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Veröffentlicht am 13.11.2025

Wer hat die Macht über die Erinnerungen?

Das Buch der verlorenen Stunden
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Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was ...

Kaum schlägt man diesen Roman auf, wird man in einen fast gespenstischen, faszinierenden Ort versetzt: Der „Zeitraum“, der Raum zwischen Vergangenheit und Gegenwart, wo alles als Erinnerung verweilt, was auf der Erde passiert ist. Man kann ihn sich vorstellen als eine Art Bibliothek gefüllt mit Büchern, die die Erinnerungen der Verstorbenen in sich tragen. Anfangs, als Zeit kaum mehr als eine Idee war, kamen ganz besondere Menschen nur mit konzentrierter Willenskraft in diesen mystischen Ort. Später hatten nur Zeithüter mit speziellen Uhren Zugang. Diese Uhren und die damit verbundenen Aufgaben wurden von Vater zu Sohn weitergegeben.

Die 11jährige Lisavet Levy ist Tochter eines solchen Uhrmachers in Nürnberg. Es ist die Reichsprogromnacht, als das Mädchen mit Hilfe ihres Vaters Zuflucht im Zeitraum findet. Ihr Vater Ezekiel hat Uhren für Zeithüter hergestellt wie schon Generationen seiner Vorfahren. Sein Laden wird in dieser Nacht von Nazihorden gestürmt. Da er sich weigert, Uhren für dieses Regime herzustellen, ist es für ihn für die Flucht zu spät. Lisavet ist somit im Zeitraum gerettet, aber auch für viele Jahre gefangen.
Außerhalb der Zeit wächst sie dort ohne physische Bedürfnisse zwischen den Büchern und Geistern auf. Die Welt außerhalb kann sie nur durch die Erinnerungen der Vergangenen sehen. Sie lernt, zwischen den erinnerten Zeiten zu wandeln.

Im Laufe der Zeit sind die speziellen Uhren der Zeithüter meist in die Hände von Regierungen übergegangen. Lisavet realisiert, dass Spione der Regierungen (zunächst Nazis, dann russische und amerikanische) den Zeitraum betreten und ausgewählte Erinnerungsbücher zerstören, um ihre jeweilige Version der Geschichte durchzusetzen. Schockiert versucht sie, die Reste zu retten und in ihrem eigenen Erinnerungsbuch zu bewahren. Damit mischt sie sich in gefährliche Angelegenheiten ein und ist Leuten und Geheimdiensten im Weg.
Ihr bedeutungsschweres und wichtiges Buch der Erinnerungen trägt sie stets bei sich. Es wird ein Objekt der Begehrlichkeit für andere.
Schließlich trifft Lisavet 1949, mittlerweile eine blutjunge Erwachsene, auf den amerikanischen CIA-Agenten Ernest Duquesne. Er bietet ihr Einblicke in die Welt, die sie verlassen hat, an. Lisavets Weg nimmt eine dramatische Wendung, der auch den Zeitraum verändern wird.

Die Rahmengeschichte des Romans ist sehr spannend und hochaktuell. Was die Autorin den Amerikaner Ernest über die Spione im Zeitraum sagen lässt, ist leider nur zu wahr:
„Staatliche Stellen möchten gern steuern, woran sich im Zeitraum erinnert wird. Mitunter zerstören sie dabei Dinge, die sie für gefährlich halten. Sie verbrennen Erinnerungen.“ (S. 138) und „Geschichte wird von den Siegern geschrieben.“ (S. 126)
Lisavet hält das zerstörerische Verhalten der Spione für „imperialistisch“ und weiß, dass Erinnerungen, das Wertvollste sind, was wir besitzen. Keiner hat das Recht sie zu zerstören.
Die Erklärungen der Regierungen dafür sind fadenscheinig. Offiziell soll dies der Verhinderung von Kriegen oder Ausbreitung des Kommunismus/Kapitalismus (je nachdem ob Amerikaner oder Russen) dienen. Damit das Narrativ im Einklang mit ihrer Ideologie steht, werden Menschen und Erinnerungen ausgelöscht und somit die Wahrheit. Da bekommt selbst Spion Ernest Zweifel.

