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Chrihart

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Veröffentlicht am 22.01.2023

Experimentelle Pionierkunst und freie Gefühle

Die Liebenden von Bloomsbury – Vanessa und die Kunst des Lebens
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Die Malerin Vanessa Bell und die Schriftstellerin Virginia Woolf werden als Schwestern beschrieben, sie sind beide hochsensible und nervlich angegriffene Künstlerinnen. Beide wollen nach dem Verlust der ...

Die Malerin Vanessa Bell und die Schriftstellerin Virginia Woolf werden als Schwestern beschrieben, sie sind beide hochsensible und nervlich angegriffene Künstlerinnen. Beide wollen nach dem Verlust der Eltern und eines Bruders und den traumatischen Erlebnissen eines Missbrauchs durch einen Halbbruder selbständig und unabhängig sein. Ihre Kunst weiterentwickeln. Das können sie auch, denn ihre Eltern waren vermögend. Virginia heiratet Leonard und Vanessa zieht nach einer Affäre mit Roger aufs Land. Vanessa gründet ihrer Zeit weit voraus eine WG mit Duncan und Bunny, einem bisexuellen männlichen Pärchen. Sie bekommt mit Duncan eine Tochter. In der Londoner Gesellschaft würde sie dafür geächtet und so wird ihr drittes Kind von ihrem Nochehemann Clive, der mittlerweile eine feste Geliebte hat, anerkannt. Die Künstler sind alle auf der Suche nach ihren wahren Gefühlen und versuchen ein freies Leben zu führen, ohne Korsetts jeglicher Art.

Der Erste Weltkrieg macht ihnen einen Strich durch die Rechnung, aber da sie kreativ sind, finden sie einen Weg dem Kriegsdienst durch Obstanbau zu entkommen. Das gelingt dem privilegierten Kreis besser als den einfachen Leuten. Letztere kommen in dem Roman nicht vor, der Fokus liegt auf dem kleinen Elitekreis und ihrem Pioniergeist in der Kunst und dem entrückten Künstlerleben. Die Geschichte macht die damalige Zeit, die Konflikte innerhalb der Gruppe und die jeweiligen Beziehungsverflechtungen anschaulich.

Die Autorin schreibt die Lebensgeschichte der beiden berühmten Frauen so intensiv, dass man sich im Raum wähnt, als sei man als Leser dabei. Man durchleidet die Nöte und Gefühle mit. Und den Kampf gegen die damaligen Konventionen. Die Reaktionen der Gesellschaft, wenn sich eine der beiden davon befreien will. Die Charaktere sind präzise gezeichnet. Die Gespräche und Diskussionen über Kunst sind nachvollziehbar. Die Umstände sind ausgezeichnet recherchiert und ab und an lässt Stefanie H. Martin einen Brief der beiden Schwestern einfließen. Es bereitet Vergnügen, in die Welt der Bloomsbury Group hautnah einzutauchen. Ich finde das Buch spannend geschrieben und kann die Lektüre empfehlen.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Eine Familie fängt im Norden neu an

Willkommen in Deerhusen. Scheitern mit Seeblick
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Familienroman: die Hauptfiguren müssen ihre Komfortzone abrupt verlassen und quartieren sich abgebrannt in der Pension der Schwester ein.

„Willkommen in Deerhusen – Scheitern mit Seeblick“ heißt der ...

Familienroman: die Hauptfiguren müssen ihre Komfortzone abrupt verlassen und quartieren sich abgebrannt in der Pension der Schwester ein.

„Willkommen in Deerhusen – Scheitern mit Seeblick“ heißt der erste Roman von dem Autorinnenteam Indra Janorschke und Jenna Schönberg, deren Pseudonym Bente van der Meer ist. Das Taschenbuch, im Lübbe Verlag erschienen, beginnt mit einem Finanzskandal in der eigenen Familie. Ein interessanter Ausgangspunkt, um eine Geschichte zu entwickeln. Für ein Wohlfühlbuch ungewöhnlich, aber keine Angst, das Buch wird diesem Anspruch im Laufe der Geschichte noch gerecht. Anfangs dauert es aber noch mit dem Wohlfühlen. Die Figuren – Isabell und ihre erwachsenen Kinder Lucas und Clara – stehen vor einem Scherbenhaufen und machen sich notgedrungen auf die Reise vom noblen München in die nordische Dorfidylle, die keine zu sein scheint und zudem Isabells alte Heimat ist.

