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Veröffentlicht am 28.01.2025

Der zweite Teil bietet noch mehr Krimi

Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente: Das Zeichen der Fünf
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Mit „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ ist der amerikanischen Autorin Ali Standish ein unterhaltsamer und vor allem ideenreicher Auftakt in eine Kinderbuchreihe gelungen, ...

Mit „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ ist der amerikanischen Autorin Ali Standish ein unterhaltsamer und vor allem ideenreicher Auftakt in eine Kinderbuchreihe gelungen, die mehr oder weniger im Universum von Arthur Conan Doyle spielt. Seit dem 28. Januar 2025 liegt nun endlich die lang ersehnte Fortsetzung „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente: Das Zeichen der Fünf“ in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag vor. Fans der Reihe sind natürlich gespannt, ob es der Autorin gelingt, das Universum rund um Arthur Doyle und seine Freunde im Internat Baskerville Hall angemessen fortzuführen.
Der erste Band der Reihe konnte mit zahlreichen lustigen Einfällen und einer faszinierenden Erzählwelt punkten, auch wenn er kleinere Schwächen aufwies. Das Gespann rund um den Hauptprotagonisten Arthur Doyle – bestehend aus Mary Morstan, Irene Eagle, Jimmie Moriarty und Grover Kumar – versprach viel Potenzial. Nun kehrt Arthur für sein zweites großes Abenteuer an die Schule Baskerville Hall zurück, diesmal weniger extravagant als im ersten Teil. Doch kaum ist er angekommen und hat sich wieder mit seinen Freunden zusammengefunden, nehmen erneut seltsame Vorkommnisse ihren Lauf.
Arthur findet seinen Lehrer Professor Holmes reglos in dessen Zimmer vor. Zum Glück ist der Professor nicht tot, sondern liegt nur im Koma. Dennoch ist für Arthur sofort klar: Holmes wurde vergiftet. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Fall. Nach und nach deckt Arthur ein Geheimnis auf, das vor vielen Jahren seinen Anfang nahm. Dieses Geheimnis steht nicht nur mit einem rätselhaften Zeichen in Verbindung, sondern hängt auch mit den Ereignissen aus dem letzten Abenteuer zusammen.
Ali Standish gelingt es, Arthur und somit die Leser schnell und ohne viel Aufhebens zurück ins Internat zu bringen, wo die Handlung zügig Fahrt aufnimmt. Allerdings fehlt diesmal ein entscheidender Reiz, der den ersten Band so spannend gemacht hat: das Ankommen und Erkunden des Internats. Gemeinsam mit den Protagonisten konnte man im ersten Teil eine fremde und neue Welt entdecken, die sich durch viele Eigenheiten auszeichnete. Da der Handlungsort im zweiten Band jedoch weitgehend bekannt ist, fällt diese Art der Spannung weg. Zudem bringt der zweite Band kaum neue Örtlichkeiten oder Figuren mit sich. Das Personal ist bereits bekannt, und Standish konzentriert sich in erster Linie auf die Entwicklung der Charaktere.
In diesem Punkt zeigt die Autorin allerdings ihre Stärken. Vor allem das zunehmende Misstrauen zwischen Arthur und seinen Freunden sorgt für Dramatik und bringt das Gefüge der Gruppe ins Wanken. Die Handlung selbst weist deutlich mehr kriminalistische Züge auf als im ersten Band. Die vermeintlichen Mordversuche und Arthurs Recherchen erinnern an klassische Kriminalgeschichten, nur eben in einer für Kinder geeigneten Form. Vor allem im Mittelteil wirkt die Geschichte dadurch weniger magisch und rätselhaft, als man es aus dem ersten Teil gewohnt ist. Dennoch baut sie eine gewisse Spannung auf, und junge Leser dürften ihren Spaß daran haben, herumzurätseln, wie sich die verschiedenen Puzzlestücke am Ende zusammenfügen.
Fans des ersten Teils können sich auf jeden Fall auf eine gelungene Fortsetzung freuen, auch wenn der zweite Band nicht vollends an die Qualität seines Vorgängers heranreicht. Hauptgrund dafür ist das Fehlen wirklich neuer Elemente. Zudem zeigt sich, dass das Figurenensemble in seiner Gesamtheit etwas zu umfangreich angelegt ist. Während die vielen unterschiedlichen Charaktere im ersten Band mit ihren Eigenheiten und ihrer Eigenwilligkeit für viel Unterhaltung sorgten, kann ihr Potenzial in einem einzigen Folgeband nicht voll ausgeschöpft werden. Hier fehlt es schlichtweg an Kapazität. Umso mehr kann man jedoch in den kommenden Bänden von ihrer Entwicklung erwarten.
Somit sollte die Reihe „Baskerville Hall“ auch weiterhin auf dem Radar ihrer Leserschaft stehen. Für den dritten Teil dürfte die Autorin jedoch gerne mit etwas Unerwartetem überraschen, um das Universum rund um Arthur Doyle und Baskerville Hall erneut mit frischen Ideen zu bereichern.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Kammerspielartige Studie einer Dreiecksbeziehung

