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Veröffentlicht am 27.04.2025

Endlich eine neue Idee im Bereich Dystopie/Utopie!

Das Ende ist beruhigend
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Die Autorin Carla Kaspari entwirft in ihrem aktuellen Roman „Das Ende ist beruhigend“ mal ganz neue Ideen bezüglich einer Zukunftsversion und dem ungewöhnlichen Art und Weise, wie den Menschen der Zukunft ...

Die Autorin Carla Kaspari entwirft in ihrem aktuellen Roman „Das Ende ist beruhigend“ mal ganz neue Ideen bezüglich einer Zukunftsversion und dem ungewöhnlichen Art und Weise, wie den Menschen der Zukunft „geholfen“ werden soll.

Wir lernen Dean im Jahre 2125 kennen, ein sogenannter „Sponsor“, was für nichts anderes als „superreich“ steht und der mit seinem Geld in der Städte- und gesellschaftlichen Entwicklung dem Staat (sofern dieser überhaupt noch existiert) unter die Arme greift. Soll heißen: Die Sponsor:innen dieser Zukunft entscheiden in eigenen Gremien, in denen nur der eigene Finanzwert zur Teilnahme befähigt, was gebaut werden soll, wie die Menschen leben sollen. Wichtig bleibt dabei immer der Profit, denn eigentlich erscheint das Leben für die Durchschnittsbevölkerung kaum noch lebenswert. Die Luft ist mit Partikeln so durchsetzt, dass man sie kaum noch atmen kann und die UV-Werte der Sonnenstrahlen so hoch bzw. die Hitze so stark, dass man sich kaum noch im öffentlichen Raum aufhalten/leben kann. Berlin ist kaum noch bewohnbar, die Randgebiete sind längst aufgegeben. Nur Dean hat sich entschieden, seinen eigenen Luxuswohnkomplex in Berlin bauen zu lassen. Die Menschen um ihn herum verlieren jegliche Hoffnung, für sich selbst und für unseren Planeten. Aus dieser Situation heraus kommt Dean eines Tages eine Idee und er lässt eine verlasse Ortschaft in Italien zu einem Kreativen-Paradies umbauen. Dort gibt es saubere Luft, genügen gesunde Nahrung und entspannende Mediationen, damit sich die dorthin eingeladenen kreativen Menschen, aus allen möglichen Bereichen, auf ihre Arbeit und kreativen Prozesse konzentrieren können. Um mit den entstanden Werken die „Normalbevölkerung“ bei Laune zu halten. So meint man zumindest zu Beginn der Lektüre. Was sich hinter dieser Siedlung wirklich verbirgt und damit auch die ungewöhnliche Idee der Autorin, kann an dieser Stelle nicht verraten, sondern muss selbst erkundet werden. Dies muss man zusammen mit der Ich-Erzählerin Esther, einer deutschen Malerin, die mit ihrer besten Freundin Théa seit 2130 in Spes I (so der Name der Siedlung) lebt, herausfinden.

Was genau Carla Kasparis Roman ist, eine Dystopie oder eine Utopie, oder eine Utopie in der Dystopie, ist kaum zu greifen. Sie macht auf jeden Fall einiges richtig, wenn es um das Erzählen ihrer Idee geht. So gefällt mir besonders der ganz fein abgestimmte Schreibstil. Die Parts, die sich mit Dean beschäftigen sind aus der personalen Perspektive verfasst und wirken recht konventionell im Stil. So richtig interessant wird es, wenn wir die Stimme von Esther lesen. Diese hat nämlich eine sehr spezielle Wortwahl und Art des Beschreibens. Zunächst wundert man sich noch, aber dann wird mit Erfassen ihrer Lebensbedingungen in Spes I, woher ihre Art kommt. Sie ist nämlich unglaublich achtsam und psychologisch geschult, in ihrem Denken. Jeder Satz ist genau austariert, klingt wie aus psychologischen angehauchten Selbsthilfebüchern zu Achtsamkeit und Fremd- bzw. Selbstwahrnehmung. Dies ist keine artifizielle Art des Schreibens von der Autorin, die sie nicht im Griff hat, sondern gezielt eingesetzt, denn wir merken im Verlauf: In Esthers Denken, Fühlen und Handeln wird quasi eine Form der Gehirnwäsche sichtbar. Wie diese funktioniert? Bleibt erneut ein Geheimnis in dieser Buchbesprechung und muss selbst erlesen werden. ;)

