Fragwürdiger Geistermix
Unmöglicher AbschiedIch habe schon einige Bücher von Han Kang gelesen und weiß, die sind alle etwas fordernd. Mit diesem hier konnte ich leider gar nichts anfangen.
Da ist eine Frau, der es nicht gut geht. Gyeongha hat einen ...
Ich habe schon einige Bücher von Han Kang gelesen und weiß, die sind alle etwas fordernd. Mit diesem hier konnte ich leider gar nichts anfangen.
Da ist eine Frau, der es nicht gut geht. Gyeongha hat einen ganzen Haufen Probleme und Migräne obendrein. Kein Wunder, wenn man da depressiv wird. Ihr Leiden wird plastisch und einfühlsam beschrieben, allein die Hintergründe dafür bleiben schwammig. Ich stelle fest, dass blankes Leid ohne Erklärung nicht sehr mitreißt. Ich hätte gerne mit ihr gelitten, aber ich möchte auch die Geschichte dazu.
Dann bekommt Gyeongha einen Anruf von ihrer Freundin Inseon. Inseon liegt im Krankenhaus und braucht jemanden, der ihren Vogel füttert. Auch das wird eindringlich beschrieben. Es ist für Gyeongha qualvoll, sich aufzuraffen, der Weg ist weit, das Haus von Inseon abgelegen und dazu kommt noch ein Schneesturm. Dass sie diese Reise überlebt grenzt an ein Wunder. Vielleicht hat sie auch nicht überlebt, diese Möglichkeit besteht auch. Gyeonghas Leiden lässt sie öfter mal ins Delirium fallen, sie hat Alpträume und dazu kommen auch noch Geistererscheinungen. Sieht sie wirklich Geister oder hat sie Wahnvorstellungen? Man weiß es nicht genau. Es ist eigentlich auch egal, weil sich dieses Buch im Grunde gar nicht um diese beiden Frauen dreht, wie man dann feststellen kann.
An diesem Ort haben grausame Massaker stattgefunden. Inseons Familie musste viel erleiden und das ist wohl die eigentliche Geschichte, die uns das Buch erzählen möchte. Nur tut es das sprunghaft und so ausführlich, dass selbst die grausigsten Vorkommnisse an einem vorbeirauschen. Man weiß auch oft nicht, von wem aus Inseons Familie denn gerade die Rede ist.
Dieses Buch ist ein einziger Alptraum, in dem Gegenwart und Vergangenheit zu lebendigem Grauen verschmelzen und ich sehe durchaus die Intention und den künstlerischen Anspruch, nur lesen wollte ich das nicht. Der historische Teil hätte interessant und anrührend sein können, berührt aber nicht, wenn man die Figuren nicht wirklich kennenlernt. Und der Gegenwartsteil ist am Ende eigentlich überflüssig, wirkt mehr wie ein dramatisch aufgebauschtes Gerüst, das der historischen Geschichte einen fragwürdigen künstlerischen Rahmen gibt.