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Veröffentlicht am 26.01.2025

Erschreckende Entwicklungen fachlich hervorragend dargestellt

Digitale Diagnosen
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In ihrem Sachbuch zum Umgang mit psychischer Gesundheit im Rahmen von Social Media Kanälen beleuchtet die österreichische Soziologin Laura Wiesböck ein internationales Phänomen der letzten 20 Jahre, welches ...

In ihrem Sachbuch zum Umgang mit psychischer Gesundheit im Rahmen von Social Media Kanälen beleuchtet die österreichische Soziologin Laura Wiesböck ein internationales Phänomen der letzten 20 Jahre, welches sich aktuell immer stärker zuspitzt, absurder aber auch gefährlicher wird. Dabei stellt sie heraus, dass psychische Belastungen in den sozialen Medien zu schnell krankhaft dargestellt werden und damit profunde psychische Störungen von User:innen und allgemein in der Gesellschaft mehr und mehr verschwimmen. Dabei weißt sie durchaus darauf hin, dass „krank“ und „gesund“ keine objektiven Parameter sind, sondern sozial konstruiert. Somit werden sie auch gesellschaftlich vermittelt und es kommt zu spezifischen „Moden“ bezüglich der Nutzung dieser Begrifflichkeiten und Diagnosen. Da für Nutzer:innen die Grenze zunehmend verschwimmt zwischen psychiatrischer Diagnose und Fragen der emotionalen Ausgeglichenheit und Funktionalität werden „normale“ Schwankungen im psychischen Befinden schnell pathologisiert. So bewegt sich das Themengebiet der psychischen Gesundheit in einer post-faktischen Gegenwart der sozialen Medien zwischen einer durchaus wichtigen Enttabuisierung, einer verharmlosenden Glamourisierung sowie einer hoch gefährlichen Kommerzialisierung und Aneignung von psychischen Erkrankungen.

Als Diplom-Psychologin bin ich fachlich von diesem Sachbuch wirklich massiv angetan. Trends, die mir in den letzten Jahren – verstärkt seit der Covid-19-Pandemie – in der Praxis zunehmend aufgefallen und auch unangenehm aufgestoßen sind, finden hier eine Entsprechung in Buchform. Bei jedem Satz gerade im anfänglichen, beschreibenden Teil des Buches hätte ich am liebsten laut „Ja, genauso ist es!“ ausgerufen. Sehr präzise stellt die Autorin dar, wie gefährlich ungenaue Beschreibungen von psychischen Zuständen bis hin zu tatsächlich „behandlungswürdigen“ Erkrankungen in den sozialen Medien auf die Menschen wirken und welche katastrophalen Folgen die Generierung von Inhalten ausgehend von gewinnorientierten Algorithmen wirken können. Sie zeigt auf, wie die Praxis, ambivalentes menschliches Verhalten und Empfinden mit eindeutigen (aber eben in dieser eindeutigen Form nicht sinnvollen) Zuschreibungen zu vereinfachen, zu kategorisieren und zu standardisieren, im derzeitigen technologischen Design verankert sind (S.61). Sehr genau beschäftigt sie sich mit den Anreizsystemen der verschiedenen Social Media Plattformen und wie diese – passend zum neoliberalen Gesellschaftsmodell – eine Spirale nach unten bilden können. Immer wieder verknüpft die Autorin sehr nachvollziehbar, wie das aktuell vorherrschende Gesellschafts- und Geschäftsmodell auf psychische Gesundheit einwirkt und durch die sozialen Medien verstärkt wirkt.

Mit gefällt besonders der Aufbau des Buches, der vom Mikrobereich einzelner Beispiele aus Kanälen sozialer Medien sich zum Ende hin im Makrobereich zu einer allgemeineren Gesellschaftskritik bezogen auf das Themengebiet entwickelt. Dort spart die Autorin auch nicht an Kritik gegenüber der aktuellen Psychologie und Psychiatrie und das Konzept der psychischen Erkrankung als solches, da doch letztlich alles eine Frage der Abweichung von einer normativ gesellschaftlich und auch politisch entstandenen Krankheitsdefinition. Man nehme das Beispiel der Homosexualität, die zunächst als krankhaft eingestuft wurde und mit der Streichung aus den Kriterienkatalogen plötzlich ein großer Teil der Bevölkerung als nicht mehr krank galt, was zuvor noch der Fall gewesen ist.