Hier eine kleine Kostprobe von Esthers Gedankenwelt:

„Obwohl ich es nicht anders kannte [Anm.: selbst zu kochen], habe ich hier im Dorf gemerkt, wie sehr mir der Vorgang gefehlt hat. Produkte auszuwählen, die man später zubereiten und dann zu sich nehmen wird, ist eine zutiefst befriedigende Tätigkeit, die mich mit Glück und Ruhe erfüllt. Vor allem, wenn es sich um Produkte handelt, die größtenteils lokal angebaut oder hergestellt werden. Einen Moment halte ich inne, um dankbar zu sein für die qualitativ hochwertigen Lebensmittel in Spes I.“

Esther zuzuhören ist, als ob man einen Werbespot für ein Bio-Wellness-Achtsamkeits-Ressort mit idyllischen Bildern und in Weichzeichner ansieht. Uns ist natürlich klar, dass diese Idylle nur trügerisch sein kann.

Schlussendlich hat mir die Lektüre von „Das Ende ist beruhigend“ auf literarischer Ebene und auch bezüglich der inhaltlichen Ideen sehr gefallen. Das Buch liest sich ganz wunderbar in kurzer Zeit, ist ein knackiger Pageturner. Definitiv eine Leseempfehlung für alle, die aus dem Bereich Dystopie/Utopie mal etwas anderes lesen wollen.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Emotionsgeladene Familiensaga um die Verluste einer Mi‘kmaq-Familie

Beeren pflücken
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Der Debütroman von Amanda Peters, die selbst u.a. Mi‘kmaq-Vorfahren hat, dreht sich um eine Familie ebendieses indigenen Volkes. Die Erzählung erstreckt sich vom Jahre 1962, in dem die kleine vierjährige ...

Der Debütroman von Amanda Peters, die selbst u.a. Mi‘kmaq-Vorfahren hat, dreht sich um eine Familie ebendieses indigenen Volkes. Die Erzählung erstreckt sich vom Jahre 1962, in dem die kleine vierjährige Ruthie verschwindet, als sich die Familie auf dem Gebiet Kanadas ansässige Familie wie jedes Jahr als Beerenpflücker auf nach Maine in den USA macht, bis in die Gegenwart, in der der ältere Bruder Ruthies Joe im Sterben liegt. Gleich im Prolog wird angedeutet, dass viele Jahrzehnte nach ihrem Verschwinden eventuell die, die mal Ruthie war, ihren Weg zurück zu ihrer Familie findet. Diese Lücke von mehreren Jahrzehnten schließt die Autorin in ihrem Roman über Familienbande, persönliche Tiefen und Verluste.

Erzählt wird die Geschichte in Kapiteln, die immer im Wechsel zwischen „Joe“ und „Norma“ präsentiert werden. Schon beim Lesen des Klappentextes sollte jeder Person klar werden, dass es sich bei „Norma“ um keine andere als das vermisste Familienmitglied „Ruthie“ handelt. Aus Joes Sicht erfahren wir, wie die Familie das Verschwinden der kleinen Ruthie damals erlebt hat, wie sie jahrelang nach ihr suchten, vergeblich. Wie es weitere Verluste der ein oder anderen Art in der Familie zu verkraften gab. Dabei ist Joe definitiv kein Sympathieträger, was seine Geschichte allerdings umso eindringlicher macht. Ein Mensch, der an dem empfundenen Schuldgefühl, auf seine nur zwei Jahre jüngere Schwester damals nicht genug aufgepasst zu haben und damit an ihrem Verschwinden schuld zu sein, zerbricht und sich erst kurz vor seinem nahenden Tod wieder langsam zusammensetzt. Die Autorin findet dahingegen eine Stimme für Norma, die nichts von ihrem Ursprung wissen kann, die demnach zwar nicht vollkommen naiv durch ihr Leben wandelt, aber die merkwürdigen Ahnungen, die sie ihr Leben lang immer wieder erfüllen, nicht einordnen kann. Norma wächst bei einer wohlhabenden Familie in Maine auf, wodurch wir nicht nur Einblick in das Leben von indianischen Wanderarbeiterfamilien bekommen, sondern auch in dieses eher durchschnittliche „Mainstream“-Leben in den USA. Dass sich die beiden Erzählstränge unaufhörlich aufeinander zu bewegen, ist von Anfang an klar, macht das Buch aber dadurch keinesfalls minder spannend. Peters konzentriert sich auf die Entwicklung der Figuren und bietet durch die personal-wechselnde Erzählstimme einen authentischen Blick in die Leben der beiden Hauptfiguren. Aber auch die Nebenfiguren werden durch die Augen unserer beiden Protagonist:innen mit wenigen Strichen gezeichnet und werden dadurch greifbar.

