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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ernie Cunninghams zweiter Fall – ein Hoch auf die Detektivgeschichte

Die mörderischen Cunninghams. Jeder im Zug ist verdächtig (Die mörderischen Cunninghams 2)
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Nachdem Ernest Cunningham den Mordfall in seiner Familie im abgelegenen Skiressort gelöst, nebenbei einen Serientäter gestellt und darüber ein Buch geschrieben hat, ist er ein gefragter Krimiautor und ...

Nachdem Ernest Cunningham den Mordfall in seiner Familie im abgelegenen Skiressort gelöst, nebenbei einen Serientäter gestellt und darüber ein Buch geschrieben hat, ist er ein gefragter Krimiautor und wird zu einem Literaturfestival eingeladen. Zusammen mit Freundin Juliette, der ehemaligen Skiressortbesitzerin und nun ebenfalls Autorin, nimmt er an der Zugfahrt im berühmten Ghan teil, der von Darwin nach Adelaide fährt. An Bord, neben vielen anderen Gästen, fünf weitere mehr oder weniger bekannte Krimiautoren und seine Agentin Simone. Alles könnte so schön sein, hätte Ernie nicht eine Schreibblockade. Alles was er braucht, ist ein schöner Mord, über den er schreiben kann. Dieser lässt zum Glück nicht lange auf sich warten und ehe er sich versieht, steckt Ernie erneut in einem verzwickten Fall.

Ah, herrlich! Der Autor bleibt seinem Stil treu und entwirft erneut eine vertrackte Geschichte mit vielen Wendungen, mehreren miteinander zuammenhängenden Fällen, vielen Geheimnissen und skurrilen Charakteren. Die Ähnlichkeit mit berühmten Detektivgeschichten ist durchaus gewollt, man fühlt sich immens an Agatha Christies berühmte Fälle erinnert, eine Tatsache, die im Buch auch immer wieder thematisiert wird. Das ungewöhnliche Setting im Zug im australischen Nirgendwo tut sein Übriges, um das Ganze zu seinem sehr vergnüglichen und spannenden Kriminalroman zu machen, bei dem man von Anfang miträtselt und doch immer wieder falsch liegt.

Wie im ersten Band schreibt Ich-Erzähler Ernie über vermeintlich wahre Begebenheiten und spricht den Leser immer wieder direkt an. Dabei versäumt er es nicht, auf die Wichtigkeit der Krimiregeln und der Ehrlichkeit des Autors hinzuweisen. Ernie, der Betroffener, Ermittler und Erzähler in Personalunion ist, lässt den Leser denn auch umfassend an seinen Gedankengängen und an seinen Ermittlungen und gleichzeitig am Aufbau seines Buches teilhaben. Diese Hinweise darauf, dass er die Morde für sein neues Buch braucht, machen einen Großteil der Würze und des Humors aus, ebenso wie die Bezüge auf das Genre und der geschickt eingesetzten Stilmittel des Autors, wie etwa Ernies Email an jemanden, mit dem er die Nutzlosigkeit eines Prologs diskutiert und die eben genau mit dem Wort Prolog betitelt ist.

Der Autor lässt seinen Krimifan Ernie in klassischer Manier ermitteln, mit allen Stilelementen, die dazugehören, wie etwa dem Dénoument, bei welchem, meist in der Bibliothek, die Auflösung aller Rätsel präsentiert wird. Bei seinen Figuren deckt er ebenso bekannte Clichés ab wie in den teilweise absurden Situationen, in die sie geraten. So gibt es den eingebildeten Literaten, den Möchtegernermittler und den erfolgreichen Superstar. Durch dieses Einhalten der Krimiregeln nimmt er einerseits das Genre der Detektivgeschichte auf liebevolle Weise auf die Schippe, andererseits erweist er ihm eine große Huldigung. Ernie löst jedes noch so kleine Rätsel und nebenbei auch noch den Fall seines Onkels Andie und ordnet der Wahrheitsfindung alles andere unter. Ernie hat sich der Fairness des Autors seinen Lesern gegenüber verpflichtet und erinnert mehr als einmal an das eine oder andere Detail, das er bereits erwähnt hat. Auch stellt er eine hilfreiche Skizze des Zuginneren zur Verfügung sowie des Inneren der Kabine und des Streckenverlaufs. Aber wer glaubt, dass er deshalb einen Vorteil hat und den Täter errät, dem sei gesagt, dass nichts ist wie es scheint und alles miteinander verzahnt ist. Es gibt einfach zu viele Details und Hintergründe, um sie alle im Auge zu behalten.