Nicht nur Autokratien möchten unliebsame Historie und Tatsachen zu gern umschreiben. Staatschefs setzen heute ganz bewusst Fake-News und „alternative Fakten“ in die Welt oder drehen jahrhundertealte Geschichte um, damit sie ihren imperialistischen Bestrebungen in den Kram passen. Sie brauchen gar nicht so eine Uhr eines Zeithüters, sie löschen schon längst Erinnerungen aus. Die Autorin Gefuso möchte durch ihre Metaphern des „Zeitraumes“ und der Zeithüter darauf aufmerksam machen.
Die Hauptcharaktere Lisavet und Ernest waren am Anfang sehr einnehmend, machen später unerwartete Wandlungen durch. Aber im weiteren Verlauf mochte ich Lisavet zunehmend weniger. Ihre Entscheidungen werden immer fragwürdiger und widersprechen dem, weswegen ich sie anfangs schätzte. Die Art, wie sie allmählich die Oberhand gewinnt und moralische Bedenken beiseiteschiebt, hat mich teilweise sehr verstört. Für mich war diese Entwicklung nicht nachvollziehbar.

Gefusions Erzählweise ist ein wenig herausfordernd. Verschiedene Zeitebenen und Handlungsstränge werden kapitelweise verflochten: Zum einen das Dasein Lisavets im sogenannten „Zeitraum“ und die Gegenwartsebene in Boston des Jahres 1965. Der Plot pendelt somit immer vor- und rückwärts mit wechselnden Charakteren, Vor- und Rückverweisungen im Handlungsstrom.
Zum einen bietet der Plot eine lebhafte Fantasy-Ebene mit vielen politischen und philosophischen Anspielungen, die man erst mal verarbeiten möchte. Dazu kommt dann die Anlehnung an einen teils gewalttätigen und verworrenen Spionagethriller, in der die CIA und der Kalte Krieg eine Rolle spielen.

FAZIT
Die Rahmenhandlung fand ich faszinierend, sehr aktuell und wichtig. Die Fragen, wie Geschichte und Zeitgeschehen erinnert wird, wie Zensur und Geschichtsfälschung durchgeführt wird, wie man Erinnerung und geschichtliche Wahrheit retten kann, sind sehr spannend. Dieser Teil des Romans mahnt uns, dass wir auch Zeit(be)hüter sein sollten, um die Vergangenheit und die daraus folgenden Lehren zu schützen und zu bewahren.
Schließlich hat die Autorin versucht, eine dramatische Romanze, einen Spionagethriller, ein Coming-of-Age und eine Widerstandsgeschichte miteinander zu verweben. Um am Ende alle Handlungsstränge zu einem guten Abschluss zu führen, ist die eigentliche Botschaft des Buches für mich persönlich leider fast verloren gegangen.

Wer eine Mischung aus Magie, Agententhriller und Liebesgeschichte schätzt, bekommt hier das volle Paket. Allein für die vielen Denkanstöße und die Idee der Rettung der Zeitgeschichte ist der Roman durchaus lesenswert. Denn am Ende bewegt einen vor allem die Frage: Wer bestimmt, woran wir uns erinnern? Wie können wir die Wahrheit schützen?

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Veröffentlicht am 27.09.2025

Kriminalfall rund um Kaspar Hauser

Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten
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Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar ...

Am 26. Mai 1828 wurde in Nürnberg ein völlig verwahrloster, ungefähr 16 Jahre alter Jugendlicher aufgegriffen, der kaum sprechen konnte. In seiner Hand hielt einen Zettel, auf dem sein Name stand: Kaspar Hauser. Seitdem rätseln Wissenschaft und Gesellschaft über Herkunft und Schicksal dieses mysteriösen Findelkindes. Literatur und Kunst machten ihn vielfach zum Thema. Faszination übt seine Geschichte bis heute aus.