Die Verdorbenen
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Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten ...

Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten Erzählung, die das Leben von Johann und insbesondere seine turbulente Zeit als junger Erwachsener beleuchtet. Auf nur wenigen Seiten schafft Köhlmeier ein vielschichtiges Psychodrama, das von Spannungen zwischen den Figuren und wechselhaften Beziehungen geprägt ist.
Der Roman beginnt mit einem prägnanten Dialog zwischen Johann und seinem Vater. Als dieser ihn fragt, was er sich vorgenommen habe, zumindest einmal im Leben zu tun, bleibt Johann die Antwort schuldig. Doch innerlich formuliert er eine düstere Vision: Eines Tages möchte er einen Mann töten. Diese verstörende Offenbarung legt den Grundstein für die Erzählung und deutet darauf hin, worauf die Geschichte unausweichlich zusteuert. Ob Johann seinen Wunsch tatsächlich erfüllt, bleibt jedoch lange unklar, denn Köhlmeier konzentriert sich zunächst auf die Schilderung von Johanns Werdegang.
Als Student zieht Johann in eine fremde Stadt und knüpft dort enge Kontakte zu Christiane und Tommi. Die drei entwickeln eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung, die von schwankenden Gefühlen und durchaus auch gegenseitiger Apathie geprägt ist. Köhlmeier illustriert diese Beziehung mit Präzision und feinem Gespür für die zwischenmenschlichen Untertönen der Figuren. Mal scheint Tommi die Kontrolle zu haben und Christianes Aufmerksamkeit zu gewinnen, mal rückt Johann in den Vordergrund, nur um sich plötzlich wieder zurückzuziehen. Immer wieder entsteht der Verdacht, dass die Charaktere sich gegenseitig ausnutzen und ein falsches Spiel miteinander treiben. Dieser ständige Wechsel der Machtverhältnisse sorgt für eine unterschwellige Spannung, die den Leser fesselt und die Handlung vorantreibt.
Johann selbst ist eine ambivalente Figur. Er erscheint als kluger und zielstrebiger junger Mann, gleichzeitig aber auch als egozentrisch und manipulativ. Seine Fixierung auf sich selbst durchzieht den gesamten Roman und lässt ihn selten sympathisch wirken. Auch sein Interesse an Christiane scheint weniger aus echter Zuneigung, sondern vielmehr aus eigennützigen Motiven zu entspringen. Köhlmeier zeichnet Johann mit einer Schärfe, die den Leser zugleich fasziniert und abstößt. Außerdem gelingt es dem Autor, die inneren Konflikte und psychologischen Feinheiten der Figuren auf kleinem Raum zu schildern. Dabei bleibt die Handlung selbst überschaubar, was dem Roman eine fast kammerspielartige Intensität verleiht.
Trotz der gelungenen Figurenzeichnung und der atmosphärischen Dichte erreicht „Die Verdorbenen“ zwar nicht die erzählerische Tiefe von Köhlmeiers größeren Werken, stellt aber gleichwohl eine kurze, prägnante Studie über junge Menschen dar, die auf der Suche nach sich selbst und ihren Träumen alles riskieren, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Für einen Roman, den man „nebenbei“ lesen kann, ist „Die Verdorbenen“ eine exzellente Wahl. Köhlmeier liefert eine kleine, feine Erzählung, die durch ihre ungewöhnliche Figurenkonstellation und die psychologische Spannung überzeugt.

