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Veröffentlicht am 15.02.2025

Ein berührender Brief an ihre abgetriebene Tochter Stella! ❤️‍🩹

Liebe Stella oder Radikal hoffnungsvoll in die Zukunft
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„Als ich sagte, dass ich kein Kind bekommen will, zerriss die Gynäkologin das Ultraschallbild.“

„ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Mutter zu werden, der Gedanke allein fühlte sich surreal an, ...

„Als ich sagte, dass ich kein Kind bekommen will, zerriss die Gynäkologin das Ultraschallbild.“

„ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Mutter zu werden, der Gedanke allein fühlte sich surreal an, ich musste immerzu an die schmelzenden Uhren von Dalí denken, die da in meinem Uterus vor sich hin tickten“

Stefanie de Velasco hat mit „Liebe Stella oder radikal hoffnungsvoll in die Zukunft“ einen Brief an ihre ungeborene Tochter verfasst. Sie entschied sich an einem Wendepunkt ihres Lebens für das Schreiben und gegen die Schwangerschaft und damit gegen ihre Tochter Stella, die heute 14 Jahre alt wäre. Ihre eigene Kindheit war geprägt von den Erfahrungen Mitglied einer radikalen Glaubensgemeinschaft zu sein, den Zeugen Jehovas. Als Jugendliche schaffte sie schließlich den Ausstieg, gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Mutter.

(Kleine Erläuterung zu den Zeugen Jehovas - könnt Ihr überspringen, wenn Ihr mit deren Glaubenslehre vertraut seid:
„Zwei Besonderheiten kennzeichnen die Lehre der Zeugen Jehovas. Erstens: Sie glauben, dass ihr Gott irgendwann sehr bald (wann genau, weiß man nicht, aber man ist jederzeit bereit dazu) in das menschliche Treiben auf Erden eingreifen und alle Menschen außer die gläubigen Zeugen Jehovas vernichten wird. Für die Geretteten errichtet er anschließend ein Paradies auf Erden, in dem sie ewig leben können. Zweitens teilen die Zeugen Jehovas Menschen weltanschaulich in zwei Räume ein. Sie selbst leben ‚In der Wahrheit‘, während der Rest der Menschheit vom Bösen beherrscht wird und ‚in der Welt‘ lebt. Die beiden Welten sind klar voneinander getrennt, aber es gibt eine Art Grenzverkehr, Korridore, denn bei den Zeugen Jehovas gilt es, so viele Weltmenschen wie möglich auf die andere Seite, also in die Wahrheit zu holen, ohne sich selbst von der Welt ‚anstecken‘ zu lassen.“)

Stefanie de Velasco war also Zeit ihres Lebens schon mit einer Art Weltuntergangsszenario konfrontiert, mit dem wir uns verschwörungstheoretisch erst mit Beginn der Pandemie auseinandersetzen mussten. Anhaltende Zweifel ließen sie das System hinterfragen:

„Was, wenn Jehova mich nicht für gut genug befand, ins Paradies zu kommen? Denn ich war nicht gut. Ich log, ich lästerte und masturbierte.“

Durch das Schreiben schuf sie gedanklichen Abstand zu den Zeugen Jehovas und fand somit Schritt für Schritt raus.

„Ich glaube, die Worte, Sätze, vollen Seiten meines goldenen Tagebuchs mit den Snoopystickern legten sich um mich wie eine Rüstung, die ich mir schmiedete - mit Kettenhemd, Schild und einem Schwert, mit dem ich mir einen eigenen Weg freischlagen konnte.“

Sie setzt sich mit ihrem essayistischen Text mit der Klimakrise auseinander, richtet berührende Worte an Stella, die verdeutlichen sollen, dass die Welt in der wir leben, kein guter Ort für sie wäre und bestätigt ihre Entscheidung gegen ihr Leben. Es tat weh, solch klaren Worte zu lesen - ich habe damit keine Erfahrung, aber hätte vermutet, dass mich zeitlebens Zweifel an der Entscheidung für die Abtreibung umtreiben würden. Aber ich kann die Gedankengänge der Autorin auch auf einer rationalen Ebene nachvollziehen, auf der Gefühlsebene fällt es mir doch schwer, sie zu verstehen. (Das soll keinesfalls Kritik an ihrer Entscheidung sein, das ist eine ganz individuelle Entscheidung, die nur eine Frau für sich selbst treffen kann und nicht von außen bewertet werden sollte). Ich möchte Euch lediglich meine persönlichen Gedanken und Gefühle dazu beim Lesen dieses Textes mitteilen. De Velasco möchte mit der gewonnenen Zeit, die sie nicht für das Aufziehen eines Kindes, von Stella, aufbringt, etwas sinnvolles anfangen, das ist zum einen das Schreiben, aber sie streikte auch von November 2019 bis Februar 2020 vor der Akademie der Künste in Berlin für eine gerechtere Klimapolitik und entspannte daraus den Plan, aus Schrott ein Wohnfahrrad zu bauen und damit durch Deutschland zu fahren, den sie in die Tat umsetzte.

