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Veröffentlicht am 30.01.2025

Worauf warten?

Sonnenhang
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„Das mit dem Glück ist wie mit dem Unglück, es schleicht sich hinterrücks an und ist einfach plötzlich da.“ [kindle, Pos. 2283]

Mit Ende dreißig bekommt Katharina eine erschütternde Diagnose, sie muss ...

„Das mit dem Glück ist wie mit dem Unglück, es schleicht sich hinterrücks an und ist einfach plötzlich da.“ [kindle, Pos. 2283]

Mit Ende dreißig bekommt Katharina eine erschütternde Diagnose, sie muss sich einer Operation unterziehen und kann künftig keine Kinder bekommen. Bislang hat sie sich damit getröstet, dass der Richtige noch nicht aufgetaucht ist, nun nützt das auch nichts mehr. Eine Traurigkeit legt sich über sie und lässt sie schwer los, da hat jemand die Idee, dass sie doch der Späßekenulla vom Seniorenheim Sonnenhang nachfolgen und dort jeden Samstag einen Spielenachmittag mit den Bewohnern abhalten könnte.

Nachdenkliche Worte prägen diesen Roman, ruhig, manchmal fast schwermütig begegnet uns die Hauptfigur Katharina, weiß sie doch momentan gar nicht, wie sie ihr Leid aushalten soll, während ihre Freundinnen mit ihren Babys spazieren gehen. Arbeit und Kneipennächte haben ausgedient, aber wo soll sie Sinn in ihrem Leben finden? Da kommt die ehrenamtliche Stelle im Sonnenhang gerade recht, vielleicht findet sie dort, wonach sie sucht? Und tatsächlich kommt Katharina auf andere Gedanken, sieht neue Wege, auch wenn es hier ebenso wenig ein Wunschkonzert gibt wie im Leben außerhalb der Seniorenresidenz. Gespräche und Späße mit den „Alten“ fachen langsam wieder eine Lebendigkeit in Katharina an, die sie schon verloren geglaubt hat, ein mutiger Blick in die Zukunft mit Vertrauen in sich selbst ist wieder möglich.

Überaus einfühlsam erzählt Kathrin Weßling eine Geschichte, die vom Leben geschrieben wird, schildert flüssig und schnörkellos eine Achterbahn von Enttäuschung und Aufraffen, zeigt anhand einer sehr authentischen Protagonistin, dass nicht jeder Rückschlag gleich das Ende ist. „Im Leben wartet man nicht auf den Tod, man wartet darauf, erwachsen zu werden, … dann wartet man auf die Liebe, … den Urlaub, …den Lohn, … dass die Kinder ausziehen und dann, dass die Kinder zurückkommen.“ [kindle, Pos. 1588] Ja, so ist es wohl.

Ein Buch, das keine rosarote Brille vor sich her trägt, ein Buch, das nichts verklärt, aber ein Buch, das das wahre Leben abbildet und Hoffnung sät.

Veröffentlicht am 30.01.2025

Ausgebrannt

Grenzfall – Ihre Spur in den Flammen
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Ein schicker Jaguar fährt kurz nach Mitternacht Richtung Bad Tölz, kommt von der Straße ab und brennt komplett aus. Eine Zeugin berichtet von einer zweiten Person, die sie noch in der Nähe des Unfalls ...

Ein schicker Jaguar fährt kurz nach Mitternacht Richtung Bad Tölz, kommt von der Straße ab und brennt komplett aus. Eine Zeugin berichtet von einer zweiten Person, die sie noch in der Nähe des Unfalls gesehen hat, ist aber aufgrund ihrer psychischen Verfassung nicht recht glaubwürdig. Als weitere Brandanschläge vorfallen, erhärtet sich der Verdacht, dass jemand gezielt nachgeholfen haben könnte, um den Wagen völlig zu zerstören. Aber was könnte das Motiv sein, wer der Täter?