Der italienische Autor Davide Morosinotto greift die vielen losen Fäden der historischen Fakten auf und verwebt sie zu einem fiktionalen Kriminalroman für Jugendliche. In „Greta Grimaldi und der Junge aus dem Schatten“ lässt er nur ein Jahr nach Kaspar Hausers Auftauchen – 1829 -, den fiktiven sizilianischen Detektiv und Arzt Dr. Grimaldi mit seiner 15jährigen Tochter Greta nach Nürnberg reisen. Grimaldi ist engagiert worden, um ein angekündigtes Attentat auf Kaspar Hauser zu verhindern.

Während die jugendliche Greta sich recht eigenständig in Nürnberg umschaut, setzt sie sich damit über die engen Konventionen, die im 19. Jahrhundert für junge Mädchen galten, selbstbewusst hinweg. Ihr Vater lässt sie dabei gewähren. Ihm ist es eh recht, wenn Greta draußen in der Stadt unauffällig die Augen offen hält und Informationen sammelt. Dr. Grimaldi selber verlässt für seine Nachforschungen nur ungern seine Hotelsuite. Stattdessen tyrannisiert er lieber das Hotelpersonal mit seinem stets unzufriedenen und nörgelnden Wesen.

Der sizilianische Detektiv ist weniger an Kaspars Geschichte interessiert, sondern lenkt sein Augenmerk auf die Verhinderung des angedrohten Attentats auf ihn. So ist er meist mit seinen intensiven Lektürestudien und Gesprächen mit Honoratioren der Stadt beschäftigt.
Greta Grimaldi ist der zentrale Charakter der Geschichte. Sie verfügt über eine sehr gute Ausbildung, spricht fünf Sprachen und gilt als scharfsinnig. Ihre Selbstständigkeit, ihr Selbstbewusstsein und auch ihr manchmal launenhaftes Benehmen treffen gelegentlich hart auf die Konventionen jener Zeiten. Zu ihrem Vater hat sie ein leicht distanziertes Verhältnis, die beiden wirken eher wie ein Team in diesem Fall. Eine Mitschülerin in Palermo hat einst über Greta gesagt: „Du bist wie aus Glas“. Sie meinte damit, dass Greta „keine klare Persönlichkeit“ besäße, sondern sich auf das Beobachten beschränken würde.

Bei ihren Nachforschungen trifft Greta immer wieder auf einen jungen Mann Oskar von Tucher, einem Mitglied einer Adelsfamilie mit Zugang zu Kaspar Hauser. Er macht Greta mit diesem bekannt. Greta wird Kaspar Hauser ein paar Mal eher flüchtig treffen. Durch die Untersuchungen und Gespräche der beiden Grimaldis erhält man beim Lesen einige Informationen über seine recht nebulöse Geschichte, hört so manche Spekulationen, Theorien und Mutmaßungen. Doch das Rätsel über seine Herkunft bleibt – wie auch in der Realität – ungeklärt.

Leider wirkt Kaspar Hauser als Charakter sehr blass, blutleer und nur grob skizziert. Man erfährt eher von außen über ihn, als durch ihn selber.
Die beiden tatsächlichen Attentate auf Kaspar Hauser (17.10.1829) und später nach Grimaldis Einsatz (14.12.1833 mit tödlichem Ausgang) werden aufgegriffen und mit einem fiktiven Tathergang dargestellt.

Fazit
Der Jugendroman hält mit dem ansprechenden Cover und den vielen interessanten Illustrationen, die unter Nutzung von Darstellungen aus dem Nürnberger Stadtarchiv entstanden sind, einiges für das Auge bereit.
Die rätselhafte Geschichte um Kaspar Hauser lädt immer noch ein, sie wieder neu aufzugreifen. Der Autor nimmt auch die vielen Fäden historisch korrekt auf, um sie neu zu verknüpfen. So erfahren die jungen Leser*innen auf unterhaltsame Art sehr viel über „das Kind Europas“. Der Schreibstil ist gut verständlich und trotz ein paar Längen gut lesbar.

Leider kann mich der Autor aber mit seiner Kriminalgeschichte nicht vollkommen überzeugen. Ich hätte mir erhofft, dass er sich traut, der jungen Leserschaft den Menschen Kaspar in irgendeiner Form näher zu bringen. Doch Kaspar bleibt ein rätselhaftes Objekt, das man mit Abstand betrachtet. Eine traurige blasse Skizze und vergebene Chance.

