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Veröffentlicht am 21.09.2025

Kampf mit Wachs und Blumen

Wachs
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Christine Wunnicke greift in ihrem neuen Roman „Wachs“ auf eine wahre historische Grundlage zurück und erzählt die bemerkenswerte Geschichte zweier Frauen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegen ...

Christine Wunnicke greift in ihrem neuen Roman „Wachs“ auf eine wahre historische Grundlage zurück und erzählt die bemerkenswerte Geschichte zweier Frauen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts gegen gesellschaftliche Konventionen und Widerstände ihren eigenen Weg gehen. Im Zentrum stehen Marie Biheron und Madeleine Basseporte – zwei Persönlichkeiten, die unterschiedlicher kaum sein könnten und doch durch ihre Leidenschaft, ihren Eigensinn und schließlich auch durch eine Liebesbeziehung miteinander verbunden sind.
Der Roman eröffnet mit einer eindrucksvollen Szene: Die noch kindliche Marie, die ihre wahre Identität zunächst verschleiert, bittet Soldaten um eine Leiche. Ihr Wunsch: die Anatomie zu studieren, anstatt sich in das ihr zugedachte Rollenbild als Mädchen und spätere Ehefrau einzufügen. Weder der Offizier noch ihre Mutter können ihre Leidenschaft verstehen, doch Marie hält unbeirrt an ihrem Ziel fest. Über die Jahre perfektioniert sie ihr ungewöhnliches Talent – das Modellieren menschlicher Anatomie in Wachs. Diese Arbeit verschafft ihr nicht nur Anerkennung, sondern wird zu ihrer Lebensaufgabe.
Madeleine Basseporte hingegen bewegt sich in einer anderen Welt, wenn auch ähnlich unerschrocken. Ihre Hingabe gilt der Botanik. Gegen alle Erwartungen und gesellschaftlichen Schranken macht sie das Zeichnen und Erforschen von Pflanzen zu ihrem Beruf. Ihre Studien sind nicht nur Ausdruck künstlerischer Neigung, sondern auch stiller Widerstand in einer Gesellschaft, die Frauen festgeschriebene Rollen zuweist. Die Begegnung zwischen ihr und Marie markiert den Beginn einer besonderen Verbindung, die in Zuneigung und Liebe mündet. Während die Französische Revolution tobt und Köpfe buchstäblich rollen, verfolgen die beiden unbeirrt ihre persönlichen und beruflichen Ziele – scheinbar in einer eigenen, von den äußeren Ereignissen abgeschlossenen Sphäre.
Wunnicke entwirft damit keinen klassischen Revolutionsroman mit großen politischen Figuren oder dramatischen Schicksalswendungen. Vielmehr zeigt sie eine leise, beinahe schwebende Erzählung über zwei Frauen, die sich durch ihre individuelle Beharrlichkeit und ihre Leidenschaft selbst behaupten. Gerade in dieser Zurückhaltung liegt die Besonderheit: Der Fokus bleibt stets auf den kleinen, persönlichen Kämpfen, die am Ende nicht weniger bedeutend erscheinen als die großen historischen Umwälzungen.
Sprachlich setzt die Autorin auf eine leichte, gut zugängliche Erzählweise. Stilistisch wie inhaltlich bleibt das Werk bewusst schlicht, fast bescheiden. Der Roman lebt in erster Linie von den beiden außergewöhnlichen Protagonistinnen und dem historischen Hintergrund. Als literarische Konstruktion wirkt „Wachs“ zwar stimmig, erreicht jedoch kaum mehr als ein solides, kurzweiliges Niveau. Tiefere sprachliche Raffinesse oder größere erzählerische Komplexität darf man nicht erwarten.
Dennoch überzeugt das Buch als angenehme Lektüre für zwischendurch. Trotz des ernsten historischen Kontexts gelingt es Wunnicke, mit Leichtigkeit zu erzählen und den Lesern hier und da sogar ein Schmunzeln zu entlocken. „Wachs“ ist damit weniger ein gewichtiger Revolutionsroman als vielmehr ein Plädoyer für Selbstbestimmung – und für die Kraft kleiner, persönlicher Träume.

