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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.03.2025

Tolles Buch, das wunderbare Gesprächsanlässe bietet

Egal, sagt Aal
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Egal, sagt Aal von Julia Regett ist ein lustiges Kinderbuch mit einer wichtigen Botschaft.
Der kleine Aal schwimmt durch sein Leben und macht, was er möchte, denn ihm ist fast alles egal. So lange, bis ...

Egal, sagt Aal von Julia Regett ist ein lustiges Kinderbuch mit einer wichtigen Botschaft.
Der kleine Aal schwimmt durch sein Leben und macht, was er möchte, denn ihm ist fast alles egal. So lange, bis er sich schlecht fühlt, weil er ein anderes Tier mit seiner Haltung verletzt hat. Mit der Hilfe eines Frosches fängt er an, zu reflektieren und gemeinsam kommen sie zu dem Ergebnis, dass es toll ist, eine eigene Meinung zu haben und nicht immer mit dem Strom zu schwimmen, dass aber die Bedürfnisse und Grenzen der anderen auch wichtig sind und nicht leichtfertig missachtet werden dürfen.
Diese wichtige Botschaft ist in eine witzige Geschichte verpackt, die auch für kleinere Kinder funktioniert (ich würde sagen, das empfohlene Mindestalter von 4 ist ziemlich passend). Mit viel Sprachwitz und kreativen Einfällen erzählt Julia Regett vom Alltag des Egal-Aals und der anderen Teichbewohner.
Die Übergänge zwischen den Episoden fand ich an manchen Stellen etwas holprig (vor allem nach der Begegnung mit dem Haubentaucher und der Schnecke), aber insgesamt ist die Geschichte rund und hat eine angemessene Länge, sodass auch Kindergartenkinder bis zum Ende folgen können.
Die Zeichnungen sind in „Teich-Farben“ gehalten (mich haben sie sofort an den kleinen Wassermann erinnert) und der Stil hat meinem Sohn sehr gut gefallen. Das Buch fühlt sich wertig an und die Haptik des Umschlags war für mich überraschend angenehm.
Unser Fazit: ein gelungenes Buch, das wir sicher häufiger lesen werden und das tolle Gesprächsanlässe bietet.
4,5/5

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Veröffentlicht am 19.03.2025

Wunderbar lyrisch und emotional

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken
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Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz ist die Geschichte eines Mädchens, das mit ziemlich beschissenen Chancen ins Leben geschickt wird. Und eine Geschichte über das Trotzdem, ...

Mit dir, da möchte ich im Himmel Kaffee trinken von Sarah Lorenz ist die Geschichte eines Mädchens, das mit ziemlich beschissenen Chancen ins Leben geschickt wird. Und eine Geschichte über das Trotzdem, die Kraft der Bücher, und Wunder.
Wir begleiten Elisa, die bereits als Kind ins Heim kommt, und die sowohl die Beziehungen zu ihrer dysfunktionalen Familie als auch die Widrigkeiten des Aufwachsens im Jugendhilfesystem verarbeiten muss. Schicksalsschläge säumen ihren Weg, Klassismus und Misogynie sind allgegenwärtig, und was ihr widerfährt, hätte für mehrere Leben gereicht. Trotzdem behält sie sich ihren Glauben an Wunder und findet ihr ganz eigenes schließlich in ihrem Ehemann. Dabei sind Bücher ihre ständigen Begleiter und besonders die Werke von Mascha Kaléko geben ihr Kraft.
Und so ist dieses Buch geschrieben als Ansprache an die Dichterin: es werden Parallelen und Unterschiede zwischen den beiden Frauen aufgezeigt, Theorien aufgestellt, Fragen in den Raum geworfen. Dadurch hat der Roman nicht nur ein lyrisches Ich, sondern auch ein lyrisches Du, und beide sind doch offensichtlich ganz eng mit realen Personen verknüpft. Nicht ganz unironisch heißt es im Buch sogar: „Aber ich bin so kühn und behaupte: Ihr weist beachtliche Parallelen auf, dein Lyrisches Ich und du.“ (30) Das hat mir das Lesen tatsächlich an manchen Stellen ein bisschen schwer gemacht, denn dieser autofiktionale Roman schreit schon sehr laut nach Autobiografie, was bei mir zuweilen ein beklemmendes Gefühl von Voyeurismus hinterlässt. Und klar: auch ganz viel Mitgefühl und vor allem Mitwut. (Ja, ich weiß, das gibt es nicht – sollte es aber!)
Dennoch hatte das Buch eine unheimliche Sogwirkung, was vor allem an der wunderbar lyrischen Sprache und dem ganz eigenen Schreibstil der Autorin liegt. Ich kenne kaum ein Werk, das so gekonnt das Repertoire deutscher Adjektive ausschöpft. Allein dafür lohnt es sich, das Buch zu lesen.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Toll gereimt, mit wichtiger Botschaft!