„Die Abtreibung hinterließ eine produktive Lücke, in der ich mich fragte, was meinem Leben Sinn geben könnte, wenn es nicht die Religion oder eine Familie sein sollte. Die Lücke wurde zu meinem Glück (das Wort Glück kommt von Lücke, wusstest du das?)“

Ich weiß nicht, ob mich der Text inspiriert hat, radikal hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, aber er hat mich zum Nachdenken über unser aktuelles Weltgeschehen angeregt. Auf jeden Fall habe ich mir jetzt mal „Das Gras auf unserer Seite“ von der Autorin auf die Leseliste gesetzt, da ich gerne mehr von Stefanie de Velasco lesen möchte.

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Veröffentlicht am 03.02.2025

Die Abgründe einer Mutter-Tochter-Beziehung im Tokioter Rotlichtmilieu!

Die Gabe
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Die japanische Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki hat mit „Die Gabe“ eine Geschichte rund um das tokioter Rotlichtmilieu und eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung verfasst. Die Mutter ist sterbenskrank ...

Die japanische Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki hat mit „Die Gabe“ eine Geschichte rund um das tokioter Rotlichtmilieu und eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung verfasst. Die Mutter ist sterbenskrank und hat die selbstauferlegte Mission, ihr Gedicht „In Freiheit“ zu Ende zu schreiben. Wird sie es schaffen, oder ist der Tod schneller?!

Die namenlose Protagonistin begleitet den Sterbeprozess ihrer Mutter. Dabei fühlt sich von selbiger schon ihr ganzes Leben lang vereinnahmt: „Meine Mutter hat nie geheiratet. Auch nachdem ich die Hülle ihres Körpers verlassen hatte, bis ich selbst etwas zu essen greifen konnte wenigstens, hatte ich mit Haut und Haaren ihr gehört.“
Sie hadert mit ihrer Selbstbestimmung, fühlt sich von ihrer Vergangenheit verfolgt.

Um der Situation zu entfliehen und sich zu betäuben greift sie vermehrt zu Alkohol und anderen Suchtmitteln: „Die eine Hälfte des Tages verbringe ich in dunkler, die andere in schwindender Erinnerung. Hin und wieder treten unwahre Erinnerungen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen in den Vordergrund, aber das, von dem ich wünschte, es wäre Wahn, ist leider immer wahr, damit habe ich mich schon abgefunden.“

Eine gute Freundin hat sie in der Vergangenheit schon öfters kontaktiert und über ihren Suizid philosophiert, bzw. ihn angedroht - auch heute ist das wieder der Fall, doch warum sollte sie es gerade heute in die Tat umsetzen, wenn es vorher doch eher nur ein Heisch nach Aufmerksamkeit war?!
„Sie hatte so oft von Selbstmord gesprochen, dass wir das im Freundeskreis nur noch als Synonym für >>ich habe schlechte Laune <<, >>mir ist was trauriges passiert<< oder >>ich will dich sehen<< verbucht hatten.“
Und genau an diesem Tag meint sie es ernst und bringt sich um. Was löst das nun in unserer Protagonistin aus?! Selbstvorwürfe und -zweifel, Wut, Ohnmacht gegenüber der Situation - es lässt sich nicht ungeschehen machen, die Zeit verläuft nur nach vorne.