Fazit: Für mich wieder eine sehr gelungene Geschichte in der Geschichte, bei der Ermittler und Autor Ernest Cunningham wieder einmal seinen kriminalistischen Spürsinn beweist und sich aus mehr als einer gefährlichen Situation herauswinden muss. Ich liebe den Stil des Autors, der auf wundervoll ironischer Weise das Genre parodiert und ihm gerade deshalb eine große Huldigung erweist. Wer das erste Buch mochte, wird dieses lieben, und wer in sich verschachtelte Fälle, ironischen Humor und skurrile Charaktere mag, ist hier genau richtig.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Bücherliebe und Familiengeheimnisse in Vergangenheit und Gegenwart

Die Bücherfrauen von Listland. Der Gesang der Seeschwalben
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Listland, am nördlichsten Zipfel von Sylt und nördlichsten Punkt Deutschlands, lebt Fenja Lorenzen, die sich ganz der Literatur und besonders dem Erhalt der nordfriesischen Heimatdichter verschrieben hat. ...

Listland, am nördlichsten Zipfel von Sylt und nördlichsten Punkt Deutschlands, lebt Fenja Lorenzen, die sich ganz der Literatur und besonders dem Erhalt der nordfriesischen Heimatdichter verschrieben hat. Sie ist die Nachfahrin ebenfalls bücherverrückter Frauen, ihre Mutter Lene und deren Mutter Beeke sammelten große Mengen an Büchern an. Ein schicksalhaftes Erlebnis bringt Fenja dazu, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen und ihre Beziehung zu ihrer Tochter Elisa zu hinterfragen. Als die Journalistin Anna, die eigentlich ein Buchprojekt mit ihr verwirklichen wollte, auf Geheimfächer und versteckte Dokumente stößt, beschließt Fenja, dass Anna ihr helfen soll, die Geheimnisse ihrer Familie zu ergründen. Anna gräbt tiefer und tiefer und wird immer mehr in den Sog der Lister Bücherfrauen hineingezogen.

Wundervoller, poetischer Roman über die Liebe zu Büchern und über Zusammenhalt in der Familie, aber auch über Schmerz und Verlust und wie wichtig es ist, seine Herkunft zu kennen und die Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich liebe Bücher auf zwei oder mehreren Zeitebenen und dieser verknüpft die Ereignisse in Vergangenheit und Gegenwart auf wundersame Weise, ohne etwas vorwegzunehmen. Die Autorin versteht es meisterhaft, die Erzählstränge künstlerisch miteinander zu verweben, tiefe Einblicke in das Leben damals und heute zu geben und die Spannung von der ersten bis zur letzten Zeile zu erhalten. Ihr Stil ist gehoben, ohne kitschig oder anstrengend zu sein, und man merkt ihr ihre Vorliebe für schöne Worte und die Liebe zur Literatur deutlich an.

Unterteilt in zwei Teilen, erzählt der Roman auf zwei Zeitebenen und aus verschiedenen Perspektiven nicht nur über die Liebe zur Literatur, sondern auch über verbotene Bücher und eine verbotene Liebe im Nationalsozialismus, überhaupt über Liebe in all ihren Facetten, über schwierige Mütter-Töchter-Beziehungen und über Vergangenheitsbewältigung. Die starken Frauencharaktere dominieren klar die Handlung, allen voran Lene in der Vergangenheit und Anna in der Gegenwart. Die beiden haben den Hauptanteil in der Geschichte und mit beiden habe ich intensiv mitgelebt. Der ganze Stil der Autorin, die bildhaften Beschreibungen von Orten und Menschen, ihren Gefühlen und die Authentizität der Figuren haben mich sehr gefesselt, so dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mochte. Originellerweise kommen auch die zwei Häuser zu Wort, die im Laufe der Geschichte viel erlebt haben und einen, man könnte sagen, Blick von oben auf die Geschehnisse werfen.