Die Hauptfiguren müssen ihre Komfortzone abrupt verlassen und quartieren sich völlig abgebrannt in der leidlich laufenden Pension der Schwester von Isabell ein. Allerdings wird das eine Herausforderung, denn die sehr gegensätzlichen Schwestern, Isabell und Stine, haben seit 30 Jahren nicht mehr miteinander gesprochen. Aber alle machen dann doch noch eine überraschende Wandlung durch. Lucas mutiert vom Anwalt zum Handwerker, Tomke-Isabell von der Society-Lady zur Konditorin und Clara von der verwöhnten Tochter und nicht sehr erfolgreichen Influencerin zur guten Organisatorin von Kinderfesten. Alle packen mit an, nicht uneigennützig, damit die Pension wieder mehr Geld abwirft.

Mit der Zeit werden einem die Figuren immer sympathischer. Alle Figuren springen über ihre Schatten und erfinden sich neu. Man kann sich als Leser gut in die Figuren hineinversetzen. Es wird in wechselnden Perspektiven erzählt. Das hat mir gut gefallen, auch der Schreibstil an sich. Der Familienzuwachs ist allerdings etwas zu wenig authentisch für meinen Geschmack. Dennoch hat die kurzweilige Geschichte Spaß gemacht. Eine ungewöhnliche Geschichte mit einem überraschenden Fortgang und einem Happy End. Die Lektüre eignet sich besonders für entspannende Lesestunden am Urlaubsstrand im Norden oder auf der Couch bei original Schietwetter und einer Tasse Tee.

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Veröffentlicht am 09.01.2026

Gelungener vierter Berliner Fall führt Dahlberg nach Prignitz

Die Sonne über Berlin - Triebstau
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"Die Sonne über Berlin" von Carla Kalkbrenner, im Martini & Loersch Verlag erschienen, ist der vierte Band einer Krimiserie, die man alle unabhängig voneinander lesen kann. Kommissar Dahlbergs Team muss ...

"Die Sonne über Berlin" von Carla Kalkbrenner, im Martini & Loersch Verlag erschienen, ist der vierte Band einer Krimiserie, die man alle unabhängig voneinander lesen kann. Kommissar Dahlbergs Team muss diesmal in Prignitz, einem Landkreis im äußersten Nordwesten des Landes Brandenburg, Amtshilfe leisten. Ein Referent des Landwirtschaftsministeriums liegt tot auf dem Acker und wurde von einem Pflug überrollt. Allerdings hat keiner etwas mitbekommen. Am Tatabend ging es in der Dorfkneipe hoch her und die Landwirte waren mehr oder weniger alle betrunken. Im Klappentext heißt es denn auch: "Alkohol und Ackerbau, eine ganz miese Kombination." Es geht um Konkurrenz im Amt, um alte Kränkungen zwischen den Landwirten und jeder Menge Geheimnisse. Jeder hat etwas zu verbergen und jeder macht sich verdächtig. Man rätselt bis zum Schluss, der dann eine überraschende Auflösung serviert.

Kalkbrenner legt großen Wert auf ihre Recherche. Die örtlichen Beschreibungen, aber auch die Charaktere sind realistisch beschrieben und gut nachvollziehbar. Die Autorin zeichnet die Protagonisten sehr präzise, darunter verletzliche Kauze und äußerst menschliche Ermittler. Der Krimi liest sich sehr gut und flüssig, man fiebert mit den Figuren mit, die alle ihre Problemchen haben. Dahlberg versucht die Vaterrolle neben seinem aufreibenden Job auszufüllen, zudem will seine Frau wieder arbeiten gehen. Claudias Beziehung zu einer Frau ist schon etwas eingerostet und Jo kämpft mit einer toxischen Beziehung. Alexander hat durch seine vorherige Beziehung Angst, sich wieder auf eine Beziehung einzulassen. So sind alle Ermittler nicht nur mit dem Fall, sondern auch mit sich selbst beschäftigt und anfangs fischen sie bei den Ermittlungen auch noch im Trüben. Aber sie bekommen Hilfe aus einer anderen Abteilung und endlich bringt das den Durchbruch. Dann klappt es auch wieder mit dem Team wie in alten Zeiten und sie kommen dem Täter immer näher. 