Ihre Mutter ist derweil aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes ins Krankenhaus übergesiedelt. Sie denkt nun über ihr Verhältnis mit ihr zu Zeiten ihrer Kindheit nach. Sie war selbst eine Sxarbeiterin, aber versuchte dies stets zu verheimlichen vor ihrer Tochter. Als Alleinerziehende struggelte sie mit den Finanzen, schaffte es aber immer über die Runden zu kommen mit erspartem Trinkgeld, dass sie durch Gesang hinzuverdiente, gab Kurse und veröffentlichte einige Gedichtbände.
Ihre Mutter war keine, die oft schimpfte, doch eines Tages kam sie nach Hause, wurde von ihrer Mutter am Arm festgehalten und sie drückte ihre Zigarette an ihr aus, ihr T-Shirt fing dabei Feuer, was die Mutter mit ihrer Tasse Kaffee löschte. Was macht so eine Tat mit einer Tochter?! Brandwunden und eine wulstige Narbe bleiben ihr als Erinnerung, die sie später mit Tattoos zu überdecken versuchte, doch noch heute denkt sie oft an diesen Tag zurück:
„Da war ich zwanzig, hatte aber immer noch Angst, an der besonders wulstigen Stelle am Oberarm berührt zu werden. In meiner Erinnerung macht meine Mutter in dem Moment, in dem sie ihre Zigarette an mir ausdrückt, ein irgendwie verzweifeltes, weltvergessenes, getriebenes Gesicht. Es war keine Wut, das spürte ich. Sie war nicht wütend, sondern irgendwie ohnmächtig. An diesen Gesichtsausdruck meiner Mutter dachte ich manchmal, wenn ich in der Bar saß und auf Kundschaft wartete.“

Auch mit Klassismus werden wir in „Die Gabe“ konfrontiert. Die Protagonistin fühlt sich nicht zugehörig zur Gesellschaft, hadert mit ihrer Rolle als S
xarbeiterin:
„Es gibt wertvolle und weniger wertvolle Menschen auf der Welt, und wir gehörten zu jenen, die man gemeinhin wohl als weniger wertvoll bezeichnet, jede einzelne von uns.“

Klar und präzise, fast schon sachlich erzählt Suzumi Suzuki eine Geschichte über Prostitution in Japan, weibliche Selbstbestimmung, Suizid, häusliche Gewalt, Klassismus, finanzielle Abhängigkeit und die Abgründe einer Muttter-Tochter-Beziehung.
Wichtige Themen, die man nochmal in einem anderen Licht sieht, wenn man weiß, dass die Autorin früher selbst im Rotlichtmilieu als Sxarbeiterin tätig war.
Ich hätte mir eine zweite Perspektive gewünscht und zwar die, der Mutter und damit auch eine Umfangserhöhung des Buches.
„Die Gabe“ ist definitiv keine Wohlfühlgeschichte, aber sie behandelt Themen, die Aufmerksamkeit verdient haben.
Mich hat die Geschichte mit einem diffusen Gefühl zurückgelassen, dennoch bin ich dankbar ein weiteres Werk der japanischen Literatur zu meinen Leseerfahrungen zählen zu können. Denn die asiatische und besonders die japanische Literatur hat einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherherz!
Triggerwarnung: Bitte überlegt Euch, ob Ihr gerade die psychischen Kapazitäten für diese Art Geschichte habt! (Themen wie zuvor angesprochen Suizid, S
xarbeit, Drogen, Sucht, häusliche Gewalt)


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Veröffentlicht am 16.06.2024

Märchenhaft und spannend!

Cascadia
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„Cascadia“ ist eine Geschichte über zwei Schwestern, die altersmäßig ein Jahr auseinander liegen und nach einem besseren Leben dürsten. Sie besitzen konkrete Träume für die Zukunft - eine Möglichkeit, ...

„Cascadia“ ist eine Geschichte über zwei Schwestern, die altersmäßig ein Jahr auseinander liegen und nach einem besseren Leben dürsten. Sie besitzen konkrete Träume für die Zukunft - eine Möglichkeit, ihren finanziell angespannten Status zu verbessern, während sie sich weiterhin mehr als alles andere, gegenseitig als Schwestern widmen. Julia Phillips liefert mit „Cascadia“ eine spannende und aussagekräftige Allegorie über Familie und Erwartungen, eine Inselgeschichte, die auf Grimms Schneewittchen und Rosenrot basiert. Wenn Ihr dieses Märchen noch nicht gelesen habt, ist das gar nicht schlimm - Ihr werdet diesen Roman für seine Charaktertiefe, seine ungewöhnliche Umgebung, die naturelle Atmosphäre und die tiefgründige Handlung genießen können.

