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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 22.03.2025

Vereinbarkeit

Ava liebt noch
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"Ava liebt noch" von Vera Zischke war definitiv eines meiner Lesehighlights im vergangenen Jahr. Ich habe es gleich zweimal im selben Jahr gelesen, das passiert nicht allzu oft. Das erste Mal habe ich ...

"Ava liebt noch" von Vera Zischke war definitiv eines meiner Lesehighlights im vergangenen Jahr. Ich habe es gleich zweimal im selben Jahr gelesen, das passiert nicht allzu oft. Das erste Mal habe ich es zur Vorbereitung der Podcast-Folge mit @verazischke gelesen und war ein wenig skeptisch, denn Liebesromane und ich matchen nicht besonders häufig.

Dieses Mal war es Liebe beim ersten Lesen, denn Vera Zischke hat keinen klassischen Herz-Schmerz-Liebesroman geschrieben, sondern die Geschichte einer Frau, die von Care-Arbeit und in einer gesellschaftlich aufgedrängten Rolle dabei ist, sich selbst zu verlieren. Dann verliebt sie sich auch noch in Kieran, den Schwimmlehrer ihrer Tochter, der diese Liebe erwidert. Doch sie verlässt weder Mann noch Kinder, auch wenn sie es sich so sehr wünscht.

Das Buch erzählt Avas und Kierans Geschichte aus den Perspektiven der beiden. Avas Müdigkeit und der Rolle, in die sie sich nach der Geburt der drei Kinder hat drängen lassen und Kierans Leben und seine Träume. Es wird nichts beschönigt oder jemand auf ein Podest gehoben. Vera Zischke findet einen Weg, diesen Roman so zu erzählen, dass es nachvollziehbar ist und wir dürfen als Lesende teilhaben an der Entwicklung und inneren Kämpfe dieser zwei Menschen. Sie schafft es, Gesellschaftskritik und eine gute Geschichte miteinander zu kombinieren, ohne mit hoch erhobenem Zeigefinger daher zu schreiben. Es passt einfach.

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Veröffentlicht am 18.01.2025

Es ist kompliziert

Streicheln oder Schlachten
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Seit vielen Jahren schon esse ich kein Fleisch und keinen Fisch und ersetze immer mehr tierische durch pflanzliche Lebensmittel. Dabei beschäftige ich mich auch immer mehr mit unserer ambivalenten Beziehung ...

Seit vielen Jahren schon esse ich kein Fleisch und keinen Fisch und ersetze immer mehr tierische durch pflanzliche Lebensmittel. Dabei beschäftige ich mich auch immer mehr mit unserer ambivalenten Beziehung zu Tieren. Die einen dürfen bei uns im Bett schlafen und die anderen behandeln wir wie Dinge (und das ist noch nett ausgedrückt). Deshalb landete das Buch „Streicheln oder Schlachten“ von Marcel Sebastian sofort auf meiner Leseliste.

Der Untertitel beschreibt es in einem Satz: „Warum unser Verhältnis zu Tieren so kompliziert ist – und was das über uns aussagt“. Die einen streicheln wir und die anderen essen wir. Auf diese unterschiedlichen Sichtweisen geht der Soziologe Marcel Sebastian in „Streicheln oder Schlachten“ ein. Mittlerweile wird auf der einen Seite der Ruf immer lauter, dass wir unser Verhältnis zu Tieren komplett überdenken und wir aufhören müssen, Tiere zu essen und sie auszubeuten. Auf der anderen Seite wird beschworen, dass wir das Stück „Lebenskraft brauchen und als Rechtfertigung genannt, um mit der Massentierhaltung fortzufahren, weil es schon immer so war, dass die einen die anderen gefressen haben. Diesem nicht leichten Thema nimmt sich Marcel Sebastian an.

Marcel Sebastian gibt in „Streicheln oder Schlachten“ einen guten Rundumblick über unsere schwierige Beziehung zu anderen Tierarten (ja, auch wir sind Tiere). In den einzelnen Kapiteln spricht er die wichtigsten Fragestellungen an und hat mit der Kapitelauswahl auch eine Auswahl der wichtigsten Diskussionspunkte oder Streitauslöser ausgewählt. Er leitet die Entwicklungen von Tieren zu Haus- und zu Nutztieren historisch und kulturell her und macht das, ohne dabei zu polarisieren. Oft hält er einen Spiegel vor wie in dem Beispiel mit der geretteten Entenfamilie und den zukünftigen „Peking-Enten“.