Oberkommissarin Alexa Jahn auf deutscher und Chefinspektor Bernhard Krammer auf österreichischer Seite tappen im Dunkeln, sehen keinerlei Zusammenhänge und gehen von einzelnen zufälligen Vorfällen aus, aber im Unterbewusstsein fühlen sie schon, dass es solche Zufälle nicht geben kann. Zwischen den Ermittlungsarbeiten tauchen immer wieder Hinweise auf vergangene Fälle auf, die Serienkenner gut einordnen können, Neueinsteiger aber eher verwirren werden, daher empfehle ich bei dieser Reihe wirklich die chronologische Abfolge. Die kurzen kursiv gedruckten Einschübe wecken Neugierde, verraten aber sehr lange nur wenig. Drumherum nehmen alte Geschichten und Abschweifungen (zu) viel Raum ein, sodass von der eigentlichen Polizeiarbeit immer wieder ziemlich abgelenkt wird. Dafür gefallen mir die Anekdoten zum Johannisfeuer und die privaten Details zu Alexa und Krammer wiederum sehr gut, ebenso die landschaftlichen Beschreibungen, durch welche man sich bestens ins Geschehen hineinversetzen kann. Auch die sprachliche Umsetzung ist wieder gut gelungen, der Leser wird eingebunden in die Überlegungen der Kriminalisten und darf - wie diese - überlegen, welches der genannten Motive passen könnte.

Eine schöne Fortsetzung, insbesondere für Kenner der Krimireihe; ich freue mich schon auf Fall sechs.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 23.01.2025

Unruhen

Das verborgene Glück
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Politische Unruhen erreichen im Jahre 1902 die Hafenstadt Triest, das „kleine Österreich am Meer“, wodurch sich die Buchungslage in der familiären Pension Hortis drastisch verschlechtert. Viktoria lässt ...

Politische Unruhen erreichen im Jahre 1902 die Hafenstadt Triest, das „kleine Österreich am Meer“, wodurch sich die Buchungslage in der familiären Pension Hortis drastisch verschlechtert. Viktoria lässt sich abermals einiges einfallen, um Gäste anzulocken, während Fabrizio irgendwo auf seinem Weingut verschwunden zu sein scheint und ihr nicht mehr in gewohnter Weise bei den beliebten Weinverkostungen zur Seite steht. Aber nicht nur das, auch innerhalb der Familie des feurigen Italieners scheint es zu brodeln.

Nahtlos geht es in Band 2 weiter, wo Band 1 geendet hat, aber nein, es ist nur ein Traum. Die eben erst verwitwete Viktoria will sich nicht an einen Mann binden, will sich nicht von der Pension Hortis in Triest trennen, ebenso wenig, wie Fabrizio sein Weingut in Montechiaro d’Aqui aufgeben kann. Wird es den beiden Liebenden gelingen, einen gemeinsamen Weg zu finden? Es scheint aussichtslos, denn sowohl Viktoria als auch Fabrizio sind charakterstarke, ja sture Menschen, die sich schwertun mit Kompromissen und keine Halbherzigkeiten eingehen. Durch perfide Intrigen wird die Kluft immer größer statt kleiner. Auf ruhige, dennoch leidenschaftliche Art und Weise führt Charlotte Lyne ihre Leser durch die Handlung im Völkergemisch von Österreichern, Deutschen, Italienern und Slowenen. Wie nebenbei wird auch politischen Problemen ein Blick zuteil, was die Geschichte belebt und authentisch wirken lässt. Auch wenn es zwischendurch einmal etwas langatmiger wird, so überzeugt das bewegende Ende wieder voll und ganz und weckt Neugierde, ob es nach der letzten Neuigkeit noch eine Fortsetzung geben wird.

Wer eine Familiengeschichte mit durchsetzungsstarken Frauen sucht, wird hier bestimmt fündig.

Veröffentlicht am 21.01.2025

Familienclan

Verlassen
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Der bekannte und schwerreiche Snæberg-Clan verabredet sich für ein gemeinsames Wochenende anlässlich des hundertsten Geburtstages des Familienpatriarchen Ingólfur, der vor einigen Jahren verstorben ist. ...

Der bekannte und schwerreiche Snæberg-Clan verabredet sich für ein gemeinsames Wochenende anlässlich des hundertsten Geburtstages des Familienpatriarchen Ingólfur, der vor einigen Jahren verstorben ist. Treffpunkt ist ein supermodernes, stilistisch sehr nüchtern gehaltenes Hotel im Westen Islands. Es fließt der Alkohol, es wechseln die Stimmungen, bis ein Familienmitglied fehlt und eine Leiche im felsigen Lavafeld gefunden wird.