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Veröffentlicht am 23.01.2025

Majas Tagebuch über den Krieg

Nachtgäste
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In Nenad Veličkovićs Roman „Nachtgäste“ tritt die Erzählerin Maja, eine fiktive achtzehnjährige Protagonistin, im Stil eines Tagebuchs mit den Lesern in direkten Dialog. Als angehende Autorin schreibt ...

In Nenad Veličkovićs Roman „Nachtgäste“ tritt die Erzählerin Maja, eine fiktive achtzehnjährige Protagonistin, im Stil eines Tagebuchs mit den Lesern in direkten Dialog. Als angehende Autorin schreibt sie während des Bosnienkrieges über ihr Erleben, während sie sich mit ihrer Familie und anderen Schutzsuchenden im Untergeschoss eines Museums versteckt. Dabei gelingt es ihr auf bemerkenswerte Weise, sowohl die Schrecken des Kriegs als auch die zwischenmenschlichen Dynamiken in ihrem Versteck aufzugreifen. Nach 30 Jahren seit seiner Entstehung ist der Roman noch immer von Relevanz.
Schon in ihrer direkten Ansprache schätzt Maja ihre Leserschaft gut ein: Sie geht davon aus, dass viele europäische Leser kaum Berührungspunkte mit dem Krieg in Sarajevo hatten. Diese Annahme ist zutreffend, denn trotz der zeitgeschichtlichen Nähe wird der Bosnienkrieg selten in der europäischen Gegenwartsliteratur thematisiert. Hier setzt Veličkovićs Roman an: Er bietet nicht nur einen Zugang für Interessierte, sondern auch für weniger kundige Leser, die durch Majas Perspektive an die Hand genommen werden. Die Erzählung im Tagebuchformat ermöglicht eine intime Sicht auf die Ereignisse, die von einer jugendlichen Offenheit und Ehrlichkeit geprägt ist.
Maja schildert ihr Leben während des Kriegs aus der Isolation eines Kellers heraus. Während draußen Granaten explodieren, hält sie in ihrem Tagebuch die Geschehnisse fest – eine berührende Mischung aus Poesie und schonungsloser Klarheit. Doch „Nachtgäste“ ist nicht nur ein Roman über Krieg; er handelt ebenso von den Eigenheiten der Menschen, mit denen Maja ihr Schicksal teilt. Das menschliche Miteinander, die Konflikte und skurrilen Eigenarten der Schutzsuchenden, verleiht dem Roman eine unerwartete Leichtigkeit, die mit dem ernsten Hintergrund des Krieges kontrastiert.
Die Frische und Leichtigkeit der Erzählung verdankt sich vor allem Majas Perspektive. Ihr Blick auf die Dinge wirkt oft kindlich und naiv, ohne dabei unreflektiert zu sein. Trotz der grausamen Realität um sie herum bewahrt sie eine optimistische Grundhaltung. Das Schreiben ist für Maja mehr als ein Mittel zur Dokumentation – es ist ihre Lebenslinie. Durch das Tagebuch strukturiert sie ihre Gedanken, ordnet ihre Gefühle und verleiht ihrem Leben in der Isolation einen Sinn.
Bemerkenswert ist, wie Maja in ihrem Tagebuch mit den Erwachsenen umgeht. Sie beschreibt diese mit einer Unverblümtheit, die nur eine Jugendliche in ihrer Lage aufbringen kann. Dadurch wird die Dynamik innerhalb des Verstecks noch intensiver greifbar. Der Roman lebt von dieser subjektiven Sichtweise: Alles wird aus Majas eingeschränktem Blickwinkel erzählt. Politische Verwicklungen oder die Beweggründe der helfenden Staaten werden nur gestreift und aus Majas Perspektive interpretiert. Diese Begrenzung ist keine Schwäche, sondern eine der Stärken des Romans. Sie macht die Gedankenwelt einer jungen Frau in einer Ausnahmesituation zutiefst nachvollziehbar und authentisch.
Die Sprache des Romans ist ebenso bemerkenswert. Sie ist einfach, direkt und bleibt stets der Protagonistin verbunden. Veličković verzichtet bewusst auf intellektuelle Phrasen oder komplizierte Strukturen. Stattdessen ist die Sprache ungeschliffen und ehrlich – angepasst an Majas jugendliches Wesen. Hier sei auch die Übersetzerin Barbara Antkowiak gelobt, die Majas Stimme auf gelungene Weise ins Deutsche überträgt. Ihre Arbeit bringt die Authentizität und den Stil des Originals hervorragend zur Geltung.
„Nachtgäste“ ist kein Roman, der den Anspruch erhebt, den Bosnienkrieg umfassend zu erklären. Er konzentriert sich auf ein Einzelschicksal und zeigt den Alltag einer jungen Frau, die zwischen Angst und Hoffnung pendelt. Der Fokus liegt auf dem individuellen Erleben und dem Versuch, dem Leben trotz widrigster Umstände Bedeutung zu verleihen.

