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Veröffentlicht am 18.05.2025

Gelungener Auftakt einer neuen Krimireihe

Das Teufelshorn
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Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. ...

Isabell Flores ist eine ehemalige Kommissarin, die vom Job in der Großstadt ausgebrannt zurück in ihre Heimat in ein kleines Dorf auf Mallorca geht. Dort kennt sie alle und (fast) alle sind von ihr bezaubert. Ich irgendwie auch. Sie wird von ihren früheren Kollegen gebeten, mitzuhelfen, eine Entführung und später auch Mordfälle aufzuklären. Da trinkt sie hier mal einen Cortado, isst dort eine Kleinigkeit, telefoniert, fragt nach, schummelt ein bisschen und schwupps, klärt sie den Fall auf.

Anna Nicholas erzählt das Ganze mit viel Liebe zu Mallorca und einer Prise Humor, die mich total erreicht. Auch wenn alles ein bisschen zu glatt geht, Isabells Verbindungen in die ganze Welt reichen und die sie keinen Schlaf zu scheinen braucht, folge ich der story einfach gern. Vielleicht auch, weil Isabell nicht einen ganzen Packen Probleme mit sich herumträgt, sondern einfach mit ihrem Leben zufrieden ist. Die Figuren sind insgesamt nicht mit viel Komplexität, sondern einer Menge Liebe ausgestaltet. Selbst für einige der Schuldigen hat die Autorin ein großes Herz.

Im ganzen Buch spürt man viel Lebensfreude und den Rhythmus eines kleinen, noch nicht touristisch komplett überlaufenen Ortes auf der Insel. Da tauche ich sehr gerne ein, ziehe zwischenzeitlich meine eigenen Schlüsse und freue mich, dass sich einzelne Stränge zusammenreimen lassen und andere wiederum Isabells brillante Gedankenzüge brauchen.

Ein gelungener Auftakt einer Reihe, auf deren Fortsetzung ich mich freue.

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Veröffentlicht am 27.03.2025

Wer lügt und wer sagt die Wahrheit? Spannendes Verwirrspiel.

Der irische Fremde
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Marys Eltern sind beim Brand ihres Hotels ums Leben gekommen. Sie war bis dahin ein fröhliches Kind, dass durch den Anblick der toten Eltern schwer traumatisiert wurde. Man hat sie sofort aus ihrer Umgebung ...

Marys Eltern sind beim Brand ihres Hotels ums Leben gekommen. Sie war bis dahin ein fröhliches Kind, dass durch den Anblick der toten Eltern schwer traumatisiert wurde. Man hat sie sofort aus ihrer Umgebung gerissen. Und so heimat- und haltlos lebt sie ihr Leben, bis sie plötzlich einen Mann sieht, der Erinnerungen an das damalige Unglück auslöst.

Endlich stellt sie sich ihrer Vergangenheit, findet damalige Zeugen und gerät in einen Strudel aus Lügen, Vertuschungen und hin und wieder auch einem Fünkchen Wahrheit. Als Leser hat man genau den Wissensstand, den Mary hat. Dadurch löst sich die Geschichte in kleinen Schritten auf, wobei mit jeder gewonnenen Erkenntnis auch neue Zweifel aufkommen. Wer lügt und wem kann Mary überhaupt trauen? Während des Lesens hatte ich wohl so jeden in ihrem Umfeld im Verdacht, den Tod der Eltern verursacht zu haben. Ich habe immer leise gespürt, dass irgendwas an den Aussagen nicht 100%ig passt, aber was genau? Da lässt der Autor Michael Moor seine Leser gekonnt im Dunkeln tappen.

Das Buch ist genau richtig für einen düsteren verregneten Tag. Da kann man es in einem Rutsch lesen. Und das ist gut, denn mit zunehmendem Lesefortschritt will man unbedingt wissen, was nun eigentlich die Ursache für den Brand war.