Amanda Peters hat mich mit ihrem angenehmen Schreibstil sofort in die Geschichte gezogen, der ich kaum aufhören wollte zu folgen. In diesem Buch ist der Weg das Ziel. Hier soll nicht das Ende überraschen, sondern Menschen die Möglichkeit gegeben werden, ihre Geschichte zu erzählen. Beziehungsweise zwei Geschichten, die sich nur dadurch unterscheiden, in welcher Familie, mit welcher angeblichen Abstammung man aufwächst und damit auch deutlich andere Chancen im leben bekommt.

Die Psychologie hinter dem Verschwinden von Ruthie und wie sie in ihrer neuen Familie landet wird dabei nur angedeutet. Dies ist im Rahmen der beiden Erzählperspektiven, welche auf Joe und Norma beschränkt sind, nur logisch. Trotzdem hätte ich mir ihr ein klitzekleines Bisschen mehr psychologischen Einblick in eine bestimmte Nebenfigur, welche damit zu tun hat, gewünscht. Dies stellt allerdings nur einen persönlichen Kritikpunkt auf hohem Niveau dar, denn mit diesem Einblick wäre der Kern des Romans verschoben worden.

Insgesamt bin ich also sehr begeistert von diesem Debütroman, der mich von Anfang bis Ende fesseln konnte. Nur den deutschen Titel finde ich nicht annähernd so passend wie den englischen Originaltitel, der da ist „The Berry Pickers“, denn dieser setzt die Mi‘kmaq-Familie, die sich als Wanderarbeiter verdingen muss, ins Zentrum. „Beeren pflücken“ klingt dahingegen nichtssagend und austauschbar.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 09.04.2025

Das chinesische Stonewall

Cinema Love
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Vielen Menschen sollte der Stonewall-Aufstand im New York des Jahres 1969 ein Begriff sein. Ist daraus doch der Christopher Street Day entstanden. Ähnlich den Protesten von LGBT-Personen gegen eine polizeiliche ...

Vielen Menschen sollte der Stonewall-Aufstand im New York des Jahres 1969 ein Begriff sein. Ist daraus doch der Christopher Street Day entstanden. Ähnlich den Protesten von LGBT-Personen gegen eine polizeiliche Razzia aus homophoben Gründen in New York gibt es auch in Jiaming Tangs Debütroman einen Aufstand homosexueller Männer gegen staatliches Eingreifen gegenüber dem Mawai City Arbeiterkino in den 1980er Jahren, denn das Kino stellte für homosexuelle Männer einen save space da, um sich zu treffen und Kontakt aufzubauen. Diese Unruhen in der chinesischen Stadt mit Verletzten und Toten auf Seiten der Kinounterstützer bildet das Zentrum von Tangs Erzählung. Verschiedene Menschenschicksale wurden an diesem Tag in bestimmte Richtungen gelenkt und wir verfolgen mehreren Personen, die daraufhin das Land verlassen und in die USA, nach New York, auswandern. So umfasst der Roman einen Zeitraum von fast 40 Jahren, queeres Leben auf zwei verschiedenen Kontinenten und die Geschichten von einem halben Dutzend Personen, die sich alle untereinander beeinflussen.

