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Veröffentlicht am 18.03.2025

Der Long Island Kompromiss

Die Fletchers von Long Island
3

Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle ...

Jahrzehnte nach Carls Entführung schwebt diese noch über den Fletchers. Er selbst, seine Frau Ruth, Mutter Phyllis und die Kinder schlagen sich durch, zugegeben auf einem weichen Geldpolster. Und alle gehen verschieden damit um. Als Matriarchin Phyllis stirbt, stürzt das wackelige Konstrukt der Fletchers ein, denn nun ist auch noch das Geld weg und jeder Einzelne von ihnen muss sich mit seinem Leben auseinandersetzen.
„Die Fletchers von Long Island“ von Taffy Brodesser-Akner beinhaltet eine ganze Familiengeschichte und erzählt nicht nur die Konsequenzen der Entführung, sondern auch wie die Fletchers zu einer der reichsten Familien Long Islands wurden. Das Augenmerk liegt jedoch auf der Katastrophe, die sich zwar lange anbahnt, doch dann trotzdem plötzlich hereinbricht.
Gerade der Anfang ist ziemlich stark, also der Anfang nach der Entführung. Taffy Brodesser-Akner betrachtet alle drei Kinder und deren Leben, der Reihe nach schonungslos unter dem Brennglas und ist dabei oft wunderbar überspitzt. Ihr jüdischer, schwarzer Humor hat mich oft auflachen lassen, denn gerade die Jungs sind alles andere als unversehrt und es driftet immer wieder ins Absurde. Sie schafft es, dass ich tatsächlich Mitleid mit diesen reichen Snobs hatte, die mit einem Platinlöffel im Mund geboren wurden, was gerade Jenny sehr bewusst ist.
Nach dem sehr starken Einstieg schleichen sich ein paar Längen ein, trotzdem wollte ich weiterlesen und erfahren, wie es mit den Fletchers endet, ob sie aus der Misere, eine Reiche-Leute-Misere, wieder rauskommen. Und auch wenn, die Lebensrealität dieser Superreichen nicht weiter von meiner entfernt sein könnte, waren sie mir teilweise sehr nah. Alles Übrige hat Taffy Brodesser-Akner mit ihrem wunderbaren Humor und ihrer Erzählweise aufgefangen.
Und ich kann mir vorstellen, dass auch dieser Roman wie ihr Debüt verfilmt wird.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Eine Achterbahnfahrt

Achtzehnter Stock
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Wanda will raus aus der Platte. Sie will ihrer Tochter Karlie ein besseres Leben bieten. Die Chancen stehen schlecht, denn eigentlich kommt niemand raus, im Gegenteil, man hat sich hier eingerichtet. Dann ...

Wanda will raus aus der Platte. Sie will ihrer Tochter Karlie ein besseres Leben bieten. Die Chancen stehen schlecht, denn eigentlich kommt niemand raus, im Gegenteil, man hat sich hier eingerichtet. Dann ruft Hollywood an. Wanda bekommt eine Rolle, lernt einen Schauspieler kennen, alles scheint sich zum Guten zu wenden. Doch so einfach lässt die Platte sie nicht gehen.
Zu „Achtzehnter Stock“ von Sara Gmuer hab ich wegen des Blurbs von Mareike Fallwickl gegriffen und wurde nicht enttäuscht. Der Roman ist unmittelbar und rau. Wanda ist ehrlich, nur nicht zu den Personen, auf die es ankommt. Sie sprintet durchs Leben, tanzt auf allen Hochzeiten und ist doch nie zufrieden. Sie will immer noch mehr, was mich auch als Leserin angestrengt hat. Irgendwann ging mir Wanda mächtig auf die Nerven, sie hat meine Sympathie verloren und ich muss zugeben, dass ich mir in ihrer Hochnäsigkeit gewünscht habe, dass sie scheitert. Das hat das Vergnügen am Lesen nur noch mehr gesteigert. Allerdings tat mir Karlie leid, sie bekommt Wandas Ambivalenz am deutlichsten zu spüren. Einerseits tut Wanda alles für ihre Tochter, andererseits schiebt sie sie immer wieder weg.
Der Roman schaut hinter die Scheinwerfer der Filmwelt und beleuchtet einen Teil des Lebens, der oft vernachlässigt wird. Er zeigt den Abgrund, ohne Geld, ohne Job, ohne Perspektive, und wie schnell sich alles wandeln kann, wenn man nur die richtigen Menschen kennt. Aber auch, dass man es innerhalb eines Fingerschnippens wieder verlieren kann. Ein steiles Auf und Ab eben.
Sara Gmuers Sprache hat mich dabei absolut gepackt. Sie ist direkt, ehrlich und subjektiv im besten Sinne. Sie hat eine Stimme, die man wiedererkennt. Und auch das Ende mochte ich sehr, denn bis zum Schluss wusste ich nicht, was kommt. Wird es ein Happy End für Wanda und Karlie geben?
Ein Buch wie eine Achterbahnfahrt.