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Veröffentlicht am 20.08.2025

Viel Lärm um Nichts

Dr. No
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Wie schon in seinem Roman „James“, der an Mark Twains Klassiker „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ angelehnt war, greift Percival Everett auch in „Dr No“ auf ein berühmtes literarisches Vorbild zurück: ...

Wie schon in seinem Roman „James“, der an Mark Twains Klassiker „Tom Sawyer und Huckleberry Finn“ angelehnt war, greift Percival Everett auch in „Dr No“ auf ein berühmtes literarisches Vorbild zurück: Ian Flemings James Bond. Doch anstatt einfache Unterhaltung zu liefern, wie es das Genre nahelegt, verfolgt Everett einen deutlich literarischeren Anspruch.
Im Zentrum steht Wala Kitu, ein angesehener Mathematikprofessor, der sich in einem ruhigen, unspektakulären Leben eingerichtet hat. Dieses gerät aus den Fugen, als der exzentrische Milliardär John Sill ihn als Berater anwirbt – für nichts weniger als das „Nichts“, auf dem Kitu als Fachmann gilt. Sill hegt den bizarren Wunsch, sich selbst zu einem klassischen Bond-Bösewicht zu formen. Kitu lässt sich auf das Angebot ein und begibt sich damit auf eine abenteuerliche Reise, die ihn in bester Agentenmanier von Privatjets über U-Boote bis hin zu geheimnisvollen Inseln führt.
Everetts literarisches Spiel mit bekannten Vorlagen weckt zunächst Skepsis: Schließlich gelten die Bond-Romane eher als Unterhaltungslektüre und weniger als literarisch hochwertig. Doch Everett, vielfach preisgekrönt und mit weit höheren Ambitionen ausgestattet, versucht genau diesen Sprung. Überraschenderweise setzt er dabei nicht auf Schwere, sondern auf Humor – mal mit Wortwitz, mal komödiantisch, manchmal sogar slapstickhaft. Wie schon in „James“ ist seine Ironie oft kaum mehr als eine feine Schicht, die jedoch im Laufe der Lektüre immer deutlicher hervortritt.
Anfangs funktioniert das sehr gut: Die Dialoge zwischen Sill und Kitu, die absurden Reflexionen über das „Nichts“ sowie die schrägen Nebenfiguren – vom Autohändler bis zum dreibeinigen Hund – sind originell und unterhaltsam. Doch sobald die Handlung Fahrt aufnimmt und Kitu in ein Netz aus Intrigen, Verfolgungen und Agentenabenteuern gerät, verliert der Roman an Kraft. Zwar baut Everett weiterhin theoretische Exkurse ein, die das Geschehen mit metaphorischer Tiefe anreichern sollen, doch wirken diese zunehmend wie ein intellektuelles Alibi. Statt durch erzählerische Dichte zu überzeugen, fordert er hier vor allem die Fantasie der Leser heraus – mit dem Effekt, dass die Handlung bisweilen banal, überzeichnet und in ihrer Parodie zu einseitig bleibt.
Am Ende entsteht so der Eindruck, dass Everett sich wie schon in „James“ zu sehr in der Nacherzählung eines Abenteuerplots verliert, ohne diesem einen tragfähigen literarischen Kern zu verleihen. Was als kluge Satire angelegt sein könnte, gerät streckenweise zu einer geistlosen Agenten-Persiflage.
Nach zwei Romanen muss ich daher feststellen: Everetts Stil – ein wechselvolles Spiel zwischen Gesellschaftskritik, Anspruch, Humor und Satire – entfaltet für mich keine nachhaltige Wirkung. Die Mischung wirkt zunächst spannend und mutig, trägt jedoch keine ganze Erzählung. Zu selten blitzen die wirklich gehaltvollen, intellektuellen Zwischentöne auf. Stattdessen häufen sich Andeutungen, die Raum für Deutung bieten sollen, letztlich aber eher wie Ausweichmanöver erscheinen.
„Dr No“ ist zweifellos unterhaltsam, skurril, mutig und originell – aber ebenso sprunghaft und unausgewogen. Für manche Leser mag genau diese Mischung den Reiz ausmachen. Für mich bleibt der Roman jedoch ein interessantes Gedankenspiel, das als Parodie funktioniert, als Literatur aber nicht gänzlich überzeugt.

