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Monsieur

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Veröffentlicht am 11.01.2025

Ein skurriler Anfang, aber wohin führt es?

Wackelkontakt
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Der österreichische Autor Wolf Haas ist längst für seine skurrilen Plots und verschrobenen Charaktere bekannt. Mit seinem neuen Roman „Wackelkontakt“ bleibt er seiner Linie treu. Schon der Titel deutet ...

Der österreichische Autor Wolf Haas ist längst für seine skurrilen Plots und verschrobenen Charaktere bekannt. Mit seinem neuen Roman „Wackelkontakt“ bleibt er seiner Linie treu. Schon der Titel deutet darauf hin, dass es hier nicht nur um technische Störungen geht, sondern um eine Welt, die von absurden Wendungen und ungewöhnlichen Figuren geprägt ist.
Die Hauptfiguren, Escher und Elio Russo, erleben jeweils ihre eigene Geschichte, die dennoch auf absurde Weise miteinander verbunden ist. Escher, ein passionierter Puzzler berühmter Kunstwerke, verbringt seine Zeit wartend auf einen Elektriker. Als dieser schließlich eintrifft, führt ein Missgeschick zu einem unbeabsichtigten Todesfall. Parallel dazu verfolgt der Leser die Geschichte von Elio Russo, einem Mafia-Kronzeugen, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis unter neuer Identität ein ruhiges Leben als Mechaniker beginnt. Der Clou: Beide Protagonisten lesen in Büchern, in denen sie die Geschichte des jeweils anderen nachverfolgen. Diese originelle Erzählweise, die Realität und Fiktion miteinander verschmelzen lässt, macht den Reiz des Romans aus.
Zu Beginn entfaltet sich die Handlung mit einem unvergleichlichen Tempo und einer gehörigen Portion schwarzem Humor. Besonders die ersten knapp fünfzig Seiten, die sich auf Eschers Wartezeit und die skurrilen Ereignisse in seiner Wohnung konzentrieren, sind herausragend gelungen. Haas beweist hier sein Talent für Situationskomik und groteske Szenen, die entfernt an den Stil von Jonas Jonasson erinnern. Der schwarze Humor, gepaart mit den absurden Begebenheiten, sorgt für zahlreiche amüsante Momente, die den Leser schmunzeln lassen.
Doch je weiter die Handlung voranschreitet, desto mehr verliert der Roman an Originalität. Der anfängliche Reiz, dass Escher und Elio gegenseitig von ihren Geschichten lesen, tritt zunehmend in den Hintergrund. Stattdessen nimmt der eigentliche Plot das Ruder in die Hand – mit gemischten Ergebnissen. Die zweite Hälfte des Romans driftet in klischeebehaftete Mafia-Geschichten ab, die stark an zweitklassige Hollywood-Produktionen erinnern. Entführung, Mord und Lösegeldforderungen dominieren die Handlung, deren Auflösung auf glücklichen Zufällen beruht.
Auch die Figurenentwicklung bleibt hinter den Erwartungen zurück. Während Escher und Elio anfangs durch ihre Schrulligkeit noch unterhalten, handeln sie im Verlauf der Geschichte oft irrational. Was auf den ersten fünfzig Seiten charmant wirkt, verliert sich bei einem längeren Handlungsverlauf in Belanglosigkeiten. Die anfängliche Verspieltheit weicht einer Reihe von Episoden, die sich zu sehr auf gängige Klischees stützen.
In der Vergangenheit konnte mich Haas‘ Brenner-Reihe nicht überzeugen, und auch „Wackelkontakt“ ergeht es ähnlich. Die Grundidee ist vielversprechend, doch die Umsetzung bleibt hinter den Möglichkeiten zurück.
Trotzdem bleibt „Wackelkontakt“ ein unterhaltsames Buch für Zwischendurch. Der Humor und die originelle Grundidee retten den Roman vor völliger Mittelmäßigkeit. Leser, die jedoch ein raffiniertes Verwirrspiel oder ein komplexes Handlungsschema erwarten, werden enttäuscht sein. Haas erreicht weder die Raffinesse noch die humoristische Leichtigkeit, die der bereits erwähnte Jonas Jonasson mit seinen Werken etabliert hat.
Als reine Unterhaltungsliteratur für Zwischendurch mag das Buch durchaus funktionieren, doch wer mehr erwartet, wird mit „Wackelkontakt“ nur bedingt glücklich werden.