Veröffentlicht am 13.02.2025

Was Pflege bedeutet

Halbe Leben
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Klaras Mutter Irene hatte einen Schlaganfall und benötigt Hilfe. Die kann Klara neben Karriere, Ehemann und Tochter nicht leisten, also kümmern sich Radek und Paulína im Zweiwochenrhythmus um Irene, die ...

Klaras Mutter Irene hatte einen Schlaganfall und benötigt Hilfe. Die kann Klara neben Karriere, Ehemann und Tochter nicht leisten, also kümmern sich Radek und Paulína im Zweiwochenrhythmus um Irene, die im Obergeschoss lebt. Radek wird zähneknirschend ertragen, Paulína dafür ausgenutzt. Bis sie merkt, dass ihr eigenes Leben wegdriftet und sie die Verbindung zu ihren Söhnen verliert - für eine Familie, die nicht ihre ist.
„Halbe Leben“ von Susanne Gregor ist ein heftiger Roman, was nicht an Klaras Sturz in den Tod am Anfang liegt, sondern an der feinen Erzählweise mit der Susanne Gregor zwei Welten aufeinanderprallen lässt. Erst glaubte ich noch, dass es nur um Klara geht und das tut es auch, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne. Nicht sie ist die Sympathieträger, sonder Paulína, die scham- und skrupellos ausgenutzt wird und darüber ihre eigenen Kinder, die sie mehr liebt als Klara ihre Tochter Ada, vernachlässigen muss, um ihre Pflicht zu erfüllen und die pflegebedürftige Irene nicht allein zu lassen, wie es Klara tut. Ich bin immer noch wütend auf Klara, die sich lieber noch in eine Schwangerschaft quatschen lässt und auf Paulína ausruht. Und auch auf Klaras Ehemann Jakob, der sich ebenfalls jeglicher Verantwortung entzieht und nicht mal in der Lage ist, mit dem Hund, den ER angeschafft hat, spazieren zu gehen.
Dieses zwischenmenschliche Beziehungsgeflecht macht einen großen Teil des Romans aus, aber da ist auch Irene, die immer mehr abbaut und zwischen den Zeiten taumelt. Auch das schildert Susanne Gregor eindrücklich. Sie springt zwischen den Figuren und rast auf den jeweiligen Gedankenströmen. Nicht nur Paulína, Klara und Irene kommen zu Wort, sondern auch Rišo, Paulínas ältester Sohn, der zeigt, wie sehr es schmerzt, wenn die Mutter sich um eine andere Familie kümmern muss.
„Halbe Leben“ verdeutlicht, was es heißt Pflege zu brauchen, sie zu geben und sich ihr zu verweigern. Ein Buch, das noch lange nachhallen wird.

Veröffentlicht am 30.01.2025

Einblick in eine andere Welt

Only Margo
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Margo ist 20, als sie ein Kind bekommt, von ihrem verheirateten Collegeprofessor Mark. Natürlich war er für eine Abtreibung, aber Margo hat sich allen Ratschlägen zum Trotz für Bodhi entschieden. Nach ...

