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Veröffentlicht am 13.02.2025

Spannender Ausflug in Norwegens Norden

Das kalte Schweigen der See
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Belugas, Orcas und Eisbären. Schneidende Kälte, Schnee und Dunkelheit. Polarnacht in dieser menschenleeren Weite im Norden Norwegens. Ein tödlicher Eisbärangriff, ein Selbstmord. Verstümmelte Wal-Kadaver ...

Belugas, Orcas und Eisbären. Schneidende Kälte, Schnee und Dunkelheit. Polarnacht in dieser menschenleeren Weite im Norden Norwegens. Ein tödlicher Eisbärangriff, ein Selbstmord. Verstümmelte Wal-Kadaver und zwei Todesfälle, tausend Kilometer voneinander entfernt.

In Longyearbyen wird neben einem gestrandeten Pottwal, dessen massiger Körper mit Runensymbolen übersät ist, die grässlich zugerichtete Leiche einer Studentin der arktischen Biologie gefunden. Ihr Körper zerfetzt, übersät von Biss- und Kratzspuren. Offenbar Opfer eines Bärenangriffs. Früher eher unüblich auf Spitzbergen. Aber durch den Rückgang der Robbenpopulation suchen die Bären nach alternativen Futterquellen. Warum hat sie sich nicht an die Vorschriften gehalten und war ohne Gewehr unterwegs? Und warum beschleicht die mit der Untersuchung beauftragte Polizistin Lottie Sandvik, ehemals bei der Osloer Polizei tätig, aber nach einer Versetzung wieder zurück und zuständig für Spitzbergen und die Lofoten, ein solch unbehagliches Gefühl?

Fast zeitgleich trifft auf den Nils Madsen auf den Lofoten ein, da dessen Ex-Freundin und ehemalige Kollegin Åsa angeblich Selbstmord begangen haben soll. Die beiden haben eine gemeinsame Vergangenheit, beruflich und privat, waren Kriegsreporter, jahrelang in Krisengebieten unterwegs. Madsen kennt sie als psychisch stabile Persönlichkeit, bezweifelt die Selbstmord-Theorie. Hat die engagierte Umweltaktivistin Åsa, die mit ihren Walbeobachtungstouren Touristen sensibilisieren wollte, diejenigen verärgert, die noch immer skrupellos Wale abschlachten? Musste sie deshalb sterben?

Außerordentlich gut gelungen sind dem Autor die Beschreibung dieser außergewöhnlichen Natur, der bereits nicht nur durch den professionellen Walfang sondern auch durch die (mittlerweile eingestellte) Ausbeutung der Bodenschätze in der Vergangenheit irreversible Schäden zugefügt wurden. Und natürlich werden auch die Interessen der verschiedenen Nationen thematisiert, die sich in diesem Landstrich nicht nur aus wirtschaftlichen sondern auch aus militärischen Gründen tummeln.

Zwei Todesfälle, die Audic sauber getrennt auffächert, die aber ihre Ursachen in einem gemeinsamen Nenner haben, nämlich dem verantwortungslosen Umgang mit den Meeressäugern. Über Dreiviertel der Handlung begleiten wir sowohl Lottie Sandvik als auch Nils Madsen, jede/r für sich bemüht, Licht ins Dunkel der beiden Todesfälle zu bringen. Und das, obwohl beide mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen haben, was aber glücklicherweise nicht sonderlich viel Raum einnimmt.

Im letzten Viertel wird es noch einmal richtig hektisch, denn hier laufen die beiden Handlungsstränge zusammen und verschränken sich. Die Kapitel werden kürzer, das Tempo zieht merklich an, peu à peu werden die offenen Fragen beantwortet, die beiden Todesfälle aufgeklärt, die Schuldigen entlarvt und zumindest teilweise bestraft. Es endet wie in der Realität, denn hier wie dort bleiben die Hintermänner im Dunkeln.

Ein gelungener Thriller zu einem wichtigen Thema, spannend und atmosphärisch aufbereitet, dessen Botschaft auch ohne den erhobenen Zeigefinger ankommt. Ohne Einschränkung Daumen hoch. Lesen!

Veröffentlicht am 11.02.2025

Ein neuer Fall für Müller, Lopez, Rahn & Co.