Interessant fand ich außerdem die Entwicklung von Anna, ihre Position innerhalb der Familie und ihre Einstellung zu den Geschehnissen. Während Teil eins im Buch sich sehr auf sie in der Gegenwart und Lene in der Vergangenheit konzentriert, richtet sich der Fokus in Teil zwei zunehmend auf die Familiengeschichte der Lister Bücherfrauen, die sich über vier Generationen bis in die Gegenwart erstrecken. War Annas Aufenthalt bis dahin eher ihrem Buchprojekt geschuldet, dringt sie nun, mit dem Auftauchen von Fenja und deren an sie herangetragenen Bitte, immer tiefer in die Vergangenheit ein und fördert so manches Geheimnis zutage. Ihre Motivation kommt meines Erachtens aus ihrer Zuneigung zu dem idyllischen Landstrich und zu Fenja und ihren Kindern. Dieses Aufdecken von Wahrheiten in der Gegenwart und die Schilderung der Ereignisse aus Lenes Perspektive in der Vergangenheit gehen Hand in Hand und werden chronologisch erzählt, ohne sich zu doppeln. Anna beginnt zudem immer mehr, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte zu beschäftigen und sich an Dinge zu erinnern. Am Ende des Buches stehen schließlich zwar einige neue Erkenntnisse, aber noch lange kein vollständiges Bild der Geschehnisse rund um Lene und ihrer Töchter. Und so bewegt sich nicht nur Anna, sondern die gesamte Geschichte weiter auf einen Scheideweg und finale Entscheidungen zu, die die Leben der Protagonisten immer mehr miteinander verknüpfen und möglicherweise für immer verändern werden.

Fazit: Sehr gelungener und fesselnder erster Band über die Geschichte der Lister Bücherfrauen und ihrer Biografin Anna, voller Spannung, Familiengeheimnissen und komplizierten Beziehungen. Besonders die starken Frauen und die Aufarbeitung der Vergangenheit gehen zu Herzen und man verliert und verliebt sich schnell in das romantisch-wilde Sylt und in die Geschichte von Lene und Fenja. Ich warte jedenfalls ungeduldig auf die Fortsetzung und kann eine Lektüre wärmstens empfehlen.

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Veröffentlicht am 27.12.2024

Trau dich! Wundervoll warmherziges Buch darüber, das zu tun, was man wirklich will

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Nina,knapp 50, kämpft mit Hormonschwankungen, mit ihrer mitunter chaotischen Mutter und mit ihrer eher ungewissen Lebens- und Jobsituation. Ihr Ex-Mann Phil macht auf heile Welt mit seiner neuen blutjungen ...

Nina,knapp 50, kämpft mit Hormonschwankungen, mit ihrer mitunter chaotischen Mutter und mit ihrer eher ungewissen Lebens- und Jobsituation. Ihr Ex-Mann Phil macht auf heile Welt mit seiner neuen blutjungen Influencer-Ehefrau und ihre Schwester Lena keinen Hehl aus ihrer Verachtung für Nina. Da verliebt sie sich zu allem Überfluss auch noch Hals über Kopf in den 20 Jahre jüngeren David. Als ihre Mutter Karin schwer krank wird, wollen alle zusammenhalten. Doch am Krankenbett der Mutter kommen alle unterdrückten negativen Gefühle ans Licht, und nicht nur Nina muss ihr Leben komplett umkrempeln.

Ein wundervoll warmherziges Buch über die Liebe in allen Konstellationen, über Zusammenhalt, aber auch über Selbstzweifel, über das Leben in einer scheinbar heilen Welt und über den großen Mut, auszubrechen aus verkrusteten Strukturen und seinen eigenen Weg zu gehen. Nina habe ich sofort geliebt und konnte mich wunderbar in sie hineinversetzen. Sie ist der dominante Charakter in diesem Buch und der Dreh- und Angelpunkt, aus ihrer Perspektive wird am häufigsten erzählt und die meisten der anderen Protagonisten kreisen um sie oder reiben sich an ihr. Nina ist emotional, empathisch und warmherzig und hat eine humorvolle und phasenweise philosophische Sicht auf ihr Leben. Sie selbst ist durchaus zufrieden, es sind die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen, die sie stören und die ihren Widerstand wecken. So geht es in einem Erzählstrang um ihren Job, um das Publikmachen von Missständen, die Solidarität unter Frauen und das Auflehnen gegenüber zumeist männlichen Machtstrukturen.