Fazit: Der Krimi aus Berlin macht Spaß, ist raffiniert konzipiert und gibt spannende Einblicke in die Landwirtschaftsszene. Eine klare Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 30.12.2024

Unbekanntere Seite Kästners wird beleuchtet

Der Goldhügel
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Tobias Roller beschreibt in seinem Debüt „Der Goldhügel“, im Volk Verlag erschienen, ein berühmtes Sanatorium. Dieses thront auf dem Goldhügel über dem Luganer See im Tessin. Der vielseitige Autor Kästner ...

Tobias Roller beschreibt in seinem Debüt „Der Goldhügel“, im Volk Verlag erschienen, ein berühmtes Sanatorium. Dieses thront auf dem Goldhügel über dem Luganer See im Tessin. Der vielseitige Autor Kästner soll sich dort 1962 von seiner Tuberkulose-Erkrankung erholen und flieht gleichermaßen vor dem Liebes-Drama, das er zwischen seinen beiden Frauen Lotte (Lebensgefährtin) und Friedel (Geliebte und Mutter seines Sohnes) auslöst, indem er sich nicht für eine der beiden entscheiden will.

Er hat Angst davor, sich festzulegen und nur deshalb ist er gerne weg von Zuhause, in der Kur. Ein anderer Blick auf den großen Autor. Sprachlich ein brillantes Buch, inhaltlich fiel mir der Einstieg nicht ganz so leicht wie erhofft. Die Lektüre war doch schon mal etwas zäh. Es passiert alles gefühlt in Zeitlupe und es passiert ohnehin wenig. Der alternde Autor hat neben seiner Krankheit eine Schreibkrise sowie Selbstzweifel zu bewältigen, die er zuweilen in Selbstmitleid und Whisky ertränkt. Ein entzückendes junges Fräulein, das den Literatur-Star anhimmelt, und eine selbst ernannte Anstandsdame, die aufpasst, dass seine Flirts nicht ausufern, sitzen mit am Tisch im Speisesaal.

Er traut sich nicht, sein Leben in die Hand zu nehmen und einige eingebildete Figuren sollen ihm im Buch dabei helfen: eine bemutternde Krankenschwester, eine nie gekannte Vaterfigur und ein schwarzer Panther, der ab und an durch die Szenerie streicht. Sie geben ihm Ermunterung, Eingebungen und Ratschläge. Erich Kästner liebt tatsächlich Rollenspiele in seinen Texten, die Roller vielleicht aufgreift. In seinen Texten kommen mitunter Verkleidungen, Masken und Tarnkappen sowie Spiegelbilder oder Doppelgänger vor, aber auch vertauschte Identitäten (z. B. unvernünftige Erwachsene und vernünftige Kinder). Kästner ist im Buch Rollers eher das unvernünftige und trotzige Kind.

Jemand sieht ihn am Fenster heimlich rauchen. Der Arzt ermahnt ihn und fragt, wie viel ihm eigentlich sein Leben bedeutet. Lotte terrorisiert ihn mit Anrufen. Kästner kämpft sich raus in die Selbstbestimmung und wandert durch den Schnee zur Dorfkneipe. Den Wirt kennt er, denn der schmuggelt ihm die verbotenen Zigaretten ins Haus. War der Dichter so ein Mensch? Vielleicht. Es könnte so gewesen sein. Die Episoden wirken gut recherchiert und wohl komponiert. Roller zeichnet einen passiven und fast schon depressiven Autor, der seine Ruhe haben will. Ist das die Haltung der "inneren Emigration"? Ist das die logische Folge des Erlebten: Immer auf der Hut sein, was andere denken, nie zu viel preisgeben, immer einen beiläufigen Ton anschlagen?

