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Veröffentlicht am 28.01.2025

Der slowakische Engel

Halbe Leben
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Klaras Mutter braucht nach einem Schlaganfall Unterstützung. So richtet Klara kurzerhand den ersten Stock im Haus entsprechend ein und engagiert eine slowakische Pflegerin, Paulína. Rasch gewöhnt man sich ...

Klaras Mutter braucht nach einem Schlaganfall Unterstützung. So richtet Klara kurzerhand den ersten Stock im Haus entsprechend ein und engagiert eine slowakische Pflegerin, Paulína. Rasch gewöhnt man sich aneinander, Klara stürzt sich wieder voll und ganz ins Berufsleben, Mutter Irene kommt bald gut aus mit ihrer fürsorglichen Betreuerin, und auch Ehemann Jakob und die zehnjährige Tochter Ada sind zufrieden. Paulínas eigene Kinder sind während ihrer jeweils 14tägigen Abwesenheit bei der Schwiegermutter. Es scheint alles bestens geregelt – bis Klara in den Tod stürzt.

Raffiniert beginnt Susanne Gregor mit dem Ende ihrer Geschichte und lässt dem Leser somit viel Spielraum für eigene Interpretationen und Überlegungen, wie es zu diesem hat kommen können. Klar und schnörkellos in ihrer Sprache erzählt die Autorin von zwei Frauen, deren Wege einander kreuzen, so unterschiedlich sie auch sind. Da ist die erfolgreiche Klara in Österreich auf der einen Seite, die finanziell kaum über die Runden kommende Paulína aus der Slowakei auf der anderen Seite. Familie, Alter, Betreuung, Wurzeln und Nähe, Fremde und Auseinanderdriften sind zentrale Themen im Buch, die auf direkte, aber einfühlsame Weise angesprochen werden und den roten Faden durchs Geschehen ziehen. Nicht nur einmal kann man sich als Leser mit einzelnen Szenen identifizieren und fühlt sich gleichsam ernüchtert wie berührt von den feinen atmosphärischen Nuancen, welche stets im Text mitschwingen. Ihre Figuren beschreibt Gregor realitätsnah und so lebendig, als hätte man alle direkt vor Augen, sehr gut kann man sich daher in sie hineinversetzen und ihre Handlungen verstehen, wenn auch nicht immer gutheißen. Das offene, frei interpretierbare Ende passt für mich bestens zum bisherigen Geschehen und lässt mich überwältigt zurück.

Ein großartiger Roman mit vielen wichtigen Überlegungen zu unserem Leben, ohne ins Theoretische abzudriften, eine gelungene Melange aus Ernst und Unterhaltung, spannend wie ein Krimi – ich empfehle dieses hervorragende Buch wirklich gerne weiter!


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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2025

Ende gut ...

Die Bergwacht: Schneetreiben
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Seit vier Monaten ist Bergwachtleiterin Lena mit Ben zusammen. Lenas Geburtstag verbringen die beiden in einer abgeschiedenen Berghütte, als ein Notruf hereinkommt: ein Gleitschirmflieger ist in die Seilbahn ...

Seit vier Monaten ist Bergwachtleiterin Lena mit Ben zusammen. Lenas Geburtstag verbringen die beiden in einer abgeschiedenen Berghütte, als ein Notruf hereinkommt: ein Gleitschirmflieger ist in die Seilbahn gekracht. Lena ist überrascht, wen sie aus der Gondel befreien muss und gerät kurz darauf in ein Dilemma.

Lebendig und bildhaft beschreibt Sophie Zach die Szenerie in den verschneiten Bergen, geht detailliert auf die herausfordernde Bergung ein und besticht durch bestens recherchierte Einzelheiten. Ebenso genau entwirft sie ihre Figuren, die man im besten Fall schon aus den Vorgängerbänden kennt, aber auch ein Einstieg beim „Schneetreiben“ ist bestimmt möglich. Einzelne Einsatzprotokolle sind Lenas Tagebuch nachempfunden, dann wird das Geschehen wieder romanhaft erzählt. Als Leser ist man stets hautnah dran an den aufregenden Ereignissen, die sich diesmal, im Jänner, rund um die Lawinengefahr drehen, um Naturschutz allgemein und – selbstverständlich auch um ganz persönliche Empfindungen. Durch den fesselnden Schreibstil fühlt sich auch dieser Bergwachtband oft an wie ein Krimi und hält den Leser in Atem. Man fiebert in verschiedenen Situationen mit Lena und ihren Kameraden mit, die Spannung hält an bis zur letzten Seite.

