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Veröffentlicht am 07.03.2025

Kammerspiel auf Schienen

In einem Zug
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Dieses Buch dürfte ein wunderbarer Begleiter für eine Zugfahrt sein – je nach Länge der Strecke bzw. ungeplanter Verlängerungen der Fahrtzeit lassen sich die 204 Seiten vielleicht sogar in einem Zug durchlesen. ...

Dieses Buch dürfte ein wunderbarer Begleiter für eine Zugfahrt sein – je nach Länge der Strecke bzw. ungeplanter Verlängerungen der Fahrtzeit lassen sich die 204 Seiten vielleicht sogar in einem Zug durchlesen. Und Vergnügen bereiten sie auch.

Bestseller-Autor Eduard Brünhofer, der Ich-Erzähler dieses kurzweiligen Romans, ist auf dem Weg von Wien nach München, wo er ein Treffen mit seinem Verlag hat. In seinem Zugabteil sitzt eine Frau, wie er selbst ganz untypisch weder in ihr Handy noch in ein Buch oder eine Zeitschrift vertieft. Schnell finden sich die beiden in einem Gespräch wieder und lassen dabei jeglichen Smalltalk bald hinter sich, denn plötzlich geht es nur noch um die Liebe – theoretisch Brünhofers Fachgebiet, denn er ist spezialisiert auf Liebesromane und außerdem bereits mehrere Jahrzehnte mit seiner Ehefrau zusammen. Reisebekanntschaft Catrin dagegen ist Psychotherapeutin und glaubt weder an die große Liebe noch an langfristige Beziehungen. Es wird lebhaft diskutiert, wobei ich Catrins indiskrete Fragen ab und zu etwas anstrengend fand. People-Pleaser Brünhofer ging es da wohl ähnlich, aber er enttäuscht sein Gegenüber nicht. Überhaupt sind seine hin und her schweifenden Gedanken – über sich selbst, sein Schaffen, seine Ehe, seine Reisebekanntschaft und vieles andere – pointiert, humorvoll, selbstironisch und machen Spaß; da fällt es kaum ins Gewicht, dass Catrin in ihrer Penetranz ab und zu etwas nervig wirkt.

Der Roman besteht zu großen Teilen aus einem langen stream of consciousness. „In einem Zug“ umfasst tatsächlich fast nur diese eine Zugfahrt. Das Gespräch findet im Abteil und im Speisewagen statt und hat dadurch Kammerspiel-Charakter. Als Leserin hatte ich mich gefühlt auf dem Nachbarsitz eingerichtet und schließlich den Eindruck, meine Gegenüber nun gut zu kennen. Als sich Buch und Reise dann dem Ende zuneigten und ich keine größeren Überraschungen mehr erwartet habe, hat mich Glattauer allerdings mit einem eleganten Finaltwist gekonnt verblüfft. Da schließt sich ein Kreis so vollkommen, dass es mich sowohl beeindruckt als auch amüsiert hat. „In einem Zug“ ist mein erster Glattauer, mein letzter wird es wohl nicht sein.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Psychogramm einer Unterschätzten

Die blaue Stunde
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Dieser Roman beginnt mit einem überraschenden Knochenfund und entwickelt sich dann nach und nach zu einer erschreckenden und faszinierenden Charakterstudie. Der Verlag hat ihn nicht als Thriller betitelt, ...

Dieser Roman beginnt mit einem überraschenden Knochenfund und entwickelt sich dann nach und nach zu einer erschreckenden und faszinierenden Charakterstudie. Der Verlag hat ihn nicht als Thriller betitelt, was nur folgerichtig ist, plätschern die Geschehnisse doch teilweise so vor sich hin wie das Wasser zwischen Ebbe und Flut am Fahrdamm von Eris Island. Doch Paula Hawkins spitzt die Begebenheiten mehr und mehr zu, bis es am Ende einen Showdown gibt, der mich komplett kalt erwischt hat.