Nicht nur der Fall ist spannend konstruiert, auch die Beschreibungen der Orte, in denen die Handlung spielt, ist gelungen. Manche Orte hatte ich beim Lesen bildlich vor Augen.
Alles in allem ein spannendes Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Behutsame Erzählung über generationsübergreifende Themen

Halbinsel
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Plötzlich zieht Linn wieder bei ihrer Mutter ein, in ein Haus in einem kleinen Dorf am Wattenmeer. Dabei hatte sie doch gerade nach ihrem Studium einen guten Job in Berlin angefangen und schien glücklich ...

Plötzlich zieht Linn wieder bei ihrer Mutter ein, in ein Haus in einem kleinen Dorf am Wattenmeer. Dabei hatte sie doch gerade nach ihrem Studium einen guten Job in Berlin angefangen und schien glücklich zu sein.

Stattdessen wirkt sie ausgeberannt, ist erschöpft, enttäuscht und scheint erstmal vieles mit sich selbst klären zu müssen. Und die Mutter weiß gar nicht recht, wie sie mit der sprachlosen Tochter umgehen soll „Was für eine Mutter bist Du jetzt? Eine, die mitfühlend und fürsorglich die passenden Worte findet? Eine, die sich zu viel Sorgen macht und ihrem Kind damit auf die Nerven fällt? Eine, die skeptisch reagiert, die sich fragt, ob ihr Kind überempfindlich ist oder falsche Vorstellungen vom Arbeitsalltag hat? Eine, die Ruhe bewahrt und still abwartet?“

Selten habe ich den mütterlichen Zwiespalt beim Beobachten ihrer erwachsenen Töchter besser beschrieben gesehen. Kristine Bilkau findet treffende schnörkellose Worte sowohl in Alltagssituationen als auch in Auseinandersetzungen ihrer beiden zu unterschiedlichen Generationen gehörenden Protagonistinnen. Sie greift aktuelle Themen wie den Umweltschutz auf und ist dabei niemals plakativ oder mit erhobenem Zeigefinger unterwegs. Stattdessen begleiten wir die beiden Frauen dabei, wie sie sich zuhören und akzeptieren, dass sie unterschiedliche Sichten auf die Dinge haben und sich gleichzeitig annähern „Dieses Gefühl, dass die Gegenwart einen Riss bekommt, hinter dem etwas lauert, und zwei Wahrnehmungen miteinander konkurrieren, das Vertraute und das Bedrohliche, …“.

Und so beginnt ein Prozess, in dem die Mutter (mutig) beginnt, ihre Ängste und Sorgen, ihre Wertvorstellungen und Lebensideale ein kleines Stück zu hinterfragen und die Tochter Mut fasst, ihren Kampf für ihr wichtige Themen wieder aufzunehmen – und dabei ihre Sprache wieder findet.
Das alles geschieht behutsam und mit feinen Beobachtungen der Autorin. Wenn zum Beispiel die Mutter damit hadert, dass die Tochter scheinbar ihre Chancen nicht nutzt: „Trotzdem, das Großziehen eines Kindes glich einem Bergaufstieg, mit aller Kraft hatte ich meine Tochter großgehievt, um ihr die Chance zu geben weiterzukommen als ich. Damit sie es leichter haben würde, bei allem, was ihr wichtig wäre. Und sie? Ließ sich einfach wieder herunterrutschen, hockte sich neben mich und sagte zu anstrengend, und außerdem- nicht so wichtig“.

Mit diesem Buch greift Kristine Bilkau viele Gedanken auf, die in unserer Gesellschaft im generationsübergreifenden Miteinander gerade relevant sind. Ein großartiges Buch, dass Mütter und Töchter zu Wort kommen lässt und zeigt, dass immer beide Seiten voneinander lernen können.
Unbedingte Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 06.02.2025

Wenn einem das Leben langsam entgleitet

Halbe Leben
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Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach ...