Mir hat die gesamte Reihe viel Spaß bereitet, ich empfehle sie sehr gerne weiter!

Veröffentlicht am 27.01.2025

Dräuende Gewitterwolken

Die Bergwacht: Gipfelstürme
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Lena ist seit Kurzem Leiterin der Bergwacht, aber irgendwie stimmen der Zusammenhalt und das Vertrauen in der Gruppe nicht mehr richtig. Weitere Herausforderungen bringt ein Extrem-Berglauf am Teufelskopf, ...

Lena ist seit Kurzem Leiterin der Bergwacht, aber irgendwie stimmen der Zusammenhalt und das Vertrauen in der Gruppe nicht mehr richtig. Weitere Herausforderungen bringt ein Extrem-Berglauf am Teufelskopf, der als Werbeveranstaltung für ein künftiges Sportlerhotel im Lawinenschutzgebiet angekündigt ist. Dräuende Gewitterwolken aller Art verdunkeln die Stimmung in Bichlbrunn.

Bildreich, farbenfroh, naturnah, so schildert Sophie Zach die nach außen hin idyllische Welt des Bergdorfes. Aber wer genauer hinsieht, merkt, dass dem nicht immer so ist. Spannungen in der Gruppe der Bergwachtler, kontroverse Meinungen zu den Plänen rund um das neue Hotel, Schmetterlinge im Bauch, die da gar nicht flattern dürften, herausfordernde Einsätze für die Bergretter sorgen für Turbulenzen und Aufregung. Die übersichtlich und liebevoll gestalteten Kapitel bieten abwechslungsreiche Handlungsstränge und kurzweilige Szenen. Als Leser darf man Lena in die gefährliche Bergwelt begleiten und anderntags mit ihr im Eissalon sitzen, wo abenteuerliche „creazione“ wie „Weißwursteis“ angeboten werden. Ernsthaftigkeit bei jedem Einsatz, Humor bei einem Glas Bier, in allen Facetten begegnen wir Lena und ihren Kameraden, zu denen am Rande auch der Ranger Ben zählt. Ist es nur Freundschaft, welche die beiden nach jahrelanger Feindseligkeit im Kindesalter verbindet? Lest einfach selbst, wie kunterbunt und gar nicht altmodisch es zugeht in Bichlbrunn in den Bayerischen Alpen!

Mir hat‘s wieder sehr gut gefallen, weshalb ich gleich im dritten Band weiterlese, was da noch alles kommen mag. Empfehlung!

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Forscherinsel

Eisiges Glas
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Kriminalinspektorin Leonore Asker, genannt Leo, ist gar nicht so unglücklich als Leiterin der „Abteilung für hoffnungslose Fälle und verlorene Seelen“ im ersten Untergeschoss, in die man sie kürzlich verbannt ...

Kriminalinspektorin Leonore Asker, genannt Leo, ist gar nicht so unglücklich als Leiterin der „Abteilung für hoffnungslose Fälle und verlorene Seelen“ im ersten Untergeschoss, in die man sie kürzlich verbannt hat. Denn – wie sie bemerkt – bekleckert sich Kollege Jonas Hellman wieder einmal nicht mit (eigenem) Ruhm und noch dazu beginnt er eine Jagd auf Per Asker, Leos Vater, mit dem sie selbst seit fünfzehn Jahren nicht mehr gesprochen hat. Zur selben Zeit erhält Leos Kindheitsfreund, Martin Hill, den Auftrag, auf einer abgeschirmten Insel ein Buch über den dortigen Technologiepark zu schreiben.