Handlungsort von „Die blaue Stunde“ ist besagte Insel, die bei Niedrigwasser durch einen Fahrdamm erreichbar ist. Hier hat die Künstlerin Vanessa Chapman gelebt, gemalt und getöpfert, bevor sie ihrer Krebserkrankung erlegen ist. Ihren künstlerischen Nachlass hat sie zur Überraschung aller einer Stiftung vermacht, mit deren Gründer sie sich wegen einer abgesagten Ausstellung einen jahrelangen Rechtsstreit geliefert hatte. Allerdings sind seit der Testamentseröffnung bereits Jahre vergangen, und Kunstwerke sowie Tagebücher der Verstorbenen sind noch immer nicht komplett übergeben worden. Plötzlich steht zudem ein ungeheurer Verdacht im Raum: Ein Anthropologe behauptet, dass eines von Chapmans Kunstwerken nicht, wie von ihr angegeben, eine Paarhuferrippe enthält, sondern die eines Menschen. Da der Ehemann der Verstorbenen bereits viele Jahre vor ihrem Tod verschollen ist, bietet es sich förmlich an, über die Herkunft der Rippe zu spekulieren. Um Schadensbegrenzung bemüht, reist Stiftungs-Kurator James Becker, ein ausgewiesener Chapman-Experte, nach Eris Island, um mit Grace Haswell, der Testamentsvollstreckerin, langjährigen Freundin und Mitbewohnerin der Künstlerin zu sprechen – und endlich auch die Herausgabe des restlichen Nachlasses in die Wege zu leiten.

Paula Hawkins verknüpft geschickt verschiedene Zeitebenen miteinander. Es gibt Beckers Nachforschungen, Haswells Gedanken und Erinnerungen, aber auch Briefe und Tagebucheinträge von der verstorbenen Künstlerin – letztere sämtlich undatiert, es ist also weder für Hauptfigur Becker noch für die Leserinnen und Leser dieses Romans einfach, sich einen Reim auf die Abfolge der Ereignisse zu machen. Die Inhalte der kurzen Kapitel fügen sich nach und nach wie ein Mosaik zusammen. Wie die Geschichte dabei fast unmerklich an Fahrt aufnimmt und plötzlich alles ineinandergreift, hat mich fasziniert. Schon früh wird klar, dass „Die blaue Stunde“ viel mehr ist als eine Art Kunstkrimi um einen gefundenen Knochen – der Roman enthält Geschichten von Liebe, Freundschaft, Hass und Einsamkeit. Ab und zu packte mich durchaus ein leichter Grusel, wozu der Handlungsort Eris Island definitiv beigetragen hat – diese kleine Insel, mal abgeschnitten, mal für jeden zugänglich und unbarmherzig gegenüber denen, die sie unterschätzen. Das Gesamtbild am Ende ist stimmig, unvorhersehbar und verstörend. Paula Hawkins ist einfach eine Meisterin ihres Fachs.

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Veröffentlicht am 03.01.2025

Großer Spaß für kleine Bilderbuchfans

Die Sendung mit dem Elefanten - Schütteln, pusten, lachen - Mein Mitmachbuch
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Mitmachbücher für Kleinkinder gibt es viele – dieses sticht positiv aus der Menge hervor. Zum einen, weil der blaue Elefant als bekannter Sympathieträger zusammen mit seinem Freund, dem rosa Hasen, auf ...

Mitmachbücher für Kleinkinder gibt es viele – dieses sticht positiv aus der Menge hervor. Zum einen, weil der blaue Elefant als bekannter Sympathieträger zusammen mit seinem Freund, dem rosa Hasen, auf jeder Seite mit von der Partie ist, zum anderen, weil es auch ein paar Mitmachaufforderungen gibt, die nicht in jedem anderen Buch dieser Art auch zu finden sind. Natürlich wiederholt sich trotzdem vieles, aber das ist der Zielgruppe egal – zumindest meine Kinder waren begeistert. Die Illustrationen mit Elefant und Hase sind niedlich, klar gezeichnet und schnell zu erfassen. Außerdem ist das Buch schön bunt - selbst die Worte Elefant und Hase sind konsequent blau bzw. rosa eingefärbt. Die vier Ausmalseiten am Ende hätte es nicht unbedingt gebraucht, aber sie stören auch nicht. Insgesamt ein großer, interaktiver Spaß für kleine Bilderbuchfans.

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Veröffentlicht am 05.08.2024

Verschlungene Pfade

Man sieht sich
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Liebesromane lese ich eher selten und hätte dieses Buch daher fast verpasst. Und das wäre ziemlich schade gewesen, denn zum einen ist „Man sieht sich“ viel mehr als eine Liebesgeschichte und zum anderen ...

Liebesromane lese ich eher selten und hätte dieses Buch daher fast verpasst. Und das wäre ziemlich schade gewesen, denn zum einen ist „Man sieht sich“ viel mehr als eine Liebesgeschichte und zum anderen hatte ich lange kein Buch in der Hand, dessen unterschiedliche Zeitebenen mich alle gleichermaßen überzeugen konnten. Eine Geschichte zum Reinversinken mit zwei Protagonisten, die aus dem Leben gegriffen scheinen.