Zunächst erscheint es als praktische Lösung: Klara benötigt Hilfe bei der Betreuung ihrer dementer werdenden Mutter Irene. Paulina kann gut mit alten Menschen und braucht das Geld. Und Irene braucht einfach Hilfe im Alltag.

Doch ganz fein blättert Susanne Gregor Schicht um Schicht dieses brüchigen Abhängigkeitsverhältnisses auf. Wir fühlen mit, was es für Paulina bedeutet, für alle zwei Wochen Land und Familie zu verlassen, um im fremden Haushalt für Ordnung zu sorgen. Wie sie sich ihrem eigenen Umfeld langsam entfremdet. Und wie ihr alles zu viel wird.

Wir fühlen mit, wie Irene, zwischen ihren Lebensphasen hin und her springt, mal als kleines Kind, mal als alte Frau. Dies ist so feinfühlig beschrieben, da kommen beim Lesen fast die Tränen. Und wie klug Irene über Paulina (und sich selbst) feststellt „Auch sie hat außer diesem Leben noch ein anderes das sie alle zwei Wochen an- und wieder auszieht , auch ihr fehlt ein fester Boden, der die Schritte vorgibt, beide irren sie etwas richtungslos durch die Tage, und vielleicht ist das der Grund, warum sie sich ohne Worte verstehen,…“. Kann man Zerrissenheit besser beschreiben?

Zerrissen ist auch Klara. Sie brennt für ihren Beruf und muss doch für die Familie da sein. Wie praktisch ist da eine Paulina, die anfangs bereit ist, überall mit anzupacken und zu helfen. Doch wo sind die Grenzen zwischen um Hilfe bitten und ausnutzen?
Susanne Gregor widmet sich diesen Fragen mit viel Gefühl und ich bin eingetaucht in diese halben Leben der Frauen, die immer wieder zwischen ihren Orten – mal im wörtlichen Sinn, mal im Geiste- pendeln, sich (ver)irren und eine Heimat suchen.

Ein wirklich großartiges Buch!

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Blick hinter die Wohnzimmergardinen

Coast Road
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Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf ...

Alan Murrin nimmt uns mit in das Irland der 90er: streng katholisch, man heiratet nicht immer ganz freiwillig und ist aneinander gebunden bis zum Tod. Gerade gibt es erste Initiativen für das Recht auf Scheidung.

Wir sind in einem kleinen Ort, jeder kennt jeden und man versucht, nach außen eine heile Welt zu spiegeln. Das ist so bei Izzy, einer mutigen modernen klugen Frau, die an der Seite eines Abgeordneten lebt, der nun gar keine Angriffsfläche nach außen bieten möchte. Um so heftiger der verbale Kampf in den eigenen 4 Wänden. Das ist so bei Dolores, deren Mann permanent fremd geht und die lange dazu schweigt. Und das ist etwas anders bei Colette, denn die hat ihre Familie verlassen, um mit einem anderen Mann glücklich zu sein. Das Glück ist von kurzer Dauer und Colette kehrt zurück in den Ort. Ihr Mann verbietet es ihr, die Kinder zu sehen. Und Colette verliert den Halt, wirkt nach außen wie eine freie, unabhängige Frau und ist im Inneren komplett zerrissen. Diese Frauen kämpfen um ihr Glück und wir dürfen sie ein Stück auf ihrem (teilweise sehr hartem) Weg begleiten.

Sprachlich ist das Buch ein Genuss, das langsame Tempo und die Wortwahl passen für mich perfekt in die Zeit. Ich kann ganz tief eintauchen in die Welt der Frauen, mich identifizieren und mitfühlen. Es sin die kleinen Momente, die mich berühren und die Welt lebendig werden lassen.

Auch optisch ist das Buch ein Highlight – nicht nur der Schutzumschlag ist sehr gelungen mit dem „Blick hinter die Kulissen“, auch das Hardcover ist farbig gestaltet und ein Schmuckstück.

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