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Veröffentlicht am 10.05.2025

Aufbruch

Drei Sommer lang Paris
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Hach, was soll ich sagen? Das Buch war genau richtig für die Reise nach Paris und für danach! Konnte ich doch den Wegen Ulrikes nachspüren, war sie doch an vielen Orten, an denen meine Tochter und ich ...

Hach, was soll ich sagen? Das Buch war genau richtig für die Reise nach Paris und für danach! Konnte ich doch den Wegen Ulrikes nachspüren, war sie doch an vielen Orten, an denen meine Tochter und ich auch während unseres Aufenthalts waren. Sie hat uns ins Marais begleitet, wir waren mit ihr in Montmartre, standen gemeinsam am Eiffelturm und haben auf die Seine geblickt.

Und es war auch ein Rückblick für mich, denn Paris hat sich verändert, die Zeiten haben sich geändert. Paris ist grüner und sauberer geworden, es ist tatsächlich möglich dort gut Fahrrad zu fahren (was übrigens auch Ulrike im Buch macht). Was anders ist, ist die Stimmung heute, allerdings nicht nur in Paris. 1989 – der Fall der Mauer, es gab ganz viel Unsicherheit, aber auch eine große Aufbruchsstimmung, Deutschland war auf dem Weg der Wiedervereinigung. Damals war ich ungefähr so alt wie die Protagonistin und kann mich vermutlich so gut an dieses Gefühl erinnern. Die Luft vibrierte vor Aufregung, vor Neuanfang.

Doch dieses optimistische Gefühl mit dieser jungen Frau noch einmal zu erleben, die so völlig mutig und ein wenig unbedarft in ein ganz anderes Land aufbricht, ohne einen Pieps Französisch zu sprechen, ist ein Geschenk der Autorin an Menschen wie mich, die das erlebt haben. Aber auch an andere, um sich ein wenig an Ulrikes Optimismus laben zu können. Sie wandert aus, startet in einem neuen Staatssystem und lernt mit Feuereifer Französisch, sucht sich einen Job, saugt die Stadt förmlich in sich auf und lernt sie durch die Menschen, die sie dort trifft, kennen. Sie ist dabei, irgendwo anzukommen, was für ein schönes Gefühl!

Dabei ist sie immer auch Beobachterin von sich, ihrem Tun und dem, was in der ehemaligen DDR passiert, erlebt das Auseinanderfallen ihres Landes, in dem sie geboren wurde, bleibt in Kontakt mit denen, die dort geblieben sind und gewöhnt sich nach und nach an die neue Umgebung und das neue Leben. Sie wird das, was man unter „flügge“ versteht, ein Vogel, bereit das Elternnest zu verlassen und auf eigenen Beinen zu stehen. Auch beschreibt sie klar bzw. abgeklärt ihre Empfindungen als sie den Mauerfall realisiert.

Sprachlich hat mich dieses Buch gefangen genommen, ich mochte die feinen Beobachtungen und Beschreibungen. Auch gefallen mir die vielen Verweise auf Literatur und Geschichte und die Art, wie die Autorin die einzelnen Personen von Seite zu Seite lebendiger werden lässt. Und – ganz groß – wie sie beschrieben hat, was Ulrike verstanden hat am Anfang, zum Beispiel „deh dokümong“ oder „Il ne fo pa vu depeschee. Onna dü tom.“

Ein fein erzähltes Buch, das ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 26.04.2025

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Halbinsel
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Kristine Bilkau erzählt mit „Halbinsel“ eine dichte Geschichte, die zum einen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, die Klimakrise, streift, und die Wachstumsschmerzen einer Mutter-Tochter-Beziehung ...

Kristine Bilkau erzählt mit „Halbinsel“ eine dichte Geschichte, die zum einen eines der wichtigsten Themen unserer Zeit, die Klimakrise, streift, und die Wachstumsschmerzen einer Mutter-Tochter-Beziehung beschreibt, eingebettet in die wohltuend ruhige Landschaft des norddeutschen Wattenmeers.

Diese ruhige Landschaft wirkt wie ein Gegenpol zu den inneren Kämpfen der beiden Frauen. Beide arbeiten sich an sich selbst und ihren Erinnerungen und Lebenserfahrungen ab, beide geben sie im Lauf der Erzählung Kontrolle ab und öffnen sich. Spannend ist, dass der Großteil des Romans im Kopf von Anett, der Mutter und Erzählerin stattfindet.