Jiaming Tang erzählt, wie ein Ort in China damals aussehen konnte, an dem bestimmte Männer überhaupt nur lieben konnten. Aber auch ein Ort des Betrugs. Nämlich des Betrugs an den Ehefrauen dieser Männer, die in der Regel nichts Genaues wussten, vielleicht ahnten, meist aber auch gar nicht so genau wissen wollten. So führte die Tabuisierung von Homosexualität zu Demütigungen auf allen Seiten. Tangs Buch spinnt die Geschichten dieser Menschen weiter und zeigt ihr Streben nach einem würdevollen Leben, in einem Land, welches Freiheit verspricht, dieses Versprechen jedoch nur selten einlösen kann. Denn die Einwanderer kommen in den verschiedenen Chinatowns an, welche Ende der 1980er, Anfang der 1990er immer noch Slums darstellen, in denen die Wohn- und Arbeitsbedingungen menschenunwürdig sind. Und letztlich erstreckt sich die Geschichte bis in die Zeit der Corona-Lockdowns und die Auswirkungen auf die ärmsten Bevölkerungsschichten. Dies ist ein sehr großer Rahmen, den Tang jedoch sehr gut einhält, nicht zu ausschweifend erzählt und durch Personenwechsel den Roman zu einem Pageturner macht. Wir springen mit dem allwissenden Erzähler von Person zu Person, von Zeit zu Zeit und von Ort zu Ort. Selten fällt es schwer, dem zu folgen, meist gelingt es dem Autor jedoch, einen mitzunehmen in die verschiedenen Szenarien.

Der Erzählstil hat mir über weite Strecken sehr gut gefallen. Einen allwissenden Erzähler, der sich mit den Lesenden verbündet, liest man heutzutage nicht mehr oft. So fragt er uns zum Beispiel: „Siehst du sie? Die hinkende Frau mit den Einkaufstüten.“ oder „Vielleicht die Frau von der Kinokasse – von der wir wissen, dass es Bao Mei ist-, vielleicht hatte sie etwas gesagt, das sie nicht hatte sagen sollen.“ Nur in einem einzigen Kapitel wechselt der Autor die Erzählperspektive. Hier scheint die Figur (eine für das Geschehen tragisch-wichtige Figur) sowohl dem Erzähler als auch uns Lesenden direkt von sich aus die eigenen Empfindungen aus der Ich-Perspektive zu berichten. Das liest sich zunächst sehr merkwürdig an, ergibt aber aufgrund der tragischen Rolle der Person durchaus Sinn. Nur beginnt in diesem Kapitel erst der zweite Absatz mit einem Anführungszeichen, welches auch erst ganz am Ende des Kapitels wieder geschlossen wird. Meines Erachtens hätte dieses Anführungszeichen der direkten Rede gleich zu Beginn des Kapitels die Rede der Figur eröffnen müssen. Ein Fehler? Gewollt? Ich weiß es nicht. Aber auf jeden Fall zusätzlich verwirrend.

Sprachlich erzählt Jiaming Tang mitreißend, mithilfe von punktgenau treffenden Sätzen die Geschichte seiner Figuren. Ich habe das Buch förmlich eingesogen. Allein bei dem ein oder anderen Wort, welches nicht so ganz zur erzählten Zeit oder dem deutschen Sprachgebrauch entsprechen, stockte ich kurz. Es handelt sich dabei entweder um sehr fachspezifische Wörter, die so nicht so richtig reinpassen („präkanzeröses Muttermal“) oder etwas zu neumodische Wörter („zumal sie hin und wieder dann doch ihre Bubble verlassen mussten“). Nun haben wir aber auch einen allwissenden Erzähler und dieser kann ja auch durchaus ganz moderne, (in der Übersetzung) eingedeutschte Wörter verwenden, wenn er will. Ich persönlich bin hier und da darüber gestolpert.

Die Figuren - vor allem die weiblichen, bei den männlichen hätte es noch Potenzial gegeben - sind facettenreich angelegt und dadurch, wie uns der Erzähler in verschiedene Zeiten und zu den verschiedenen Figuren führt, erfahren wir nach und nach, wer welche Gedanken und Gefühle zu einer bestimmten Situation hat und letztlich auch welche Schuld auf wem lastet bezüglich der Geschehnisse bezüglich des Arbeiterkinos. Das ist geschickt gemacht. Gerade eben noch einen Verlagstext zum Buch lesend, würde ich Interessenten eher davon abraten dies zu tun, weil dort meines Erachtens schon zu viel verraten wird, was während der Lektüre noch einen Überraschungseffekt hatte.

