Moderne Hommage an Hitchcocks "Fenster zum Hof"
Hotel Ambrosia - Du. Entkommst. Nicht.Robyn leidet an ME/CFS und ist daher an ihren Rollstuhl und die Wohnungsebene gebunden. Zerstreuung findet sie in True-Crime-Podcasts und dem Beobachten des gegenüber ihrem Wohnhaus liegenden Hotels Ambrosia. ...
Robyn leidet an ME/CFS und ist daher an ihren Rollstuhl und die Wohnungsebene gebunden. Zerstreuung findet sie in True-Crime-Podcasts und dem Beobachten des gegenüber ihrem Wohnhaus liegenden Hotels Ambrosia. Dieses war schon mehrfach mit skandalösen Begebenheiten in den Schlagzeilen und aufgrund dessen hält Robyn es für perfektes True-Crime-Material. Als sie eines Tages Zeugin einer Entführung wird, schickt sie kurzerhand A.J., einen obdachlosen Jugendlichen, als Spion in das Hotel. Gemeinsam wühlen sie in den Untiefen des Hotels und kommen einigen Monstern auf die Spur…
„Hotel Ambrosia“ ist ein atmosphärischer und spannender YA-Thriller, der mich ab der ersten Seite vollkommen in seinen Bann gezogen hatte. Die ungewöhnliche Protagonistin mit ihrer schweren Erkrankung hatte es mir direkt angetan. Nicht nur hat die Autorin Katie Kento die Erkrankung ME/CFS wahnsinnig gut recherchiert und dargestellt, die Protagonistin Robyn empfand ich auch als unglaublich plastisch kreiert. Robyn ist sympathisch und wie sie ihren diversen Einschränkungen begegnet, ist wirklich beeindruckend. Trotz der Erzählung aus der 3. Person konnte ich mich Robyn stets sehr nahe fühlen. Aber auch A.J. als ihr „langer Arm“ hat mir als Figur sehr gefallen. Er hat einen trockenen Humor inne und sorgte hierdurch für viel Witz und Lockerheit. Zudem wirkte sich der direkte soziale Kontakt zusätzlich positiv auf Robyn aus, deren Figurenentwicklung hierdurch vorangetrieben wurde. Zudem umgab A.J. bisweilen ein Geheimnis, dem nicht nur Robyn unbedingt auf die Spur kommen wollte.
Das Hotel beherbergt viele zwielichtige Menschen und die Autorin hat es geschafft trotz bereits hoher Spannung zu Beginn, die ersten beiden Drittel des Romans immer noch spannender werden zu lassen. Ich musste mich richtiggehend zwingen, um das Lesen zwischendurch für Haushalt o.Ä. zu unterbrechen. Die moderne Aufmachung mit eingefügten E-Mails, Listen und Whatsapp-Nachrichten sorgten dabei nicht nur für Abwechslung, sondern auch für einen tollen Lesefluss. Zum Ende hin ließ für meinen Geschmack die Spannung jedoch etwas nach und auch mit der Auflösung (vor allem den Hintergründen) des Falls war ich nicht vollends zufrieden – aus Spoilergründen bleibe ich lieber vage und gehe an dieser Stelle nicht näher darauf ein. Nichtsdestotrotz hat die Katie Kento einen fesselnden Roman mit einer außergewöhnlichen Protagonistin geschrieben, der mich sowohl an den Klassiker „Fenster zum Hof“ von Alfred Hitchcock als auch an die Romanreihe „A Good Girls Guide to Murder“ von Holly Jackson erinnerte, ohne zu ähnlich zu sein oder abgekupfert zu wirken! Chapeau! Ich hoffe sehr auf eine Fortsetzung!