Die erste Überraschung trifft den Leser bei der Angabe der Jahreszahl, denn dieser Band spielt noch vor dem ersten Teil der interessanten Reihe „Mörderisches Island“ und muss somit ohne die Ermittlerin Elma auskommen. Aber auch Sævar und Hörður haben diesmal nicht allzu viel zu tun, denn hauptsächlich geht es um die Familienfeier der Snæbergs und deren verstrickte persönliche Angelegenheiten. Knappe Kapitel beleuchten das große Familientreffen, für welches das gesamte Hotel gemietet ist, wodurch nur enge Verwandte und ausgewähltes Personal den Ort der Handlung betreten. Die abgeschiedene Lage, das immer schlechter werdende Wetter und Menschen, die einander nicht nur freundschaftliche Gefühle entgegenbringen, sorgen für die angespannte Atmosphäre, die von Eva Björg Ægisdóttir gut vermittelt wird. Dazu kommen bedenkliche Nachrichten für die minderjährige Lea aus dem weltweiten Netz, wo sie eigentlich mit Birgir einen netten Freund gefunden zu haben glaubt.

Ein gewohnt angenehmer, eher ruhiger Schreibstil mit kurzen Abschnitten und wechselnden Sichtweisen führt durch die Handlung, Verborgenes und Geheimes dringen langsam an die Oberfläche. Trotz der unheilschwangeren Stimmung kommt aber keine wirklich bemerkenswerte Spannung auf, auch die persönliche Entwicklung von Sævar und Elma, die man bei den späteren Ermittlungen begleiten darf, findet hier keinen Raum; Elma wird überhaupt erst in den letzten Zeilen als künftige Nachfolgerin von Pétur genannt. Man muss also seine Erwartungen schnell beiseiteschieben, um nicht enttäuscht zu werden. Das Buch, für sich allein gesehen, ist aber durchaus lesenswert.

Fazit: ein unterhaltsames Prequel zu den folgenden Island-Fällen, bei welchen schlussendlich Elma und Hörður gemeinsam ermitteln und sich auch persönlich weiterentwickeln. Ungewohnt, anders, aber dennoch gut zu lesen, wenn man sich des Unterschieds bewusst ist.

Veröffentlicht am 20.01.2025

Offene Rechnung

Die Schanze
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Ellen hat ihr Heimatdorf verlassen, um Ärztin zu werden. Nach der Trennung von ihrem Freund kehrt sie dorthin zurück und sieht gleich in der ersten Nacht einen Toten von der Schischanze hängen. Ist das ...

Ellen hat ihr Heimatdorf verlassen, um Ärztin zu werden. Nach der Trennung von ihrem Freund kehrt sie dorthin zurück und sieht gleich in der ersten Nacht einen Toten von der Schischanze hängen. Ist das ihr Willkommensgeschenk? Wer hat hier noch eine offene Rechnung zu begleichen?

Mit einem brutalen Prolog eröffnet Lars Menz diesen Thriller und fesselt damit sofort seine Leser. Danach besteht die Spannung weitgehend aus der düsteren Atmosphäre im Dorf und den unterschwelligen Andeutungen, welche Tragödie sich einst zugetragen hat. Gibt es da etwa einen Zusammenhang mit dem Toten oder mit der Rückkehr Ellens? Sonderbare Figuren schleichen durch die Gegend und wecken Misstrauen durch ihr Verhalten, die Kälte, der Schnee, das Eis am Rande der Alpen tun ihr Übriges zur beklemmenden Stimmung. Geschickt lenkt Lars Menz den Verdacht auf unterschiedliche Personen und untermauert all die entsprechenden Überlegungen mit logischen Details. Am Ende hin gibt es wieder brutalere Bilder, bis endlich die Wahrheit ans Licht kommt.

Die Schanze ist ein gelungener Spannungsroman, der da und dort vielleicht noch mehr Nervenkitzel vertragen hätte, aber durch die interessanten Charaktere und Verdächtigen durchaus punkten kann. Mir hat das Lesen jedenfalls viel Spaß bereitet, weshalb ich das Buch gerne weiterempfehle.