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Veröffentlicht am 19.12.2024

Blutgetränkte Landschaften

Über dem Tal
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Scott Prestons Roman "Über dem Tal" entführt die Leser in den rauen und unbarmherzigen Lake District im Norden Englands – eine Region, die mit ihrer schroffen Schönheit und ihrer zeitlosen Atmosphäre den ...

Scott Prestons Roman "Über dem Tal" entführt die Leser in den rauen und unbarmherzigen Lake District im Norden Englands – eine Region, die mit ihrer schroffen Schönheit und ihrer zeitlosen Atmosphäre den idealen Hintergrund für die tragische Geschichte von Steve Elliman bietet. Mit viel Liebe zum Detail und einer ungeschönten Darstellung des harten Lebens auf dem Land beschwört Preston den Charme einer verloren geglaubten Welt herauf, die jedoch alles andere als idyllisch ist.
Im Zentrum der Handlung steht Steve Elliman, ein wortkarger und raubeiniger Mann, dessen Leben seit seiner Geburt von der Schafzucht und dem kargen Dasein im Tal geprägt ist. Sein Vater lehrte ihn nicht nur, wie man Schafe hütet und das Land bewirtschaftet, sondern auch, wie man überlebt. Diese Fähigkeit wird für Steve zur zentralen Konstante in einem Leben, das von Entbehrungen und Enttäuschungen gezeichnet ist. Der Roman macht keinen Hehl daraus, wie hart das Leben im Lake District ist: Jeder Tag fordert Steves vollen Einsatz, und die Natur zeigt sich oft von ihrer grausamsten Seite.
Die Handlung nimmt eine drastische Wendung, als eine tödliche Seuche das Tal heimsucht und die Schafzüchter in den Ruin treibt. Steve verliert alles – seinen Hof, seine Tiere und schließlich auch die letzten Reste von Stabilität in seinem ohnehin prekären Leben. Doch Steve ist ein Mann, der sich nicht so leicht unterkriegen lässt. Gemeinsam mit seinem Freund William, der ihm in seiner Sturheit und Widerstandskraft ähnlich ist, gerät er auf die schiefe Bahn. Die beiden entscheiden sich, eine Herde Schafe zu stehlen, um überleben zu können – eine Entscheidung, die sie unweigerlich in einen Strudel der Gewalt zieht.
Was folgt, ist eine Abwärtsspirale, die das vermeintlich malerische Tal in ein blutgetränktes Schlachtfeld verwandelt. Die unbarmherzige Natur spiegelt die zunehmende Brutalität wider, die die Figuren in ihrem Kampf um die Existenz an den Tag legen. Preston gelingt es, die Ambivalenz dieser Welt einzufangen: Einerseits die natürliche Schönheit der Landschaft, andererseits die brutale Realität des Lebens in ihr. Diese Dualität zieht sich durch den gesamten Roman und verleiht ihm eine besondere Tiefe.