Die Maus hat einen neuen Freund
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Die Maus hat einen neuen Freund von Marc Uwe Kling, mit Illustrationen von Astrid Henn, ist ein tolles Kinderbuch, das mit Sprachwitz und wunderschönen Illustrationen punktet, und dabei auch ...

Die Maus hat einen neuen Freund von Marc Uwe Kling, mit Illustrationen von Astrid Henn, ist ein tolles Kinderbuch, das mit Sprachwitz und wunderschönen Illustrationen punktet, und dabei auch noch wichtige Botschaften vermittelt.
Die Maus freundet sich mit einem Dinosaurier an, und trotz ganz vieler Gemeinsamkeiten sind sie nun doch leider auch sehr unterschiedlich. Das führt zu verschiedenen Situationen, in denen die Kinder lernen, dass es 1. ganz normal ist, unterschiedlich zu sein und sich trotzdem zu mögen, 2. manchmal Situationen gibt, in denen man nicht das kriegt, was man gerne hätte, und es 3. ganz oft Möglichkeiten gibt, Kompromisse zu schließen oder kreative Lösungen zu finden.
Das Buch habe ich für den Sohn einer Freundin gekauft, daher habe ich es selber leider nicht laut vorgelesen sondern nur einmal für mich angesehen. Ich kann mir aber vorstellen, dass es auch Erwachsenen viel Freude beim Vorlesen bereitet.

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Spannend und atmosphärisch

Halbe Leben
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Halbe Leben von Susanne Gregor ist wieder so ein Buch, das zunächst unscheinbar daherkommt und dann aber mit jeder Seite an Intensität zulegt. Der Titel hat mich sofort an ein Zitat von Mareice Kaiser ...

Halbe Leben von Susanne Gregor ist wieder so ein Buch, das zunächst unscheinbar daherkommt und dann aber mit jeder Seite an Intensität zulegt. Der Titel hat mich sofort an ein Zitat von Mareice Kaiser erinnert, die in ihrem Buch Das Unwohlsein der modernen Mutter schreibt, sie „möchte nicht überall nur halb sein, sondern ganz“. Und um den Zwiespalt zwischen Familie und beruflichen Verpflichtungen soll es auch hier gehen – wenn auch mit einem etwas anderen Fokus.
In einer Art Rahmenhandlung beginnt es mit einem Sturz, dessen Hintergründe erst am Ende der Geschichte aufgeklärt werden. War es ein Unfall? Absicht? War Paulina beteiligt oder ist Klara ganz alleine gefallen? Was ist direkt davor geschehen? Und wie ist das Verhältnis der beiden Frauen? Die Antworten gibt es erst, nachdem wir die beiden Frauen und ihre jeweiligen Familien ein paar Monate begleitet haben und genügend Chancen hatten, Vermutungen anzustellen und uns über unsere Sympathien klar zu werden.
Paulina zieht bei Klaras Familie als Pflegerin für deren Mutter ein, die nach einem Schlaganfall nicht mehr ohne Hilfe zurechtkommt. Im 14-tägigen Wechsel mit Radek kümmert sie sich um alle Belange der älteren Dame und übernimmt dabei schleichend und stillschweigend immer mehr Pflichten im Haushalt. Die Familie ist begeistert und freut sich über den Glücksgriff, während Paulina hin und her gerissen ist. Ihr Leben teilt sich auf in zwei Hälften, die sich alle zwei Wochen abwechseln: sie ist Mutter zweier Söhne in der slowakischen Heimat oder Pflegerin in Österreich. Beide Situationen beeinflussen sich auf gewisse Weise, doch sie verweben sich nicht zu einem Ganzen, sondern stehen hauptsächlich in Konkurrenz zueinander.
Die Meisterleistung des Buches liegt für mich vor allem in der Atmosphäre. Susanne Gregor schafft es, die Beklemmung und den Druck, der auf Paulina lastet, stetig ansteigen zu lassen, und dies beim Lesen spürbar zu machen. Man fühlt sich ein wenig wie der Frosch im Kochtopf, der erst merkt, dass es zu heiß wird, wenn es zu spät ist. Und wenn es mir beim Lesen schon so geht, wie muss sich dann erst Paulina gefühlt haben, deren Gutmütigkeit und finanzielle Lage von der Familie so schonungslos ausgenutzt wird? Klara und Jakob stellen immer mehr und immer übergriffigere Ansprüche an die Pflegerin, die aufgrund ihrer prekären Verhältnisse kaum eine Chance hat, sich dagegen zu wehren. So geht Machtmissbrauch in gutbürgerlich.
Die Themen Mutterschaft, Klassismus und Ausbeutung werden hier kombiniert zu einer Symphonie, die sich crescendoartig immer weiterschraubt und die Lesenden in ihren Bann zieht. Am Ende bleibt die Ernüchterung, dass zwei halbe Leben eben kein ganzes ergeben. Und eine ganz wunderbare Leseerfahrung. Von mir gibt’s eine klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 10.02.2025

