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Veröffentlicht am 03.03.2025

Genug ist genug

Nest
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Frühling in Dublin. Eine Zeit des Neubeginns, des Wachsens. Ciara, eine Frau, die täglich auf Zehenspitzen durch ihr Leben schleicht, jedes Wort kontrolliert, bevor es ihren Mund verlässt. Ryan, ihr Mann, ...

Frühling in Dublin. Eine Zeit des Neubeginns, des Wachsens. Ciara, eine Frau, die täglich auf Zehenspitzen durch ihr Leben schleicht, jedes Wort kontrolliert, bevor es ihren Mund verlässt. Ryan, ihr Mann, aggressiv bis zum Anschlag, der jede ihrer Handlungen überwacht, sie kontrolliert, kritisiert, isoliert, klein hält.

Doch dann…genug ist genug…nur eine dumme Idee. Vergiss es. Es reicht. Niemand sollte so leben müssen.

Sie nimmt die Wäsche von der Leine, schnappt sich ihre beiden kleinen Töchter, steckt ihren Notgroschen ein, setzt sich ins Auto und fährt davon. Ohne Ziel, nur weg. Doch wohin? Vor zwei Jahren hat sie es schon einmal versucht. Ohne Erfolg. Ist zurückgekommen. Nicht schon wieder. Kaum Geld, keine Arbeit, keine Unterkunft. Keine Freunde, bei denen sie unterkommen könnte. Mutter und Schwester leben in England.

Eine Hilfsorganisation vermittelt ihr für den Übergang ein Zimmer im Hotel Eden, dessen 5.Stock als inoffizielles Obdachlosenheim dient. Eden. Paradies. Fast könnte man meinen, dass die Bewohner verhöhnt werden sollen, aber die Behörden nehmen das, was zu kriegen ist, denn die Wohnungsnot in Dublin ist groß, das soziale Netz hat Riesenlöcher.Aus der Notlösung wird ein Dauerzustand. Sie findet eine Teilzeit-Stelle als Englischlehrerin, schließt Freundschaften, aber dennoch gibt es Phasen, in denen sie ihre Entscheidung anzweifelt. Und dann ist da ja auch noch Ryan, der Noch-Ehemann, gegen den sie sich zur Wehr setzen muss, weil er alle Hebel in Bewegung setzt, um das Sorgerecht für die beiden Töchter zu bekommen…

Die irische Autorin Roisin O’Donnell beschreibt in ihrem ersten Roman sehr anrührend und emotional anhand eines Einzelschicksals die Schwierigkeiten, mit denen Frauen zu kämpfen haben, wenn sie aus einer toxischen Beziehung ausbrechen wollen. Vor allem dann, wenn sie in finanzieller Abhängigkeit gelebt haben. Falls sie dennoch den Absprung wagen, beginnt dann der Weg durch Institutionen und Ämter, der oft aussichtslose Kampf mit Anträgen und Formularen. Aber gerade in patriarchalischen Gesellschaften können noch weitere Hindernisse auf sie warten, wie z.B. parteiische Richter am Familiengericht.

Allen Schwierigkeiten zum Trotz gibt Ciara nicht auf, bietet den Härten ihres neuen Lebens die Stirn, um sich und ihren Kindern ein behagliches Nest und ein liebevolles Familienleben zu schaffen.

Veröffentlicht am 23.02.2025

Zeit des Neubeginns

Berchtesgaden
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Mai 1945. Der Krieg ist vorbei, aber die Wunden, die er geschlagen hat, sind noch offen. Die Amerikaner haben den Wettlauf gegen die Franzosen gewonnen und die Verwaltung übernommen. In Berchtesgaden herrscht ...

Mai 1945. Der Krieg ist vorbei, aber die Wunden, die er geschlagen hat, sind noch offen. Die Amerikaner haben den Wettlauf gegen die Franzosen gewonnen und die Verwaltung übernommen. In Berchtesgaden herrscht Aufbruchstimmung. Die öffentlichen Ämter müssen neu besetzt werden, was sich als einigermaßen schwieriges Unterfangen herausstellt. Parteimitglieder, Mitläufer, Regimegegner, Kriegsheimkehrer und Überlebende, die dem Kriegsende ihre Freiheit verdanken. Alle benötigen den Persilschein, müssen sich deshalb einer Befragung unterziehen, aber nur wenige haben tatsächlich eine blütenweiße Weste.

An Einzelschicksalen sehen wir die Wunden, die der Krieg im Kleinen und Großen geschlagen hat. Frank, vor Kriegsausbruch gerade noch mit seiner jüdischen Familie nach Amerika geflüchtet, ausgebildet in Verhörtechniken in Camp Richtie, der die Befragungen der Einheimischen durchführt. Sophie, die naive junge Frau, die dessen Interviews protokolliert und sich in einen schwarzen GI verliebt. Rudolf Kriss (historisch verbürgt), von einem Nachbarn denunziert, was Konzentrationslager und Todesurteil zur Folge hatte. Nach der Befreiung Berchtesgadens Bürgermeister. Max, Sophies Bruder, Angehöriger der Waffen-SS, aus Angst vor Konsequenzen in die Berge geflohen…und…und.