Frie und Robert lernen sich Ende der 80er Jahre in der Oberstufe eines Flensburger Gymnasiums kennen. Sie ist Tochter aus gutbürgerlichem, wohlhabendem Elternhaus, er lebt mit seiner alleinerziehenden, kranken Mutter in einer kleinen Mietwohnung. Im Laufe ihrer verbleibenden Schulzeit freunden sich die beiden an, wobei Robert sich bald eingestehen muss, dass er rettungslos in Frie verknallt ist. Doch die hat ein anderes Beuteschema, außerdem sind sie befreundet, das Abi naht und beide gehen ihrer Wege. Die sich jedoch immer mal wieder kreuzen – z.B. in den 90ern in Hamburg, als Frie erkennt, dass Robert inzwischen ziemlich cool geworden ist. Oder 2002, als beide beruflich Fuß gefasst haben – wenn auch nicht unbedingt so, wie erhofft oder erwartet. 2022 haben Frie und Robert schließlich 30-jähriges Abitreffen.

Was ich richtig toll fand: „Man sieht sich“ ist kein Buch über verpasste Chancen, bei dem man die Protagonisten auf jeder dritten Seite schütteln und ihnen „Kapier’s doch endlich“ zurufen will. Es zeigt die Werdegänge zweier Menschen mit allen Brüchen, Fehlentscheidungen und schicksalhaften wie auch zufälligen Wendungen, die nun mal dazugehören. Julia Karnick schickt ihre Leserinnen und Leser auf eine kleine Zeitreise und schafft es mühelos, das Lebensgefühl sowohl verschiedener Jahrzehnte als auch Lebensabschnitte einzufangen. Wie Frie und Robert sich entwickeln, sich selbst neu erfinden oder auch treu bleiben, ist packend zu lesen. Aber auch die Nebenfiguren sind in diesem Roman stimmig entwickelt. Für mich hat alles gepasst, nur hier und da hätte ich mir die Geschichte noch etwas ausführlicher gewünscht, weil ich sie einfach so gerne gelesen habe. Zum Nachschmecken bleibt am Ende der Soundtrack zum Buch, der das Ganze noch einmal musikalisch untermalt und einen zeitweise in die 90er zurückbeamt. Gelungen!

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Veröffentlicht am 02.07.2024

Beklemmend

VIEWS
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Die erste Hälfte dieses Buchs habe ich verschlungen. Danach konnte ich nur noch kleine Häppchen von ein, zwei Kapiteln lesen, bevor ich eine Pause brauchte. Marc-Uwe Kling hat einen Richtung Thriller gehenden ...

Die erste Hälfte dieses Buchs habe ich verschlungen. Danach konnte ich nur noch kleine Häppchen von ein, zwei Kapiteln lesen, bevor ich eine Pause brauchte. Marc-Uwe Kling hat einen Richtung Thriller gehenden Roman vorgelegt, der mir als Science-Fiction oder Dystopie deutlich besser gefallen hätte. Dummerweise wirkt er aber realitätsnah sowie gut recherchiert und hat mich dadurch erst so richtig gegruselt. In einem Bericht zur Preview des Buches habe ich gelesen, dass der Autor der Känguru-Chroniken befürchtet hatte, die Realität könnte „Views“ noch vor der Veröffentlichung einholen. Man will es sich nicht vorstellen.

Und worum geht’s? Ein 16-jähriges Mädchen wird vermisst und taucht in einem verstörenden Video als Opfer mutmaßlicher Flüchtlinge wieder auf. Die Empörungsmaschinerie läuft an und gewinnt immer mehr an Fahrt. Während die polizeilichen Ermittlungen erfolglos bleiben, formiert sich eine Art Bürgerwehr, die Jagd auf die Täter machen will. Yasira Saad, Leiterin der zuständigen Soko beim BKA, steht unter immensem Druck. Und dann tauchen weitere Videos auf …

Mehr lässt sich an dieser Stelle kaum erzählen, ohne zu spoilern, und letzteres will ich auf keinen Fall – mich hat „Views“ nämlich mehrmals kalt erwischt, was den beklemmenden Gesamteindruck noch verstärkt hat. Marc-Uwe Kling führt hier gnadenlos vor Augen, wie fragil alles sein kann – das Leben an sich, der zivilisatorische Anstrich, der Rechtsstaat, die Demokratie … keine leichte Lektüre, obwohl sich „Views“ locker-flockig runterliest: kurze Kapitel und eine knackig erzählte Geschichte, die immer verstörendere Züge annimmt, bis hin zum für mich sehr unerwarteten Ende. Jetzt schwanke ich zwischen dem Wunsch nach einem schönen Feelgood-Roman – und dem nach einer Fortsetzung.

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