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Veröffentlicht am 12.01.2025

Meisterlich!

Sag mir, was ich bin
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Deena Garvey hat ihren gewalttätigen Lebensgefährten Lucas verlassen und wohnt mit der gemeinsamen Tochter Ruby bei ihrer Schwester Nessa. Das ehemalige Paar teilt sich das Sorgerecht für die vierjährige ...

Deena Garvey hat ihren gewalttätigen Lebensgefährten Lucas verlassen und wohnt mit der gemeinsamen Tochter Ruby bei ihrer Schwester Nessa. Das ehemalige Paar teilt sich das Sorgerecht für die vierjährige Ruby. Eines Morgens bricht Deena zur Arbeit auf, kommt dort aber nie an, sondern verschwindet spurlos. Lucas behauptet, das ganze Wochenende mit Ruby und seiner Mutter verbracht zu haben, die diese Aussage bestätigt. Nessa ist überzeugt davon, dass Lucas Deena etwas angetan hat, beweisen kann sie dies aber nicht. Lucas zieht mit Ruby zurück ins Vermont zu seiner Mutter und unterbindet den Kontakt zu Deenas Familie. In der ländlichen Umgebung lernt Ruby zu überleben, ihr vergangenes Leben verschwindet allmählich aus ihrem Gedächtnis, bis ihr eines Tages ein Foto ihrer Mutter in die Hände fällt und sie zu hinterfragen beginnt, was Lukas ihr erzählt.

»Deena biss sich auf die Unterlippe. Nessa sah ihr an, dass sie mit den Tränen kämpfte. Ich sehe mich selbst als Schatten, wie ich mich durch alles bewege, was in meinem Leben vor diesem Abend passiert ist, aber ich sehe auch, wie das alles zerläuft, wie mich ein anderes Element verschluckt, mich quasi chemisch zersetzt, mich verbrennt.« (Seite 89)

Mit dem Ende fängt es an, aber ein Abschluss ist es trotzdem nicht. Unsortiert und zeitlich versetzt wird die Geschichte erzählt und trifft mich wahrscheinlich deswegen immer wieder mitten ins Herz. Durch die Zeitsprünge wird eine ungemeine Spannung erzeugt, die mich fast atemlos durch die Seiten trägt, denn unausgesprochen bleibt, was passiert ist, aber das, was zwischen den Zeilen steht, wirkt dadurch mit einer ungeheuren Wucht, die mich fast niederdrückt und an manchen Stellen verzweifeln lässt.

»Ich erinnere mich, wie ich dich das erste Mal mit Ruby im Arm gesehen habe, und wenn ich daran denke, erinnere ich mich, dass ich zwei Menschen betrauere.« (Seite 153)

Mal folge ich Ruby, man begleite ich Nessa, die Gefahr läuft, an dem Verlust ihrer Schwester und ihrer Nichte zugrunde zu gehen. Ihre Verzweiflung, ihre Trauer sowie ihr Schmerz sind bodenlos, mit ihr zusammen fühle ich Angst, Wut und Enttäuschung, verliere den Halt, wenn es erneut abwärts geht. Auch Rubys Leben verläuft nicht wunschlos glücklich, Lucas lügt, manipuliert und herrscht. Nach außen hin eine sorgenfreie Kindheit, in Wahrheit eher ein goldener Käfig, der Ruby zu zerstören droht.

Leise und unaufhaltsam nähert sich das Finale, ich halte zwischendurch wiederholt den Atem an. Irgendwann wurde aus dem Roman ein Krimi, unterbrochen von einer Tragödie mit True Crime-Elementen, oder zumindest nah dran. Mochte ich das erste Buch der Autorin mit dem Titel »Licht zwischen den Bäumen«, so bin ich hier fast euphorisch, so einen großen Sprung hat sie getan. Für mich ein Meisterwerk im Genre, das mich begeistert. Nicht ohne Grund steht das Buch auf der Krimibestenliste 2024, die 17 Literaturkritiker und Krimispezialisten für Deutschlandfunk Kultur ermittelt haben, auf Platz fünf von zehn. Ich schließe mich diesem Urteil mit Freude an.

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Veröffentlicht am 07.01.2025

Sieh mich an…

Scheue Wesen
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Helen Hansford arbeitet als Kunsttherapeutin in der psychiatrischen Klinik Westbury Park. Es sind die Sechzigerjahre, bestimmte invasive Behandlungen von Geisteskrankheiten wurden abgeschafft, die Kunsttherapie ...

Helen Hansford arbeitet als Kunsttherapeutin in der psychiatrischen Klinik Westbury Park. Es sind die Sechzigerjahre, bestimmte invasive Behandlungen von Geisteskrankheiten wurden abgeschafft, die Kunsttherapie als neuer zusätzlicher Ansatz hinzugefügt. Mit William Tapping wird ein Patient eingeliefert, dem sie sich widmet, besonders als sie bemerkt, dass dieser mit einem großen künstlerischen Talent gesegnet ist. William lebte viele Jahre im Haus seiner Tante, ohne das Haus verlassen zu haben. Erst nach und nach kommen Einzelheiten zutage, die das ganze Ausmaß der Tragödie offenbaren.