Anett hat Linn nach dem Tod des Vaters allein großgezogen, musste immer aufs Geld achten und hatte wenig Unterstützung. Linn war recht pflegeleicht und zielorientiert. Jetzt wird all das noch einmal auf den Prüfstand gestellt, denn Anett war sehr beschützend, nicht nur in Bezug auf Linn. Es geht bei beiden Frauen um die großen Fragen oder die eine große Frage, wo sie hinwollen mit ihrem Leben, ihren Hoffnungen, ihren Enttäuschungen.

Linn ist ein Beispiel für so viele ihrer Generation, die versuchen, gegen die Klimakrise anzukämpfen und ausbrennen. Intelligent, enthusiastisch, engagiert und gut ausgebildet versuchen sie die Welt zu ändern und scheitern am System bzw. an den Menschen, denen der kurze Profit und Greenwashing wichtiger ist als ein ernsthafter Systemwechsel.

Anett überlegt, was das Leben noch für sie an guten Überraschungen bereit hält. Will sie in dem kleinen Ort, der voller Erinnerungen ist, bleiben? Der Zusammenbruch ihrer Tochter und ihr Wieder-Einzug im alten Zuhause bringt so manches an Tageslicht, das viele Jahre im Keller der Erinnerungen verborgen war.

Und hier spielt Kristine Bilkau ihre große Stärke aus. Sie formuliert so klare Sätze, die die Gedankenwelt von Anett spiegeln. Sie nimmt uns mit in die Ängste, als Mutter nicht zu genügen, nicht über die Runden zu kommen und in die Trauer um Johan, der einfach viel zu früh gestorben ist und den sie in Gedanken nie ganz losgelassen hat. Sie zieht Bilanz und muss sich entscheiden, wo sie ab jetzt hin will als Mutter und als Anett.

Als Linn beginnt, in den Kisten aus dem Keller zu graben und auch Anett mit vielem Unerzähltem, Unausgesprochenem, Unerinnertem konfrontiert, lösen sich auch in Anett die Bänder, die vieles von ihr ferngehalten haben.

Verstärkt wird dieses Aufarbeiten der Vergangenheit durch die Wattwanderungen, die sie unternehmen. Auch dort finden sich Stücke aus der Zeit vor der großen Flut, die die Landschaft völlig verändert hat und Ortschaften hat versinken lassen. Ein Pferd verschwindet und ist wie ein Sinnbild für das, was war und worüber die beiden noch sprechen müssen, was aber nur immer mal aus der Ferne auftaucht.

Diese Wanderungen haben auch ein wenig die Funktion des Durchlüftens der Gedanken. Draußen in der Natur, mit den Gedanken allein, auch wenn es eine größere Gruppe ist. Etwas zusammen unternehmen und trotzdem in Gedanken ganz weit weg voneinander und der Lebensrealität der anderen.

Es gibt Zweifel auf beiden Seiten, zwischendurch kippt die Stimmung immer mal wieder zwischen den Frauen durch das Ungesagte und Unverständnis füreinander. Anett projiziert ihre eigenen Zweifel auf ihre Tochter, schließlich wollte auch sie einmal etwas anderes vom Leben, fühlte sich auf der Durchreise und blieb dann in diesem kleinen Ort, was sie sich bei ihrer Tochter oder für sie nicht vorstellen mag oder kann. Kristine Bilkau schafft es, diese feinen Stimmungen mit gut durchdachten Sätzen zu zeichnen.

Es ging mir bei „Halbinsel“ mal wieder so, dass ich einerseits weiterlesen wollte, um zu erfahren, wie sich die Beziehung von Mutter und Tochter entwickelt, andererseits konnte ich nicht genug bekommen von den Bilkauschen Sätzen. Der Roman spiegelt eine Geschichte, die so passieren könnte und skizziert so schön die Tiefen der Beziehung und zeigt auch, wie sich die Menschen, die versuchen, die Klimakrise aufzuhalten und mehr zu tun als Jutetaschen statt Plastik zu nutzen, daran aufreiben. Kristine Bilkau schafft es, ein gesellschaftlich wichtiges aktuelles Thema in einen Roman einzubetten ohne dabei den Zeigefinger zu erheben.