Die Charaktere sind tief mit ihrer Umwelt verwurzelt. Für sie ist das mühsame Leben im Tal keine Last, sondern eine Selbstverständlichkeit. Ihre Moralvorstellungen sind den harten äußeren Umständen angepasst, und so erscheinen ihre Handlungen oftmals brutal und unreflektiert. Steve Elliman ist dabei die zentrale Figur, durch deren Augen die Leser diese Welt erleben. Preston lässt ihn die Handlung dominieren und nimmt sich selbst als Autor weitgehend zurück. Stilistisch wirkt der Text wie aus Steves Feder: kurze, abgehackte Sätze, die kaum Raum für Reflexion lassen. Diese Art des Schreibens unterstreicht Steves pragmatische und wortkarge Persönlichkeit, macht die Lektüre jedoch bisweilen anstrengend.
Besonders auffallend ist, wie die Landschaft in die Handlung integriert wird. Preston verzichtet auf ausschweifende Beschreibungen und vermittelt die Umgebung stattdessen durch ihre unmittelbaren Auswirkungen auf die Figuren. Der beißende Wind, die eisige Kälte und die Verletzungen, die durch das harsche Terrain verursacht werden, lassen die Leser die Natur fast physisch spüren. Diese Technik macht die Erlebnisse der Charaktere spürbar und verleiht dem Roman eine authentische, wenn auch wenig angenehme Atmosphäre.
Die literarische Qualität von "Über dem Tal" ist schwierig einzustufen. Der Roman weist deutliche Parallelen zu den Werken von Cormac McCarthy auf, verlegt jedoch das Setting vom amerikanischen Westen in den Norden Englands. Anstelle von Drogen oder Pferden stehen Schafe im Mittelpunkt – ein ungewöhnliches Objekt der Begierde, für das jedoch ebenso gestohlen und gemordet wird. Die Handlung weist immer wieder Elemente eines Krimis auf, mit Schießereien und Brandanschlägen, die bildreich beschrieben werden. Gleichzeitig gibt es leise Momente, etwa wenn Steve und seine langjährige Freundin Helen allein auf der Farm sind oder wenn die Männer in den Bergen ihre raue Freundschaft pflegen. Diese Wechsel zwischen laut und leise, zwischen Gewalt und Intimität, tragen dazu bei, die Spannung aufrechtzuerhalten.
Die Verbindung zwischen Idylle und Gewalt ist eines der gelungensten Elemente des Romans. Die Symbiose zwischen Schafzucht und Kriminalität wirkt jedoch oft zu konstruiert, um wirklich zu überzeugen. Dennoch bietet "Über dem Tal" einen faszinierenden Einblick in eine Welt, die wie aus der Zeit gefallen scheint. Die Charaktere und ihre Lebensweise sind für den modernen Leser ebenso fremdartig wie faszinierend. Auf eine schräge und unkonventionelle Weise gibt Scott Preston diesen Menschen eine Stimme.