Sweet Home
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Du bist nirgends sich, noch nicht einmal in deinen eigenen vier Wänden. Vor allem dann, wenn dein Mann gerade im Knast sitzt, denn dann kann es passieren, dass sich jemand in der Nacht unbefugt Zutritt ...


Du bist nirgends sich, noch nicht einmal in deinen eigenen vier Wänden. Vor allem dann, wenn dein Mann gerade im Knast sitzt, denn dann kann es passieren, dass sich jemand in der Nacht unbefugt Zutritt zu deinem „Sweet Home“ verschafft, dir K.O. Tropfen verabreicht, dich missbraucht und dies auch noch filmt. Dein Schweigen kann ihm gewiss sein, ist deine Scham doch so übermächtig, dass du dich niemandem anvertrauen wirst, dich die Erinnerung an das Geschehen förmlich auffrisst. Vor allem dann, wenn du davon ausgehst kannst, dass der Täter ungeschoren davonkommen wird.

Ein solches Video wird auf dem Handy einer männlichen Leiche gefunden, die am Rand einer abgelegenen Straße aufgefunden wird. Ihr Zustand lässt darauf schließen, dass er ermordet wurde. KHK Deniz Müller plus Team übernehmen den Fall, Rückendeckung für die Formalien gibt es von Staatsanwältin Camilla Lopez. Der Dritte im Bunde ist Alex Rahn, ein investigativer Journalist, der durch seine Quellen wesentlich schneller an Informationen kommt als Müllers Team, das sich an die offiziellen Vorschriften halten muss, was sich im Verlauf der Ermittlungen als unschätzbarer Vorteil erweisen wird, zumal sich nach und nach die Hinweise häufen, dass es einen Maulwurf (oder sogar den Täter?) in den eigenen Reihen gibt, der immer wieder Interna an die Öffentlichkeit durchsticht.

Wie wir es von den Kriminalromanen Norbert Horsts kennen, wird auch hier die Ermittlungsarbeit der Mordkommission bis ins kleinste Detail geschildert. Die an der Aufklärung des Falls Beteiligten erledigen ihren Job, gehen Spuren nach und bringen die Ergebnisse in den Zusammenhang, um schließlich den Täter zu überführen und der Gerechtigkeit zum Sieg zu verhelfen. Nun könnte man meinen, das wäre auf Dauer ermüdend, ist es aber ganz und gar nicht, im Gegenteil. Diese Beschreibungen der Ermittlungsarbeit, die Teilhabe des Lesers/der Leserin daran, halten das Interesse hoch, kommen sie doch authentisch rüber, was mit Sicherheit auch dem Polizeisprech geschuldet ist, der sich durch das ganze Buch zieht. Bitte mehr davon!

Veröffentlicht am 01.02.2025

Reise in die Dunkelheit

Sing mir vom Tod
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Ich bin ein großer Fan der Autorin, habe alles von ihr gelesen, was bisher in der Übersetzung erschienen ist, „Visitation Street“, „Wonder Valley“, „Diese Frauen“, und war begeistert. Mit „Sing mir vom ...

Ich bin ein großer Fan der Autorin, habe alles von ihr gelesen, was bisher in der Übersetzung erschienen ist, „Visitation Street“, „Wonder Valley“, „Diese Frauen“, und war begeistert. Mit „Sing mir vom Tod“ aber übertrifft Ivy Pochoda aber sämtliche Erwartungen und schlägt ein neues Kapitel auf.

„Sie weiß, dass es Menschen geben wird, die (…) ihren Verbrechen eine Bedeutsamkeit zumessen werden, die sie nicht hatten. Sie werden analysieren und forschen, dem Unsinnigen einen Sinn zuerkennen, bis sie zu einer mundgerechten Entschuldigung für ihre Verbrechen gelangen. (…) Sollen sie sämtliche Entschuldigungen für ihre Taten finden und nur den einen Punkt außer Acht lassen: wer sie wirklich ist. Eine gewalttätige Frau. Kein Unterschied zu einem gewalttätigen Mann.“

Es ist diese Aussage, die die Besonderheit dieses Thrillers ausmacht. Frauen, die Opfer von physischer oder psychischer Gewalt sind und deshalb gewalttätig, auch zu Mörderinnen werden, sind in der Kriminalliteratur zahlreich vertreten. Über rohe Brutalität, die von Frauen ausgeht und nicht reaktiv ist, sondern quasi in deren Natur liegt, liest man selten. Eine Leerstelle, die Pochoda gefüllt hat.