Es ist eine Erzählung vom Abschied, vom Erwachsenwerden einer Mutter-Tochter-Beziehung und vom Loslassen – ganz großartig erzählt.

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Veröffentlicht am 22.03.2025

Vereinbarkeit

Ava liebt noch
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"Ava liebt noch" von Vera Zischke war definitiv eines meiner Lesehighlights im vergangenen Jahr. Ich habe es gleich zweimal im selben Jahr gelesen, das passiert nicht allzu oft. Das erste Mal habe ich ...

"Ava liebt noch" von Vera Zischke war definitiv eines meiner Lesehighlights im vergangenen Jahr. Ich habe es gleich zweimal im selben Jahr gelesen, das passiert nicht allzu oft. Das erste Mal habe ich es zur Vorbereitung der Podcast-Folge mit @verazischke gelesen und war ein wenig skeptisch, denn Liebesromane und ich matchen nicht besonders häufig.

Dieses Mal war es Liebe beim ersten Lesen, denn Vera Zischke hat keinen klassischen Herz-Schmerz-Liebesroman geschrieben, sondern die Geschichte einer Frau, die von Care-Arbeit und in einer gesellschaftlich aufgedrängten Rolle dabei ist, sich selbst zu verlieren. Dann verliebt sie sich auch noch in Kieran, den Schwimmlehrer ihrer Tochter, der diese Liebe erwidert. Doch sie verlässt weder Mann noch Kinder, auch wenn sie es sich so sehr wünscht.

Das Buch erzählt Avas und Kierans Geschichte aus den Perspektiven der beiden. Avas Müdigkeit und der Rolle, in die sie sich nach der Geburt der drei Kinder hat drängen lassen und Kierans Leben und seine Träume. Es wird nichts beschönigt oder jemand auf ein Podest gehoben. Vera Zischke findet einen Weg, diesen Roman so zu erzählen, dass es nachvollziehbar ist und wir dürfen als Lesende teilhaben an der Entwicklung und inneren Kämpfe dieser zwei Menschen. Sie schafft es, Gesellschaftskritik und eine gute Geschichte miteinander zu kombinieren, ohne mit hoch erhobenem Zeigefinger daher zu schreiben. Es passt einfach.

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Es ist kompliziert

Streicheln oder Schlachten
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Seit vielen Jahren schon esse ich kein Fleisch und keinen Fisch und ersetze immer mehr tierische durch pflanzliche Lebensmittel. Dabei beschäftige ich mich auch immer mehr mit unserer ambivalenten Beziehung ...

Seit vielen Jahren schon esse ich kein Fleisch und keinen Fisch und ersetze immer mehr tierische durch pflanzliche Lebensmittel. Dabei beschäftige ich mich auch immer mehr mit unserer ambivalenten Beziehung zu Tieren. Die einen dürfen bei uns im Bett schlafen und die anderen behandeln wir wie Dinge (und das ist noch nett ausgedrückt). Deshalb landete das Buch „Streicheln oder Schlachten“ von Marcel Sebastian sofort auf meiner Leseliste.

Der Untertitel beschreibt es in einem Satz: „Warum unser Verhältnis zu Tieren so kompliziert ist – und was das über uns aussagt“. Die einen streicheln wir und die anderen essen wir. Auf diese unterschiedlichen Sichtweisen geht der Soziologe Marcel Sebastian in „Streicheln oder Schlachten“ ein. Mittlerweile wird auf der einen Seite der Ruf immer lauter, dass wir unser Verhältnis zu Tieren komplett überdenken und wir aufhören müssen, Tiere zu essen und sie auszubeuten. Auf der anderen Seite wird beschworen, dass wir das Stück „Lebenskraft brauchen und als Rechtfertigung genannt, um mit der Massentierhaltung fortzufahren, weil es schon immer so war, dass die einen die anderen gefressen haben. Diesem nicht leichten Thema nimmt sich Marcel Sebastian an.

Marcel Sebastian gibt in „Streicheln oder Schlachten“ einen guten Rundumblick über unsere schwierige Beziehung zu anderen Tierarten (ja, auch wir sind Tiere). In den einzelnen Kapiteln spricht er die wichtigsten Fragestellungen an und hat mit der Kapitelauswahl auch eine Auswahl der wichtigsten Diskussionspunkte oder Streitauslöser ausgewählt. Er leitet die Entwicklungen von Tieren zu Haus- und zu Nutztieren historisch und kulturell her und macht das, ohne dabei zu polarisieren. Oft hält er einen Spiegel vor wie in dem Beispiel mit der geretteten Entenfamilie und den zukünftigen „Peking-Enten“.