»Die Polizei, die am Sonntag wegen Lärmbelästigung zu einem Haus in der Coombe Road gerufen worden war, entdeckte dort einen nackten Mann mit einem anderthalb Meter langen Bart, der als Einsiedler mit seiner älteren Tante zusammenwohnte. William Tapping, 37, ist stumm, und es ist davon auszugehen, dass er das Haus seit mindestens zehn Jahren nicht mehr verlassen hat.« (Seite 129)

Im Nachwort verrät Clare Chambers, dass ihr die Idee zum vorliegenden Buch gekommen ist aufgrund eines Zeitungsartikels, den sie gelesen hat. Aus dieser Perspektive bekommt die Erzählung für mich einen ganz besonderen Charakter, obwohl die Ereignisse rund um William natürlich vollkommen fiktiv sind.

Im Vordergrund steht eigentlich Helen, deren Affäre mit einem verheirateten Mann sie in Gewissensbisse und Grübeleien versetzt. Seit drei Jahren dauert diese unselige Beziehung bereits an und immer öfter merkt die junge Frau, dass Glück sich anders anfühlt. Es werden die üblichen Versprechen gemacht und zukünftige Taten in Aussicht gestellt. Dem gegenüber stehen Rückblenden, die William betreffen. Diese Reisen in die Vergangenheit erfolgen nicht chronologisch, die Sprünge scheinen auf den ersten Blick chaotisch und nicht zusammenhängend, aber für das Gesamtbild sind diese klug gewählt, denn die Spannung, die dadurch erzeugt wird, ist nicht zu unterschätzen. Beide Erzählstränge zusammen ergeben eine interessante und auch spannende Geschichte, die ich mir anders vorgestellt habe, durch deren Verlauf ich allerdings sehr angenehm überrascht worden bin. Insgesamt ein Buch mit wunderschöner Sprache und voller Wendungen, die unerwartet und passend gewählt wurden. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 03.01.2025

Finstere Machenschaften

Finster
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In dem Dorf Katzenbrunn verschwinden seit Jahren Jugendliche, zuletzt ist es der dreizehnjährige Nikolaus, der an einem schönen Abend vom jährlichen Jahrmarkt nicht wiederkommt. Kriminalkommissar a.D. ...

In dem Dorf Katzenbrunn verschwinden seit Jahren Jugendliche, zuletzt ist es der dreizehnjährige Nikolaus, der an einem schönen Abend vom jährlichen Jahrmarkt nicht wiederkommt. Kriminalkommissar a.D. Hans J. Stahl hat es bis zum Ende seiner beruflichen Laufbahn nicht geschafft, den Mann, den alle nur den Greifer nennen, zu fassen, was seitdem an ihm nagt. So macht er sich auf nach Katzenbrunn, um dem Täter endlich das Handwerk zu legen. Dies ist allerdings nicht ganz einfach, denn im Dorf herrscht eine Mauer des Schweigens.

Das dritte Buch von Ivar Leon Menger ist für mich persönlich ein Thriller, der diesen Namen voll und ganz verdient. Von verschiedenen Seiten nähert sich das Buch dem Geschehen an, lässt mich einem Voyeur gleich hinter die Fassaden blicken, führt mich an der Nase herum und lädt zum Raten ein, aber leicht macht der Autor es mir dabei nicht. Immer wieder bin ich sicher, auf der richtigen Spur zu sein, nur um kurz darauf feststellen zu müssen, dass irgendetwas nicht passt. Erneut strecke ich meine Fühler in eine andere Richtung, nur um wiederholt in der Sackgasse zu landen und mich darüber aufzuregen, dass hier nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Herrlich, das gefällt mir außerordentlich gut!

Früh habe ich einen Verdacht, der sich bestätigt, aber anders als vermutet, meinen Lesespaß schmälert dies aber überhaupt nicht. Wie vom Autor in der Danksagung gewünscht, verrate ich ab jetzt nichts mehr, außer dass Schwester Bergmann einen Ehemann hat und der einen Schäferhund. Was ihr daraus macht, ist nicht mein Problem, aber so habe ich Ivar seine Bitte erfüllt. Ach, eine Leseempfehlung gibt es von mir natürlich auch. Ist doch selbstverständlich!

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Veröffentlicht am 01.01.2025

Böse Unterhaltung

One Perfect Couple
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Eigentlich möchte Lyla nicht mitmachen, als ihr Freund Nico zu einer Reality Show eingeladen wird, die aus Pärchen besteht und auf einer einsamen Insel stattfinden soll. Für Nico scheint dies eine große, ...