Die einzige mögliche Identifikationsfigur ist Greta, der ich in ihrer etwas unnahbaren Art am Anfang gern eine Chance gegeben habe. Doch ihr Verhalten und ihre wenig nachvollziehbaren Schlüsse zum Fall haben mich zusehends Abstand nehmen lassen.
Der konstruierte Kriminalfall und die angebotene Lösung haben mich nicht wirklich überzeugt. Mord, tragischer Justizirrtum und Suizid fand ich eher reißerisch, so dass die Handlung zunehmend in die Abwärtsspirale geriet. Schade, denn der Anfang war eigentlich gar nicht so schlecht.

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Veröffentlicht am 10.09.2025

Familiäre Eingeweideschau

Wenn du es heimlich machen willst, musst du die Schafe töten
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Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie ...

Dass einen in Anna Maschiks schmalen Debütroman keine klassische Familiengeschichte erwartet, wird einem gleich drastisch mit dem derben Titel klar gemacht.
Und doch ist es die Geschichte einer Familie über vier Generationen hinweg, vor allem mit dem Blick auf die Linie der Mütter gelenkt. Der Schwerpunkt auf die weibliche Orientierung setzt sich fort bei der Bedeutung der Hebamme, Leichenfrau und auch einer Schwiegermutter.

Die Ich-Erzählerin Alma erklärt gleich am Anfang des Romans, dass ihre Erzählung wie „eine Eingeweideschau“ ablaufen würde. Und damit liegt sie auch richtig.
Der Roman setzt mit der Geburt des neuen Jahrhunderts ein, auch Almas Urgroßmutter Henrike wird 1900 als Bauerntochter in ein kleines Dorf an der Nordsee geboren. Ihre Mutter stirbt, als Henrike 13 Jahre alt ist. Von dem Moment an lastet die Verantwortung der vier kleineren Geschwister, des Haushaltes und schließlich auch des Hofes auf ihren Schultern, als der Vater im 1. Weltkrieg fällt.

Damit ist die Härte und Kargheit der Erzählung gesetzt. Henrike, wie auch die Töchter und Enkelinnen nach ihr, kommen notfalls alle auch ohne Mann zurecht. Schon als Kind hat Henrike Schlachten und Wursten von der Mutter gelernt und wird es so auch weitergeben. Dieses Wissen des Schafschlachtens sichert ihr im nächsten Krieg das Überleben. Es ist eine Linie von Frauen, die viel tragen und ertragen müssen.

Das Leben der Familien ist über Generationen geprägt von Schweigen, Bitternis und dem Wunsch, anders zu agieren als die vorherige Generation. So findet sich eine Vielzahl, sich mehrfach in verschiedenen Generationen wiederholender Motive. Man wünscht, es anders zu machen, fällt aber unbewusst in dieselben Muster zurück.

Es gibt Wunschkinder, Lieblingskinder, solche die Hiebe kassieren und jene, die man am liebsten abgetrieben hätte. So erfahren Lieblingskinder Zuwendung durch das Lied „Dat du min Leevsten büst“, während die anderen ohne auskommen müssen, kommunikative kleine Töchter werden mit mütterlicher Ablehnung konfrontiert, während die Väter sie wohlwollend als „kleines Tagblatt“ bezeichnen.

Die Frauen des Romans sind kommunikativer und auch zupackender als die Männer – die Väter, die Söhne. Da gibt es Söhne, die bildhaft erst mit 15 Jahren zum Leben erwachen oder im Laufe des Lebens in Holz erstarren.
Die auffallend vielen Motive und die vielsagenden Metaphern unterstützen das anfängliche Bild der Eingeweideschau. Man blickt in das nunmehr tote Objekt und erkennt Zusammenhänge, Strukturen, Bildhaftes.

Alma, die Erzählerin, versucht sensibel, mit eher kindlichem Blick das Geflecht der familiären Eingeweide zu entwirren, die Muster und Zusammenhänge zu erkennen.
Es überkommt einen das Gefühl der Freud- und Trostlosigkeit: Not und Krieg entfremdet die Menschen, ein Mantel des Schweigens legt sich auch über wichtige Ereignisse, oft lässt einen die Empathielosigkeit frösteln.