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Veröffentlicht am 03.12.2024

Ihr letzter Roman

Vilhelms Zimmer
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Schon seit längerem habe ich mir vorgenommen, mich mit dem Werk der einflussreichen dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen zu beschäftigen. Als Einstieg habe ich mich für ihren letzten Roman, „Vilhelms ...

Schon seit längerem habe ich mir vorgenommen, mich mit dem Werk der einflussreichen dänischen Schriftstellerin Tove Ditlevsen zu beschäftigen. Als Einstieg habe ich mich für ihren letzten Roman, „Vilhelms Zimmer“ entschieden, der bereits 1975 veröffentlicht wurde, und den Verlauf einer zerrütteten Ehe aufzeichnet.
Die Geschichte setzt an einem Punkt ein, an dem die Ehe zwischen Lise und Vilhelm bereits zerbrochen ist. Vilhelms leeres Zimmer steht als ein Sinnbild für die Tragödie, die ihr Verhältnis geprägt hat.
Ditlevsen beschreibt eine Beziehung, die zwischen Abhängigkeit, Unterdrückung und Verletzung pendelt. Die Rollenbilder der Protagonisten sind einerseits typisch für die 1970er Jahre, andererseits durch ihre Feinheiten überraschend modern.
Vilhelm ist ein dominanter Charakter, roh und selbstgerecht. Er trinkt, hat Affären und bemüht sich stets, die Kontrolle über Lise und sein Umfeld zu behalten. Seine Frau Lise hingegen ist eine komplexere Figur; sie ist sowohl Hausfrau und Mutter als auch Schriftstellerin, die Gedichte und Kinderbücher verfasst – Parallelen zu Ditlevsen selbst sind hier kaum zu übersehen. Trotz Vilhelms Grausamkeiten bleibt sie ihm emotional verbunden.
Ditlevsen verwendet eine Vielzahl narrativer Werkzeuge, um den Verfall dieser Ehe zu illustrieren. Eine zentrale Rolle spielt Kurt, ein Mieter, der nach Vilhelms Auszug in Lises Wohnung einzieht. Durch ihn wird der Leser mit den Spuren des Chaos konfrontiert, die Vilhelm hinterlassen hat. Kurts Perspektive erlaubt es, nach und nach die Vergangenheit des Ehepaars zu rekonstruieren. Ebenso bedeutend ist Vilhelms Tagebuch, das eine Chronik der unglücklichen Beziehung liefert, sowie Lises Artikel in einer Zeitung, die ihre Ehe öffentlich machen. Letzteres wirkt wie ein Spiegel des eigentlichen Romans: Ditlevsen, so scheint es, erzählt hier unter dem Deckmantel der Fiktion von ihrem eigenen leidvollen Eheleben.
Obwohl der Text fast fünfzig Jahre alt ist, liest er sich erstaunlich zeitlos. Allerdings ist Ditlevsens dichter Stil gewöhnungsbedürftig, beinahe jeder Satz liefert eine neue Information, und die Sprache wirkt oft distanziert, fast wie in einer Reportage. Diese nüchterne Darstellungsweise, gepaart mit der Perspektivvielfalt, vermittelt den Eindruck, die Autorin habe die Ehe von Lise und Vilhelm aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet und anschließend zu einem Gesamtbild verdichtet. Dadurch erhält die Beziehung eine enorme Wirkkraft, als sei sie von außergewöhnlicher Bedeutung – ein Eindruck, der auch durch das unverhältnismäßige Interesse der Nebenfiguren, etwa des Chefredakteurs, zum Ausdruck kommt.
Vollends überzeugen konnte mich der Roman jedoch nicht. Zum einen kann das Thema einer gestörten Ehe nicht den gesamten Text tragen. So intensiv die Schilderung auch sein mag, toxische Beziehungen, Alkoholismus und psychische Erkrankungen sind keine gesellschaftlichen Tabus mehr. In Literatur und Medien sind derartige Themen allgegenwärtig, und die dargestellte Härte wirkt weniger schockierend, als sie vermutlich beabsichtigt war. Zum anderen fehlt es der Geschichte wegen des dokumentarischen Stils an emotionaler Tiefe. Lises und Vilhelms Seelenleben bleibt oft im Hintergrund, wodurch es schwerfällt, echte Nähe oder Empathie zu entwickeln.
Auch hätte der Roman zweifelsohne von einer Reduktion des Personals profitieren können. Während Figuren wie Lise, Vilhelm, ihr Sohn Tom, Mieter Kurt und die integrante Nachbarin Frau Thomsen in einer spannenden Dynamik stehen, erscheinen andere Charaktere eher überflüssig. Sie lenken ab und untergraben manchmal die Ernsthaftigkeit des Textes.
Zusammenfassend ist „Vilhelms Zimmer“ ein lesenswertes Werk, das die thematische und stilistische Bandbreite Tove Ditlevsens zeigt, wenngleich meine Erwartungen nicht vollständig erfüllt wurden. Die narrative Dichte und die distanzierte Sprache erschweren den Zugang, und die Schilderung der unglücklichen Ehe bleibt zu oberflächlich, um wirklich zu berühren. Dennoch hat der Roman mein Interesse an Ditlevsens Werk geweckt. Vielleicht offenbart sich mir durch die „Kopenhagen-Trilogie“ noch ein tieferes Verständnis für diese bedeutende dänische Autorin.

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Veröffentlicht am 02.12.2024

Eine Fortsetzung? Eine Hommage? Eine Kopie?

Zauberberg 2
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Pünktlich zum 100. Geburtstag von Thomas Manns „Der Zauberberg“ präsentiert Heinz Strunk seinen Roman „Zauberberg 2“ – eine augenscheinliche Hommage, die gleichzeitig an eine Imitation oder gar an eine ...