Was für eine Überraschung

Achtzehnter Stock
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Der Roman Achtzehnter Stock von Sara Gmuer ist ein richtig gutes Buch, obwohl es mir nicht gefallen hat. Wie das sein kann?
Die Autorin schafft es, die Protagonistin in all ihren Graustufen zu porträtieren ...

Der Roman Achtzehnter Stock von Sara Gmuer ist ein richtig gutes Buch, obwohl es mir nicht gefallen hat. Wie das sein kann?
Die Autorin schafft es, die Protagonistin in all ihren Graustufen zu porträtieren und bei der Lektüre habe ich eine negative Emotion nach der anderen durchlaufen: Wut, Angst, Trauer, Anspannung, Verzweiflung, … Noch schlimmer war, dass ich oft eine krasse Ambiguität aushalten musste, denn ich konnte die Beweggründe von Wanda verstehen, habe ihr Verhalten aber doch insgeheim verurteilt. Dadurch war mir zum einen die Protagonistin unsympathisch, zum anderen musste ich mich aber auch sehr mit meinen eigenen Vorurteilen und internalisierten Klassismus auseinandersetzen. Und ganz ehrlich – wer macht das schon gern?
Für mich ist es aber genau das, was gute Bücher ausmacht: das Unbequeme, das den Finger in Wunden legt, von denen wir gar nicht wussten, dass wir sie haben. Die Konfrontation mit eigenen Stereotypen, Vorurteilen und Glaubenssätzen. Die Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien, die dahinter stehen.
Das kann dieses Buch ganz hervorragend. Ebenso wie das Pacing. Durch die kurzen Sätze und den eher schroffen Stil liest es sich wie eine wilde Achterbahnfahrt und bevor man es realisiert, ist man am Ende der Geschichte angekommen. Es gibt keine langweiligen Passagen oder auch nur Momente der Ruhe, alles passiert zack, zack, zack, wie die Schicksalsschläge (und auch das Glück) in Wandas Leben. Am liebsten hätte ich das Buch in einem Rutsch durchgelesen, und falls ihr mal ein paar Stunden am Stück habt: macht das!
Auch wenn ein paar der anderen Figuren wenig Tiefe haben und doch sehr stereotyp dargestellt sind (was auch Absicht sein mag, denn der Plattenbau bringt eben in den Augen der meisten keine Individuen hervor), wirkt die Geschichte nachhaltig und ich denke immer wieder darüber nach und habe Redebedarf
Wenn ihr das Buch also schon gelesen habt: ich freue mich auf den Austausch mit euch. Und wenn nicht: dann holt das nach, vor allem, wenn ihr keine glattgebügelte Literatur braucht und durchaus auch rotzige Stimmen genießen könnt.

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