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Veröffentlicht am 22.04.2025

Lesenswert

Ginsterburg
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Arno Franks Roman „Ginsterburg“ spielt in einer fiktiven Stadt, allerdings nicht in einer fiktiven Welt. Arno Frank begibt sich mit „Ginsterburg“ in die Zeit des Nationalsozialismus, zwischen 1935 und ...


Arno Franks Roman „Ginsterburg“ spielt in einer fiktiven Stadt, allerdings nicht in einer fiktiven Welt. Arno Frank begibt sich mit „Ginsterburg“ in die Zeit des Nationalsozialismus, zwischen 1935 und der Nachkriegszeit spielt der Roman.

Hauptfiguren in „Ginsterburg“ sind die durchschnittlichen Menschen. Diejenigen, die sich mehr oder weniger schnell mit dem neuen System arrangieren. Helden gibt es in dieser Stadt nicht. Es gibt keine Widerstandskämpfer, allenfalls Kriegshelden. Menschlich handeln sie, sympathisch geben sie sich dabei selten.

Otto Gürckel profitiert vielleicht am meisten vom neuen System. Der Gärtnerei-Besitzer wird zum Blumengroßhändler und zum NSDAP-Kreisleiter. Dass seine Frau ihn mit einer NS-Größe hintergeht, macht ihn nur wenig sympathischer, nimmt er sich doch immer wieder vor, ordentlich „aufzuräumen“. Merle, die ihren Sohn zunächst nicht zur HJ gehen lässt, arrangiert sich damit, dass er schließlich zum Piloten ausgebildet wird – und sogar die neuen Wunderwaffen der Nazis testen darf. Die NS-Propaganda hinterfragt sie immer weniger.

Die tragischste Figur ist vielleicht Eugen, der vom kritischen Journalisten zum Zeitungsherausgeber und zum Schreiberling von Göbbels wird. Bei ihm wundert einen die Rückgrat-Losigkeit mit am meisten. Die Möglichkeit, sich in beruflichem Erfolg zu suhlen, wiegt für ihn mehr als seine innere Überzeugung. Hier – und das ist auch gut so – macht Arno Frank keine großen Worte über das Aufgeben einstiger Ideale. Es geschieht einfach und bleibt letztlich schwer erklärbar.

Arno Frank geht es nicht darum, Helden zu erschaffen. Er zeigt mit „Ginsterburg“, wie alle mehr recht als schlecht im neuen System leben, sich arrangieren und unterordnen. Deshalb erzählt er aus ihrer Perspektive – wodurch diese im Roman häufig wechselt. Um die Verführbarkeit von Menschen geht es Frank nicht. Die setzt er voraus. Vielleicht ist der Name Ginsterburg kein Zufall – wächst Ginster doch an nährstoffarmen Stellen. Viel ist es nicht, was entstehen kann, wenn die Nährstoffe fehlen, ist vielleicht eine Lehre aus dem Roman. Schlechte Umstände setzen nichts Gutes frei.

Man könnte aber auch einen Schritt weiter gehen: Als der Prophet Elija nicht mehr konnte, legte er sich unter einen Ginsterbusch, um zu sterben. Und so sind auch die Figuren in Arno Franks Roman erschreckend lethargisch und zutiefst unpolitisch. Elija gibt sich geschlagen, will nichts mehr von seinem großen Auftrag wissen und verliert seinen Antrieb. Und so wirken auch die Gintersburger energie- und antriebslos. Freilich mit einem Unterschied: Elija wird von Gott durch Raben gerettet, während Ginsterburg untergeht, als böses Omen dienen dabei die Kraniche.

Überhaupt die Motive in diesem Buch! Sie sind es, die dieses Buch zu guter Literatur machen. Die Wahrsagerin gibt es da, die immer wieder im Laufe der Geschichte auftaucht, ebenso die Kraniche, die schon mit einem Schiller-Zitat dem Roman vorangestellt sind und dann, an der Front, sinnlos abgeschossen werden – aus Langeweile.