Maschiks Erzählweise ist ungewohnt und eigenwillig und dennoch poetisch. Sie trägt die Ereignisse und Gefühlsimpressionen locker wie kleine Mosaiksteine zusammen.
Sprachlich verknappt stellt sie Aussagen und Dinge in Listenform auf gegenüberliegenden Seiten gegeneinander. Es bleibt viel freier Raum auch auf den Seiten zum eigenen Füllen durch innere Bilder.

Auffallend sind die vielen wiederkehrende Motive. Eines davon ist die Zitrone, die im Cover einen krassen Kontrast zum Titel darstellt. Sie sind Entdeckungen, die der Leser macht und seine eigene kleine Eingeweideschau anstellen kann.

An der Familie ziehen die Umbrüche in Laufe des 20 Jahrhunderts durch Krieg, Veränderungen in der Landwirtschaft und in der Gesellschaft vorbei und lenken ihr Geschick. Aber mehr als das, ist es wohl die Prägung der Mutterlinie, die sich ausdrückt und deren Spuren Alma versucht zu verstehen und somit auch versucht, sich selber zu verstehen.
Ich fand es interessant, die reine Form des Romans zu ergründen. Aber wie beim Sezieren und Zerlegen des Schafes, konnte ich den emotionalen Abstand zu den Charakteren nicht überwinden. Doch vielleicht ist das auch gar nicht intendiert.

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Literarische Kostehäppchen

Die Geschichte des Klangs
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Es ist schon länger her, dass ich leidenschaftlich gerne Kurzgeschichten gelesen habe. Vor allem die angelsächsischen Short Stories haben es mir seit meiner Schulzeit angetan. Deshalb habe ich mich auf ...

Es ist schon länger her, dass ich leidenschaftlich gerne Kurzgeschichten gelesen habe. Vor allem die angelsächsischen Short Stories haben es mir seit meiner Schulzeit angetan. Deshalb habe ich mich auf diese Sammlung gefreut, denn genau in diese Tradition tritt Ben Shattuck hier ein. Er verortet seine Geschichten in die amerikanischen Neuenglandstaaten.
Das Coverfoto der beiden jungen Männer hat einen nostalgischen Touch. Das passt zu der einleitenden und titelgebenden Geschichte, die uns auch in das Jahr 1917 führt.

Etwas verwundert war ich über den recht schmalen Umfang des Buches, nur zwei Geschichten auf 104 Seiten! Die englische Originalausgabe „ The History of Sound“ enthält insgesamt zwölf (!) Short Stories auf 308 Seiten. Ich frage mich, warum davon nur zwei Kurzgeschichten ins Deutsche übersetzt wurden? Das ist eigentlich schade, denn deren Qualität ist hoch. Und bei dem Preis des Buches hätte ich auch gerne die anderen Geschichten der englischen Ausgabe genossen.

Verbunden sind diese beiden Short Stories durch ein zartes, empathisches Band. Die Protagonist*innen der beiden Stories kennen sich nicht persönlich. Aber das Mitfühlen der Protagonistin Annie der zweiten Geschichte und ihr Eingreifen, lässt die Einsichten der ersten Geschichte erst möglich werden. Auf diese Weise sind alle Originalgeschichten verwoben, was sie mich in dieser reduzierten Ausgabe noch mehr vermissen lässt.

Die erste Kurzgeschichte des Sammelbandes „Die Geschichte des Klangs“ enthält so viel Potential, dass sie in diesem Jahre unter der Regie von Oliver Hermanus verfilmt worden ist. Sie erzählt im Rückblick die Beziehung zwischen den jungen Studenten des Bostoner Musikkonservatoriums David und Lionel. Beide lernen sich 1917 kennen und finden nach dem ersten Weltkrieg wieder zusammen, um gemeinsam für eine kurze Zeit Folk Songs im ländlichen Maine auf Phonographen aufzunehmen.