Carolin Otto ist Drehbuchautorin (Polizeiruf, Tatort), und auch dieser Stoff hätte eigentlich eine TV-Serie zum 80. Jahrestag des Kriegsendes werden sollen. Aber da sich das Projekt zerschlagen hat, hat sie die Rechercheergebnisse zu ihrem Roman „Berchtesgaden“ verarbeitet. Zum Glück, kann ich da nur sagen.

Sie hat sich bei ihrer Recherche intensiv mit der Nachkriegsgeschichte Berchtesgadens auseinandergesetzt, thematisiert aber nicht nur die Probleme, sondern auch die Chancen, die sich (nicht nur) für die Einheimischen durch die Ankunft der Amerikaner ergeben. Jede/r der Protagonisten hat eine persönliche Geschichte, eine Vergangenheit, aber auch eine Zukunft. Ist Teil einer Gemeinschaft, die sich neu orientieren muss.

Und ja, man merkt die Drehbuchautorin. Ganz gleich, ob Personen, ihre Handlungen oder die Landschaft, alles wird sehr bildhaft und eindrücklich geschildert, vermittelt das Gefühl, man sähe es direkt vor sich. Und auch die Cliffhanger am Ende der aus wechselnder Sicht erzählten Kapitel sind perfekt gesetzt, so dass man unbedingt wissen möchte, wie sich die jeweilige Geschichte entwickelt und in das große Ganze eingebettet ist.

Ein gelungener historischer Roman, in dem die Einzelschicksale eng mit dieser besonderen Zeitspanne der unmittelbaren Nachkriegszeit verknüpft sind. Sehr informativ, aber auch spannend und einfühlsam erzählt. Nachdrückliche Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 17.02.2025

Raffinierter Genre-Mix

Der letzte Mord am Ende der Welt
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107 Stunden, und die Uhr tickt. Knapp fünf Tage, und dann ist die Welt Geschichte. Die Welt, die nur noch aus 122 Menschen auf einer kleinen griechischen Insel mitten im Meer besteht, und eine Geschichte, ...

107 Stunden, und die Uhr tickt. Knapp fünf Tage, und dann ist die Welt Geschichte. Die Welt, die nur noch aus 122 Menschen auf einer kleinen griechischen Insel mitten im Meer besteht, und eine Geschichte, die niemand mehr hören kann…

Wissenschaftler, die nicht nur das tägliche Leben sondern auch die Gedanken kontrollieren. Ein diffiziles Abwehrsystem, das vor dem schädlichen externen Einfluss schützt, der alles Leben auslöschen wird. Ein Mord, der genau dieses Abwehrsystem außer Kraft setzt und dem tödlichen Nebel Zugang gewähren wird. Und der verzweifelte Versuch, zu retten, was zu retten ist.

Ich bin kein Fan von Sci-Fi, und auch mit Dystopien kann man mich üblicherweise nicht hinter dem Ofen vorlocken. Aber Turtons neuem Roman gelingt es, was einmal mehr dem Genre-Mix geschuldet ist, den der Autor so perfekt beherrscht. Seine Bücher werden zwar durchgängig mit dem Etikett Kriminalroman versehen, lassen sich aber durch die Komplexität, die sie auszeichnet, diesem Genre nicht eindeutig zuordnen.

Eine spannende, über weite Strecken unvorhersehbare Lektüre, die zum Nachdenken anregt. Lesen!

Veröffentlicht am 13.02.2025

Spannender Ausflug in Norwegens Norden

Das kalte Schweigen der See
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Belugas, Orcas und Eisbären. Schneidende Kälte, Schnee und Dunkelheit. Polarnacht in dieser menschenleeren Weite im Norden Norwegens. Ein tödlicher Eisbärangriff, ein Selbstmord. Verstümmelte Wal-Kadaver ...

Belugas, Orcas und Eisbären. Schneidende Kälte, Schnee und Dunkelheit. Polarnacht in dieser menschenleeren Weite im Norden Norwegens. Ein tödlicher Eisbärangriff, ein Selbstmord. Verstümmelte Wal-Kadaver und zwei Todesfälle, tausend Kilometer voneinander entfernt.

In Longyearbyen wird neben einem gestrandeten Pottwal, dessen massiger Körper mit Runensymbolen übersät ist, die grässlich zugerichtete Leiche einer Studentin der arktischen Biologie gefunden. Ihr Körper zerfetzt, übersät von Biss- und Kratzspuren. Offenbar Opfer eines Bärenangriffs. Früher eher unüblich auf Spitzbergen. Aber durch den Rückgang der Robbenpopulation suchen die Bären nach alternativen Futterquellen. Warum hat sie sich nicht an die Vorschriften gehalten und war ohne Gewehr unterwegs? Und warum beschleicht die mit der Untersuchung beauftragte Polizistin Lottie Sandvik, ehemals bei der Osloer Polizei tätig, aber nach einer Versetzung wieder zurück und zuständig für Spitzbergen und die Lofoten, ein solch unbehagliches Gefühl?