Pünktlich zum 100. Geburtstag von Thomas Manns „Der Zauberberg“ präsentiert Heinz Strunk seinen Roman „Zauberberg 2“ – eine augenscheinliche Hommage, die gleichzeitig an eine Imitation oder gar an eine literarische Plünderung denken lässt. Mit diesem Werk wagt sich Strunk an eines der bedeutendsten und literarisch anspruchsvollsten Bücher des 20. Jahrhunderts.
In „Zauberberg 2“ überträgt Strunk das zentrale Thema von Manns Klassiker – die Suche nach Sinn und Identität – in die Gegenwart. Im Mittelpunkt steht Jonas Heidbrink, ein Prototyp des modernen Erfolgsmenschen, dessen glänzende Karriere hinter ihm liegt. Er begibt sich freiwillig in ein schlossartiges Sanatorium in Mecklenburg-Vorpommern, um sich seiner Depression und existenziellen Leere zu stellen. Schon bald verschmilzt er mit der Welt anderer Patienten, die allesamt auf ihre Weise vom Weltschmerz zermürbt sind.
Die Monotonie des Kliniklebens und die Begegnungen mit psychisch labilen Figuren bilden das Zentrum der Erzählung. Strunk schildert die Charaktere mit einer ironischen Überzeichnung, die manchmal an Karikaturen erinnert. Die Patienten wirken grotesk, als verzerrte Spiegelbilder moderner Gesellschaftstypen, und ihre Gespräche schwanken zwischen tiefgründiger Selbstdarstellung und heiterem Unsinn. Fast jedes ernste Wort wird durch satirischen Witz entwertet.
Heidbrinks Zustand spiegelt das Sanatorium selbst wider. Die Klinik, einst ein Ort der Hoffnung und Genesung, verkommt zusehends – ein Sinnbild für Heidbrinks inneren Zerfall. Strunk zeigt dies meisterhaft, indem er die Organisation der Klinik allmählich ins Chaos gleiten lässt: Patienten kommen und gehen, Beziehungen verflachen, und der Protagonist verliert mehr und mehr den Kontakt zur Außenwelt.
Parallel dazu vertieft sich Heidbrinks Isolation. Ohne Ziel und ohne Menschen, die ihn vermissen, versinkt er in einer existenziellen Leere. Das Sanatorium wird zu seiner neuen Realität, und die Außenwelt wird bedeutungslos. Diese Entwicklung ist nicht neu; sie erinnert stark an Hans Castorps schleichende Entfremdung im Original. Doch während Thomas Manns Figur eine gewisse innere Reise durchlebt, bleibt Heidbrink weitgehend passiv. Seine depressive Perspektive verstärkt die düstere Atmosphäre, ohne jedoch eine wirklich neue Dimension hinzuzufügen.
Einen wesentlichen Unterschied macht Strunks satirischer Erzählton. Während Manns „Zauberberg“ von intellektueller Ernsthaftigkeit geprägt ist, brilliert Strunk mit zynischem Humor. Die Dialoge und Monologe seiner Figuren, allen voran des Patienten Zeissner, sind oft bewusst überzeichnet. Zeissner, der sich als philosophischer Lebensberater inszeniert, wird zur Parodie moderner Weltweisheiten. Seine Phrasen, die zeitgenössische Bücher und Selbsthilferatgeber widerspiegeln, werden von Heidbrink konsequent entlarvt.