Margo ist 20, als sie ein Kind bekommt, von ihrem verheirateten Collegeprofessor Mark. Natürlich war er für eine Abtreibung, aber Margo hat sich allen Ratschlägen zum Trotz für Bodhi entschieden. Nach der Geburt steht sie gleich vor mehreren Problemen: Sie hat kein Geld, weil sie aufgrund der fehlenden Kinderbetreuung ihren Job verloren hat und wird von niemandem, schon gar nicht von ihrer Mutter unterstützt. OnlyFans scheint ihr eine geeignete Lösung und sie hat Erfolg, auch dank ihres Vaters Jinx, ein berühmter Wrestler, der ihr tatkräftig unter die Arme greift. Doch nicht nur Mark verurteilt sie dafür.
„Only Margo“ von Rufi Thorpe ist ein komplexerer Roman, als ich erwartet hatte. Nicht nur Margos frühe Mutterschaft und deren Folgen spielen eine Rolle, sondern auch Sexarbeit und die Sicht der Gesellschaft darauf. Ich selbst kenne OnlyFans nur vom Hörensagen, fand daran aber nie etwas verwerflich und nach dem Roman noch weniger, vor allem wenn man bedenkt, wie viel Arbeit in den Accounts steckt und womit (gerade) Frauen dort konfrontiert werden.
Margo ist mir ziemlich schnell ans Herz gewachsen. Sie hat sich nie als Opfer von Machtmissbrauch gesehen, obwohl sie es ganz offensichtlich ist, sie kümmert sich herzzerreißend um Bodhi und nimmt jede Fallgrube, die ihr in den Weg geschoben wird, auch wenn sie kurz vorm Verzweifeln ist. Die anderen Charaktere sind ebenfalls gut gezeichnet, werden mir aber nicht so stark in Erinnerung bleiben.
Etwas irritiert haben mich die beiden Erzählperspektiven Margos, die der Leserschaft vorgaukeln sollen, dass der Roman möglicherweise real ist und/oder eine Metaebene damit öffnen will, was ich unnötig fand. Nach einiger Zeit hab ich mich aber daran gewöhnt. Sprachlich ist es solide, aber keine Überraschung. Es lebt von den Dialogen und dem Zwischenmenschlichen.
Es ist wunderbarer, kurzweiliger Roman, der sich mit wichtigen Themen unserer Zeit beschäftigt.

Veröffentlicht am 13.01.2025

Wiederentdeckung einer großen Dichterin

BILLIE »Ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden«
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Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. ...

Billie ist noch ein Kind, als Greifswald belagert und ihr Haus von den Katholiken besetzt wird. Hautnah bekommt sie den 30-jährigen Krieg mit und versucht ihn zu überstehen. Ihr größter Trost ist die Poesie. Sie will eine große Dichterin werden, dabei darf sie nicht mal lesen oder schreiben. Frauen und Mädchen haben strenge Rollen zu erfüllen und müssen dem Mann gehorchen.

„Billie - ich fliege Himmel an mit ungezähmten Pferden“ von Stefan Cordes erzählt das Leben von Sibylla Schwarz, die im 17. Jh. eine der wenigen Dichterinnen war. Dabei orientiert er sich bei diesem Roman dicht an ihrem Leben und lässt sie auch selbst mit ihren Gedichten, die ins heutige Deutsch transkribiert wurden, zu Wort kommen.

Das Buch hat mich tief beeindruckt. Billie war mir sehr nah. Sie war ein unglaublich starkes, mutiges und schlaues Mädchen, das sich allen Widrigkeiten zum Trotz ihrer Leidenschaft gewidmet hat und auch die anderen Frauen in ihrem Leben haben sich nicht unterkriegen lassen. Da ist Ide, die Magd, die mich immer zum Lachen gebracht hat und Billies Schwester Emi, die sich ihr Strahlen, trotz der Grausamkeit der Zeit, bewahren konnte. Die Männer waren hingegen, bis auf einige Ausnahmen und nicht anders zu erwarten, sagen wir, schwierig. Sie haben sich eingerichtet in Patriarchat und Misogynie, inklusive der (Zwangs)Heirat von Mädchen, die meist nicht mehr waren als Haushälterinnen und Analphabetinnen, und Hexenverbrennungen. Das alles schildert Stefan Cordes ungeschönt, was ich ihm als Mann hoch anrechne. Er verschließt die Augen nicht oder versucht etwas zu beschönigen.

Er hat es geschafft, der Ich-Erzählerin Billie eine passende und poetische Sprache zu verleihen, die nie anstrengend wird. Man taucht darin ein und merkt gar nicht, wie die kurzen Kapitel an einem vorbeirauschen. Er macht das 17. Jh. nahbar, kleidet es in besonderer Form in ein modernes Gewand und schenkt uns die Wiederentdeckung einer großen Dichterin, die von ihrer Zeit und den Männern zum Schweigen gebracht werden sollte.