Im zweiten Erzählstrang geht es natürlich um Ninas Beziehung zu David und die Frage, soll sie oder soll sie nicht. Darf sie oder darf sie nicht mit ihm zusammen sein? Auch wenn sie von anderen, allen voran von David und auch von ihrer Schwester Lena, als attraktiv wahrgenommen wird, plagen Nina doch gehörige Selbstzweifel, die sie genüsslich und launig Tagesform abhängig mal den einen, mal den anderen Entschluss fassen lassen. Jeder hat selbstredend seine eigene Meinung dazu und die meisten raten ihr ab. Was will so ein junger Mann mit einer älteren Frau? Kann ja nichts werden.

Die Autorin versteht es meisterhaft, die Achterbahnfahrt der Gefühle nicht nur bei Nina, sondern auch bei David und den anderen Protagonisten einzufangen und sie einfühlsam und pointiert an die Oberfläche zu holen. Am meisten sticht hier Lena, Ninas Schwester heraus, deren Lebensentwurf diametral entgegengesetzt zu Ninas eigenem steht. Je mehr Einblicke man als Leser in diese beiden Lebensweisen erhält, desto mehr wird klar, an welch seidenem Faden sie hängen und wie verknüpft sie doch miteinander sind. Ich fand es außerordentlich gelungen, welche Entwicklung beide Frauen durchmachen. War mir Lena mit ihrem krampfhaft dazu gehören Wollen, ihrer verletzenden Art und ihrem auf heile Welt machen lange Zeit furchtbar unsympathisch, bewies sie doch Voraussicht und Intelligenz im Hinblick auf Ninas Jobsituation und großen Mut, den schönen Schein nicht über ihre Prinzipien und ihre Familie zu stellen. Das Herausragende an Nina ist, dass sie sich nie unterkriegen lässt und sich alles, was ihre Kinder, ihre Familie und ihre Freunde im Hinblick auf ihr Liebesleben sagen, durch den Kopf gehen lässt, sie aber trotzdem ihre eigenen Entscheidungen trifft und zu diesen steht. Und so liegt die Erkenntnis des Ganzen auf der Hand: Man ist nie zu alt für einen Neuanfang.

Fazit: Wer ein wunderschön gebundenes, in fröhlichen Farben gestaltetes Buch in den Händen halten will und in eine manchmal lustige, mitunter traurig oder wütend machende, aber immer kurzweilige Geschichte mit lebensnahen Figuren eintauchen will, dem sei diese Lektüre dringendst empfohlen. Mir jedenfalls sind die Menschen ans Herz gewachsen und ich konnte das Buch, einmal angefangen, nicht mehr aus der Hand legen.

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Veröffentlicht am 28.08.2024

Der Weg in die Freiheit

Sing, wilder Vogel, sing
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Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland: Die Menschen leiden an einer großen Hungersnot, da mehrere Kartoffelernten ausgefallen sind. Ihre englischen Grundherren helfen wenig bis gar nicht, sondern demütigen ...

Mitte des 19. Jahrhunderts in Irland: Die Menschen leiden an einer großen Hungersnot, da mehrere Kartoffelernten ausgefallen sind. Ihre englischen Grundherren helfen wenig bis gar nicht, sondern demütigen die Iren und nehmen ihnen das verpachtete Land weg. Als die junge schwangere Honora, ihr Mann William und die Menschen aus dem Dorf Doolough hören, dass sie in der nächstgrößeren Stadt Louisburgh englische Beamte treffen sollen, die ihnen Notrationen zugestehen könnten, brechen sie auf. Für viele wird es ein Fußmarsch in den Tod, aber für Honora wird es der Beginn von etwas Neuem.

Großartig! Ein ergreifender Roman, der auf wahren Ereignissen beruht und der die Geschichte lebendig werden lässt. Die Autorin gibt all den Namenlosen in ihrem unendlichen Leid eine Identität und erlaubt es ihnen, sich in der Gestalt von Honora zu manifestieren. Mit ihr erstehen all die Gedemütigten, Gestrandeten und Heimatlosen wieder auf, sie gibt uns Hoffnung, dass allem Leid immer auch etwas Gutes innewohnt und es einen Weg zur wahren Bestimmung gibt.

Formal ist der Roman in 2 Teile, Irland und Amerika, aufgeteilt, die wiederum in einzelne Kapitel unterteilt sind, und die Handlung erstreckt sich über mehrere Jahre. Interessant ist, dass der Prolog mitten in der Geschichte einsetzt und nicht den Anfang oder das Ende markiert. Für Honora ist das im Prolog beschriebene Ereignis natürlich durchaus ein einschneidendes Erlebnis, aber nicht das einzige. Das Nachwort der Autorin und das Interview mit ihr erläutern ihre Herangehensweise und geben Einblick darüber, wie sehr sie die Geschichte des Dorfes Dooloughs bewegt hat. Diese tiefe Berührtheit lässt sie unglaublich gut in die Geschichte einfließen, als Leser ist man sofort gefesselt von den Figuren und was sie erdulden müssen und ich habe sehr intensiv mitgelebt.