Fast zeitgleich trifft auf den Nils Madsen auf den Lofoten ein, da dessen Ex-Freundin und ehemalige Kollegin Åsa angeblich Selbstmord begangen haben soll. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, beruflich und privat, waren Kriegsreporter, jahrelang in Krisengebieten unterwegs. Madsen kennt sie als psychisch stabile Persönlichkeit, bezweifelt die Selbstmord-Theorie. Hat die engagierte Umweltaktivistin Åsa, die mit ihren Walbeobachtungstouren Touristen sensibilisieren wollte, diejenigen verärgert, die noch immer skrupellos Wale abschlachten? Musste sie deshalb sterben?

Außerordentlich gut gelungen sind dem Autor die Beschreibung dieser außergewöhnlichen Natur, der bereits nicht nur durch den professionellen Walfang sondern auch durch die (mittlerweile eingestellte) Ausbeutung der Bodenschätze in der Vergangenheit irreversible Schäden zugefügt wurden. Und natürlich werden auch die Interessen der verschiedenen Nationen thematisiert, die sich in diesem Landstrich nicht nur aus wirtschaftlichen sondern auch aus militärischen Gründen tummeln.

Zwei Todesfälle, die Audic sauber getrennt auffächert, die aber ihre Ursachen in einem gemeinsamen Nenner haben, nämlich dem verantwortungslosen Umgang mit den Meeressäugern. Über Dreiviertel der Handlung begleiten wir sowohl Lottie Sandvik als auch Nils Madsen, jede/r für sich bemüht, Licht ins Dunkel der beiden Todesfälle zu bringen. Und das, obwohl beide mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben, was aber glücklicherweise nicht sonderlich viel Raum einnimmt.

Im letzten Viertel wird es noch einmal richtig hektisch, denn hier laufen die beiden Handlungsstränge zusammen und verschränken sich. Die Kapitel werden kürzer, das Tempo zieht merklich an, peu à peu werden die offenen Fragen beantwortet, die beiden Todesfälle aufgeklärt, die Schuldigen entlarvt und zumindest teilweise bestraft. Es endet wie in der Realität, denn hier wie dort bleiben die Hintermänner im Dunkeln.

Ein gelungener Thriller zu einem wichtigen Thema, spannend und atmosphärisch aufbereitet, dessen Botschaft auch ohne den erhobenen Zeigefinger ankommt. Ohne Einschränkung Daumen hoch. Lesen!

Veröffentlicht am 11.02.2025

Ein neuer Fall für Müller, Lopez, Rahn & Co.

Sweet Home
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Du bist nirgends sich, noch nicht einmal in deinen eigenen vier Wänden. Vor allem dann, wenn dein Mann gerade im Knast sitzt, denn dann kann es passieren, dass sich jemand in der Nacht unbefugt Zutritt ...


Du bist nirgends sich, noch nicht einmal in deinen eigenen vier Wänden. Vor allem dann, wenn dein Mann gerade im Knast sitzt, denn dann kann es passieren, dass sich jemand in der Nacht unbefugt Zutritt zu deinem „Sweet Home“ verschafft, dir K.O. Tropfen verabreicht, dich missbraucht und dies auch noch filmt. Dein Schweigen kann ihm gewiss sein, ist deine Scham doch so übermächtig, dass du dich niemandem anvertrauen wirst, dich die Erinnerung an das Geschehen förmlich auffrisst. Vor allem dann, wenn du davon ausgehst kannst, dass der Täter ungeschoren davonkommen wird.

Ein solches Video wird auf dem Handy einer männlichen Leiche gefunden, die am Rand einer abgelegenen Straße aufgefunden wird. Ihr Zustand lässt darauf schließen, dass er ermordet wurde. KHK Deniz Müller plus Team übernehmen den Fall, Rückendeckung für die Formalien gibt es von Staatsanwältin Camilla Lopez. Der Dritte im Bunde ist Alex Rahn, ein investigativer Journalist, der durch seine Quellen wesentlich schneller an Informationen kommt als Müllers Team, das sich an die offiziellen Vorschriften halten muss, was sich im Verlauf der Ermittlungen als unschätzbarer Vorteil erweisen wird, zumal sich nach und nach die Hinweise häufen, dass es einen Maulwurf (oder sogar den Täter?) in den eigenen Reihen gibt, der immer wieder Interna an die Öffentlichkeit durchsticht.

Wie wir es von den Kriminalromanen Norbert Horsts kennen, wird auch hier die Ermittlungsarbeit der Mordkommission bis ins kleinste Detail geschildert. Die an der Aufklärung des Falls Beteiligten erledigen ihren Job, gehen Spuren nach und bringen die Ergebnisse in den Zusammenhang, um schließlich den Täter zu überführen und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Nun könnte man meinen, das wäre auf Dauer ermüdend, ist es aber ganz und gar nicht, im Gegenteil. Diese Beschreibungen der Ermittlungsarbeit, die Teilhabe des Lesers/der Leserin daran, halten das Interesse hoch, kommen sie doch authentisch rüber, was mit Sicherheit auch dem Polizeisprech geschuldet ist, der sich durch das ganze Buch zieht. Bitte mehr davon!