Es ist für mich unfassbar, dass Kästner – Kästner hat in der Nachkriegszeit als Journalist von den Nürnberger Prozessen berichtet, aufklärerische Texte fürs Kabarett geschrieben und als Friedensaktivist auf der Straße gegen die Wiederaufrüstung oder gegen Atomwaffen demonstriert – seine Zeit so krank, deprimiert und untätig im Sanatorium verbracht haben soll.

Fazit: Nichtsdestotrotz liefert Roller eine gekonnte Charakteranalyse Kästners. Auch wenn alles Politische unerwähnt bleibt, zeigt Roller auf: die beiden Kriege, das Verbrennen seiner Bücher, das Berufsverbot, das unter Beobachtung stehen, die Verhaftungen der Gestapo haben Kästner wohl nicht unbeschädigt gelassen. Er verbirgt im Buch seine wahren Gefühle und vertraut nur seiner toten Mutter, mit der er weiterhin erdachte Zwiegespräche führt. Aber das ist nur die eine Seite des Mannes, der politisch, frivol und auch witzig geschrieben hat. Vielleicht war das tatsächlich eine späte Depression Kästners. Etwas mehr Tempo und Ereignis hätte ich mir als Leser im Buch allerdings gewünscht.

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Nick und die erste große Liebe

Die Mur checkt’s nicht
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In dem Buch „Die Mur checkt’s nicht“ von Christoph Fromm, erschienen im Primero Verlag, macht die Hauptfigur Nick sein Abitur und verliebt sich in Hannah. Die ist aber nicht einfach, ist manchmal sogar ...

In dem Buch „Die Mur checkt’s nicht“ von Christoph Fromm, erschienen im Primero Verlag, macht die Hauptfigur Nick sein Abitur und verliebt sich in Hannah. Die ist aber nicht einfach, ist manchmal sogar richtig fies. Warum macht sie das? Sie hat aber auch etwas Geheimnisvolles und Wunderbares an sich. Beide spielen im selben Verein Fußball. Dann hat sie plötzlich einen anderen. Wie soll Nick ihr das verzeihen? Die Mur, also Nicks Mutter, ist nicht die Richtige, um ihn in Beziehungssachen zu beraten. Sie hat sich gerade von seinem Vater getrennt und ist zum neuen Mann gezogen. Sie checkt's nicht, nach Nicks Meinung.

Sein Bruder ist auch nicht der Richtige dafür. Für ihn hat nur sein Sport Priorität, er hat gar keine Beziehung. Er denkt nur daran, wie er mit seinem Verein gewinnen kann und achtet mit darauf, dass Nick in Form bleibt und ihm Torvorlagen liefern kann. Und seine Bros, die Freunde, haben auch alle ganz unterschiedliche Anschauungen zu dem Thema. Nick muss selber herausfinden, was er will. Dann lernt er auch noch selber eine andere Frau kennen und das Chaos ist perfekt. Nun weiß er schon gar nicht mehr Bescheid. Wie entscheidet er sich? Herz über Kopf?

Was will er wirklich? Dem muss er nachgehen. Es ist ein ruhiger langer Fluss, der sich vor dem Leser ausbreitet. Nick erzählt von seinem Alltag und seinen Mitmenschen. Vor allem teilt er dem Leser seine beobachteten und analytischen Gedanken mit. Aber auch seine Gefühle, seinen Schmerz und seine Zweifel. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist man mitten drin im Geschehen und nimmt die Jugendsprache mit dem Szenejargon als die Stimme der Hauptfigur wahr. Ein Jugendbuch der besonderen Art und nur für diejenigen zu empfehlen, die keine Action oder Spannung brauchen.

Ein Debüt, das davon handelt, dass man nicht immer sofort die wahre Liebe erkennt und nicht immer alles perfekt sein muss, wenn man auf sein Herz hört.

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