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Veröffentlicht am 06.02.2025

Beklemmend und mit Sogwirkung

Hitzewelle
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Inhalt (Spoiler für Band 1 und 2):
Im dritten Band der Lügenhaus-Reihe befinden wir uns an einem Wendepunkt in der Geschichte des Neshov-Hofes. Nach Tors Tod sieht sich Torunn als Anerbin mit einer schwierigen ...

Inhalt (Spoiler für Band 1 und 2):
Im dritten Band der Lügenhaus-Reihe befinden wir uns an einem Wendepunkt in der Geschichte des Neshov-Hofes. Nach Tors Tod sieht sich Torunn als Anerbin mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert. Die Selbstverständlichkeit, mit der ihre Onkel davon ausgehen, dass sie den Hof übernehmen und somit auch ihren Plänen entgegenkommen wird, ekelt sie an. Und dennoch muss sie entscheiden, wie es mit dem Hof und auch mit Grossvater weitergeht.

Meine Meinung (ab hier nahezu spoilerfrei):
Dieser Band der Lügenhaus-Reihe hat es definitiv in sich. Torunn ist plötzlich alleine mit einer sehr schwierigen Entscheidung und bemerkt, wie sie von ihren Onkeln bewusst oder auch unbewusst in eine Rolle gedrängt wird. Schon vorher ist von ihrem Vater nahezu erwartet worden, dass sie sich um Grossvater, den Haushalt und den Hof kümmert oder zumindest mithilft, obwohl sie eigentlich ein eigenes Leben und einen eigenen Beruf hat. Mittlerweile ist sie ganz alleine mit ihrem anstrengenden Alltag, ihrer Trauer und ihrer Hilflosigkeit. Ihre starken Gefühle werden zu einer heftigen Wut, welche sie heftiger reagieren lässt, als alle es erwarten.
Oh ja, es wird eklig und intensiv und bewegend und immer wieder auch sehr humorvoll in diesem Band, der mich noch mehr mitgerissen hat als die Vorgänger. Und ja, das Buch ist keine leichte Kost, aber es lohnt sich so sehr, Torunns Wut habe ich körperlich gefühlt und war dennoch an die Seiten gefesselt. Das Ende hat ausserdem dafür gesorgt, dass ich Band vier am liebsten schon auf dem SuB hätte. So muss ich mich nun mit dem Weiterlesen leider noch ein wenig gedulden.

Meine Empfehlung (ohne Spoiler):
Schon der erste Band der Reihe hat es mir angetan, aber nun liebe ich die Reihe mit jedem Band mehr. Als Leserin muss ich einiges aushalten, aber ich liebe die düstere Grundstimmung, die Verzweiflung und die ehrlich dargestellten Sorgen von einem Leben auf dem Land. Immer mal wieder kann die Geschichte aber auch mit einem feinen Humor und ganz viel Liebe und Zusammenhalt punkten. Lest die Reihe, aber unbedingt in der Reihenfolge.

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Veröffentlicht am 17.01.2025

Dramatisch und hochaktuell

Die Geschichte des Wassers
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Inhalt:
"Mein ganze Welt war Wasser. Die Hügel, Berge, Steine, Wiesen waren nur winzige Inseln in dem, was die eigentliche Welt darstellte, und ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte, eigentlich müsste ...

Inhalt:
"Mein ganze Welt war Wasser. Die Hügel, Berge, Steine, Wiesen waren nur winzige Inseln in dem, was die eigentliche Welt darstellte, und ich nannte meine Welt Erde, aber ich dachte, eigentlich müsste sie Wasser heissen."
Im Jahr 2017 kämpft die norwegische Umweltaktivistin Signe für die Natur ihrer Heimat und letztendlich der ganzen Erde, ihr Kampf dauert schon lange an und wird immer härter. Ein wenig mehr als zwanzig Jahre später sucht David mit seiner Tochter Lou nach überlebenden Verwandten, nach Schutz vor den Bränden und der Hitze und nach Wasser. Immer wieder nach Wasser...

Meine Meinung:
Dieses Buch zu lesen, während in anderen Teilen der Welt Wälder brennen und Menschen vor Bränden, Dürren, Hungersnöten und Krieg flüchten, geht nahe und hat mich immer wieder tief erschüttert und berührt. Im zweiten Band ihres dystopischen Klimaquartetts nimmt sich Lunde dem Element an, das uns alle am Leben hält, das aber - wenn es ganz fehlt oder im Überfluss auftritt - schnell auch zur Todesfalle werden kann. Ihr in der Zukunft liegender Erzählstrang ist nur knapp sechzehn Jahre von meiner heutigen Welt entfernt. Jahre, in denen ich nicht weiss, welche Katastrophen noch vor uns liegen. Und wie in "Die Geschichte der Bienen" schafft es die Autorin zugleich gnadenlos ernst in eine sehr düstere Zukunft zu blicken, aber auch die Hoffnung auf Menschlichkeit zu wecken.