Ein überbelegtes Frauengefängnis in Arizona. Unter den Insassen Florence „Florida“, Tochter aus gutem Hause und nach eigener Aussage unschuldig verurteilt, und Diosmary „Dios“, aufgewachsen in prekären Verhältnissen, hochintelligente Stipendiatin an einem renommierten College, verurteilt wegen schwerer Körperverletzung, besessen, warum auch immer, von dem Verlangen, Florida zu demaskieren, ihre wahre Natur zum Vorschein zu bringen. Kommentiert werden die Ereignisse von Kace. Sie spricht mit den Toten, ist mittendrin, beobachtet genau, was um sie herum geschieht und kommentiert dies so, wie wir es von dem Chor der griechischen Klassiker kennen.

Während der Pandemie wird der Platz knapp, also gibt es vorzeitige Entlassungen, das heißt zweiwöchige Quarantäne mit diversen Auflagen in einem schmuddeligen Motel in the middle of nowhere. Dios heftet sich auf Floridas Spuren, stöbert sie auf. Letztere hat bereits gegn jede Vernunft beschlossen, das Motel zu verlassen und mit einem illegalen Bus Shuttle in ihre Heimatstadt Los Angeles zurück zu kehren. Einem Bus, den auch Dios nimmt und verantwortlich dafür zeichnet, dass die Gewaltspirale kein Ende nimmt. Und hier kommt die Dritte in Gestalt von Lobos ins Spiel, die mit ihren eigenen Dämonen zu kämpfen hat.

Wir folgen diesen drei Frauen durch Gegenden in Los Angeles, insbesondere Koreatown und Skid Row, die wir bereits aus „Wonder Valley“ kennen. Die Obdachlosigkeit hat sich mittlerweile verschärft, die Zeltstadt kratzt bereits an Downtown, hat etwas Apokalyptisches. Pochodas Beschreibungen sowohl der Umgebung als auch der Personen sind subtil, tauchen in das Innerste ein und schaffen so eine Atmosphäre, der man sich kaum entziehen kann. Wütend, kraftvoll, lebendig und sensibel. Man klebt gebannt an den Seiten, wartet auf die nächste Eskalation bis zum dunklen Ende, dem unvermeidlichen Showdown, zu dem es schließlich, wie vorhergesagt, an der Ecke Olympic und Western in Koreatown kommen wird.

Eine Reise in die Dunkelheit, außergewöhnlich und provokativ. Pochoda at her best. Lesen!

Veröffentlicht am 29.01.2025

Die Suche nach Freiheit

Cheap Land Colorado
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Ted Conover ist ein amerikanischer Journalist, der bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Sozialreportagen sind etwas Besonderes, weil sich ...

Ted Conover ist ein amerikanischer Journalist, der bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und dafür mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Seine Sozialreportagen sind etwas Besonderes, weil sich sein Blick nicht darauf beschränkt, von außen mit entsprechender auf die Menschen zu schauen, sondern in deren Alltag eintaucht, deren Leben über einen längeren Zeitraum teilt und davon ohne zu werten berichtet. So war er mit Hobos auf den Schienen quer durch Amerika unterwegs, hat als Wärter im Hochsicherheitsgefängnis Sing-Sing gearbeitet und Einwanderer auf ihrem Weg in die USA begleitet.

In „Cheap Land Colorado“, seiner neuesten Veröffentlichung, hat es ihn nach San Luis Valley in den südlichen Rocky Mountains verschlagen, eine Region, die für ihr billiges Land bekannt und deshalb ein bevorzugtes Ziel für Aussteiger ist, in den US als Off-Gridder bezeichnet. Für kleines Geld kann man sich dort eine Parzelle Land kaufen und den amerikanischen Traum von Freiheit leben. Sie kommen aus allen Landesteilen, politisch eher dem Trump-Lager zuzuordnen, sind meist arm. Manche sind mit dem Gesetz in Konflikt geraten, andere können sich das Leben in den Städten nicht mehr leisten oder suchen nach alternativen Formen des Miteinander, wollen raus aus dem Hamsterrad. Und dann gibt es auch noch diejenigen, die die Abgeschiedenheit der Prärie genießen, weil sie einfach nur ihre Ruhe haben und nach ihren eigenen Regeln leben wollen.