Spannende Handlungsstränge, geheimnisvolle Orte, Urban Exploration – die Erkundung von verlassenen und verfallenden Gebäuden, die sonderbare Ermittlungsgruppe rund um die kluge Leo, der ruhige, besonnene Martin – eine gelungene Mischung aus interessanten Bausteinen, welche letztendlich für kurzweilige Unterhaltung und packende Lesestunden sorgen. Die einzelnen Szenen sind durch eingehende Recherche bzw. de la Mottes Erfahrung als Polizist und Mitarbeiter im Sicherheitswesen durch Detailtreue und Logik geprägt, auch im medizinischen Bereich, der mit der Insel im Zusammenhang steht, wirkt die Idee rund um die Forschungen authentisch. Die Insel ist also zweierlei: sowohl Ort von wissenschaftlicher Grundlagenanalyse, als auch Ort für aufregende Urban Exploration-Ausflüge, seit man dort ein UFO und Außerirdische gesehen haben will. Geschickt werden diese unterschiedlichen Geschichten miteinander verwoben, mittendrein kommt dann noch Leo Askers persönliche Betroffenheit, sodass das Ganze überaus abwechslungsreich wird. Trotz der hohen Seitenzahl bleibt die Handlung überwiegend dynamisch, weckt die Kürze der einzelnen Kapitel immer wieder Neugierde darauf, wie es gerade an anderer Stelle weitergeht.

Lesevergnügen der besonderen Art mit ungewöhnlichen Themen und noch ungewöhnlicheren Figuren. Stille Falle als Start ist aus meiner Sicht empfehlenswert.

Veröffentlicht am 23.01.2025

Ein Freund

Im Schnee
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Der Schorsch ist tot und Max begibt sich zur Totenwacht, die auch immer seltener so abgehalten wird wie früher, wie es sich gehört, wie man es gewohnt ist. Bis Mitternacht die Männer, danach bis zum Morgengrauen ...

Der Schorsch ist tot und Max begibt sich zur Totenwacht, die auch immer seltener so abgehalten wird wie früher, wie es sich gehört, wie man es gewohnt ist. Bis Mitternacht die Männer, danach bis zum Morgengrauen die Frauen. Max bleibt die ganze Nacht bei seinem Freund, lauscht den alten Schwänken und schildert selbst die ein oder andere Begebenheit.

Ruhig wie das Titelbild erscheint auch die Geschichte vom Leben und vom Sterben. Einen Tag und eine Nacht begleiten wir den alten Max, der schon über achtzig ist und das Totenglöckchen hört, als er stumm am Fenster steht und in die friedliche weiße Schneelandschaft hinausblickt. Wer wird es diesmal sein? Wer wird künftig nicht mehr ins Wirtshaus kommen? Es ist Schorsch, der nur im Pass und beim Pfarrer Georg Wenzel hieß, ansonsten stets der Schorsch war, ein angenehmer Nachbar, Maxens Freund seit Kindertagen.

In einfachen Sätzen und knappen Bildern schildert Tommie Goerz das Dorfleben einst und jetzt. Die Alten werden immer weniger, die gute alte Zeit immer blasser, wahrscheinlich war nicht immer alles so gut, wie es später scheinen mag. Durch einen hervorragenden Schreibstil wird die Atmosphäre der Totenwacht ebenso gut eingefangen wie der Blickwinkel der Zugezogenen und der Durchreisenden, die Dinge sehen, die man gar nicht sehen kann. Wie tief ist denn der Teich und was verbirgt sich wohl auf dessen Grund? Austhal als Stellvertreter für Dörfer, die aussterben, Gedanken bei der Totenwacht über Erlebnisse, die bald keiner mehr teilt, Hofnamen und Gewerke, an die sich niemand von den Neubürgern in der abseits liegenden Siedlung erinnert.

Ein Roman, der nicht nur erzählen, sondern auch schweigen kann, der mehr zwischen als mit den Zeilen sagt und den Leser mit seiner melancholisch-friedvollen Stimmung abholt. Ich bin gerührt ob der Macht von weniger als 200 Seiten. Absolute Empfehlung!

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