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Veröffentlicht am 29.01.2025

Altbekanntes in neuem Gewand: Ein Einzel- und Kollektivschicksal

Portrait meiner Mutter mit Geistern
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Auch im Jahr 2025 scheint die literarische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegsgeneration noch nicht abgeschlossen zu sein – so zumindest legt es Rabea Edel mit ihrem Roman „Porträt ...

Auch im Jahr 2025 scheint die literarische Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegsgeneration noch nicht abgeschlossen zu sein – so zumindest legt es Rabea Edel mit ihrem Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“ nahe. Doch angesichts der Fülle an Geschichten, die bereits über diese Epoche erzählt wurden, stellt sich zwangsläufig die Frage: Was hat dieses Werk zu bieten, das nicht schon gesagt wurde?
Die Handlung dreht sich um die Protagonistin Raisa, die in den 1990er Jahren gemeinsam mit ihrer Mutter Martha aufwächst. Der Vater ist abwesend, und Martha hüllt sich in Schweigen, was seine Geschichte betrifft. Diese Leerstelle ist zentral für Raisas Kindheit und prägt die Beziehung zu ihrer Mutter. Erst als Martha zu erzählen beginnt, entfaltet sich eine vielschichtige Familiengeschichte, die von Liebe, Verlust und den Narben der Nachkriegszeit gezeichnet ist.
Stilistisch geht Edel dabei ungewöhnliche Wege. Obwohl es sich um einen Roman handelt, wirkt das Werk streckenweise wie eine Biografie. Auffällig ist das nahezu vollständige Fehlen ausführlicher Gefühlsbeschreibungen. Emotionen werden lediglich angedeutet, was den Lesern Raum für eigene Interpretationen lässt, aber auch eine gewisse Distanz schafft. Besonders die Szenen aus Raisas Perspektive, in denen sie ihre Freundschaft mit dem Nachbarsjungen Mat erlebt, kommen einer klassischen Erzählweise am nächsten. Diese Passagen wirken lebendig und vermitteln ein Gefühl von unbeschwerter Kindheit, die jedoch zunehmend von der düsteren Vergangenheit überschattet wird.
Der Fokus des Romans liegt jedoch nicht auf Raisas Erleben, sondern auf der Geschichte ihrer Mutter Martha. Edel wählt eine distanzierte Erzählweise in der dritten Person, die sich weniger um persönliche Reflexionen als um die Schilderung historischer Stationen bemüht. Diese narrative Entscheidung könnte damit zusammenhängen, dass das Werk zumindest teilweise auf wahren Begebenheiten basiert. Edel verarbeitet in „Porträt meiner Mutter mit Geistern“ offenbar auch die Biografie ihrer eigenen Familie, um den Lebensweg unerschrockener Frauen zu skizzieren, deren Leben vom Krieg und den Nachkriegsjahren geprägt wurden.
So wird Marthas Lebensgeschichte zu einem Spiegelbild ihrer Generation. Ihre Erlebnisse, so spezifisch sie auch erscheinen mögen, repräsentieren das kollektive Schicksal vieler Frauen dieser Zeit. Doch genau hier liegt auch eine Schwäche des Romans: Für Leser, die bereits andere Werke zu diesem Thema kennen, fühlt sich „Porträt meiner Mutter mit Geistern“ nicht neu an. Die Stationen in Marthas Leben scheinen vertraut, fast archetypisch – ein Schicksal, das in der Literatur schon oft beschrieben wurde.
Auf der Makro-Ebene überzeugt der Roman dennoch. Er vermittelt ein beeindruckendes Gesamtbild der Nachkriegszeit und lädt dazu ein, die Geschichte aus einem übergeordneten Blickwinkel zu betrachten. Im Detail jedoch, auf der Mikro-Ebene, fehlt es dem Werk an Originalität und erzählerischer Finesse, um es von ähnlichen Büchern abzuheben. Die distanzierte Erzählweise und das Fehlen eines innovativen Blickwinkels machen es schwer, sich emotional tief auf die Geschichte einzulassen.
Dennoch bleibt „Porträt meiner Mutter mit Geistern“ ein bedeutsames Werk. Es dokumentiert eine tragische Lebensgeschichte und erinnert an die Narben, die eine Generation von Frauen geprägt haben – eine Erinnerung, die auch heute noch von Relevanz ist. Wer sich für die Nachkriegsgeneration interessiert und bereit ist, Altbekanntes in einem neuen Gewand zu lesen, wird diesem Roman mit Sicherheit etwas abgewinnen können.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