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Schaurig-schöne Reise durchs Ödland

Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland
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Geheimnisvoll bleibt es, das Ödland. In ihrem Buch „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ beschreibt Sarah Brooks die Reise von Peking nach Moskau mit dem Transsibirien-Express im Jahr ...

Geheimnisvoll bleibt es, das Ödland. In ihrem Buch „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ beschreibt Sarah Brooks die Reise von Peking nach Moskau mit dem Transsibirien-Express im Jahr 1899.

Ein Abenteuer für die Reisenden, so wirkt es am Anfang des Romans. Ein Abenteuer durch ein gefährliches Gebiet, in dem man besser den Zug nicht verlässt. Doch im Verlauf des Buches wird immer deutlicher, dass es kein gewöhnliches Abenteuer ist, auf das sich eine illustre Gruppe an Reisenden eingelassen hat. Und dass es einen Reiseführer dazu gibt, hilft auch nicht wirklich weiter, denn das Ödland ist nicht mehr nur öde, sondern auch ziemlich angriffslustig und birgt für die Zugreisenden jede Menge Gefahren. Und die beginnen bereits, wenn man im falschen Moment aus dem Zug schaut.

Sarah Brooks „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist ein ganz wunderbar verrückter Reiseroman. Die Reisegesellschaft hätte kaum interessanter gewählt sein können. Da ist die erste weibliche Lokführerin, der Captain, dann eine unter falschem Namen reisende Frau, eine Zugbegleiterin, die bereits im Zug geboren wurde und dort ihr Zuhause hat, ein blinder Passagier, ein Wissenschaftler… Hinzu kommen noch zwei Vertreter der Eisenbahn-Gesellschaft. Sie sollen überprüfen, wie sicher die Fahrt durch das Ödland noch ist .Bei der letzten Reise nämlich kam es zu einem Zwischenfall…

Die Reise durchs Ödland ist spannend und unterhaltsam geschrieben. Und das auf mehreren Ebenen.

Da ist das Ödland selbst: es bleibt geheimnisvoll, scheint sich dem Zug anzupassen und bringt mitunter seine Betrachter in den Wahnsinn. Von seinen Bewohnern erfährt man nicht viel.

Dann ist da die Reisegesellschaft, die sehr exzentrische Figuren hat wie etwa den Wissenschaftler, der seine Reputation wiederherstellen will oder die 16-jährige Zugbegleiterin, die ihr ganzes bisheriges Leben im Zug verbracht hat.

Schließlich ist da noch die Eisenbahngesellschaft, die um der guten Profite willen die Strecke durchs Ödland um jeden Preis erhalten will, auch wenn sie alles andere als sicher ist.

Und zuletzt ist da die Reise selbst mit dem gepanzerten Zug, der eine Welt für sich darstellt. Wird er sein Ziel erreichen oder wird er kontaminiert aus dem Verkehr gezogen?

Das „Handbuch für den vorsichtigen Reisenden durch das Ödland“ ist ein Schauer-Roman voller überbordender Fantasie. Was will man mehr!

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Veröffentlicht am 01.11.2024

Beeindruckend

Kaltblütig
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Ein brutaler Mord, dem eine vierköpfige Familie zum Opfer fällt, scheinbar zufällig ausgewählt. Davon handelt „Kaltblütig„, Truman Capotes Tatsachenroman aus dem Jahr 1966, neu aufgelegt in einer Übersetzung ...

Ein brutaler Mord, dem eine vierköpfige Familie zum Opfer fällt, scheinbar zufällig ausgewählt. Davon handelt „Kaltblütig„, Truman Capotes Tatsachenroman aus dem Jahr 1966, neu aufgelegt in einer Übersetzung von Thomas Mohr. Truman Capotes 100. Geburtstag soll Anlass sein, das Buch neu zu lesen.

Truman Capote hat aus diesem Kriminalfalle einen Roman gemacht. Wie aber kann man, wie soll man über solch ein Verbrechen schreiben? Anklagend, erklärend, skandalisierend – all das wäre denkbar.

