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Veröffentlicht am 15.10.2017

Die Schlange von Essex

Die Schlange von Essex
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Nach dem Tod ihres Ehemannes lässt Cora Seaborne das elegante Stadthaus im viktorianischen London hinter sich und fährt mit ihrer Begleiterin Martha und ihrem Sohn nach Essex. Michael Seaborne hat zu Lebzeiten ...

Nach dem Tod ihres Ehemannes lässt Cora Seaborne das elegante Stadthaus im viktorianischen London hinter sich und fährt mit ihrer Begleiterin Martha und ihrem Sohn nach Essex. Michael Seaborne hat zu Lebzeiten nicht nur eine über das übliche Maß hinaus gehende Boshaftigkeit abgesondert, sondern gehörte auch zu jenen Männern, die ihre Frau quälten. So ist es nur verständlich, dass Cora trotz aller Prägung, die sie durch ihren Mann erfahren hat, und all jene Kraft, die unterdrückt wurde, nun einen Weg gehen will, der ihrer Neugier und ihrem Wissensdurst gerecht wird: Fossilien finden und erforschen - eine Sache, die ihr Mann immer für Zeitverschwendung hielt, dem sie sich aber nun ganz widmen kann.

In Aldwinter begegnet ihr nicht nur die Legende der Schlange von Essex, sondern auch Pfarrer William Ransome und dessen Familie.

Bei ihrem ersten Aufeinandertreffen sind sich Cora und Will nicht unbedingt sympathisch. Später entdecken sie, dass sie auf eine Art miteinander reden können, die es bislang für beide nicht gab. Sie reiben sich aneinander, wenn sie auf den Glauben und die Vernunft kommen, ihre Argumente austauschen, Cora das eine oder andere Mal provoziert und Will reizt. Und schleichend wird aus ihrer Freundschaft etwas, das Liebe sehr nahe ist…

Daneben beschäftigt sich der Roman auch mit sozialen Problemen wie beispielsweise die Problematik des menschenwürdigen Wohnraums in London. Hier ist es vor allem Matha, die Sozialistin, die einen aktiven Part einnimmt.

Und über allem wacht das lebende Fossil?

Sarah Perrys „Die Schlange von Essex“ ist ein üppiger Roman in einer Komplexität, der mit Geistergeschichte, Fragen des Glaubens und der Naturwissenschaften, aber auch mit sozialkritischer Parabel aufwartet. Erst nach und nach zieht einen der besondere Schreibstil, der aus der Zeit der Erzählung zu stammen scheint, in den Bann. Dieser ist auf gewisse Weise vollmundig und reich, selbstbewusst, manchmal von heiterer Anmut und vermag es, den Charakter seiner Protagonisten tiefgründig zu verdeutlichen.

Cora Seaborne ist eigenwillig und temperamentvoll und in gewisser Weise unergründlich. Francis, ihr zehnjährige Sohn, mutet sehr eigen an und weist autistische Züge auf. All seine kleinen Rituale und "Schrullen", seine Zurückgezogenheit, eine gewisse Gleichgültigkeit gegenüber seiner Mutter lassen sie sich unbehaglich fühlen, ohne dass es dafür eine Erklärung gibt.

Will Ransome hat sich bewusst für das Leben als Pfarrer entschieden. Seine Religiosität beschränkt sich nicht auf Gebote und Glaubenssätze, schließlich ist er „kein Beamter und Gott kein Geschäftsführer eines himmlichen Ministeriums“ (Seite 139). Will glaubt mit dem ganzen Herzen, und sucht vor allem gern die Natur zur Ausübung seines Glaubens auf. Dann ist das Himmelsgewölbe sein Kirchenschiff.

In der Geschichte geht es um Freundschaft und Liebe jeder Art. Zwischen Frauen, Männern, Frauen und Männern. Ob aus unterschiedlichen Schichten oder mit unterschiedlichen Ansichten und Hintergründen. Glaube und Vernunft stehen im Wettstreit und versuchen, sich gegenseitig zu übertreffen. Doch letztlich überstrahlt Liebe alles und zeigt sich als das hellste Licht von allem.