Dass Lionel im hohen Alter noch einmal diese intensive gemeinsame Zeit mit David und sein Leben insgesamt rekapitulieren kann, verdankt er einem Charakter der zweiten Geschichte. Annie steht altersmäßig noch mitten in ihrem Leben und an einem entscheidenden Wendepunkt. Ihr gelingt es in einem Moment der Empathie und des Ahnens von Zusammenhängen, einen zarten emotionalen Faden zum unbekannten Lionel zu knüpfen.
Beide Geschichten vermitteln ein Gefühl der Melancholie und werden wunderbar poetisch und einfühlsam erzählt. Der Schreibstil ist ein Genuss. Die Verbindung der Menschen durch Zeit und Raum scheint ein besonderes Thema der Stories zu sein. Um das zu beurteilen, müsste aber die komplette Reihe vorliegen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Short Stories sind wirklich kleine Edelsteine, die aus der Kette herausgefallen zu sein scheinen. Der Verlag sollte sich nicht scheuen, die Geschichte als Einheit komplett übersetzen zu lassen. So bleibt mir nur das Gefühl, ein Appetithäppchen serviert bekommen zu haben. Köstlich – aber wo bleibt der Rest?

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Ein Mikrokosmos im Faschismus

Ginsterburg
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Arno Frank führt uns in die fiktive deutsche Kleinstadt Ginsterburg, wo wir zu drei Zeitpunkten, in den Jahren 1935, 1940 und 1945 die Entwicklung der Bevölkerung verfolgen können.

1935, zwei Jahre nach ...

Arno Frank führt uns in die fiktive deutsche Kleinstadt Ginsterburg, wo wir zu drei Zeitpunkten, in den Jahren 1935, 1940 und 1945 die Entwicklung der Bevölkerung verfolgen können.

1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung hat sich der Alltag bereits deutlich verändert.
Die jung verwitwete, politisch eher links orientierte Buchhändlerin Merle hat noch große Ressentiments gegenüber den nationalsozialistischen Machthabern. Sie zieht allein und sehr liebevoll ihren sensiblen, sehr naturverbundenen Sohn Lothar auf. Anfangs fremdelt Lothar sehr mit der Hitlerjugend in seinem Ort, die mit Ignoranz und Brutalität glänzt. Doch mit seiner Faszination für das Fliegen wird er bald an deren Angel hängen.

Die Gunst der Stunde ergreift der Blumenhändler Gürckel, macht Geschäfte, reichert Machtpositionen an, steigt so zum Kreisleiter auf und bringt Grundstücke und Gebäude in seinen Besitz. Er verhilft auch Eugen, der sich an seinem Kriegsveteranen-Vater abarbeitet, zum Posten des Schriftleiters der ehemals jüdisch geleiteten Ginsterburger Lokalzeitung. Den ganzen Verlauf des Romans wird Eugen ausschweifend und inbrünstig an der Chronik des Ortes schreiben.

Ein weiterer Profiteur ist der Papierfabrikant Jungheinrich. Er weiß auszunutzen, dass man für Granaten auch Papier braucht. Auch der Arzt Hansemann lebt seine „medizinischen Forschungsinteressen“ im Osten aus.
Zu den Verlierern gehören z.B. der jüdische Zeitungsverleger, der schwule Filmvorführer und der geistig behinderte Fritz

1940 haben sich die jüdischen Mitbürger selbst aus dem Ort entfernt, durch Flucht oder Suizid. Der Krieg scheint weit weg zu sein. Dafür laufen die Geschäfte der Profiteure prächtig. Kritische Stimmen sind verstummt oder haben sich korrumpieren lassen. Man hat sich mit den Gegebenheiten arrangiert oder angepasst, wenn man nicht sowieso voller völkischer Begeisterung mitschwingt. Es ist deutlich zu merken, wie das Geschehen die Menschen verändert hat.

Fazit:
Ich halte das Thema an sich, wie das alltägliche Leben der Menschen bis ins Detail von der Machtergreifung verändert wurde, vom kleinen Kind bis zum Greis, vom Gesunden bis zum Kranken für ungemein wichtig.