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Veröffentlicht am 21.12.2024

Kein raffinierter psychologischer Thriller, aber ein faszinierendes Drama

Die blaue Stunde
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Auf den ersten Blick wirkt Paula Hawkins‘ neues Buch „Die blaue Stunde“ ein wenig unentschieden. Es enthält zwar die typischen Elemente eines psychologischen Thrillers, scheint sich jedoch nicht vollständig ...

Auf den ersten Blick wirkt Paula Hawkins‘ neues Buch „Die blaue Stunde“ ein wenig unentschieden. Es enthält zwar die typischen Elemente eines psychologischen Thrillers, scheint sich jedoch nicht vollständig diesem Genre zuzuordnen. Der Roman beginnt mit dem Fund eines menschlichen Knochens in einem Kunstwerk der verstorbenen Künstlerin Vanessa Chapman. Dieses Verbrechen bildet das zentrale Mysterium, das im Verlauf der Handlung aufgeklärt werden soll.
Der Kurator James Becker reist auf die Insel, auf der Chapman zuletzt gelebt hat, um Nachforschungen anzustellen. Dort stößt er auf zahlreiche Ungereimtheiten in Chapmans letzten Lebensjahren, was die Geschichte zunehmend in ein Netz aus Geheimnissen und Andeutungen verstrickt. Doch wer von Paula Hawkins, bekannt durch ihren Bestseller „Girl on the Train“, einen ähnlichen, psychologisch spannungsaufbauenden Thriller erwartet, wird hier überrascht. Zwar setzt Hawkins erneut auf Atmosphäre und das Geheimnisvolle, jedoch ist „Die blaue Stunde“ noch entschleunigter und phasenweise mehr Drama als Thriller.
Im Fokus stehen vor allem Chapmans Leben als Künstlerin und ihre komplexe Beziehung zu ihrer Freundin Grace, die nach ihrem Tod ihr Haus verwaltet. Die Krimielemente werden auf das Wesentliche reduziert, während unterschwellige Bedrohung und düstere Momente die Atmosphäre bestimmen. Die Spannung ergibt sich weniger aus actionreichen Szenen als aus der Erwartung, dass Hawkins am Ende alle Fäden zusammenführt und den Leser mit einer überraschenden Wendung belohnt.
Hier liegt jedoch auch die Schwäche des Romans: Der Plot wirkt letztlich nicht besonders raffiniert. Für eine Autorin ihres Kalibers hätte man sich komplexere Wendungen und Verstrickungen, sowie ein packenderes Finale gewünscht. Dennoch überzeugt der Roman durch seine fein gezeichneten Figuren und ihre Beziehungen zueinander sowie durch die kunstvolle Darstellung einer geheimnisvollen Stimmung.
Wer also einen klassischen Thriller mit ausgeklügeltem Krimihandwerk erwartet, könnte enttäuscht werden. Freunde von literarisch anmutenden Dramen und Künstlerromanen hingegen dürften bei „Die blaue Stunde“ voll auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 17.12.2024