Capote tut nichts davon. Er hat daraus einen Roman gemacht, der viel über Menschen sagt, aber genauso viel auch offen lässt. Er sucht nicht nach Erklärungen, er beschreibt einfach, was ist. Was geschehen ist.

Dazu gehört auch, dass zunächst die ermordete Familie beschreiben wird. Capote räumt ihr viel Raum ein, beschreibt ihr Leben. Er beschreibt die Menschen, zeigt was ihr Leben ausmacht. Nur so kann der Verlust sichtbar werden. Erst dann geht er auf das Leben der beiden Mörder ein.

Capote erzählt unaufgeregt, nie wertend. Viele Dialoge helfen ihm dabei. Das Mitleid, Kopfschütteln, Haareraufen und Grauen: all das stellt sich beim Leser von selbst ein. Truman Capote gibt keine Deutung vor, keine psychologischen Muster oder Erklärungen aus der Kindheit. Aber er erzählt von der Kindheit von dem Mörder Perry, von seinem Verhältnis zu seinem Vater. Von seiner Zeit als Soldat. Capote hat dabei immer wieder Dokumente eingefügt, wie etwa den Brief eines Kameraden aus dem Militär. Sie geben einen anderen, weiteren Blick auf die beiden Mörder.

Mit gemischten Gefühlen bleibt man als Leser zurück, es geht gar nicht anders. Die eine, einzig gültige Erklärung gibt es nicht, ebenso wenig die einzig gültige Folgerung. Nicht nur die Frage, wie es zu einer so brutalen, sinnlosen Tat kommen kann, stellt sich der Leser, sondern auch die nach den Konsequenzen – also: welchen Einfluss können oder sollen psychologische Gutachten haben, und nicht zuletzt: macht die Todesstrafe Sinn?

Truman Capote gibt mit „Kaltblütig“ keine Antworten. Und das macht er beunruhigend gut.

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Veröffentlicht am 05.09.2024

Ruhrpott-Tristesse

Als wir Schwäne waren
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„Als wir Schwäne waren“ ist ein Buch, das einen in seinen Bann zieht. Behzad Karim Khani beschreibt Kindheit und Jugend eines pakistanischen Migranten im Ruhrpott. Es ist die Geschichte von einem, der ...

„Als wir Schwäne waren“ ist ein Buch, das einen in seinen Bann zieht. Behzad Karim Khani beschreibt Kindheit und Jugend eines pakistanischen Migranten im Ruhrpott. Es ist die Geschichte von einem, der in einer Plattenbausiedlung lebt und weiß, dass er unten ist und der Weg nach oben erst einmal versperrt ist. Oder im Stil von Khani gesagt:

Unser Viertel zerreibt seine Bewohner. Alles ist stumpf hier. Wir alle leben in einem Abnutzungskrieg mit so vielen Fronten, wie unsere Siedlung Einwohner hat.

Am Anfang des Buches steht die Fremdheit, die Reza wahrnimmt, im Zentrum. Dazu gehört, dass man in Deutschland bei Grün über die Fußgängerampel geht – wobei sich die Eltern strikt weigern, die Fußgängerampel zu drücken.

Im zweiten Teil des Buches steht Reza selbst, der Ich-Erzähler, im Vordergrund. Man erfährt, was es heißt, in einer Plattenbausiedlung in Bochum zu leben und wer es schafft, den Stadtteil zu verlassen. Es ist ein Leben am Rand der Gesellschaft und nur wenigen gelingt der Absprung. Den meisten geht es darum, sich (einigermaßen) zu behaupten.

Sein Vorgehen beim Schreiben schildert Khani im Roman selbst:

Wir verdichten und vereinfachen, damit die Dinge Sinn machen, und weil Sinn eine Geschichte braucht, setzen wir Punkte in das Chaos, die wir zu Linien verbinden. Linien, die Geschichten ergeben.

Zu dem, was verdichtet ist, gehört der Konflikt mit dem Vater, der sich immer mehr zurückzieht. Die Verkapselung des Vaters zieht sich durch das ganze Buch. Und das, wo er doch einen hohen Bildungsanspruch hat und etwas mit dem Wahrig-Wörterbuch in den Urlaub fährt.