Diese ironische Brechung zeigt, wie Strunk das Thema Depression und Sinnsuche in die heutige Zeit transportiert. Während diese Themen heute allgegenwärtig sind, erscheinen manche Aussagen schon abgedroschen – ein Effekt, den Strunk geschickt einsetzt. Er entlarvt die Oberflächlichkeit moderner Selbstoptimierungsparolen und zeigt, dass diese für Heidbrink ebenso wenig Erleichterung bieten wie die traditionellen Antworten aus Manns Zeit.
Strunk bleibt in vielen Aspekten erstaunlich nah an der Vorlage. Der Aufbau des Romans, bei dem die ersten Tage im Sanatorium detailliert in Echtzeit geschildert werden, ehe die Zeit plötzlich gerafft wird, ist ein methodischer Kniff, den er aus „Der Zauberberg“ übernimmt. Auch das Gefühl der Vertrautheit, das zu Beginn zwischen den Figuren entsteht, und später der zunehmende Verlust von Nähe und Identität, sind bekannte Elemente aus Manns Werk.
Doch während Thomas Mann eine unterschwellige Misanthropie durchscheinen lässt, ist Strunks Bild vom Menschen explizit zynisch. Die Charaktere sind weder tiefgründig noch wirklich liebenswert, sondern bewusst übertrieben und oft lächerlich. Diese überzeichnete Darstellung lässt keinen Zweifel daran, dass „Zauberberg 2“ als Satire gelesen werden muss – ein Kontrast zum intellektuellen Ernst von Manns Text.
Die Frage, ob „Zauberberg 2“ einen Mehrwert gegenüber Manns Original bietet, ist schwer zu beantworten. Strunk hat die Geschichte unbestreitbar in die Gegenwart geholt: Die Figuren sind Vertreter moderner Gesellschaftsschichten, und Themen wie Depression und Isolation erscheinen relevanter denn je. Trotzdem bleibt vieles, was Strunk erzählt, bereits aus „Der Zauberberg“ bekannt. Man könnte argumentieren, dass Strunk keinen neuen Zugang zur Thematik findet, sondern vielmehr eine moderne Version des Klassikers schafft. Dieser Ansatz mag für Leser, die sich vor Manns anspruchsvollem Stil scheuen, attraktiv sein. Doch wer das Original kennt, wird sich fragen, ob eine Neuinterpretation wirklich notwendig war – insbesondere, da „Der Zauberberg“ zeitlos bleibt.
„Zauberberg 2“ löst gemischte Gefühle aus. Einerseits gelingt es Heinz Strunk, mit seinem humorvollen Stil einen zugänglichen und unterhaltsamen Roman zu schaffen, der die Grundideen von Manns Klassiker respektiert. Andererseits bleibt der Eindruck, dass dieses monumentale Werk keine moderne Adaption benötigt.
Strunk bietet eine neue Perspektive, die durch Satire und Ironie besticht, aber die Tiefe und Komplexität von Manns Text nicht erreicht. Sein Roman ist lesenswert, vor allem für jene, die sich von Manns Werk überfordert fühlen. Doch als Ersatz für das Original kann „Zauberberg 2“ nicht dienen. Vielmehr bleibt es ein amüsanter, manchmal nachdenklicher, aber letztlich sekundärer Kommentar zu einem der größten Romane des 20. Jahrhunderts.