Als einziger, klitzekleiner Kritikpunkt muss ich anmerken, dass ich das Gefühl hatte, die Autorin wiederholt sich zum Ende hin bezüglich mancher Aussagen. Dies mag daran liegen, dass diese die für sie wichtigsten Take-Home-Messages sind und sie daher diese besonders unterstreichen wollte. Aber dies ist Meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt ist dieses Buch ein echter Gewinn in der Betrachtung moderner Einflüsse auf ein (durchaus zu hinterfragendes) System von psychischer Krankheit und Umkehrschluss Gesundheit.

Ich kann das Buch eigentlich allen ans Herz legen. Es gibt keinerlei fachliche Ungenauigkeiten, ist präzise formuliert, vertritt eine starke Haltung.

4,5/5 Sterne

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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 25.12.2024

Kein Mensch ist illegal

Die Frau im blauen Mantel
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Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent ...

Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent in diesem Roman ergreifend und tief bewegend auf.

Das Buch ist ausschließlich durch Berichte über eine afrikanische Frau, die Europa von der Küste Siziliens bis zu ihrem Ziel Berlin durchquert, gestaltet. All die Berichte werden von Beobachtern erzählt, die nur für einen kurzen Moment oder über mehrere Monate mit ihr zu tun hatten. Für einen großen Teil des Buches erfahren wird nichts über die intimen Gedanken der Frau. Wir erfahren nicht einmal, aus welchem Land die Frau stammt, wie sie wirklich heißt. Wir bleiben außenstehende Beobachter. Im weiteren Verlauf wird klar: Was hier wahr oder wahrhaftig ist, was erfunden, was falsch erinnert, ist nicht so einfach herauszufinden, wie man denkt. Geschickt schafft es der Autor sich zwar nüchtern auszudrücken und doch immer mehr dieser zunächst gesichtslosen Person (einer von vielen), eine Geschichte zu geben. Sie sichtbar zu machen. Genial taucht er ein in die verschiedenen Stimmen der Protokollanten, die mit umso größerem Ego, mehr von sich selbst als von der Afrikanerin berichten. Ergreifend ist das Plädoyer, welches ein befragter Igbo-Pfarrer der Afrikanischen Flüchtlingshilfe zur "Festung Europa" hält und sich damit weigert, dem Befrager irgendwelche Informationen über diese Illegale zu geben. Aus Prinzip. Wozu diese Berichte überhaupt dienen, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Dies erfährt man erst, wenn man sich auf diesen großartigen Roman bis zum Schluss einlässt.

Vieles bleibt in diesem Roman offen, trotzdem setzt sich mit jeder Seite das Puzzlebild dieses unkonventionellen Frauenschicksals ein wenig mehr zusammen. Obwohl es sich um unglaublich schwere Kost handelt, liest sich der Roman nicht tonnenschwer herunter. Nein, man fliegt durch diesen ungewöhnlichen Text nur so. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Vom Samenkorn zur Pflanze

Wie du dein eigenes Saatgut gewinnst – und so ein kleines Stück Welt rettest
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Sigrid Drage hat mal wieder ein äußerst anregendes Buch aus der WElt der Permakultur vorgelegt. Diesmal geht es um die Saatgutgewinnung, welche nicht nur im Mikrokosmos des eigenen Gartens Sinn macht, ...

Sigrid Drage hat mal wieder ein äußerst anregendes Buch aus der WElt der Permakultur vorgelegt. Diesmal geht es um die Saatgutgewinnung, welche nicht nur im Mikrokosmos des eigenen Gartens Sinn macht, sondern, wie wir hier lernen, auch im Makrokosmos der globalen Monopolisierung durch Saatguthersteller wie Monsanto und Co.

Zunächst bietet Drage in ihrer Einführung zum Buch ein mitreißendes Plädoyer für den ökologischen Anbau sogenannter samenfester Pflanzen im eigenen Garten und - um den Kreislauf zu schließen - auch das Nutzen der sowieso vorhandenen Saaten dieser eigenen Pflanzen. Neben der oben genannten wirtschaftlich-politischen Dimension wird ebenso anschaulich erklärt, dass nur so Evolution im eigenen Garten passieren kann. Damit unsere Pflanzen sich Jahr für Jahr an die Standortbedingungen anpassen können, müssen wir eigenes Saatgut gewinnen und nicht jedes Frühjahr aufs neue (im schlimmsten Fall Hybrid-)Samen im Laden kaufen.