Das Buch ist angenehm, weil der Autor weder die Moral- noch die Hasskeule herausholt, sondern sich auf die soziologische Betrachtung konzentriert. Es wird zunächst eine Bestandsaufnahme vom jeweiligen Bereich gemacht und dann kulturell und geschichtlich betrachtet. „Streicheln oder schlachten“ regt zum Nachdenken an und dies einmal natürlich emotional und sehr problembasiert, denn unser Verhältnis zu Tieren hat auch leider zu vielen Problemen geführt, die ohne unser Zutun nicht gelöst werden können wie Klimakrise, Artensterben, die Ausbreitung von Pandemien und die grausame Massentierhaltung. Aber Marcel Sebastian schreibt nicht mit erhobenem Zeigefinger, eher mit erklärendem und zum Nachdenken und Handeln anregender Feder.

Am Ende des Buches gibt er uns als Leser*innen noch Tipps an die Hand bzw. Aufgaben, um zum Beispiel bewusster mit Nahrung umzugehen und insgesamt über unser Verhältnis zu Tieren nachzudenken und an der Veränderung mitzuwirken.

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Veröffentlicht am 14.12.2024

Zuversicht üben

Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht
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Wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, Radio hören oder im Internet surfen, stellt sich oftmals die Frage, wie wir angesichts der aktuellen Nachrichtenlage noch zuversichtlich sein können bzw. der nächsten ...

Wenn wir morgens die Zeitung aufschlagen, Radio hören oder im Internet surfen, stellt sich oftmals die Frage, wie wir angesichts der aktuellen Nachrichtenlage noch zuversichtlich sein können bzw. der nächsten Generation eine optimistische Grundeinstellung mitgeben können. Gabriele von Arnim hat ihren Enkeln einen Brief geschrieben, in dem es genau darum geht, wie sie die Kunst der Zuversicht erlernen können – Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht.

Es gibt Bücher, da möchte ich jeden Satz auswendig lernen, diese Sätze verinnerlichen und nicht immer nachschlagen müssen. „Liebe Enkel oder Die Kunst der Zuversicht“ ist ein solches Buch.

Wie viele von uns denke ich immer wieder darüber nach, was für eine Welt wir unseren Kindern und deren Kindern hinterlassen werden. Werden wir dem Generationenvertrag, in dem die ältere Generation verspricht, der nächsten Generation eine bessere Welt zu hinterlassen, gerecht? Sind wir nicht gerade dabei, auf Kosten der Kommenden zu leben und keine Verantwortung für dieses Tun zu übernehmen? Eine Frage, die sich auch die Autorin stellt.

Und gleichzeitig sieht sie ein Licht am Ende des Tunnels, ein Licht namens Zuversicht. Zuversicht kommt nicht von allein, man muss etwas dafür tun und wir als ältere Generation legen die Grundlage dafür, schaffen Vertrauen und geben Nähe.

Ich mag es, wie sie an ihre Enkel schreibt, ihre Selbstzweifel zeigt und im Zwiegespräch mit ihnen ist, bereit ist, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass die Zukunft noch zu ändern ist, wenn wir und die kommenden Generationen nicht verzagen. Sie beschreibt die Schönheit im Kleinen und das was wir tun können, auch wenn wir nicht die großen Krisen einfach beenden können. Sie nennt Beispiele, gibt Buchtipps und zeigt, was ihr immer wieder hilft, sich in Zuversicht zu üben.

Es ist ein Brief, der zum Nachdenken anregt und den die Enkelkinder bzw. die Generation von Gabriele von Armins Enkelkinder erst richtig im Erwachsenenalter verstehen wird. Er gibt aber auch mir als Teil der Elterngeneration dieser kommenden Generation so viel, denn es ist an uns, den Grundstein zu legen für die Zuversicht, die es braucht, die Herausforderungen einer vielleicht nicht ganz so rosigen Zukunft anzunehmen. Auch wir müssen jeden Tag Zuversicht üben und zeigen wie es geht.

Dieser Brief gehört zu den Büchern bzw. Schriften, die Lust auf Zukunft machen, die Zuversicht geben.

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Veröffentlicht am 23.11.2024

Wenn alles zu viel wird

Die Wut, die bleibt
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Eine Frau steht beim Abendessen auf, geht auf den Balkon und springt.

Mit dieser krassen Szene beginnt Mareike Fallwickl ihren Roman "Die Wut, die bleibt". Danach ist nichts mehr, wie es war. Johannes ...

Eine Frau steht beim Abendessen auf, geht auf den Balkon und springt.

Mit dieser krassen Szene beginnt Mareike Fallwickl ihren Roman "Die Wut, die bleibt". Danach ist nichts mehr, wie es war. Johannes ist mit seinen drei Kindern allein, es ist die Hochphase der Corona-Pandemie und seine älteste Tochter ist mitten in der Pubertät. Doch Johannes trifft es gut, denn die beste Freundin seiner Frau, Sarah, kann einspringen und sich um die Kinder kümmern, so dass er sich weiterhin Vollzeit arbeiten gehen kann.