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Veröffentlicht am 23.11.2024

Ein Vampir als Verführungskünstlerin

Carmilla
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Bram Stokers „Dracula“ gilt als einer der bekannteste Vampirromane der Literaturgeschichte und ist vielen Leserinnen und Lesern ein Begriff. Weniger bekannt ist hingegen „Carmilla“, das weibliche Pendant ...

Bram Stokers „Dracula“ gilt als einer der bekannteste Vampirromane der Literaturgeschichte und ist vielen Leserinnen und Lesern ein Begriff. Weniger bekannt ist hingegen „Carmilla“, das weibliche Pendant zu diesem Werk, geschrieben von Sheridan Le Fanu und bereits Jahrzehnte vor „Dracula“ veröffentlicht. Obwohl der Roman auch in Deutschland mehrfach übersetzt wurde und bei verschiedenen Verlagen erschien, blieb er lange im Schatten seines berühmten Nachfolgers. Mit der aktuellen Ausgabe des Klett-Cotta Verlags bietet sich die Gelegenheit, dieses Frühwerk der Schauerliteratur neu zu entdecken und seine literarische Qualität sowie seine Bedeutung für das Genre zu beurteilen.
Das Setting von „Carmilla“ ist wie aus dem Lehrbuch des viktorianischen Gruselromans: Laura, die junge Protagonistin, lebt mit ihrem Vater abgeschieden auf einem Schloss in den österreichischen Wäldern. Bereits diese Kulisse ruft ein Gefühl der Einsamkeit und Melancholie hervor, unterstützt durch spärliche, aber effektive Beschreibungen, die die Atmosphäre von Isolation und unterschwelliger Bedrohung intensivieren. Zwar mag das Bild des gotischen Schlosses für heutige Leser vertraut bis klischeehaft wirken, doch in der Entstehungszeit des Romans war diese Bühne sicherlich weniger ausgelaugt als heutzutage.
Diese Inszenierung des Settings, so schlicht sie auch wirken mag, entfaltet durch ihren Minimalismus eine außerordentliche Wirkkraft. Das Schloss wird zu einer Art Mikrokosmos, in dem die Grenzen zwischen Realität und Fantastik verschwimmen – ein Element, das den Grundstein für die düstere Stimmung des gesamten Romans legt.
Mit dem Eintreffen von Carmilla, dem titelgebenden Charakter, nimmt die Handlung ihren Lauf. Le Fanu gelingt es, diese rätselhafte Figur von Beginn an ambivalent zu zeichnen. Auf der einen Seite fasziniert Carmilla mit ihrer Schönheit und Höflichkeit, die besonders Laura in den Bann zieht. Auf der anderen Seite umweht sie ein Hauch von Gefahr, der dem Leser schnell klar macht, dass sie mehr ist als nur eine charmante Besucherin.
Die Darstellung von Carmilla als Vampir unterscheidet sich erheblich vom später etablierten Bild, das durch Figuren wie Dracula geprägt wurde. Sie agiert weniger als physische Bedrohung und mehr als psychologische Manipulatorin, die ihre Opfer wie eine Sirene in der Mythologie mit Charme und Verführung umgarnt. Dieses Konzept der Vampirfigur ist in „Carmilla“ durchgehend präsent und daher die hauptsächliche Triebkraft der Geschichte. Besonders in der Interaktion mit der naiven Laura entfaltet sich dieser Aspekt in einer Mischung aus psychologischem Terror und unterschwelliger Schwärmerei, die für die damalige Zeit bemerkenswert war.
Jedoch ist der Handlungsverlauf von „Carmilla“ geprägt von einer gewissen Vorhersehbarkeit. Die nächtlichen Besuche schattenhafter Gestalten und die schleichende Offenbarung von Carmillas wahrem Wesen folgen einer klaren Linie, die moderne Leser kaum überraschen dürfte. Die Dialoge sind aufs Wesentliche reduziert und wirken mitunter etwas banal. Dennoch bleibt die Geschichte aufgrund ihrer dichten Atmosphäre und ihres altertümlichen Flairs fesselnd.
Einen großen Anteil daran hat auch die Übersetzung von Eike Schönfeld. Sie bewahrt den nostalgischen Stil des Originals, ohne dabei antiquiert zu wirken. Der Text trägt moderne Züge, die einen leichten Zugang ermöglichen, wahrt jedoch gleichzeitig den historischen Charakter des Romans. Damit vermeidet Schönfeld die meinerseits oft kritisierte vollständigen Anpassung klassischer Werke an zeitgenössische Lesererwartungen, was der Authentizität zugutekommt.
Als literarischer Vorläufer von „Dracula“ zeigt „Carmilla“ interessante Ansätze, insbesondere in der psychologischen Darstellung des Vampirs und der Thematisierung weiblicher Verführungskraft. Diese Aspekte machen den Roman auch heute noch lesenswert, besonders für Liebhaber klassischer Schauerliteratur. Gleichzeitig zeigt sich dem Werk aber auch sein Alter. Der Plot ist wenig komplex, die Figurenzeichnung bleibt oberflächlich, und sprachlich wie psychologisch fehlt es an Raffinesse, die man von moderner Literatur gewohnt ist.
Dennoch: Als kurze, atmosphärische Lektüre bietet „Carmilla“ einen faszinierenden Einblick in die Ursprünge der Vampirliteratur und überrascht durch eine unerwartete zwischenmenschliche Beziehung seiner Protagonistinnen.

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