  • Einzelne Kategorien
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  • Figuren
  • Originalität
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 02.08.2017

Claire vom Meereslicht

Kein anderes Meer
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Mit ihrem Roman „Kein anderes Meer“ nimmt Edwidge Danticat uns mit auf eine Reise in ihre Heimat Haiti und lässt uns nicht nur teilhaben an haitischem Dasein und haitischer Kultur, sondern bietet einen ...

Mit ihrem Roman „Kein anderes Meer“ nimmt Edwidge Danticat uns mit auf eine Reise in ihre Heimat Haiti und lässt uns nicht nur teilhaben an haitischem Dasein und haitischer Kultur, sondern bietet einen tiefgründigen Einblick in das Leben der Menschen. Die von ihr geschaffenen Charaktere geben in ihrer Vielfalt ein Bild der fiktiven Stadt zwischen Meer und Bergen wider: Ville Rose – ein Name wie Musik, und doch befindet er sich im krassen Gegensatz zu seinen Bewohnern, die aus einer kleinen Minderheit von Mittel- und Oberschicht sowie der großen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze bestehen, die um das tägliche Überleben kämpfen. Ein Ort unermesslicher Schönheit und außerordentlichen Elends.

Im Mittelpunkt steht auf den ersten Blick Claire Limyè Lanmè, was Claire vom Meereslicht heißt - "Claire of the Sea Light" ist der Originaltitel des Romans. Er beginnt mit Claires siebtem Geburtstag. An diesem Tag versenkt eine drei oder vier hohe Monsterwelle den Fischer Caleb mitsamt seinem Kutter. Claire lebt mit ihrem Vater Nozias, ebenfalls Fischer, in einer winzigen Hütte. Ihre Mutter ist bei ihrer Geburt gestorben, und so sind ihre Geburtstage jedes Jahr nicht nur glückliche Tage, sondern auch immer solche der Trauer. Die ersten drei Jahre wird Claire von Verwandten ihrer Mutter großgezogen. Dann holt Nozias seine Tochter wieder zu sich, um sich selbst der Herausforderung zu stellen, sein Kind von seinem dürftigen Einkommen zu versorgen. Und obwohl es ihm nicht an elterlicher Liebe oder Verantwortung und gutem Willen fehlt, erkennt er die Hoffnungslosigkeit seines Unterfangens, Claire eine sorgenfreie Existenz bieten zu können. Aus diesem Grund entscheidet er sich, Gaëlle, die Besitzerin des Stoffladens, zu überzeugen, Claire zu adoptieren. Denn aus seiner Sicht ist es das Beste, ein neues Elternteil zu finden, dem er vertraut, sich um Claire zu kümmern. Er selbst will auf der Suche nach einer besser bezahlten Arbeit fortgehen.

An diesem siebten Geburtstag stimmt Gaëlle zu, Claire zu sich zu nehmen; am Abend verschwindet Claire, und erst im letzten Kapitel erfahren wir, was mit ihr passiert. Bis dahin porträtiert die Autorin andere Bewohner der Stadt, und im Verlaufe dessen wird deutlich, dass im Grunde Ville Rose in ihrer menschlichen Vielfalt, brutalen Realität und miteinander kollidierenden Schicksalen die eigentliche Protagonistin des Romans darstellt.

Da ist die Stoffhändlerin Gaëlle, die als Spiegel für Nozias wirkt. Auch ihr Leben ist von Verlusten geprägt. Am Tag, an dem sie ihre Tochter Rose auf die Welt bringt, wird ihr Mann Laurent ermordet. Sieben Jahre später – es ist der vierte Geburtstag von Claire – stirbt Rose bei einem Autounfall.

Bernhard Dorien, der in Cité Pendue, einem armen, gefährlichen Außenbezirk von Ville Rose, dem „ersten Höllenkreis“, zu Hause ist und dessen Idealismus und die Verbindung zu Tiye, dem berüchtigten Anführer der Bande Baz Benin, schreckliche Konsequenzen für sein Leben und das von Gaëlle haben.

Bernards enger Freund Max Ardin Junior, ein wohlhabender junger Mann, der vor zehn Jahren ein Kind zeugte, von seinem Vater Max Senior nach Miami geschickt wurde, nun nach Haiti zurückkehrt und mit seiner Schuld konfrontiert wird.