Das Buch ist angenehm, weil der Autor weder die Moral- noch die Hasskeule herausholt, sondern sich auf die soziologische Betrachtung konzentriert. Es wird zunächst eine Bestandsaufnahme vom jeweiligen Bereich gemacht und dann kulturell und geschichtlich betrachtet. „Streicheln oder schlachten“ regt zum Nachdenken an und dies einmal natürlich emotional und sehr problembasiert, denn unser Verhältnis zu Tieren hat auch leider zu vielen Problemen geführt, die ohne unser Zutun nicht gelöst werden können wie Klimakrise, Artensterben, die Ausbreitung von Pandemien und die grausame Massentierhaltung. Aber Marcel Sebastian schreibt nicht mit erhobenem Zeigefinger, eher mit erklärendem und zum Nachdenken und Handeln anregender Feder.

Am Ende des Buches gibt er uns als Leser*innen noch Tipps an die Hand bzw. Aufgaben, um zum Beispiel bewusster mit Nahrung umzugehen und insgesamt über unser Verhältnis zu Tieren nachzudenken und an der Veränderung mitzuwirken.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Zuversicht üben

Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht
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Wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, Radio hören oder im Internet surfen, stellt sich oftmals die Frage, wie wir angesichts der aktuellen Nachrichtenlage noch zuversichtlich sein können bzw. der nächsten ...

Wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, Radio hören oder im Internet surfen, stellt sich oftmals die Frage, wie wir angesichts der aktuellen Nachrichtenlage noch zuversichtlich sein können bzw. der nächsten Generation eine optimistische Grundeinstellung mitgeben können. Gabriele von Arnim hat ihren Enkeln einen Brief geschrieben, in dem es genau darum geht, wie sie die Kunst der Zuversicht erlernen können – Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht.

Es gibt Bücher, da möchte ich jeden Satz auswendig lernen, diese Sätze verinnerlichen und nicht immer nachschlagen müssen. „Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht“ ist ein solches Buch.

Wie viele von uns denke ich immer wieder darüber nach, was für eine Welt wir unseren Kindern und deren Kindern hinterlassen werden. Werden wir dem Generationenvertrag, in dem die ältere Generation verspricht, der nächsten Generation eine bessere Welt zu hinterlassen, gerecht? Sind wir nicht gerade dabei, auf Kosten der Kommenden zu leben und keine Verantwortung für dieses Tun zu übernehmen? Eine Frage, die sich auch die Autorin stellt.

Und gleichzeitig sieht sie ein Licht am Ende des Tunnels, ein Licht namens Zuversicht. Zuversicht kommt nicht von allein, man muss etwas dafür tun und wir als ältere Generation legen die Grundlage dafür, schaffen Vertrauen und geben Nähe.

Ich mag es, wie sie an ihre Enkel schreibt, ihre Selbstzweifel zeigt und im Zwiegespräch mit ihnen ist, bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass die Zukunft noch zu ändern ist, wenn wir und die kommenden Generationen nicht verzagen. Sie beschreibt die Schönheit im Kleinen und das was wir tun können, auch wenn wir nicht die großen Krisen einfach beenden können. Sie nennt Beispiele, gibt Buchtipps und zeigt, was ihr immer wieder hilft, sich in Zuversicht zu üben.

Es ist ein Brief, der zum Nachdenken anregt und den die Enkelkinder bzw. die Generation von Gabriele von Armins Enkelkinder erst richtig im Erwachsenenalter verstehen wird. Er gibt aber auch mir als Teil der Elterngeneration dieser kommenden Generation so viel, denn es ist an uns, den Grundstein zu legen für die Zuversicht, die es braucht, die Herausforderungen einer vielleicht nicht ganz so rosigen Zukunft anzunehmen. Auch wir müssen jeden Tag Zuversicht üben und zeigen wie es geht.

Dieser Brief gehört zu den Büchern bzw. Schriften, die Lust auf Zukunft machen, die Zuversicht geben.

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