Nach dieser Mobilmachung gehts ans Konkrete. Welche Arten der Saatgutgewinnung gibt es und für welche Pflanzen sind diese geeignet. Denn: Einfach nur Samen in die Erde stecken, gelingt nicht immer. Der Reifeprozess, die Samenreife und Keimfähigkeit spielen eine Rolle. Zuletzt bekommen wir noch schön übersichtlich die wichtigsten Pflanzenarten im hinteren Drittel des Buches vorgestellt.

Das gesamte Buch ist hochinformativ und dabei auch noch wunderschön gestaltet. Bei diesen Fotos möchte man sofort auch so einen Permakultur-Garten haben. Es gibt eigentlich nichts auszusetzen am Buch. Ein klitzkleiner Punkt, auf den ich mich unter anderem gefreut hatte, fehlt jedoch: Die Vermehrung von Bäumen. So gibt es sogar ein Unterkapitel mit dem Namen "Da ist was im Busch: (Wild-)Sträucher und Bäume vermehren". Nur leider geht es dann ausschließlich um die (Wild-)Sträucher. Bäume und im Speziellen Obstbäume, die mich besonders interessiert hätten an dieser Stelle, tauchen leider gar nicht mehr auf. Schade.

Wenn man auf diesen einen Punkt verzichten kann, stellt dieses Buch definitiv ein Standardwerk zur Saatgutgewinnung für alle Bio-Gärtner*innen dar und sollte keinesfalls als Nachschlagewerk im (Garten-)Bücherregal fehlen. Ich bin (fast) restlos begeistert.

Veröffentlicht am 24.12.2024

Mitreißende Coming-of-Age-Geschichte

Hard Land
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Von allein hätte ich mir diesen Roman eigentlich gar nicht gekauft. Nun war er aber in der Büchergilde Abobox und ich musste mich damit "arrangieren". So dachte ich jedenfalls. Aber diese Lektüre war definitiv ...

Von allein hätte ich mir diesen Roman eigentlich gar nicht gekauft. Nun war er aber in der Büchergilde Abobox und ich musste mich damit "arrangieren". So dachte ich jedenfalls. Aber diese Lektüre war definitiv mehr als nur ein notdürftiges Arrangement. Wells beschreibt sehr feinfühlig aus Sicht des 15-/16Jährigen Sam dessen Geschichte über Verlust, Liebe und Freundschaft in der Mitte der Achtziger Jahre.

Der Roman liest sich nicht nur leicht und fluffig runter, sondern entwickelt eine ungeahnte Tiefe, was die Charakterentwicklung Sams angeht. Man möchte fast sagen "süß", wie er die Geschehnisse des Sommers 1985 im Rückblick erzählt, Warum "süß"? Weil nur ein Jahr dazwischen liegt und er nur einen Sommer später - wie es Kinder und Jugendliche so an sich haben - auf die scheinbar weit zurückliegende Vergangenheit schauen. Nicht nur dieses Stilmittel sondern auch die Art von Sams Gedankengängen und Betrachtungen wirken äußerst authentisch. Und nicht nur Sams Erzählung wirkt authentisch, sondern auch das gesamte Feeling der 80's, das mit diesem Roman heraufbeschworen wird.

Mit hat an diesem Buch gefallen, dass Wells mit dem Thema "Coming-of-Age" auch kreativ auf der Metaebene umgeht. Nicht nur ist es Thema des Romans, sondern auch eines in der Geschichte um Sam immer wieder auftauchenden Gedichtband eines Poeten dieser kleinen, verlassenen Stadt in Missouri. Schön gemacht.

Insgesamt hat mir die Lektüre dieses "unerwarteten" Buches sehr gut gefallen. Ich hätte mir ein kleines bisschen mehr Unvorhersehbarkeit im Plot gewünscht, dabei handelt es sich jedoch um Jammern auf hohem Niveau. Ein empfehlenswertes, leichtes "Sommerbuch" für zwischendurch, was ich bei 4,5 Sternen ansiedeln würde.