Sam und Elena sind in ihren späten Zwanzigern und kämpfen finanziell um das Überleben auf der Insel San Juan, die für ihre wohlhabenden Besucher bekannt ist. Die Insel ist Teil des Inselarchipels im Nordwesten Washingtons, einem unverwechselbaren, nicht-urbanen Ort, der das ganze Jahr über Touristen und Festlandbewohner mit Ferienhäusern anzieht. Die Schwestern klammern sich aneinander, um sich zu unterstützen, während sie sich liebevoll um ihre sterbende Mutter kümmern, die früher einen Salon unterhielt. Die verwendeten Nagellösungsmittel zerstörten schließlich ihre Lunge. Die Schwestern planen, das bröckelnde, zerfallende Haus zu verkaufen, wenn ihre Mutter stirbt, und ein neues Kapitel ihres Lebens woanders zu beginnen. Das Haus liegt auf einem Land, das was wert ist, so dass die jungen Frauen eine beträchtliche Menge an Bargeld erben werden, wenn sie es verkaufen.

Elena ist Barkeeperin in einem Golfclub und Sam verkauft Snacks an Festlandbewohner auf der Anacortes-Fähre. Beide sind frustriert über unzureichende finanzielle Mittel und verärgert über die wohlhabenden Gäste, um die sie sich kümmern und auf deren Trinkgelder sie angewiesen sind. Ihr Leben verläuft nach immer wiederkehrenden Routinen, eingeschränkt durch ein Gelddefizit und eine kränkliche Mutter. Die meisten Tage sind vorhersehbar, gewohnheitsmäßig mit andauernder Langeweile und leeren Wünschen. Dann, eines Nachts, entdeckt Sam einen Bären von der Fähre aus. Das Tier schwimmt im Kanal, anscheinend auf dem Weg nach Kanada. Wie verändert der Anblick eines Bären ihre engagierten Pläne und ihren Alltag? Verhängt er ein magisches Märchenschicksal oder ist es ein Vorbote eines unheilbringenden Schicksals? Warum taucht er auf ihrem Grundstück auf und kommt immer wieder zurück? Ihre Sicherheit wird durch die häufigen Besuche des Tieres auf den Kopf gestellt, und Sams Gefühl der Angst wird durch Elenas euphorische Stimmung untergraben.

„Cascadia“ ist ein Gleichnis unerzählter Geheimnisse, die die Schwestern auseinanderreißen könnten, eine Erzählung, die mich über ihr erstaunliches Finale hinaus verfolgte. Julia Phillips ist eine wagemutige Romanautorin, die über den Tellerrand hinaus schreibt. Wenn Ihr auf alles Antworten erwartet, ist „Cascadia“ möglicherweise nichts für Euch. Aber Leser, die kryptische Geschichten lieben, wird diese Geschichte mit ihrer wütenden, dunklen Spannung überzeugen.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Verwirklichung von Lebensträumen mit Ausgangspunkt Berliner Plattenbau! ❤️‍🩹

Achtzehnter Stock
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Der 18. Stock eines Berliner Plattenbaus ist der Schauplatz des neuen Romans von Autorin Sara Gmuer.

Hauptfigur Wanda lebt als Alleinerziehende dort mit ihrer Tochter Karlie. Ein nicht funktionierender ...

Der 18. Stock eines Berliner Plattenbaus ist der Schauplatz des neuen Romans von Autorin Sara Gmuer.

Hauptfigur Wanda lebt als Alleinerziehende dort mit ihrer Tochter Karlie. Ein nicht funktionierender Lift, in dem „Müll“ gelagert ist ebenso Alltag, wie die finanziellen Probleme der meisten Bewohner. Sind sie angelangt am soziokulturellen Abgrund?!



Die junge Mama und Schauspielerin Wanda versucht den Spagat zu meistern zwischen Kindererziehung und der Verwirklichung ihrer eigenen Träume - doch gelingt es ihr?!