Und hier setzt Mareike Fallwickl an. Die ganze Sorgearbeit, das Kochen, Waschen, Kümmern um die Kinder und die Organisation der Familie ist auch heute noch zu großen Teilen auf den Schultern der Frauen. Sie arbeiten vielfach in Teilzeit oder gar nicht, um das alles gewuppt zu kriegen und die Corona-Zeit hat dies alles sichtbarer werden lassen.

Sarah versteht nach und nach, warum ihre Freundin Helene nicht mehr konnte und was der Fehler im System ist und wird wütend. Sie ist wütend, weil ihre Freundin tot ist und sie wird immer wütender auf dieses patriarchale Gefüge, in dem wir auch heute noch verwurzelt sind.

Auch Lola, die Tochter, ist wütend, weil ihr die Mutter fehlt und weil auch sie schon längst durchschaut hat, woran es in unseren Gesellschaften mangelt, dass die Gleichberechtigung noch längst nicht erreicht ist. Bei ihr gibt es eine sehr extreme Entwicklung, die aber zu dieser jungen, verletzten Protagonistin passt.

Und wenn man sich die aktuellen Entwicklungen in der Welt gerade anschaut, hat Mareike Fallwickl mit diesem Buch und ihrer Gesellschaftskritik voll ins Schwarze getroffen. Es ist krass, schmerzt beim Lesen und hat mich zurückgelassen, als ob ich einen Schlag in die Magengegend bekommen hätte. Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 23.11.2024

Die breite Masse für nachhaltigeren Konsum begeistern

Das 60%-Potenzial
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Wie kann Marketing eigentlich dazu beitragen, dass nachhaltigere Produkte konsumiert werden?

Zwei, die ihre Gedanken dazu in einem Buch ausformuliert haben, sind Prof. Dr. Johanna Gollnhofer und Jan Pechmann. ...

Wie kann Marketing eigentlich dazu beitragen, dass nachhaltigere Produkte konsumiert werden?

Zwei, die ihre Gedanken dazu in einem Buch ausformuliert haben, sind Prof. Dr. Johanna Gollnhofer und Jan Pechmann. Sie haben gemeinsam das Buch "Das 60%-Potenzial" geschrieben und es geht darum, wie die breite Masse für nachhaltigeren Konsum begeistert werden kann. Und Marketing hat es ja hinbekommen, dafür zu sorgen, dass wir alle ordentlich konsumieren, als ob es kein Morgen gäbe. Da wird Marketing es wohl auch schaffen, unseren Konsum zwar nicht abzustellen, aber in nachhaltigere Bahnen zu lenken.

Hierfür reichen als Zielgruppe nicht die Kern-Nachhaltigkeitsfans, vom Autor*innenduo liebevoll Öko-Fans genannt, sondern es muss in die breite und träge Masse gehen, die circa 60 Prozent ausmacht, im Buch die 60% genannt. Die Öko-Muffel können dabei außen vor gelassen werden.

Bei den 60% sollte der Fokus liegen und der Frage, wie sie erreicht werden können. Darauf wird im Buch eingegangen. Wer ist denn diese Gruppe der 60%? Was ist wichtig für sie, wenn sie etwas kaufen? Wie will diese Gruppe angesprochen werden, worauf fährt sie ab in der Kommunikation?

Es gibt Hausaufgaben, nicht nur fürs Marketing, für die Unternehmen an sich. Nachhaltige Produkte dürfen heute nicht mehr im Öko-Look daherkommen, in grüne Verpackungen eingepackt sein und dazu noch viel teuerer als konventionelle Produkte. Nein, sie müssen anziehend, fresh sein. Nahrungsmittel wie veganes Eis müssen lecker sein und es muss einfach selbstverständlich sein, dass sie angeboten werden, nicht mehr mit dem Label, dass sie grün und nachhaltig sind. Dafür gibt's im Buch jede Menge Beispiele, z. B. haben es ja auch die deutschen Öko-Latschen bis nach Hollywood geschafft.

Das Buch gibt eine Lektion im Marketing, es erklärt, was wer zu tun hat und veranschaulicht das gut. Da sind zwei Marketing-Pros am Werk.

So gibt es Customer Insights, es werden Indikatoren für die sogenannte Öko-Falle definiert, die fünf wichtigsten Aufgaben für Marketing-Verantwortliche definiert und was das 60%-Potenzial für unterschiedliche Anspruchsgruppen wie zum Beispiel die Politik und die Nachhaltigkeitsabteilungen bedeutet.

Das Buch wird seinem Anspruch gerecht, einen Denkansatz zu bieten, wie über Marketing und ökologische Nachhaltigkeit neu gedacht werden kann und wartet mit guten Tipps auf. Mehr dazu gibt in der ausführlichen Rezension auf meinem Blog Das Buchzuhause, den Link packe ich heute mal zur Abwechslung in den Kommentar.

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