Veröffentlicht am 29.09.2024

Hier ist der Weg das Ziel

Das große Spiel
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In Richard Powers richtet in seinem neuen Roman „Das große Spiel“ den Blick auf die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte aber auch wohin es in der nahen Zukunft gehen könnte. Dafür versammelt ...

In Richard Powers richtet in seinem neuen Roman „Das große Spiel“ den Blick auf die technischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte aber auch wohin es in der nahen Zukunft gehen könnte. Dafür versammelt er verschiedene Protagonist:innen, deren Lebenswege nachgespürt werden und die letztlich alle zusammenführen. So geht es inhaltlich nicht nur um das große, durch den Menschen ausgelöste Artensterben vor allem in den Weltmeeren, sondern auch um die Entwicklung von Computertechnik bis hin zur KI.

Wer hier einen actiongeladenen Umweltthriller erwartet, wird eventuell enttäuscht werden, denn Powers konzentriert sich über viele hunderte Seiten hinweg hauptsächlich drauf, die einzelnen handelnden Personen des Romans vorzustellen. Bis man dann irgendwann merkt, dass es gar nicht um die Einführung von Figuren geht, sondern dass in diesem Roman der Weg das Ziel ist. Es geht um genau diese verschiedenen Lebensentwürfe und wie sie mit einander und mit dem Schicksal des Planeten verschränkt sind. Da haben wir den hochbegabten Todd Keane, der aus guten hause stammt und sich schon zu Schulzeiten mit dem ebenso hochbegabten Schwarzen Rafi Young anfreundet. Während das Programmieren Todds Steckenpferd ist, stellt dies bei Rafi das Schreiben, die Lyrik dar. Und da gibt es noch die Meeresbiologin Evie Beaulieu, welche schon als Kind tauchen lernt und sich in der Mitte des 20. Jahrhunderts als Frau in der Feldforschung behaupten muss. Sowie Ina Aroita, eine Künstlerin, welche schon immer auf Inseln lebte und deren Identität von den Vorfahren des Meeres geprägt ist.

All diese Leben sind miteinander verwoben. Immer wieder gibt uns Powers durch Rückblicke Hinweise, auf welche Art und Weise und letztlich können wir das Gesamtbild mit dem Clou der Geschichte erst zum Ende hin vollständig greifen. Diesen besagten Clou habe ich bezogen auf sein Auftauchen zwar erwartet, aber inhaltlich nicht vorhersehen können, was für mich ein massiver Pluspunkt des Buches ist. Wer schon viele Geschichten zum Thema KI gelesen hat, kann nur noch selten überrascht werden. Powers ist dies hier gelungen.

Des Weiteren eröffnet er ein unglaublich wissenswertes Themengebiet um die vielen Inseln mitten im Ozean von Französisch-Polynesien. Inseln mit all ihrer Natur und ihren Bewohnern, die von den französischen Eroberern bis weit in die 1960er Jahre hinein und bis heute ausgeraubt werden. Auf deren Atollen man meinte, Atomtests durchführen zu können. Speziell Makateas Phosphatvorkommen wurden rücksichtslos abgebaut und eine geschundene Insel hinterlassen. Auf dieser Insel spielt die „Gegenwartshandlung“, welche nur leicht in die Zukunft versetzt wurde. Man weiß schnell, dort wird es zum Showdown kommen. Und man wird nicht enttäuscht. Nur die Art des Showdowns ist wirklich eine Nummer für sich.

Insgesamt liest sich „Das große Spiel“ wirklich sehr süffig weg. Wenn man die knapp 510 Seite gelesen hat, wundert man sich, wie man durch sie hindurchgeflogen ist. Für mich gab es nur selten die ein oder andere Länge in den Geschichten. Letztlich fügte sich hier aber alles zusammen, sodass ich gern eine Leseempfehlung für den Roman ausspreche. Allein schon für die leicht verständliche Darstellung der Entwicklungsstufen von Künstlicher Intelligenz lohnt eine Lektüre, aber natürlich auch für das eindringliche Aufzeigen der menschlichen Zerstörungskraft und den Appell unseren Planeten mit all seinen Lebewesen nicht noch mehr zugrunde zu richten, sondern die Kehrtwende zu forcieren.

4,5/5 Sterne

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