In der Vergangenheit graben

Diese brennende Leere
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Eine junge Physikerin begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre verstorbenen Eltern und deckt dabei ein Geheimnis auf, das über Jahre hinweg vor ihr verborgen wurde. Diese Ausgangslage bildet ...

Eine junge Physikerin begibt sich auf die Suche nach der Wahrheit über ihre verstorbenen Eltern und deckt dabei ein Geheimnis auf, das über Jahre hinweg vor ihr verborgen wurde. Diese Ausgangslage bildet das zentrale Thema des zweiten Romans „Diese brennende Leere“ des mexikanischen Autors Jorge Comensal, der Ende Januar im Rowohlt Verlag erschienen ist.
Die Geschichte wird aus den Perspektiven zweier Protagonisten erzählt: Karina, einer ehrgeizigen Doktorandin der Quantenphysik, und Silvio, einem orientierungslosen Friedhofswärter. Diese beiden Erzählstränge kreuzen sich relativ früh in der Handlung, was Potenzial für eine spannende Beziehung zwischen den Charakteren bietet. Doch obwohl ihr Zusammenspiel interessante Momente erzeugt, sind es die individuellen Entwicklungen der beiden Figuren, die den Roman vorantreiben.
Karina ist eine strebsame, selbstbewusste Protagonistin, die seit Jahren ihre Großmutter Rebeca pflegt. Rebecas Verhalten gibt Karina jedoch immer mehr Rätsel auf, vor allem in Bezug auf den angeblichen Unfalltod ihrer Eltern. Getrieben von Zweifeln beginnt Karina, in der Vergangenheit zu graben – sowohl im metaphorischen als auch im wörtlichen Sinne. Ihre Obsession führt sie dazu, Silvio um Hilfe zu bitten, das Grab ihrer Eltern zu öffnen, um neue Hinweise zu finden. Dieser Moment markiert eine entscheidende Wendung in ihrer Entwicklung: Aus der rational denkenden Wissenschaftlerin wird eine von ihrer Suche nach der Wahrheit besessene Frau, die bereit ist, gesellschaftliche Normen zu überschreiten. Ihre Methoden werden zunehmend unkonventioneller, bis hin zu fragwürdigen Entscheidungen wie das Vortäuschen einer falschen Identität, um Informationen zu erhalten. Trotz ihrer Handlungen bleibt Karina eine Figur, mit der sich Leserinnen und Leser identifizieren können – ihr innerer Konflikt ist authentisch und nachvollziehbar.
Silvio hingegen ist Karinas Gegenpol. Sein Leben scheint von einem Mangel an Richtung geprägt zu sein. Nach einem verheerenden Brand an seinem Arbeitsplatz, der nicht nur den Friedhof, sondern auch den benachbarten Zoo zerstört, gerät Silvios Leben aus den Fugen. Er beginnt, sich illegal mit dem Öffnen von Gräbern zu verdingen, ein grotesker Beruf, der ihn in Konflikt mit seiner eigenen Vergangenheit bringt. Silvios Beziehung zu seiner Tochter, die er jahrelang vernachlässigt hat, gewinnt im Verlauf der Handlung an Bedeutung. Seine Tochter, eine entschlossene Aktivistin, wird zu einem Symbol für die junge Generation, die gegen die drohenden Gefahren der Zukunft ankämpft. Silvio, dessen Leben bislang von Passivität geprägt war, findet durch diese Beziehung neue Impulse, sich mit größeren Fragen auseinanderzusetzen.
Comensal verlegt die Handlung leicht in die Zukunft, um aktuelle gesellschaftliche Probleme in einem weiter fortgeschrittenen Kontext zu betrachten. Themen wie das Artensterben und Tierrechte, was unter anderem durch den Brand im Zoo metaphorisch dargestellt wird, und neue Entwicklungen in der Klontechnologie werden angerissen. Dabei bleibt der Roman jedoch nur unterschwellig dystopisch und verzichtet auf überzogene Zukunftsszenarien. Stattdessen setzt der Autor auf eine realistische Erzählweise, die den Fokus auf die zwischenmenschlichen Beziehungen und inneren Konflikte der Figuren legt. Besonders Silvios Erzählstrang rechtfertigt diese zeitliche Verlagerung, da er sich zunehmend in einer Welt wiederfindet, in der die Konsequenzen des menschlichen Handelns sichtbarer werden.
