir dennoch zu ausgewalzt besprochen, es ist eine sehr bekannte Debatte für mich, vielleicht für andere nicht, ich habe irgendwann leider angefangen querzulesen, da waren keine neuen Gedanken drin für mich 2025, vielleicht sieht das in Lateinamerika anders aus, das ist gut möglich. Insgesamt gibt eine Tendenz zum Übererzählen, vor allem auch in den Chorpassagen. Die Autorin überfrachtet das Buch mit Themen, wodurch die Handlung immer wieder massiv ins Stocken gerät.
Am Ende geht dann alles vielleicht auch deshalb sehr holterdipolter und wichtige Inhalte werden auf einmal sehr kurz abgehandelt, was ich aus einer hier relevanten Betroffenheitsperspektive nicht akzeptabel finde. Grundsätzlich ist der vom Anfang zum Ende geschlagene Bogen gut konstruiert und auch überraschend, ABER was hilft es, wenn man dadurch unter Umständen viele Leser:innen verliert, weil diese nicht bis zum Ende durchhalten? Ein bisschen entstand bei mir der Eindruck, dass Piñeiro eigentlich einen Essay schreiben wollte und dann einen Roman drum herum konstruiert hat. Hätte ich die Metaebene mit dem Medeachor überhaupt gebraucht? Ich bin nicht sicher. Ebenso das sehr ausgewalzte Fliegenthema nur um am Ende dabei zu landen, dass das Leben ein anderes wäre, wenn man seine Entscheidungen mit mehr Zeit angehen würde, mehr Zeit hätte abzuwägen. Ja gut, eine Binsenweisheit. Wir sind nunmal keine Fliegen. So what? Was sollen wir mitnehmen aus dem Buch? Dass es furchtbar ist, wenn wir die Menschen nicht als das nehmen und sein lassen, was sie sind und ihnen nicht zuhören, ihnen keinen Raum geben, sich zu verändern? (Das trifft auch auf die Hauptfigur Inés zu) Das ist ja klar. Am Ende wird auf einmal sehr viel sehr schnell reingedacht in das Buch bis hin zu einer Inés, die vielleicht doch noch ihre Bisexualität entdeckt. Oder Pan. I don’t know... Mich überzeugt der Roman nicht. Alles klug gedacht, aber es hat mich nicht mitgenommen und am Ende ist nichts wirklich neu gedacht. Vielleicht bin ich zu sehr eh in der Bubble, die die Themen des Romans täglich wälzt. Vielleicht ist dieses Werk in Lateinamerika revolutionär. Aber gerade dann hätte es am Ende mehr Raum für ein Fertigerzählen und für noch ein paar Gedanken mehr vertragen.
„Die Zeit der Fliegen“ wird gerade für Netflix verfilmt. Ich bin sehr gespannt und vermute, dass hier der Essayistische Anteil deutlich eingedampft wird. Ich lasse mich überraschen, als Crime-Plot mit schrägen Charakteren ist der Roman sehr geeignet. Vielleicht wird es auch ein Genre-Mix. Ein schöner Erfolg für Piñeiro, den ich ihr als Autorin sehr gönne, denn wie gesagt: Schreiben kann sie. Mich hat nur die Gesamtkonstruktion leider in ihrer Ausgewogenheit nicht überzeugen können.