Louise George, eine bekannte und beliebte Radiomoderatorin, Lehrerin von Claire in der Schule von Max Ardin Senior und zeitweise desssen Geliebte, mit dem sie eine Rechnung offen hat. Sie ermöglicht es Bürgern von Ville Rose, in ihrer populären Radiosendung die eigene Geschichte zu schildern...

Edwidge Danticats Protagonisten sind fehlerhaft, aber menschlich, handeln auf einem schmalen Grad zwischen richtig und falsch. Während Nozias sich beispielsweise gezwungen sieht, seine Tochter aufzugeben, obwohl er sie eigentlich nicht verlieren möchte, muss Claire als Vertreterin vieler Kinder mit der Entscheidung leben, die andere Menschen für ihre Zukunft treffen.

Durch die verschiedenen Geschichten zeigt die Autorin eine Stadt, die von Gewalt, Leid und Tod, Korruption, Klassenunterschieden und sozialen Tabus geprägt ist, in der es jedoch durchaus auch Hoffnung, Träume, Liebe und Versöhnung und gute Absichten gibt.

Insgesamt ist der Tod - einerlei, ob er natürlichen, zufälligen oder kriminellen Ursprungs ist - in Ville Rose eine konstante und alltägliche Größe. Er taucht immer wieder in den Geschichten auf und verknüpft sie zum Teil miteinander. Leben und Tod stehen sich kontinuierlich gegenüber, wodurch die Autorin gleichzeitig die Fragilität des Lebens im Angesicht des Todes hervorhebt.

Danticats Roman ist geprägt von einem ruhigen Erzähltempo, ihre Sprache zeigt sich schnörkellos und klar, gleichwohl kraftvoll, poetisch und von enormer Tiefe. Sie verwendet sie, um komplizierte Verbindungen zu knüpfen, wenn sie sowohl Schönheit als auch Schrecken beschreibt. Die Einflechtung kreolischer Redewendungen und Worte schaffen den Reiz einer fremden Welt, erschweren allerdings zugleich das eine oder andere Mal das Lesen und Verständnis.

In ihrer Weise des Erzählens fordert uns die Autorin. Es erfolgt keine chronologische Abfolge. Vielmehr bewegt sich die Handlung von der Gegenwart bis zur nahen Vergangenheit, geht in die ferne Vergangenheit, um wieder in die Gegenwart zurückzukehren. So beginnt und endet die Geschichte mit Claires Geburtstag und damit nicht nur dem Todestag ihrer Mutter.

Am Schluss ihres eindrucksvollen und komplexen Romans erlaubt die Autorin ein wenig Zuversicht, unsicher zwar, aber vorhanden. Und daran möchten wir festhalten.

Veröffentlicht am 22.03.2026

Der Schrein der Könige

Der Schrein der Könige
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Sabine Weiß unternimmt mit ihrem neuen historischen Roman “Der Schrein der Könige” den Versuch, den Bau eines religiösen Kunstwerks historisch fundiert und zugleich unterhaltsam darzustellen. Tatsächlich ...

Sabine Weiß unternimmt mit ihrem neuen historischen Roman “Der Schrein der Könige” den Versuch, den Bau eines religiösen Kunstwerks historisch fundiert und zugleich unterhaltsam darzustellen. Tatsächlich gelingt es ihr wieder einmal, von Anfang an mein Interesse an der Geschichte zu wecken.

Die Schilderung ist hinsichtlich seiner Erzählsprache sehr anschaulich und ermöglicht es, sich in die Gegebenheiten einer aufregenden Zeit hineinzuversetzen. Wenngleich es gelegentlich umfangreiche Beschreibungen gibt, zeugt die gründliche Recherche des Hintergrundes und der Persönlichkeiten von einer hohen Bereitschaft der Autorin, die Vergangenheit für uns Leser nachvollziehbar zu gestalten.

Dabei setzt sie neben realen Ereignissen und Figuren auf ein fiktives Familienleben des Nicolaus von Verdun als maßgeblicher Erbauer des Kölner Drei-Köng-Schreins in Szene und beschreibt das dramatisches Geschehen mit viel Engagement, Herzblut und Zuwendung.