Eigentlich möchte Lyla nicht mitmachen, als ihr Freund Nico zu einer Reality Show eingeladen wird, die aus Pärchen besteht und auf einer einsamen Insel stattfinden soll. Für Nico scheint dies eine große, aber auch letzte Chance zu sein, seiner Karriere als Schauspieler Aufschub zu geben, sodass Lyla sich letztendlich entschließt, mitzumachen, um ihm einen Gefallen zu tun. Ein fürchterlicher Sturm bringt alles durcheinander, das Boot mit der Crew verschwindet und die Kandidaten sind auf der Insel von der Zivilisation abgeschnitten. Bald spitzt sich die Situation zu, es geht nur noch ums nackte Überleben.

Eine einsame Insel, zehn völlig unterschiedliche Kandidaten und überall Kameras, die alles und jeden aufnehmen; das klang ganz nach meinem Geschmack, auch wenn dies natürlich nichts spektakulär Neues ist. Ich habe mich auf das Experiment eingelassen und es nicht bereut, denn auch wenn es nicht sehr temporeich zuging, war dies passend zu der Geschichte, die kontinuierlich auf ein explosives Ergebnis zusteuerte, bei dem ich neugierig war, wie es ausgeht. Die Ich-Erzählerin führte mich durch das Buch, unterbrochen von mysteriösen Einträgen, die erst allmählich einen Sinn ergaben. Als sich das Gesamtbild abzeichnete, wurde ich überrascht, denn gerechnet hatte ich damit absolut nicht, auch wenn mir natürlich diverse Szenarien durch den Kopf gegeistert sind. Bei einer Story, die in unterschiedlichen Versionen bereits zigfach erzählt wurde, einen guten Ausgang zu finden, stelle ich mir mühselig vor, Ruth Ware hat dies hier geschafft und konnte mich mit ihrem Ende überzeugen. Lesenswert!

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Veröffentlicht am 25.12.2024

Politik will gelernt sein

Lückenbüßer (Kluftinger-Krimis 13)
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Bei einer Terrorübung stirbt ein Polizist und Interims-Polizeipräsident Kluftinger, der den Einsatz leitet, muss sich die Frage stellen, ob bei seiner Planung etwas schiefgegangen ist. Eigentlich hat er ...

Bei einer Terrorübung stirbt ein Polizist und Interims-Polizeipräsident Kluftinger, der den Einsatz leitet, muss sich die Frage stellen, ob bei seiner Planung etwas schiefgegangen ist. Eigentlich hat er dafür gerade keinen Kopf, da er für den Gemeinderat kandidiert, was er umso verbissener tut, seit er erfahren hat, dass sein Intimfeind Doktor Langhammer einer seiner politischen Gegner ist. Der Todesfall entpuppt sich jedoch als Mord und Kluftinger stürzt sich mit seinem Team in die Ermittlungen.

»Hätte er sich nur nicht zu dieser saublöden Kandidatur breitschlagen lassen. Schon ging der Stress damit los. Als ob er nicht schon genug um die Ohren hätte als Interims-Polizeipräsident, Kommissariatsleiter, Ehemann, Vater, Opa und Sohn.« (Seite 22)

Beim vorliegenden Buch handelt es sich bereits um den dreizehnten Teil der Buchreihe mit Adalbert Kluftinger, für mich allerdings war es das erste Treffen mit dieser anscheinend sehr beliebten Buchfigur. Ich bin ohne Vorwissen in die Reihe gestartet und hatte überhaupt keine Probleme damit, den Geschehnissen zu folgen, obwohl das Privatleben des Kommissars eine große Rolle spielt und permanent thematisiert wird. Auch meine Befürchtungen hinsichtlich des Bayerischen Dialekts haben sich nicht bewahrheitet, die wenigen Worte und Sätze in der Mundart konnte ich problemlos verstehen. Bedenkenlos darf also zum Buch gegriffen werden, auch ohne die ersten zwölf Bände gelesen zu haben.

Mir hat das Buch wirklich gut gefallen, der Mix aus Krimi und humorvollem Roman war perfekt ausbalanciert, sodass ich, die selten lustige Geschichten liest, mich köstlich amüsieren konnte. Der Fall selbst kam dabei etwas zu kurz, was ich aber nicht tragisch fand, denn die Geschehnisse rund um Kluftinger entschädigten für den manchmal fehlenden Thrill. Witzig und spannend war es und so rauschte ich nur durchs Buch, sogar die politische Komponente störte mich diesmal nicht. Einzig der Umstand, dass ich nicht bereits früher dem Kluftinger-Universum begegnet bin, macht mich etwas traurig, aber besser spät als nie. Klufti isch bäck und ich sehr erfreut darüber, dass ich ihm endlich begegnet bin. Lesenswert!

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