Die Blicke auf drei verschiedene Jahre: 1935, zwei Jahre nach der Machtergreifung, 1940 nach Kriegsbeginn, 1945 kurz vor dem Zusammenbruch und Kriegsende sind eigentlich eine gute Idee, um Entwicklungen zu verdeutlichen. So werden an verschiedenen Protagonisten die Gewinner und Verlierer des Systems, die Korrumpierung der Menschen, seelische Auswirkungen, ihre persönlichen Verstrickungen aufgezeigt.

Der am besten gezeichnete Charakter ist für mich der Junge Lothar. Der junge Naturliebhaber, fasziniert vom Fliegen, entrinnt seiner Mutter zunehmend. Er ist sehr sensibel und liebevoll dargestellt und kann kein Wesen leiden sehen. Allerdings ist seine Entwicklung nicht so anschaulich dargestellt, dass ich verstehe, wie es dazu kommt, dass er später emotionslos Bomben auf Städte fallen lässt. Dabei ist es doch gerade so wichtig, dass man genau das nachvollziehen kann.

Unter die fiktiven Charaktere mischen sich tatsächliche historische Personen mit ihrem Realnamen wie Lothar Sieber und Erich Barmin. Gerade dieser Lothar Sieber wird zu einem äußerst wichtigen Protagonisten. Ohne Erwähnung z.B. in einem Vor- oder Nachwort ist das so in meinen Augen absolut nicht in Ordnung, zumal sogar das Testament des realen Lothar Sieber wortgetreu übernommen wird.

Lediglich angedeutet in kurzen Erwähnungen oder kleinen Bildern werden die Vernichtung der Juden, politische und rassische Verfolgung und andere Grausamkeiten. Alles scheint wie auch der Krieg nur in der Ferne stattzufinden.

Es gibt nur wenige Momente, die mich wirklich bewegt und erschüttert haben, wie der blutige Wahnsinn und rauschhafte Blutdurst der Soldaten beim Töten der Kraniche, die lapidare Hinrichtung von Zwangsarbeitern und des britischen Kriegsgefangenen, welcher sich wie ein Menetekel vom Beginn des Buches an auf Ginsterburg zubewegt.
Ansonsten haben die Protagonisten anscheinend kaum greifbare Zweifel oder Emotionen. Mir fehlen da persönliche Entwicklungen, Einsichten, Widerstand. Die Beziehungen der Charaktere sind oft wenig nachvollziehbar, teilweise banal und berühren mich so nicht. So möchte man doch unbedingt miterleben, wie es zu Lothars Entwicklungswende kommt, wie Protagonisten plötzlich eine Beziehung beginnen etc.

Die Darstellung der Charaktere ist gelegentlich recht grob skizziert und oberflächlich, manchmal auch klischeehaft z.B. die Nazizwillinge des Kreisleiters. Manche Figuren erscheinen redundant (z.B. die Zirkusleute). Viele Entscheidungen und Entwicklungen der Charaktere an denen man gerne teilhaben würde, werden nur nacherzählt (z.B. Wendepunkte bestimmter wichtiger Personen, Entwicklungen von persönlichen Beziehungen).

Die Erzählperspektive wechselt öfter. Am Anfang hatte ich die Hoffnung, dass die Darstellung von Merle und ihrem Sohn Lothar tiefer dringt, leider entgleiten dem Autor diese Fäden.
Mir ist es deshalb leider nicht gelungen, mich mit einem der Charaktere näher zu verbinden.
Der Schreibstil erinnerte mich etwas an den Stil der 30iger und 40iger Jahre, was ja eigentlich passen würde. Zeitweise ist der Stil recht anschaulich und stimmungsvoll. Aber oft scheint die Geschichte vor sich hin zu mäandrieren und immer wieder Schleifen zu den vielen Nebenfiguren zu ziehen.

Das Ziel des Autors Arno Frank ist Parallelen aufzuzeigen zwischen der heutigen politischen Situation und der, die zur NS-Zeit geführt hat mit den entsprechenden Folgen für die Menschen. Die normale Bevölkerung wird zu Mitläufern, Mittätern, Denunzianten. Am Ende mündet es alles direkt in der Katastrophe. Das ist eine sehr wichtige Absicht, die mich persönlich hier aber nicht wirklich überzeugen konnte.

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