Als sie den Filmproduzenten Willhaus kennenlernt, sieht sie in ihm einen Stern am sonst sehr dunklen Plattenbauhimmel. Ein besseres Leben für sie und ihre kleine Tocher Wanda scheint plötzlich greifbar. Als sie zu einem Kennenlern-Dinner eingeladen wird, schnuppert sie schon förmlich die Luft Hollywoods:



"Die Männer am Nebentisch schwärmen von dem mit feinen Fettäderchen marmorierten Kobesteaks, angeblich die besten der Welt und die Frauen tupfen sich mit den weißen Stoffservietten die Mundwinkel, essen Carpaccio und spülen mit Weißwein nach. Die Kellner kommen mit dem Nachschenken nicht hinterher. Willhaus gießt selbst nach, die Gläser randvoll und gurrt bei jedem Schluck wie eine Taube. Das ist Hollywood."



Sozialkontakt pflegt sie mit einer Nachbarin von gegenüber, im Buch als „Aylins Mutter“ bezeichnet. Wanda fällt es schwer, sich mit ihrem sozioökonomischem Status zu identifizieren, daher strebt sie stets nach mehr und und sieht auch ihre Nachbarin nicht als ebenbürtig, da diese sich mit ihrer Rolle als Plattenbau-Mutti abgefunden hat:



"Carlie und Eileen spielen mit Barbies und einem echten Prinzessinnenschloss. Ayleens Mama steht verschwitzt in der Küche. Ich habe noch nie vom Kochen geschwitzt. Sie formt Bällchen aus Hackfleisch, Ei und Semmelbrösel und streicht sich mit dem Handrücken die Haare aus dem Gesicht. "Rindfleisch", sagt sie. "Kein Schwein". Bei ihr muss immer alles halal sein. Ganz wichtig. Außer bei Donuts."



Doch ist ein erfülltes Leben im Plattenbau überhaupt möglich?!



„Glück lässt sich von Pisse im Treppenhaus nicht abschrecken, Glück findet von Zeit zu Zeit sogar in den achtzehnten Stock.“



Da ich nicht hier schon den kompletten Plot vorwegnehmen möchte, geht’s an dieser Stelle weiter mit meinen persönlichen Gedanken zum Werk. Ich habe die Intention der Autorin verstanden, sie wollte ein Buch schreiben, das aufmerksam macht auf die Schwierigkeiten eines Lebens im Plattenbau und welche Unwägbarkeiten es mit sich bringt, wenn man dann doch versucht sich aus seiner sozialen Klasse zu befreien und nach höherem strebt, quasi einen neuen Lebensentwurf schmiedet. Doch hatte ich mit der Umsetzung so meine Schwierigkeiten.



„Wenn man auf die falschen Leute hört, ist man am Arsch. Als ob man Träume einfach ändern könnte. Echte Menschen verändern sich nicht einfach wie so eine fucking Romanfigur auf Heldenreise. Sie geben vielleicht auf, aber sie bleiben dieselben."



Es sind für mich Aussagen wie diese, die mich schwer schlucken lassen. Natürlich habe ich verstanden, was die Autorin ausdrücken wollte, aber es ist mir zu sehr schwarz-weiß, mir fehlen die Zwischentöne. Es kommt mir dabei auf Nuancen an, auch sprachlich und da hat sie mich leider nicht vollständig abholen können.



"Im Treppenhaus liegen Bücher, zu verschenken. Als ob hier einer lesen würde."



Warum sollten Bewohner eines Plattenbaus generell kein Interesse an Literatur haben?! Natürlich bin ich mir im Klaren, dass es sich hier meist um bildungsfernere Bürger handelt, aber es gibt immer Ausnahmen, wie es auch Bücher aller Couleur gibt, für jeden ist was dabei, unabhängig vom sozioökonomischen Status. Ich finde die Pauschalisierung an dieser Stelle problematisch und hätte mir gewünscht, die Autorin hätte genau diese Idee mit den zu verschenkenden Büchern in eine andere Richtung hätte laufen lassen, wie beispielsweise eine Bewohnerin, die zwar sonst nicht viel hat, aber sich regelmäßig an diesen kostenfreien Büchern bedient und dadurch regelrecht zu einem Literaturfreak, ja vielleicht gar zu einer Intellektuellen geworden ist (mal überspitzt gedacht) - das hätte doch unser aller Bücherherz aufblühen lassen, oder?!