Von Anfang an können einigen handelnden Figuren Sympathien und Antipathien recht schnell zugeordnet werden. Deshalb ist die Beschreibung der Charaktere im Großen und Ganzen gelungen. Eine aus meiner subjektiven Sicht gelegentlich vorhandene negative Überzeichnung soll jedoch nicht unerwähnt bleiben.

Mit “Der Schrein der Könige” hat Sabine Weiß einen fundierten historischen Roman geschrieben, der beweist, dass sie dieses Genre beherrscht und Geschichte lebendig werden lässt.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Herzkrank

Herzkrank
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Mila Volkmann ist nach dem an der Berliner Charité abgeschlossenen Medizinstudium ihrem Traummann David nach Hannover gefolgt und tritt eine neue Stelle als Assistenzärztin in der Anästhesie am Oststadt-Klinikum ...

Mila Volkmann ist nach dem an der Berliner Charité abgeschlossenen Medizinstudium ihrem Traummann David nach Hannover gefolgt und tritt eine neue Stelle als Assistenzärztin in der Anästhesie am Oststadt-Klinikum an. Ihr Leben ist voller schöner und erfüllender Dinge: Da sind David und ihre Arbeit in der Klinik, ihre Familie in Thüringen, zu der sie regelmäßig Kontakt hat und zu Besuch fährt, ihre beste Freundin Helen, die ebenfalls die Koffer gepackt und in Hannover eine neue Heimat gefunden hat.

Zum vollendeten Glücklichsein fehlt der jungen Frau bloß noch ein Baby. Allerding will es damit partout nicht klappen, und Mila gelangt immer mehr zu der Erkenntnis, dass sie diesen Wunsch alleine hegt, David noch kein Kind möchte und er die Familienplanung nur noch mit Schmerz und Stress verbindet.

Und wäre das nicht schon irritierend genug, entwickelt Mila Gefühle für ihren zwar bei erster Betrachtung unnahbar wirkenden, gleichwohl attraktiven Oberarzt Sayan Allahyari, ohne sich diese einzugestehen.

„Unter dem Blick seiner dunklen Augen fühle ich mich so verstanden, so wahrgenommen wie nie zuvor in meinem Leben.“ (Seite 114)

Einmal davon abgesehen, dass sie sich in seiner Gegenwart in ein tollpatschiges Kind verwandelt, was denkbar ungünstig für ihr berufliches Dasein ist, läuft der Job in der Klinik nicht rund, und auch David zieht sich zurück.

Als sie schließlich lebensbedrohlich erkrankt und auf Hilfe angewiesen ist, scheint sie allein, und es ist Sayan, der sie auffängt, bei sich aufnimmt und sie pflegt. Er hüllt sie ein in einen Kokon aus Fürsorge und Zuneigung.

„Kleines Glühwürmchen. Ich habe Angst um dich, weißt du das?“ (Seite 192)

Nun steht Mila vor einem Dilemma und damit alles auf den Prüfstand, wovon sie bislang geträumt hat.

„Die Macht, die mich zu Sayan hinzieht, gleicht einer Naturgewalt und stellt alles in den Schatten, was ich jemals für David empfunden habe.“ (Seite 195)

Wer wird am Ende des holprigen Weges inmitten dieses Gefühlschaos auf sie warten?


„Herzkrank“, eine sogenannte „Hospital Romance“, ist Anna Hensels Debüt. In dem Liebesroman, der (unter anderem) in einem Krankenhaus angesiedelt ist, rückt die Autorin mit Mila Volkmann eine junge Ärztin in den Mittelpunkt und erzählt ihre Liebesgeschichte.

Anna Hensel weiß, wovon sie schreibt, das offenbart ein Blick auf ihren eigenen beruflichen Werdegang. Schließlich ist sie selbst Medizinerin und hat als Assistenzärztin in verschiedenen Kliniken gearbeitet und einerseits den herausfordernden Alltag mit Patienten und die Auseinandersetzung mit den Widrigkeiten des Gesundheitswesens sowie die kräftezehrende Härte dieser Tätigkeit erfahren, andererseits ebenso die erfüllenden Momente.

Deshalb hat mir ihre authentische, realitätsnahe und unverfälschte Darstellung vom Krankenhausalltag gefallen, und ich hätte mir gewünscht, dass die Autorin der Handlung ein paar mehr Szenen in der Klinik gegönnt hätte. Denn leider spielt dies nach der Erkrankung von Mila lediglich nebensächlich und kaum eine Rolle.