Zu dem, was weggelassen ist, gehört die Schule. Nur am Rande erfährt man, dass die Jugendlichen in die Schule gehen und Reza gerade so sein Abitur schafft. Dass der Erzähler noch Schüler ist während er Drogen vertickt, hätte man nicht vermutet.

Ob Schwäne Zugvögel sind, ist Thema in dem Roman. Die Antwort bleibt offen, wie es auch offen bleibt, wem es gelingt, den Stadtteil zu verlassen. Der Erzähler hat es sich auf jeden Fall vorgenommen, Deutschland zu verlassen. Schreiben will er aber weiterhin auf Deutsch. Für ihn ist das ein Happy End.

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Veröffentlicht am 02.04.2024

Ein Buch, das einen in seinen Bann zieht

Nebelhorn-Echos
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Danny Ramadans „Nebelhorn-Echos“ ist ein Roman, der einiges an Spannung aufbietet.

Erzählt wird die Geschichte von Hussam und Wassim, die als Jugendliche eine tiefe Zuneigung zueinander entdecken. Beide ...

Danny Ramadans „Nebelhorn-Echos“ ist ein Roman, der einiges an Spannung aufbietet.

Erzählt wird die Geschichte von Hussam und Wassim, die als Jugendliche eine tiefe Zuneigung zueinander entdecken. Beide stammen aus Syrien.

Während Hussam in der queeren Szene Kanadas eine Heimat gefunden hat, bleibt Wassim in Damaskus, obwohl im Land ein Bürgerkrieg herrscht.

Beide Leben werden getrennt voneinander erzählt, auch wenn sie miteinander verwoben sind. Es gibt Vancouver- und Damaskus-Kapitel. Beide Leben sind zutiefst realistisch dargestellt, mit all dem Schmerz, den sie erlebt haben, mit all der Schuld, die sie auf sich geladen haben Hussam hat zunächst große Schwierigkeiten, sich in Kanada heimisch zu fühlen, die Vergangenheit lastet alptraumartig auf ihm. Immer wieder sieht er seinen toten Vater, der auch zu ihm spricht. Seine Beziehungen scheitern, er flüchtet sich in die Welt der Drogen.

In Damaskus lebt Wassim in einer zwangsweise geschlossenen Ehe. Er beendet den Kontakt zu seinen Eltern, stimmt der Scheidung zu. Kontakt zu seinem Kind hatte er ohnehin kaum. Eindringlich erzählt sind die Schwierigkeiten, in Syrien als homosexueller Mann zu leben. Zudem zieht sich Wassim zunächst in ein verlassenes Haus zurück, lebt versteckt, auch weil er nicht von der Armee eingezogen werden will. Sehr eindrücklich sind die immer wieder stattfindenden Gespräche mit einer imaginären Frau, die in dem verlassenen Haus – dies erzählt sie Wassim – von ihrem Mann umgebracht wurde. So kommt in das Buch auch die weibliche Perspektive, die einer unterdrückten Frau, die versucht aus ihrer Ehe auszubrechen.

Erst nach einer langen Pause kommt es wieder zum Kontakt zwischen Wassim und Hussam. Beiden gelingt es nur unter großen Schwierigkeiten, ein glückliches Leben zu führen. Der Titel des Buches weist auf diese Schwierigkeiten hin. Hussam wacht von einem Nebelhorn auf, es erinnert ihn zunächst an den Schrecken des Krieges und der politischen Verfolgung in Syrien. Erst später nimmt er es als Zeichen des Schutzes und der Geborgenheit wahr.

„Nebelhorn-Echos“ ist ein Buch, das einen in seinen Bann zieht. Das liegt vor allem an den beiden Hauptfiguren, die einem in all ihrer Zerbrechlichkeit ans Herz wachsen und zum anderen an der Struktur des Romans, dessen Handlung sich erst nach und nach zu einem Ganzen zusammenfügt.

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