Der Fokus liegt auf Hauptfigur Honora, die in ihrer Andersartigkeit durchaus polarisiert. Sie ist klug, still und eigenwillig und irgendwie aus der Zeit gefallen. Honora ist eine Nomadin, sie kann sich nicht in bestehende Strukturen einfügen, Menschen verstehen sie nicht und behandeln sie deshalb oft als Fremde. Sie wirkt anziehend auf Männer, doch diese können besonders mit ihrem starken Willen und ihrem Freiheitsdrang wenig anfangen und versuchen sie einzusperren und ihren Willen zu brechen. Sie erfüllt keine der ihr zugedachten Rollen, wird aber gegen ihren Willen in solche gedrängt. Dennoch ist sie liebevoll, loyal und pflichtbewusst und durch ihre zähe Hartnäckigkeit übersteht sie mehrfach hoffnungslose oder lebensbedrohliche Situationen. Ihren Geist, ihre Zweifel und Ängste vergräbt sie tief in ihrem Innern. Ihre Persönlichkeit ist so vielfältig, dass man ihrer nicht vollkommen gerecht werden kann. Auch die anderen Charaktere sind gut herausgearbeitet und lassen in ihren Eigenschaften vielfältige Persönlichkeiten erkennen, wie etwa die Verräterin Mary, der ihr Verrat zum Verhängnis wird, der eigentlich wohlmeinende Prosper, der Honoras Wesen auch nicht versteht, oder Ignatius, der so gar nichts Sympathisches an sich hat.

Honoras Streben nach Freiheit liegt in ihrem Wesen und die Zeichen hierfür finden sich schon bei ihrer Geburt, bei der ein Rotkehlchen ins Haus und wieder hinausflog. Durch dieses, in den Augen ihrer Landsleute schlechte Omen wird sie als Unglücksrabe gebrandmarkt. Vögel spielen generell eine wichtige symbolische Rolle im Buch und für Honora, sie tauchen an entscheidenden Stellen in Honoras Leben auf, stehen für Freiheit und Lebensfreude, sie beobachtet und beneidet sie. Honoras Wanderung zwischen den Welten spiegelt sich in den verschiedenen Ländern Irland und Amerika wider, sie stehen für gegensätzliche Lebensweisen. Auch wenn sie in Amerika zunächst ebenfalls schlimme Demütigungen und Einschränkungen erfährt, steht es für Freiheit, und so ist es nur folgerichtig, dass sie ihre Selbstbestimmung bei einem nicht-weißen, nicht-sesshaften Mann findet, für den das Rotkehlchen im Gegenteil ein gutes Omen ist, der die gleichen Erfahrungen gemacht hat und der nun ebenfalls außerhalb der Gesellschaft steht. Er ist ihr Seelenverwandter, mit dem sie durch die Prärie ziehen und unter freiem Himmel schlafen kann.

Fazit: Das ergreifende Portrait einer Frau, die ihren Weg sucht und die allen Widrigkeiten zum Trotz ihre wahre Bestimmung in einem fernen Land findet. Honoras Reise nach Amerika steht sinnbildlich für eine ganze Nation, die sich ebenso wie Honora in ihrem Streben nach Unabhängigkeit erst von ihrem Unterdrücker abnabeln und der ihr zugedachten Rolle entfliehen musste, um ihre Würde wieder zu erlangen und endlich selbstbestimmt zu leben. Ein Buch, das sich nicht einfach so herunterlesen lässt und das auch nichts für schwache Nerven ist. Ein Roman, der nicht zum Lachen, aber zum Nachdenken anregt, zu Herzen geht und lange nachhallt.

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Veröffentlicht am 02.08.2024

Was ist die Formel für Freundschaft?

Pi mal Daumen
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Oscar ist ein 16-jähriger Überflieger mit Adelstitel, autistischen Zügen und einem imaginären Freund. Er studiert Mathematik und ist am liebsten für sich. Zu viele Menschen auf einem Haufen sowie Lärm ...