Schreibstil und Aufbau:
Die beiden auf den ersten Blick nicht zusammenhängenden Handlungsstränge wechseln sich in eher kurzen und immer kürzeren Kapiteln ab. Während sich der Durst von David und Lou zuspitzt und ihre Lage immer dramatischer wird, wird auch die Erzählweise hektischer. Wie bei einem rasant geschnittenen Film wechseln sich die Szenen und Rückblenden ab und haben mich die letzten Seiten des Buches innerhalb von kürzester Zeit verschlingen lassen.

Meine Empfehlung:
Was Lunde zeigt, ist unangenehm, es macht Angst und liegt doch nicht so weit weg von der Realität, der sich heute schon viele Menschen auf dieser Welt stellen müssen. Hochaktuell, dramatisch und dennoch sehr zugänglich erzählt nähert sich Lunde den intensiven Themen und zeigt dabei ihr ganzes schriftstellerisches Können.

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Veröffentlicht am 07.01.2025

Beeindruckendes Portrait einer in Vergessenheit geratenen Frau

Die Entflammten
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Inhalt:

Simone Meier war mir bis Mitte Oktober 2024 gar kein Begriff. Dann aber ging ich mit Angie zu einer wunderbaren Lesung von "Die Entflammten" und realisierte erst da, wovon das Buch überhaupt handelt. ...

Inhalt:

Simone Meier war mir bis Mitte Oktober 2024 gar kein Begriff. Dann aber ging ich mit Angie zu einer wunderbaren Lesung von "Die Entflammten" und realisierte erst da, wovon das Buch überhaupt handelt. Meier nimmt sich nämlich der Lebensgeschichte von Jo van Gogh-Bonger an. Der Frau, die hauptverantwortlich war für den weltweiten Ruhm ihres Schwagers Vincent van Gogh und die immer wieder aus so vielen Geschichtsbüchern ausradiert worden war.

Meine Meinung:
Um so besser, dass ich anfangs Oktober auch gleich ein paar Bilder von Vincent van Gogh im MoMa in New York bestaunt hatte. Und so fügte sich alles zu einem schönen Gesamtbild und ich startete mit diesem Buch ins Jahr 2025. Es dauerte ein paar Kapitel, bis ich wirklich in der Geschichte angekommen war, aber dann fand ich mich immer besser zurecht und war begeistert von Meiers Sprache, von der Leichtigkeit, mit der sie gekonnt historische Fakten rund um die bewegte Lebensgeschichte von Jo van Gogh-Bonger mit fiktiven Elementen verwebt.

Schreibstil und Aufbau:
Die Geschichte wird in zwei immer enger ineinander verschmelzenden Zeitebenen erzählt. In der Gegenwart begleiten wir die Kunsthistorikerin Gina nach Italien ans Meer ins Haus ihres Vaters, einem Schriftsteller, der nur ein einziges Buch geschrieben hat und an weiteren Versuchen gescheitert ist. Dort will Gina eine Arbeit über Jo van Gogh-Bonger schreiben, welche sich bald als grösser und mächtiger erweist, als erwartet. Ihre inneren Dialoge mit Jo werden immer intensiver, die Biografien der beiden Frauen beginnen sich einander anzunähern und in fiktiven Treffen zu vereinen, Gina beginnt, ihre Arbeit als ganzen Roman zu schreiben. Im Vergangenheitsstrang begleiten wir Jo durch ihren Alltag in Paris und Amsterdam, lernen sie als junge Frau und Partnerin von Theo van Gogh, als Schwägerin und Bewundererin von Vincent van Gogh und später als dessen wichtigste und einflussreichste Galeristin und Managerin kennen und erhalten tiefe Einblicke in ihre Gefühlswelt.

Meine Empfehlung:
Simone Meier ist mit diesem gekonnt erzählten und auf fundierten Recherchen basierenden Roman ein kleines Meisterwerk gelungen. Sie hat nicht nur eine packende und berührende Geschichte geschrieben, sondern damit Jo van Gogh-Bonger auch ein würdiges Andenken geschaffen.

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Veröffentlicht am 20.11.2024

Überzeugende, düstere Fortsetzung

Einsiedlerkrebse
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Inhalt:
In der Zeit zwischen den Jahren kommt bei Erlend und Krumme nicht nur besinnliche Stimmung auf. Margido lässt sich auf ein spezielles Date ein und Tor kämpft gegen den finanziellen Ruin seines ...

Inhalt:
In der Zeit zwischen den Jahren kommt bei Erlend und Krumme nicht nur besinnliche Stimmung auf. Margido lässt sich auf ein spezielles Date ein und Tor kämpft gegen den finanziellen Ruin seines Hofs an. Bei seiner Tochter Torunn laufen alle Fäden zusammen und sie ist es, die in den entscheidenden Momenten versucht, das richtige zu tun.

