Sag die Wahrheit! – Psychothriller um verlorengegangene Erinnerungen
Haltlos»Ich brauche die Psyche der Figuren, nicht ihr Blut.« Sarah Nisi
Emilys Freundin Liv ist tot. Sie stürzte auf die Gleise der Londoner U-Bahn und Emily hat es mit angesehen. Doch sie erinnert sich nicht ...
»Ich brauche die Psyche der Figuren, nicht ihr Blut.« Sarah Nisi
Emilys Freundin Liv ist tot. Sie stürzte auf die Gleise der Londoner U-Bahn und Emily hat es mit angesehen. Doch sie erinnert sich nicht daran. Diese Story hat mich direkt gepackt. Emilys Amnesie wird so realistisch geschildert, dass ich geradezu mit ihr mitfühlen konnte. Auch ihre Alpträume und Panikattacken sind gut nachvollziehbar. Wie furchtbar muss es sein, sich nicht erinnern zu können, ob es ein Suizid war, ein Unfall oder gar ein Mord. Oder ist die Amnesie ein Schutz, um das schreckliche Ereignis nicht immer wieder erinnern zu müssen?
Schauplatz des Buches ist vor allem das Barbican Estate, eine in den 1980ern entstandene Wohnanlage aus einer Zeit, in der Beton-Brutalismus als futuristisch galt. Als Handlungsort eines Thrillers eine großartige Szenerie. Auch es gibt nur wenige Protagonist*innen. Da sind Emily, der merkwürdige Nachbar Shakes, Emilys Exfreund Alex, der U-Bahnwärter Paul und die Tote Liv, die wir durch ihr Tagebuch näher kennen lernen. Sarah Nisi reduziert durch diese Kargheit der Handlungsorte und der Personen den Thriller auf das Wesentliche, nämlich auf die Frage, was wirklich passiert ist in der Holborn Station, Gleis 3. Emily sucht nach der Wahrheit und Sara Nisi bereitet uns damit eine spannende Lesezeit, bei der meine Nackenhaare sich aufgestellt haben. Eine tolle Geschichte mit genialen Plot-Twists!
„Haltlos“ von Sara Nisi ist ein echter Hingucker. Ein heller Blauton dominiert das Äußere – Farbschnitt, Titel und der Name der Autorin sowie die Umrandung des Titelbildes sind in diesem Blau gehalten. Das Titelbild – es könnte einen Flur im Barbican Estate zeigen – ist beinahe monochrom, schlicht und gerade dadurch entsteht eine Atmosphäre der Verlorenheit. Cover und Titel passen großartig zur Story. Eine posttraumatische Amnesie ist ja tatsächlich wie ein leerer Gang mit verschlossenen Türen.
Fazit: Ein brillanter Psychothriller, der ohne reißerische Szenen auskommt, und gerade dadurch überzeugt.