Um einen Fuß in die Tür zu bekommen schließt sich Conover La Puente an, einer Hilfsorganisation, die die Menschen dort mit dem Nötigsten, Essen, Brennholz, medizinischer Versorgung etc. versorgt, später kauft er einen Trailer und teilt immer wieder über größere Zeiträume den oftmals harten Alltag. Er schätzt die Gemeinschaft, lebt mit seinen Nachbarn, findet Freunde, wird einer von ihnen, was sogar so weit geht, dass er dort ein Stück Land kauft und ein Haus baut.

Conovers Reportage bietet einen interessanten Einblick in eine Region und deren Bewohner, die frei und autark ihren amerikanischen Traum leben wollen. Absolut lesenswert, auch wenn wir diese Werte nicht teilen. Er gewährt uns Einblicke, weckt Verständnis, erzählt ihre Geschichten. Einfühlsam, nicht wertend und mit jeder Menge Sympathie und Akzeptanz. Lesen!

Veröffentlicht am 15.01.2025

Warum in die Ferne schweifen?

Mein Schwaben
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Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke ...

Mit Vincent Klink bin ich bereits durch Paris (Ein Bauch spaziert durch Paris), Venedig (Ein Bauch spaziert durch Venedig) und Wien (Ein Bauch lustwandelt durch Wien) flaniert. Habe eigene Reiseeindrücke im Nachhinein Revue passieren oder mich von dessen sehr persönlichen Impressionen inspirieren und offenen Auges durch die Städte führen lassen. Mit „Mein Schwaben kehrt der Sternekoch im Ruhestand nun aber den touristischen Hotspots den Rücken und schaut sich stattdessen nicht nur in seiner, sondern seit Studienzeiten auch in meiner Heimat um. Und da gibt es unendlich viel zu entdecken.

Landschaftliche Highlights wie die Wacholderheiden der Schwäbischen Alb oder das Donautal rund um Sigmaringen. Urzeitfunde aus der Vogelherdhöhle bei Niederstotzingen, wie das 3,7 cm kleine Mammut, die älteste Tierdarstellung der Menschheitsgeschichte, mittlerweile in die geschichtsträchtige Uni-Stadt Tübingen umgezogen. Außergewöhnliche Kunstwerke, zu finden in Kirchen, aber auch in der Stuttgarter Staatsgalerie. Kritische Köpfe, die wir kennen, Schiller, Wieland und, nicht zu vergessen, die schwäbischen Tüftler und ihre bahnbrechenden Erfindungen.

Klinks verbindet in diesem lesenswerten Buch seine Ausfahrten ins Umland nicht nur mit allerlei Wissenswertem um die Kulturgeschichte Schwabens, sondern taucht auch tief in die schwäbische Seele ein, die für Außenstehende auf den ersten Blick zwar bruddelnd daherkommen mag, aber herzensgut ist und viel mehr als Kehrwoch‘ und Häusle bauen zu bieten hat.

Daneben ist dieses Buch, für alle, die sich dafür interessieren, eine wahre Fundgrube für Ausflugstipps. Und neben Futter für den Kopf gibt es natürlich auch jede Menge Empfehlungen für den Magen, falls einem unterwegs der Hunger plagt, was durchaus vorkommen mag. Deshalb werden sowohl in den Texten als auch im Anhang empfehlenswerte Gasthäuser genannt. Aber auch wer lieber selbst kocht, wird hier fündig, denn unter dem Titel „Sonntags Brötle und Salätle“ gibt es zum einen einen Überblick darüber, was die schwäbische Küche ausmacht und wo ihr Ursprung zu finden ist, zum anderen stellt Vincent Klink die Klassiker vor und liefert auf 25 Seiten die passenden Rezepte dazu.

Ein rundum gelungenes Buch nicht nur für Schwaben, vollgepackt mit wissenswerten Informationen zu Ländle, Leuten und Historie, präsentiert mit knochentrockenem Humor. Also genau so, wie wir es von ihm kennen und erwartet haben. Bleibt mir nur noch zu sagen: „Danke, Herr Klink, ma hots lesa könna!“