So muss ich sagen, dass ich diesen Einblick in eine ansonsten nur selten bis gar nicht beleuchteten Teil der Welt sehr lehrreich und interessant empfand. Es passiert so viel auf diesen wenigen Seiten, dass ich mich nach Beenden des Buches noch wunderte, wie dies alles auf nur knapp 300 Seiten stehen kann. Somit gibt es von mir eine klare Leseempfehlung für den Debütroman von Jiaming Tang, selbst in den USA aufgewachsen als Kind von chinesischen Einwanderern.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 09.02.2025

Unvorhersehbar und dadurch ganz besonders eindrücklich

Achtzehnter Stock
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Sara Gmuer legt mir „Achtzehnter Stock“ ein beeindruckendes Debüt vor. Im Mittelpunkt steht Wanda, eine arbeitslose Schauspielerin Mitte 30, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie einen Hochausplattenbau ...

Sara Gmuer legt mir „Achtzehnter Stock“ ein beeindruckendes Debüt vor. Im Mittelpunkt steht Wanda, eine arbeitslose Schauspielerin Mitte 30, die mit ihrer fünfjährigen Tochter Karlie einen Hochausplattenbau in Berlin bewohnt. Sie ist zu stolz, Hartz IV zu beantragen, wie fast alle anderen im Block, versucht sich mit dem Geld der vor zwei Jahren gedrehten Persil-Werbung über Wasser zu halten. Aber schnell wird klar, das ist hier nicht einfach nur ein Engpass, nein, hier geht es um alles, hier geht es um waschechtes Prekariat. Die Geschehnisse kommen ins Rollen mit einer angebotenen Rolle, deren Hauptdarsteller sich auch noch für Wanda interessiert. Doch zeitgleich wird Karlie krank und Wanda weiß als Alleinerziehende kaum alles unter den sagenumwobenen Hut zu bringen.

Dieser Roman hat mich mit deinen wenigen 220 Seiten komplett eingesogen und durchgeschleudert wieder ausgespuckt. Zu Beginn der Lektüre dachte ich noch an der ein oder anderen Stelle: „Na, diesen Trope wird sie jetzt doch nicht bringen, oder?“. Zum Beispiel: Wird jetzt der auftauchende Starschauspieler echt der große Retter werden? Werden die anderen Mütter aus der Platte als beste Freundinnen die Retterinnen werden? Etc. pp. Aber Gmuer reißt so oft das Ruder herum, entwickelt einen – zumindest für mich – unvorhersehbaren Plot, überraschte mich immer wieder mit ihren Ideen, die aber nie unrealistisch daherkommen, dass sie mich vollständig für ihre Geschichte einnehmen konnte.

Sprachlich ist der Text teilweise sehr reduziert, bringt dadurch aber immer wieder ganz tolle Gedanken gebündelt aufs Tapet, die dadurch noch eindringlicher nachwirken können. So entwickelt sie nicht nur eine Milieustudie zum Leben am Existenzminimum in einer Berliner Plattenbausiedlung der Gegenwart sondern auch einen Blick für das abgeschlossene Biotop der Filmaufnahmen auf einem Set. Gestochen scharf sind die Formulierungen, mit denen sie die Szenerien ebenso wie die Wünsche, Hoffnungen und Enttäuschung von Wanda seziert.

So schreibt sie ganz wunderbar auf Seite 69: „Man wird zu den Menschen, mit denen man am meisten Zeit verbringt. Man wird eins mit der Umgebung, wie Fetzenfische zwischen Korallen oder hässliche Gespenstschrecken auf irgendwelchen Ästen. Man gleicht sich an, bis man sich am Ende selbst nicht mehr sieht, und wenn man dann hinter vergilbten Gardinen und vorgehaltener Hand über die anderen redet, meint man eigentlich sich selbst.“

Oder auf Seite 168: „Man vererbt nicht nur Geld, man vererbt auch Armut. So oder so, es bleibt in der Familie.“

Immer wieder hadert die Protagonistin mit ihrer Herkunft, ihrem Dasein in der Armut und ihrer möglichen oder unmöglichen Zukunft. Sie beißt sich durch und verletzt dadurch durchaus auch ihr Umfeld. Immer intensiver wird nicht nur das Erleben der Protagonistin sondern auch die Leseerfahrung zum Ende des Buches hin. Ich hing an Sara Gmuers Lippen respektive Schreibfingern und konnte das Buch kaum noch weglegen. Gefühlt fast etwas zu kurz empfand ich den Roman, aber gleichzeitig kann genau diese Kürze den Reiz dieser verdichteten Geschichte einer alleinerziehenden Mutter, die den Spagat zwischen zwei scheinbar unvereinbaren Welten versucht zu schaffen und stark ins Taumeln gerät, ausmachen; fast so, wie der Hochhausturm, dessen achtzehnten Stock die mit ihrer Tochter bewohnt, wenn es draußen stürmt und des Gefühl von Weltuntergang aufkommt.

