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Chrihart

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Veröffentlicht am 30.12.2024

Unbekanntere Seite Kästners wird beleuchtet

Der Goldhügel
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Tobias Roller beschreibt in seinem Debüt „Der Goldhügel“, im Volk Verlag erschienen, ein berühmtes Sanatorium. Dieses thront auf dem Goldhügel über dem Luganer See im Tessin. Der vielseitige Autor Kästner ...

Tobias Roller beschreibt in seinem Debüt „Der Goldhügel“, im Volk Verlag erschienen, ein berühmtes Sanatorium. Dieses thront auf dem Goldhügel über dem Luganer See im Tessin. Der vielseitige Autor Kästner soll sich dort 1962 von seiner Tuberkulose-Erkrankung erholen und flieht gleichermaßen vor dem Liebes-Drama, das er zwischen seinen beiden Frauen Lotte (Lebensgefährtin) und Friedel (Geliebte und Mutter seines Sohnes) auslöst, indem er sich nicht für eine der beiden entscheiden will.

Er hat Angst davor, sich festzulegen und nur deshalb ist er gerne weg von Zuhause, in der Kur. Ein anderer Blick auf den großen Autor. Sprachlich ein brillantes Buch, inhaltlich fiel mir der Einstieg nicht ganz so leicht wie erhofft. Die Lektüre war doch schon mal etwas zäh. Es passiert alles gefühlt in Zeitlupe und es passiert ohnehin wenig. Der alternde Autor hat neben seiner Krankheit eine Schreibkrise sowie Selbstzweifel zu bewältigen, die er zuweilen in Selbstmitleid und Whisky ertränkt. Ein entzückendes junges Fräulein, das den Literatur-Star anhimmelt, und eine selbst ernannte Anstandsdame, die aufpasst, dass seine Flirts nicht ausufern, sitzen mit am Tisch im Speisesaal.

Er traut sich nicht, sein Leben in die Hand zu nehmen und einige eingebildete Figuren sollen ihm im Buch dabei helfen: eine bemutternde Krankenschwester, eine nie gekannte Vaterfigur und ein schwarzer Panther, der ab und an durch die Szenerie streicht. Sie geben ihm Ermunterung, Eingebungen und Ratschläge. Erich Kästner liebt tatsächlich Rollenspiele in seinen Texten, die Roller vielleicht aufgreift. In seinen Texten kommen mitunter Verkleidungen, Masken und Tarnkappen sowie Spiegelbilder oder Doppelgänger vor, aber auch vertauschte Identitäten (z. B. unvernünftige Erwachsene und vernünftige Kinder). Kästner ist im Buch Rollers eher das unvernünftige und trotzige Kind.

Jemand sieht ihn am Fenster heimlich rauchen. Der Arzt ermahnt ihn und fragt, wie viel ihm eigentlich sein Leben bedeutet. Lotte terrorisiert ihn mit Anrufen. Kästner kämpft sich raus in die Selbstbestimmung und wandert durch den Schnee zur Dorfkneipe. Den Wirt kennt er, denn der schmuggelt ihm die verbotenen Zigaretten ins Haus. War der Dichter so ein Mensch? Vielleicht. Es könnte so gewesen sein. Die Episoden wirken gut recherchiert und wohl komponiert. Roller zeichnet einen passiven und fast schon depressiven Autor, der seine Ruhe haben will. Ist das die Haltung der "inneren Emigration"? Ist das die logische Folge des Erlebten: Immer auf der Hut sein, was andere denken, nie zu viel preisgeben, immer einen beiläufigen Ton anschlagen?

Es ist für mich unfassbar, dass Kästner – Kästner hat in der Nachkriegszeit als Journalist von den Nürnberger Prozessen berichtet, aufklärerische Texte fürs Kabarett geschrieben und als Friedensaktivist auf der Straße gegen die Wiederaufrüstung oder gegen Atomwaffen demonstriert – seine Zeit so krank, deprimiert und untätig im Sanatorium verbracht haben soll.

Fazit: Nichtsdestotrotz liefert Roller eine gekonnte Charakteranalyse Kästners. Auch wenn alles Politische unerwähnt bleibt, zeigt Roller auf: die beiden Kriege, das Verbrennen seiner Bücher, das Berufsverbot, das unter Beobachtung stehen, die Verhaftungen der Gestapo haben Kästner wohl nicht unbeschädigt gelassen. Er verbirgt im Buch seine wahren Gefühle und vertraut nur seiner toten Mutter, mit der er weiterhin erdachte Zwiegespräche führt. Aber das ist nur die eine Seite des Mannes, der politisch, frivol und auch witzig geschrieben hat. Vielleicht war das tatsächlich eine späte Depression Kästners. Etwas mehr Tempo und Ereignis hätte ich mir als Leser im Buch allerdings gewünscht.

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Veröffentlicht am 15.02.2024

Nick und die erste große Liebe

Die Mur checkt’s nicht
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In dem Buch „Die Mur checkt’s nicht“ von Christoph Fromm, erschienen im Primero Verlag, macht die Hauptfigur Nick sein Abitur und verliebt sich in Hannah. Die ist aber nicht einfach, ist manchmal sogar ...

In dem Buch „Die Mur checkt’s nicht“ von Christoph Fromm, erschienen im Primero Verlag, macht die Hauptfigur Nick sein Abitur und verliebt sich in Hannah. Die ist aber nicht einfach, ist manchmal sogar richtig fies. Warum macht sie das? Sie hat aber auch etwas Geheimnisvolles und Wunderbares an sich. Beide spielen im selben Verein Fußball. Dann hat sie plötzlich einen anderen. Wie soll Nick ihr das verzeihen? Die Mur, also Nicks Mutter, ist nicht die Richtige, um ihn in Beziehungssachen zu beraten. Sie hat sich gerade von seinem Vater getrennt und ist zum neuen Mann gezogen. Sie checkt's nicht, nach Nicks Meinung.

Sein Bruder ist auch nicht der Richtige dafür. Für ihn hat nur sein Sport Priorität, er hat gar keine Beziehung. Er denkt nur daran, wie er mit seinem Verein gewinnen kann und achtet mit darauf, dass Nick in Form bleibt und ihm Torvorlagen liefern kann. Und seine Bros, die Freunde, haben auch alle ganz unterschiedliche Anschauungen zu dem Thema. Nick muss selber herausfinden, was er will. Dann lernt er auch noch selber eine andere Frau kennen und das Chaos ist perfekt. Nun weiß er schon gar nicht mehr Bescheid. Wie entscheidet er sich? Herz über Kopf?

Was will er wirklich? Dem muss er nachgehen. Es ist ein ruhiger langer Fluss, der sich vor dem Leser ausbreitet. Nick erzählt von seinem Alltag und seinen Mitmenschen. Vor allem teilt er dem Leser seine beobachteten und analytischen Gedanken mit. Aber auch seine Gefühle, seinen Schmerz und seine Zweifel. Spätestens nach dem zweiten Kapitel ist man mitten drin im Geschehen und nimmt die Jugendsprache mit dem Szenejargon als die Stimme der Hauptfigur wahr. Ein Jugendbuch der besonderen Art und nur für diejenigen zu empfehlen, die keine Action oder Spannung brauchen.

Ein Debüt, das davon handelt, dass man nicht immer sofort die wahre Liebe erkennt und nicht immer alles perfekt sein muss, wenn man auf sein Herz hört.

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