Wofür ich die Autorin sehr loben und was mir ausgesprochen gut gefallen hat, speziell aus meiner Perspektive als Medizinerin, ist die Anfangsszene, in der die Tochter von Wanda eine eitrige Ohrenentzündung hat, sie von Arzt zu Arzt tingeln, bis schließlich (nach langer Warterei!) in der Notaufnahme festgestellt wird, dass es sich um eine bakterielle Meningitis (=eine Hirnhautentzündung) handelt. Selten habe ich so eine Szene so lebensnah und gut ausgeführt gelesen, gerade im Hinblick auf den medizinischen Kontext. Sowohl die medizinischen Fakten sind gut recherchiert, wie auch das Verhalten des (immer ruhiger werdenden, da ernsthaft kranken) Kindes, als auch die wachsende Ungeduld (und Angst!) der Mutter, wirklich grandios! Danke Sara Gmuer, das hat mich wirklich literarisch tief beeindruckt!



Wie sieht denn nun mein Fazit zu „Achtzehnter Stock aus“?!

Wir ihr ja sicherlich gemerkt habt, blicke ich mit gemischten Gefühlen auf die Lektüre zurück - einerseits gehe ich mit einigen Ausführungen nicht konform, sehe manches Potential als nicht vollständig ausgeschöpft an - sei es sprachlich, oder seitens der thematischen Ausarbeitung. Andererseits gibt es auch Szenen, wie die der kranken Tochter Karlie, die wirklich einer schriftstellerischen Meisterleistung gleichkommen. Macht Euch also bitte Euer eigenes Bild von Sara Gmuers Werk, es bietet auf jeden Fall reichlich Diskussionsstoff, es eignet sich also perfekt als Lektüre für Buchclubs und co.!

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Fans der eskapistischen Literatur aufgepasst!

Es geht mir gut
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„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“

Kathleen ...

„Sobald sie draußen war, würde alles wieder so sein wie immer, normal, und normal war nicht länger hinnehmbar. (…) Kathleen Beckett würde im Pool bleiben, schwerelos, so lange es sein musste.“

Kathleen beschließt eines Vormittags in den Pool ihrer Wohnanlage zu steigen und findet in ihm den perfekten Zufluchtsort vor ihrem Leben. Eigentlich gehen sie Sonntags in die Kirche, doch Kathleen geht (zum ersten Mal) ihren eigenen Interessen nach. Die Jungs und Virgil kommen zurück vom Gottesdienst, haben Hunger, doch Kathleen verweist sie auf den gut gefüllten Kühlschrank, entzieht sich ihrer (scheinbaren) Zuständigkeit und bleibt im Pool. Die Nachbarn werden auf das Geschehen aufmerksam und ihr Ehemann Virgil bittet sie, aus dem Pool zu kommen, doch Kathleen fühlt sich wohl in der Schwerelosigkeit des Wassers. Sie merkt, dass die Welt sich weiterdreht, auch wenn sie im Pool bleibt. Es wird dunkel und wieder erkundigt sich Virgil, ob ihr nicht langsam kalt wird, ihre Haut sei schon aufgedunsen, weiß und verschrumpelt, doch Kathleen lässt sich nicht beirren und bleibt im Pool.

Kathleen lebt als angepasste Hausfrau (heute würden wir sagen: Stay-at-Home-Mum) in den 1960er Jahren in den USA zusammen mit ihrem Mann Virgil und den beiden Kindern. Augenscheinlich eine harmlose happy Family - doch der Schein trügt, denn unter der Oberfläche brodelt es gewaltig. Wir bekommen einen Einblick in ihre 9-jährige Ehe (inklusive vieler Geheimnisse, die die beiden voreinander verbergen) und Jessica Anthony erzählt uns ihre Story durch eine Selbstreflektion ihrer Figuren, indem sie Kathleen und Virgil jeweils voneinander unabhängig ihre Kindheit, wie sie aufwuchsen und schließlich den Zeitpunkt ihres Kennenlernens reflektieren lässt.
Kathleen hätte eine Profikarriere als Tennisspielerin vor sich gehabt, hätte sie sich nicht dagegen und stattdessen für das Leben, was von ihr erwartet wird, entschieden. Sie erfüllt das klassische Rollenbild einer Ehefrau und später auch Mutter.
Virgil strebte Zeit seines Lebens nach beruflichem Erfolg, vergeblich. Also sucht er sich die Bestätigung woanders und zwar in zahlreichen Affären - sein gutes Aussehen kam ihm dabei sehr zugute (seiner Ehe mit Kathleen war es hingegen weniger zuträglich).