Ein äußerst lesenswertes Debüt von einer Autorin, deren weitere Werke ich schon jetzt begeistert erwarte.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 27.01.2025

Wissenschaftlich fundiertes Buch zur Mensch-Hund-Beziehung

Warum Hunde uns zu besseren Menschen machen
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Der Verhaltensbiologe und emeritierte Professor der Universität Wien Kurt Kotrschal erzählt in seinem Sachbuch mit eingängiger, verständlicher Sprache vom Team Mensch-Hund, dessen evolutionäre Geschichte, ...

Der Verhaltensbiologe und emeritierte Professor der Universität Wien Kurt Kotrschal erzählt in seinem Sachbuch mit eingängiger, verständlicher Sprache vom Team Mensch-Hund, dessen evolutionäre Geschichte, ihre Besonderheiten gegenüber anderen Partnern, den Einfluss von Hunden auf das menschliche Verhalten und Gesundheit sowie die Unterschiede zwischen Hund und Wolf, die eine so intensive Verbindung zwischen Mensch und Hund überhaupt erst ermöglichen.

Ohne seine Leser:innen aus den Augen zu verlieren, formuliert Kotrschal den aktuellen wissenschaftlichen Wissensstand zur Beziehung zwischen Mensch und Hund konkret und nachvollziehbar aus. Er mystifiziert nicht das scheinbar unbegreifliche Band zwischen den beiden Arten, sondern erklärt es anhand wissenschaftlicher Untersuchungen und rationalen Überlegungen. So fand ich ganz toll, wenn er direkt im ersten Satz nach der eingängigen Kapitelüberschrift „Das Wunder der zwischenartlichen Beziehungsfähigkeit: Die menschliche Seite“ schreibt: „‘Wunder‘ entziehen sich der rationalen Erklärung, sonst wären es ja keine. Versuchen wir es also mit einer Zusammenschau unterschiedlicher Ergebnisse aus der Forschung.“ Herrlich! Das lässt mein wissenschaftlich-orientiertes Herz höher schlagen. Hier wird nichts verniedlicht, sondern immer alles sachlich untermauert.

Nachdem der Autor die Besonderheiten (entwicklungspsychologisch, kognitiv, behavioral, bindungsbezogen etc.) von Hunden herausstellt, widmet er sich sogar noch kurz in den letzten beiden Kapiteln des Buches zum einen den negativen Seiten des Zusammenlebens von Hunden und Menschen auf diesem Planeten als auch einem Ausblick, wie diese Beziehung in der (zunehmend digitalisierten und technisierten) Zukunft aussehen könnte. Hier merkt man, dass dem Autor der Zustand unseres Planeten vor allem bezogen auf die Klimakrise keineswegs egal ist und er die Möglichkeit nutzt, auf Missstände hinzuweisen.

Insgesamt empfand ich die Lektüre als sehr erhellend, obwohl ich schon so einige Sachbücher zum Thema gelesen habe. Besonders die psychologischen Aspekte und der aktuellste Wissensstand fand ich gerade erfrischend umgesetzt. Und die Tatsache, wie häufig ich während und nach der Lektüre Menschen aus meinem direkten Umfeld von dieser oder jener Erkenntnis oder Studie, die im Buch erwähnt wurde, erzählte, zeigt mir, wie eindrücklich diese war. Allein zum Schluss wirkte mir gerade das Kapitel zu den „Dunkeln Seiten“ etwas zu hektisch runtererzählt. Hier hätte der Autor meines Erachtens durchaus noch mehr ins Detail gehen können.

Insgesamt handelt es sich um eine lohnenswerte Lektüre, selbst wenn man das Gefühl hat, schon viel zum Thema gelesen zu haben. Und natürlich gibt es zwischendurch auch noch wunderschöne Farbfotografien, da freut sich der:die Hundefreund:in zusätzlich.

4,5/5 Sterne

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