Zwischen Banalität und Brillanz: Dieser eigenwillige Roman ist eine echte Wiederentdeckung

Ein Haus und seine Hüter
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Mit „Ein Haus und seine Hüter“ von Ivy Compton-Burnett legt Die Andere Bibliothek eine spannende Wiederentdeckung vor. Dieser Roman, der ursprünglich im 19. Jahrhundert erschien, ist vermutlich eine der ...

Mit „Ein Haus und seine Hüter“ von Ivy Compton-Burnett legt Die Andere Bibliothek eine spannende Wiederentdeckung vor. Dieser Roman, der ursprünglich im 19. Jahrhundert erschien, ist vermutlich eine der beachtenswertesten englischen Veröffentlichungen dieses Bücherwinters. Auf den ersten Blick scheint das Werk ein klassischer viktorianischer Familienroman zu sein, der sich in altbekannte literarische Traditionen einreiht. Doch bei genauerem Hinsehen offenbart sich eine Tiefe, die in dieser Weise nur selten gelesen wurde.
Im Zentrum der Handlung steht die vermögende Familie Edgeworth. Gleich zu Beginn stellt Compton-Burnett alle Familienmitglieder vor, wodurch die Ausgangskonstellation schnell etabliert ist. Wie für viktorianische Romane typisch nimmt der Hausherr Duncan selbstbewusst den Platz des Oberhaupts ein. Er gibt sich gebieterisch gegenüber seiner Frau und seinen noch unverheirateten Töchtern. Das Fehlen eines Sohnes, der als Erbe antreten könnte, schwebt als unausgesprochenes Problem über der Familie. Diese Lücke füllt zunächst der Verwandte Grant aus. Damit entspricht die Familienkonstellation nahezu einem Lehrbuchbeispiel eines viktorianischen Romans, der die Erwartungen der Leser zu Beginn kaum enttäuscht.
Das Anwesen der Familie Edgeworth wird zum Schauplatz für die großen Themen: Tragödien, Intrigen, Hochzeiten, Trennungen, Tod und glückliche Wendungen prägen die Handlung. Besonders geschickt gelingt der Autorin der Aufbau des Romans. Der Einstieg legt nahe, dass die Handlung sich innerhalb weniger Tage abspielen wird – genauer gesagt rund um das Weihnachtsfest, welches zunächst das zentrale Thema bildet. Gespräche und Interaktionen der Figuren kreisen um die Feiertage, um Familie und Tradition. Doch unvermittelt nimmt die Geschichte an Fahrt auf und entwickelt sich in unerwartete Richtungen. Der Roman löst sich bald von der Enge, die die Festtage über die Familie Edgeworth ausgeübt haben, und weitet seinen erzählerischen Horizont.
Ein einschneidendes Ereignis ist der plötzliche Tod von Duncans Frau, der Mutter seiner Töchter. Diese Tragödie bringt das bis dahin geordnete Familiengefüge ins Wanken. Zuvor schien das Leben der Edgeworths in festen Bahnen zu verlaufen; jeder kannte seinen Platz und seine Rolle. Compton-Burnett lässt den Leser annehmen, dass dieser Zustand bereits seit langem besteht, ohne dass es Veränderungen gab oder gar erwartet wurden. Doch nun gerät alles ins Chaos.
Die Reaktionen der Familienmitglieder auf diesen Verlust sind auf den ersten Blick erwartbar: Duncan zeigt sich gefühlskalt und verweigert sich jeglicher Trauer, während seine Töchter Schwierigkeiten haben, ein angemessenes Verhalten zu finden. Doch je tiefer man in die Familienstrukturen eintaucht, desto deutlicher zeigt sich, wie komplex und brüchig das gesamte Gefüge ist. Compton-Burnett nimmt den Leser mit auf eine Reise durch ein zerklüftetes, sich stetig wandelndes Familienleben, in dem zunehmend alles drunter und drüber geht.