Auch wenn die Handlung und ihre Figuren ihrer Fantasie entspringen, hat Anna Hensel sich von vielen eigenen Erlebnissen inspirieren lassen, so dass wir unmittelbar und in einer gewissen Tiefe in die in die gedankliche und emotionale Welt einer angehenden Fachärztin einbezogen werden, wenn diese sich besonders zu Beginn ihrer Ausbildung in der Anästhesie einigen beruflichen Herausforderungen ihrer Laufbahn gegenüber sieht und dann plötzlich selbst zur Patientin wird, weil sie – wie in manchen Berufsständen üblich – in eigener gesundheitlicher Angelegenheit etwas zu sorglos gewesen ist.

„Herzkrank“ beweist, dass Ärzte wie alle anderen nur allzu menschlichen Regungen unterliegen und dass es völlig einerlei ist, welcher Berufsgruppe jemand angehört:

Wenn die Gefühle überhandnehmen, kann auch bei einer jungen Ärztin Chaos herrschen, sobald sie sich plötzlich zwischen zwei Männern wiederfindet und das Seelenleben völlig durcheinandergerät.

Dies beschreibt Anna Hensel auf eine ausgeglichene und wohltuend unaufgeregte Art und Weise, sensibel und gelegentlich mit einem sentimentalen, zu zuckrigem Hauch, aber auf jeden Fall mit einer Erzählstimme, die bis zu uns als Leser durchdringt. Sie lässt dabei ihre Protagonistin Mila selbst berichten, so dass hauptsächlich die Emotionslage im Wechsel zwischen Euphorie und Enttäuschung beim Triangel Mila, David und Sayan deutlich zu Tage tritt und gut nachvollziehbar ist, wobei ich mir ab und an mehr Festigkeit in den Empfindungen von Mila gewünscht hätte.

Hervorzuheben ist zudem, dass bei Anna Hensel die Herkunft keine Rolle spielt. Es wird nur kurz erwähnt, dass die Wurzeln von einem Teil von Sayans Familie offensichtlich nicht in Deutschland liegen, jedoch im Verlauf der Handlung nicht weiter thematisiert. Was zählt sind die Werte und Emotionen eines Mannes, die von der Autorin überzeugend ausgeführt werden.

Insgesamt verfügt die Geschichte über eine Leichtigkeit, die auch im Verbund mit den geschilderten Konflikten anschaulich und unterhaltend ist.

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Veröffentlicht am 04.02.2025

Die Schatten von Prag

Die Schatten von Prag
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„Die Burg thronte über der Stadt. Der Mond blendete die Moldau, damit sie nicht auch noch einschliefe … Am endlos gewölbten Himmel leuchteten die Sterne stumm um die Wette. Die kälteste Nacht des Jahres ...

„Die Burg thronte über der Stadt. Der Mond blendete die Moldau, damit sie nicht auch noch einschliefe … Am endlos gewölbten Himmel leuchteten die Sterne stumm um die Wette. Die kälteste Nacht des Jahres 1910 war hell und frostig.“

Trotzdem droht der „Goldenen Stadt“ Prag düsteres Ungemach.

Alle blicken zum Himmel hinauf, wo nach 75 Jahre wieder der Halleysche Komet an der Erde vorbeiziehen wird. Das öffnet skrupellosen Geschäftemachern und dem organisierten Verbrechen sowie zudem Verschwörern Türen und Tore. So wird die multikulturelle Prager Bevölkerung wegen des vermeintlich giftigen Schweifes des Himmelskörpers und dem prophezeiten Weltuntergang in größte Aufregung versetzt.

In dieser aufgeheizten Stimmung sorgen seltsame Todesfälle für weitere Beunruhigung, wobei wegen der bei den Leichen befindlichen Glasfläschchen alles auf Selbstmorde hindeutet. Das mag besonders ein Mann nicht recht glauben: Egon Erwin Kisch arbeitet bei der deutschsprachigen Prager Zeitung Bohemia und stößt als Polizeireporter auf das Geschehen.