Oscar ist ein 16-jähriger Überflieger mit Adelstitel, autistischen Zügen und einem imaginären Freund. Er studiert Mathematik und ist am liebsten für sich. Zu viele Menschen auf einem Haufen sowie Lärm und Dreck machen ihn nervös. Als sich ausgerechnet die über 50jährige Moni im Hörsaal neben ihn setzt und er gezwungenermaßen mit ihr eine Lerngruppe bilden muss, findet er das äußerst ärgerlich. Andererseits braucht er für einige Scheine einen Partner, warum also nicht Moni, die seiner Überzeugung nach eh nicht lange durchhalten wird? Nicht nur Moni, auch sein Studium hält manche Überraschung für ihn bereit, mit der er nicht gerechnet hat.

Wundervolle, warmherzige und liebevolle Betrachtung zweier Außenseiter, des Entstehens ihrer ungewöhnlichen Freundschaft und der leisen Warnung, dass man Menschen niemals unterschätzen sollte. Unterschiedlicher als Oscar und Moni kann man kaum sein. Alter, soziale Herkunft, Charakter, alles ist diametral entgegengesetzt, und doch sind sie seelenverwandt. Sehr subtil und zögerlich entsteht diese Freundschaft und lange gehen beide von völlig unterschiedlichen Annahmen aus. In einem haben sie nämlich, ohne es zu wissen, die gleiche Wahrnehmung: dass der andere ohne ihre Hilfe vollkommen verloren wäre.

Das Buch liest sich unglaublich gut herunter, man muss schmunzeln, den Kopf schütteln und will ein ums andere Mal dazwischen gehen. Die Autorin hat einen sehr menschlichen Blick auf ihre Protagonisten und beschreibt ihre Macken mit einem Augenzwinkern, ohne jemals kitschig oder gar verächtlich zu werden. Ohne große Action, aber mit viel Gefühl für Situationskomik erzählt sie das Geschehen aus der Perspektive von Oscar. Viele seiner Äußerungen und Annahmen sagen mehr über ihn aus als über die anderen und als aufmerksamer Leser erkennt man die Ironie dahinter. Oftmals erschließen sich einem die wahren Umstände in Nebensätzen oder zwischen den Zeilen, Oscar hingegen braucht für alles Zwischenmenschliche ein bisschen länger. Aber auch ihm dämmert schließlich, dass Moni nicht die Dumpfbratze ist, für die er sie hält.

Moni habe ich von der ersten Sekunde an geliebt. Sie ist Familienmensch, warmherzig, hilfsbereit, auffällig ohne es zu wollen, mit mehreren Jobs, drei Enkeln und überforderter Tochter, eine Macherin, immer da, wenn man sie braucht. Dabei klug, völlig unterschätzt von ihrem Umfeld und klein gehalten von ihrem sogenannten Lebensgefährten. Ganz vorurteilsfrei ist Moni aber auch nicht, denn sie hält Oscar allein nicht für überlebensfähig. Sie behandelt ihn wie einen zugelaufenen Welpen, während er sich fragt, was eine wie sie in einem Hörsaal zu suchen hat. Beide werden eines Besseren belehrt und für sie spricht, dass sie im Laufe der Geschichte ihre Meinung voneinander überdenken und sich in ihrer Persönlichkeit weiterentwickeln. Aber auch die anderen Figuren haben gut herausgearbeitete Charaktereigenschaften und der eine oder andere war auch für Überraschungen gut, wie etwa Professor Herbst oder Monis Vater.

Das Hardcover Exemplar kommt im Übrigen schön gebunden mit Einband und Lesezeichen daher. Der Eindruck, dass es komplett Oscars Werk ist, wird dadurch verstärkt, dass der von ihm gezeichnete Stammbaum von Monis Familie vorne und hinten abgedruckt ist und es mehrere Fußnoten mit seinen vermeintlichen Kommentaren gibt. Und ja, es geht auch um Mathe.

Fazit: Sehr kurzweilig, humorvoll und einfach wunderschön ist es zu lesen, wie sich diese beiden so unterschiedlichen Menschen aneinander annähern und zu Freunden werden. Ein bisschen Mathe-Affinität ist von Vorteil, aber nicht zwingend vonnöten. Und ein Familiengeheimnis von Moni wird auch noch aufgedeckt, so ein bisschen wenigstens. Ansonsten für all diejenigen bestens geeignet, die schöne Geschichten mit charaktervollen Figuren lieben und mit ihnen mitleben können.

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