In vielerlei Hinsicht wirkt „Ein Haus und seine Hüter“ wie ein moderner Roman. Die Handlung scheint fast an die Seh- und Lesegewohnheiten unserer heutigen Gesellschaft angepasst zu sein. Man hat das Gefühl, die Geschichte könnte ebenso gut aus der Feder eines geübten Drehbuchautors stammen, der seine Zuschauer mit Intrigen, Cliffhangern und emotionalen Spannungen in seinen Bann ziehen will. Unterstützt wird dieser Eindruck durch den eigenwilligen Schreibstil der Autorin: Die Handlung wird fast ausschließlich durch Dialoge vorangetrieben. Beschreibende Erzählungen oder längere Reflexionen sind nahezu Fehlanzeige.
Diese Dialoge zeichnen sich allerdings durch eine bemerkenswerte Eigenart aus: Sie wirken oftmals sprunghaft, absurd und banal. Kaum eine Figur scheint je etwas von wirklichem Gewicht oder von klarer Relevanz zu sagen. Ständig fühlen sich die Charaktere bemüßigt, einen Einwurf zu machen – oft belanglos, oft widersprüchlich, und nicht selten ohne klaren Bezug zur vorherigen Frage oder Antwort. Was zunächst wie ein Defizit erscheint, erweist sich bei näherer Betrachtung als ein geniales Stilmittel. Denn es entsteht eine Dynamik, die ein äußerst treffendes Bild der damaligen Gesellschaft zeichnet. Die Qualität dieser Dialoge und des gesamten Romans offenbart sich somit erst in seiner Gesamtheit. Wenn man die Gespräche mit etwas Abstand revue passieren lässt, wird deutlich, wie präzise Compton-Burnett die Oberflächlichkeit, die sozialen Konventionen und die Spannungen innerhalb der Familie einfängt. Der Vorwurf der Banalität, den man der Handlung oder den Figuren beim ersten Lesen vielleicht machen könnte, erweist sich als ungerechtfertigt. Stattdessen entsteht ein fein gewebtes literarisches Bild, das in seiner Eindringlichkeit beeindruckt.
Auch die Handlung selbst bleibt diesem Muster treu. Viele Motive, die Compton-Burnett aufgreift, hat man in ähnlicher Form bereits bei viktorianischen Erzählern wie Jane Austen oder Frances Hodgson Burnett gesehen. Es wird verlobt und getrennt, ein Todesfall (Mordfall?) sorgt für Aufruhr, und die Familie sieht sich mit Verdächtigungen, Gerüchten und Verleumdungen konfrontiert. Das alles klingt wie der Stoff eines trivialen Unterhaltungsromans oder zeitgenössischen Dramas. Doch trotz dieser vertrauten Elemente gelingt es der Autorin, ihr literarisches Niveau durchweg zu wahren. Das liegt vor allem daran, dass Compton-Burnett die Fäden ihrer Geschichte souverän in der Hand behält. Jeder Dialog, jede Wendung und jede Charakterentwicklung wirkt glaubhaft und an der richtigen Stelle.
Insgesamt ist „Ein Haus und seine Hüter“ ein hervorragender Familienroman, der klassische viktorianische Motive mit moderner Erzählkunst verbindet. Die dialogbasierte Handlung, die vermeintliche Oberflächlichkeit der Figuren und die scheinbar banalen Episoden fügen sich zu einem stimmigen Gesamtbild. Ivy Compton-Burnetts Roman ist eine wahre Wiederentdeckung, die sowohl Liebhaber klassischer Literatur als auch moderne Leser zu fesseln vermag. Es ist eine Geschichte, die sich nicht nur durch ihre Handlung, sondern vor allem durch ihre kluge und innovative Umsetzung auszeichnet.

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