„Ein Mann musste nicht hübsch sein, um eine hübsche Frau zu verdienen, aber bei Virgil galten andere Regeln: Ein Mann konnte tatsächlich zu hübsch sein. Welche bedauernswerte Frau sich auch einverstanden erklärte, ihn zu heiraten, sie würde ihr Leben lang unter dem Gefühl leiden, ihm nicht gerecht zu werden. Virgil merkte das immer deutlicher an Kathleen. Es war ihm nicht entgangen, dass sie ihren Körper verbarg, wenn sie sich im Schlafzimmer anzogen. Sie war dem Altern in die Fänge geraten, wie sie beide wussten. Ihre Hüften, ihre Taille, ihr Gesicht, alles wurde breiter. Aber das interessierte Virgil kein bisschen. Übel nahm er ihr dagegen, dass sie seinen Körper mit Neid und Verachtung betrachtete.“

Diese Passage sagt so viel aus über die Beziehung von Kathleen und Virgil, dass ich sie Euch nicht vorenthalten wollte. Was hat dieser Mann nur für ein Frauenbild?! Eindeutig haben wir es hier nicht mit einem Feministen zu tun! Grausig, was für Ehen zu dieser Zeit geführt wurden, die ja gar nicht mal so weit zurückliegt.

Immer wieder gibt es Rückblenden in die Vergangenheit und so denkt Kathleen an ihre Zeit in Newark zurück, mit dem Ergebnis, dass es ihr heute in Pawtucket besser geht. Sie schmiedet den Plan, mal etwas Schwung in ihre Ehe zu bringen und setzt ihn prompt in die Tat um:

„Eines Nachmittags zog Kathleen aus Spaß ihren Regenmantel über das Nachthemd und betrachtete sich im Spiegel. Sie musste lachen und dachte, dass sie tatsächlich wie eine dieser Verrückten aussah. Emma Bovary in Pawtucket. Bertha Mason. Gab es in der Literatur überhaupt eine Frau, überlegte sie, die nicht krank oder wahnsinnig war, zerzauste ihre Haare, verschmierte ihren Lippenstift, und begeistert über ihre Maskerade verließ sie das Haus, überquerte die Exchange Street Bridge und ging zum Büro der Manifest Insurance Company.“

Letztendlich stieß das ganze Unterfangen auf wenig Begeisterung seitens Virgils:

„Liebe mich“, rief sie und brach in Lachen aus. Virgil sprang wie von der Tarantel gestochen von seinem Stuhl auf.
„Kathy, was zum Teufel!“ sagte er. „Du bist doch nicht etwa in diesem Aufzug hierhergekommen?“

Herrlich, was Kathleen mit ihrem „Auftritt“ für einen Mut bewies! Trotz der ganzen Stringenz und Härte der Eheführung im Amerika der Sechziger, liebe ich einfach, wie die Autorin ihre Figur immer wieder ausbrechen lässt, sie lässt sie auf ihre Bedürfnisse achten, sei es sexuell, als Frau, oder einfach als Mensch. Der Pool ist für mich das Sinnbild der Selbstermächtigung. Brauchen wir nicht alle manchmal einen Pool, der uns einen Moment Ruhe und Schwerelosigkeit von den Strapazen unseres Lebens beschert?! Ich auf jeden Fall - für mich sind „Mein Pool“ die Bücher, das Lesen, die Literatur, aber auch Sport (Laufen) und hoffentlich auch bald wieder das Klavierspielen. Wohin entflieht Ihr Euch, wenn Euch das Leben gerade zu viel wird?! Auch eher eskapistisch per Gedankenflucht in die Literatur oder ganz anders?!

Zwar hätte ich mir allgemein mehr psychologische Tiefe gewünscht für „Es geht mir gut“ und ein Psychogramm der Figuren Kathleen und Virgil, aber ich mochte den thematischen Ansatz, den Jessica Anthony hier verfolgt. Mit Eskapismus erweckt man als Autor*in stets mein Interesse, dafür habe ich es gerne gelesen - was Sprache und die Umsetzung angeht, gibt es definitiv Luft nach oben. Ich würde wieder ein Buch von der Autorin lesen, sofern es mich thematisch anspricht. Macht Euch bitte Euer eigenes Bild von „Es geht mir gut“. Es bietet auf jeden Fall reichlich Diskussionsstoff, daher wäre es auch ein gutes Buch für Buchclubs!

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