Trotz dieser interessanten Ansätze bleibt der Roman in vielerlei Hinsicht oberflächlich. Die zentrale Thematik – Karinas Suche nach Ungereimtheiten in ihrer Familiengeschichte – bietet nur wenig Substanz für einen wirklich mitreißenden Plot. Die Handlung verläuft weitgehend geradlinig und birgt kaum Überraschungen. Der Versuch, Spannung durch Karinas obsessives Verhalten und ihre Ermittlungen zu erzeugen, scheitert daran, dass die aufgedeckte Wahrheit letztlich wenig Relevanz hat. Es fehlt an einem dichter gesponnenen Netz von Intrigen oder Enthüllungen, das den Leser bis zum Schluss fesselt.
Was den Roman jedoch vor dem Mittelmaß rettet, sind die vielen kleinen Nebengeschichten und skurrilen Details. Silvios grotesker Beruf als Grabschänder ist eine originelle Idee, die sowohl morbide Faszination als auch tragische Tiefe birgt. Auch seine ambivalente Beziehung zur Nähe des Todes und seine wachsende Verbindung zu seiner Tochter verleihen seiner Figur Komplexität. Diese Elemente sind es, die den Leser dazu bringen, am Ball zu bleiben, selbst wenn die Hauptgeschichte zu schwächeln beginnt.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Erzählstruktur: Der ständige Perspektivwechsel zwischen Karina und Silvio sorgt für ein abwechslungsreiches Tempo und erlaubt es dem Leser, beide Figuren und ihre Weltsichten besser kennenzulernen. Dieser Wechsel verhindert, dass die Geschichte trotz ihrer inhaltlichen Schwächen langweilig wird. Allerdings wird auch hier das Potenzial nicht voll ausgeschöpft. Die Verbindung zwischen den beiden Erzählsträngen bleibt lose und wirkt oftmals konstruiert, anstatt organisch zu wachsen.
Der Brand im Zoo, der symbolisch für den Verlust von Artenvielfalt steht, und die Erwähnung von Aktivismus und Klimafragen verleihen dem Roman zwar eine gewisse Aktualität, doch gelingt es Comensal nicht, diesen Themen neue Perspektiven abzugewinnen. Die dystopischen Ansätze bleiben oberflächlich und dienen mehr als Hintergrundrauschen denn als zentrale Konflikte. Auch die wissenschaftlichen Aspekte von Karinas Arbeit hätten deutlich mehr Gewicht erhalten können, um die gesellschaftliche Brisanz der Geschichte zu erhöhen.
Unterm Strich ist „Diese brennende Leere“ ein akzeptabler Unterhaltungsroman, der mit einigen interessanten Ideen und Figuren punkten kann, jedoch nicht das Potenzial seiner Prämisse ausschöpft. Jorge Comensal gelingt es zwar, einzelne Momente und Nebengeschichten in Szene zu setzen, doch bleibt die Hauptgeschichte zu blass und die thematische Tiefe zu gering, um nachhaltig Eindruck zu hinterlassen. Wer eine kurzweilige Lektüre sucht, die einen Hauch von Dystopie und Familiengeheimnissen vereint, wird hier fündig. Ein herausragendes Zeugnis mexikanischer Gegenwartsliteratur ist der Roman jedoch nicht.

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Veröffentlicht am 12.01.2025

Japanische Mythologie für junge Leser

Der Fuchs und der kleine Tanuki 1
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Mit der Veröffentlichung von „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ beweist der Carlsen Verlag einmal mehr seinen Mut, indem er einem jungen Publikum eine Erzählung mit Elementen der japanischen Mythologie ...