Meine Meinung:
Schon der Anfang dieses zweiten Bandes hat mir sehr gut gefallen. Ich war schnell wieder mitten in der Handlung, die düstere, ein wenig trostlose Stimmung passt hervorragend zur Landschaft und zur Lebenssituation der Figuren. Ragdes Schreibstil hat es mir angetan. Sie schafft es, mit wenigen Worten ganze Szenen, Menschen und Geschichten zum Leben zu erwecken und obwohl auf den ersten Blick nicht viel geschieht, sorgen immer grössere Entwicklungen für grosse Veränderungen in der Handlung.

Schreibstil und Aufbau:
Ohne Rückblenden und Zusammenfassungen taucht Anne B. Ragde sofort mitten in die Handlung ein und endet den Roman dann auch wieder so abrupt, wie er begonnen hat. Die düstere Winterstimmung hält an, aber immer wieder sorgen humorvolle Momente für Leichtigkeit. Die angespannte Stimmung nach dem Verlust der Mutter, die kalten Tage und die ganz unterschiedlichen Menschen sind hervorragend beschrieben. Die Erzählperspektive wechselt in jedem Kapitel und ganz ohne Kapitelüberschriften lässt sich jeweils schon am ersten Satz erkennen, welche Figur gerade erzählt. Das ist ganz grosse Kunst.

Meine Empfehlung:
Auch der zweite Band der Reihe hat mir sehr gut gefallen. Ich freue mich schon auf die Fortsetzungen, die sicher noch viele spannende Entwicklungen mit sich bringen werden und empfehle euch die Reihe gerne weiter.

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Veröffentlicht am 01.11.2024

Eindringlich erzählt

Zur See
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"Alle Inseln ziehen Menschen an, die Wunden haben, Ausschläge auf Haut und Seele. Die nicht mehr richtig atmen können oder nicht mehr glauben, die verlassen wurden oder jemanden verlassen haben. Und die ...

"Alle Inseln ziehen Menschen an, die Wunden haben, Ausschläge auf Haut und Seele. Die nicht mehr richtig atmen können oder nicht mehr glauben, die verlassen wurden oder jemanden verlassen haben. Und die See soll es dann richten, und der Wind soll pusten, bis es nicht mehr wehtut."
Zur See - Dörte Hansen, S. 21

Es gibt Bücher, denen man genau zur richtigen Zeit im Leben begegnet. Bücher die tragen, trösten, unterstützen, beflügeln, inspirieren, begleiten. 2021 während unseres Umzugs mitten in der coronabedingten Lebensverzweiflung war dies "Ein Baum wächst in Brooklyn" von Betty Smith und "Zur See" von Dörte Hansen war dies Ende Oktober, als meine Oma im Sterben lag.
Mit berührenden und einfühlsamen Beschreibungen und Sprachbildern, die nur so vor Kreativität und Können strotzen, baut Hansen diese Geschichte auf, erzählt vom Inselleben und -sterben, den Inselmenschen, Touristen, Seebestattungen, verirrten Walen und Stürmen die immer und immer wieder im Inneren und Äusseren toben und ihren Tribut fordern.

Schreibstil und Aufbau:

"Die ältesten Patienten sterben oft am schwersten. In ihren letzten Tagen werden sie zu Vogelwesen, schon nicht mehr Mann und nicht mehr Frau, so dünnhäutig, dass man sie kaum noch zu berühren wagt. Man glaubt, sie hätten es geschafft, nimmt ihre Hände, wartet auf die letzten Atemzüge, und dann müssen sie noch einmal in die Schlacht."
Zur See - Dörte Hansen, S. 45

Vor etwa einem Jahr habe ich "Altes Land" der Autorin gelesen und auch wenn ich vom Erzählstil beeindruckt war, hat mich die Geschichte damals emotional nicht erreicht. "Zur See" aber zeigt ein sprachliches Können, das mitten ins Herz trifft, eine Familie, in der sich nach und nach Veränderungen einstellen, welche ganze Geschichten neu schreiben. Die heraufbeschworenen Bilder der rauhen See, der Winde, welche über die Insel hinwegfegen und dem Leben der Inselmenschen, die genau so hart und unbarmherzig sind - sein müssen - wie die sie umgebende Natur, haben mich nicht mehr losgelassen.
Und manchmal ist da doch ein weicher Kern, ein wenig Frieden und Liebe und wenn im Auge des Sturms alle ein wenig näher zusammenrücken, kann es doch noch Hoffnung geben.

Meine Empfehlung:
Ich bin so froh, dass ich der Autorin noch einmal eine Chance gegeben und mich auf diese Geschichte eingelassen habe. "Zur See" ist jetzt schon ein Jahreshighlight für mich und ich empfehle euch diese eindringlich erzählte und vor Sprachzauber nur so sprühende Geschichte von ganzem Herzen weiter.

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