Während er sich in die Ermittlungen stürzt, muss er sich zeitgleich mit Veränderungen bei seinem Arbeitgeber auseinandersetzen. Den Posten des Chefredakteurs übernimmt nämlich Gruber, ein Mann, der augenscheinlich über einflussreiche Beziehungen, nicht aber über Kenntnisse in der Zeitungsbranche verfügt. Mehrfach wird Kisch von ihm ausgebremst.

Hilfreich hingegen ist die Unterstützung von Lenka Weißbach, einer jungen Frau, die ihr Medizinstudium in Berlin aufgegeben hat und wieder in Prag lebt, weil sie ihre Mutter betreuen muss. Auch die Beziehungen von Kisch zur Halb- und Unterwelt sorgen dafür, dass er den einen oder anderen Hinweis erhält.

Als eine Verschwörung enormen Ausmaßes immer eindeutiger wird, ist die Suche nach den Urhebern nicht nur dringend, sondern auch lebensbedrohend.


Der von Tabea Soergel und Martin Becker in Gemeinschaft geschriebene Roman „Die Schatten von Prag“ liest sich wie ein Kaleidoskop der Ereignisse des Jahres 1910. Dank einer intensiven Darstellung der Örtlichkeiten werden wir mitten hineingeworfen in die lebhafte Atmosphäre der historische Metropole an der Moldau, in der sich die Vergangenheit mit der Zukunft, das Traumhafte mit der Wirklichkeit, Schönheit mit Bizzarem verbindet.

Das Autoren-Duo jongliert mit den Fakten und findet die Balance zur Fiktion, erzeugt Spannung und entwirft ein zeitlich und inhaltlich stimmiges Porträt der Stadt, in der durch das Nebeneinander vieler Nationalitäten in unterschiedlichen Klassengesellschaften und damit verbundenen Hierarchien Konfliktpotential herrscht, Licht und Schatten dicht nebeneinander liegen.

Als geglückt erweist sich die Idee, den realen Egon Erwin Kisch in den Fokus von kriminellen Ermittlung zu stellen. Ja, der später in Deutschland als „rasender Reporter“ Gerühmte, der mit einem instinktmäßigem Gespür für Situationen punktet, couragiert agiert, zur Übertreibung neigt und einen Hauch Melancholie versprüht, fügt sich hier tadellos ins Geschehen ein, zumal ihm die Autoren die fiktive Lenka Weißbach mit einem scharfen, logisch analysierenden Verstand an die Seite gegeben haben. Die junge Frau, die Medizin nur in Erinnerung an ihren verstorbenen Vater studiert, ist aus der schillernden Großstadt Berlin, dessen wilde Nächte und die erste große Liebe sie schmerzlich vermisst, zurück nach Prag gekommen, weil ihre Mutter sie braucht. Adieu Selbstverwirklichung! Adieu Claire!

Dem Medizinstudium widmet sie sich in Prag nicht mehr. Stattdessen übernimmt sie einen Job als Schreibmaschinenfräulein bei der „Bohemia“, jener Zeitung, die Kisch ebenfalls beschäftigt. Plötzlich bietet auch das in ihren Augen eher provinziell anmutende Prag mehr Reize als angenommen und die Chance, sich gegen das herrschende Frauenbild zu wehren.

Anspruchsvoll sind nicht allein die vielen Figuren, deren Zuordnung das eine oder andere Mal neu überdacht werden muss, sondern die Fülle an Informationen, die die Autoren in den Handlungsablauf einfügen. Dadurch erhält das gesamte Werk eine Komplexität, die es gelegentlich erschwert, dem Verlauf der Ereignisse konsequent zu folgen, die Beteiligten konkret zuzuordnen und dadurch zum Treibenlassen bei der Lektüre animiert. Kompliziert sind auch einzelne Beziehungsverflechtungen, so dass es bisweilen an der Nachvollziehbarkeit von Empfindungen mangelt. Dies wird jedoch hier und da durch das Aufblitzen von Ironie und Witz gelockert.

Schlussendlich bietet „Die Schatten von Prag“ gelungene Unterhaltung im Gewand eines historischen Kriminalromans, die gern eine Fortsetzung erfahren darf. Und tatsächlich erscheint der zweite Fall im Herbst diesen Jahres.

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