Mit der Veröffentlichung von „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ beweist der Carlsen Verlag einmal mehr seinen Mut, indem er einem jungen Publikum eine Erzählung mit Elementen der japanischen Mythologie präsentiert – ein mutiger Schritt, da Heranwachsende hierzulande mit dieser fremden Welt nur selten in Berührung kommen. Doch gerade dieser Ansatz macht Mi Tagawas Manga zu einem spannenden Exemplar im Kindercomic-Genre, das seine Leser nicht nur unterhält, sondern ihnen zugleich einen Zugang zu einem faszinierenden kulturellen Kontext eröffnet.
Die Handlung um den schwarzen Fuchs Senzou und den kleinen Tanuki Manpachi zeigt sich in ihrer Konstruktion durchaus raffiniert. Senzou, einst ein mächtiges, aber zerstörerisches Wesen, wurde von der Sonnengöttin für 300 Jahre weggesperrt, um seine destruktiven Kräfte zu bändigen. Doch die gleiche Göttin erweckt ihn schließlich wieder – nicht, um ihn zu belohnen, sondern um ihn mit der Betreuung des unerfahrenen Tanuki Manpachi zu beauftragen. Dieses ungleiche Duo bildet den Kern der Erzählung, deren Dynamik zwischen anfänglicher Gegnerschaft und zaghaften Annäherungen gekonnt ausbalanciert wird.
Manpachi, der von seinen Eltern verstoßen wurde, weil er seine Kräfte nicht kontrollieren kann, bietet mit seinen tollpatschigen, aber liebenswerten Versuchen, die Welt und seine eigenen Kräfte zu begreifen, eine starke Identifikationsfigur für junge Leser. Seine ungewollten Missgeschicke, wie das skurrile Verwandeln von Senzou in einen Fuchs mit Froschschenkeln, lockern die Geschichte durch humorvolle Episoden auf. Doch zugleich schwebt über Manpachis Zukunft die düstere Frage, wie seine enorme Macht, die andere Waldbewohner bereits erahnen, letztlich eingesetzt werden könnten.
Ein weiterer Pluspunkt des Mangas ist der gelungene Umgang mit der japanischen Mythologie. Mi Tagawa integriert diese nicht nur organisch in die Handlung, sondern erleichtert den Einstieg für unkundige Leser durch erklärende Infokästen und Fußnoten, die wichtige Figuren und Konzepte der Mythologie verständlich machen. Dieser didaktische Ansatz sorgt dafür, dass Kinder wie Erwachsene in die Geschichte eintauchen können, ohne sich überfordert zu fühlen. Zugleich bleibt die überschaubare Anzahl an Figuren angenehm, sodass der Überblick jederzeit gewahrt bleibt.
Visuell ist der Manga solide, wenn auch nicht außergewöhnlich. Während die kantigen Darstellungen der Füchse und Wölfe fast westlich wirken – etwa im Stil klassischer Disney-Filme – bleiben die Zeichnungen von Menschen und Göttern eindeutig im japanischen Manga-Stil verwurzelt. Der Kontrasteinsatz variiert, was einigen Szenen Dramatik verleiht, andere jedoch flach wirken lässt. Besonders enttäuschend ist die skizzenhafte Gestaltung der Hintergründe. Der Wald als zentraler Schauplatz wirkt oft atmosphärisch blass, wodurch viel Potenzial für Stimmung und Tiefe ungenutzt bleibt.
Trotz dieser Schwächen überzeugt „Der Fuchs und der kleine Tanuki“ als Einstieg in eine ungewöhnliche, mythologisch geprägte Erzählung. Allerdings eignet sich der Manga weniger für Leser, die erstmalig in die Welt des japanischen Comics eintauchen, sondern vielmehr für jene, die bereits ein wenig Leseerfahrung mit Mangas gesammelt haben. Die charmante Beziehung zwischen Senzou und Manpachi, die sich im Verlauf der Geschichte entfaltet, macht neugierig auf die weiteren Bände und darauf, wie die Figuren ihre Unterschiede überwinden, um gemeinsam zu wachsen.

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