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Veröffentlicht am 18.02.2025

Spaltung der Gesellschaft

Der große Riss
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In Cristina Henríquez‘ Roman „Der große Riss“ wird der Bau eines Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, zum zentralen Element der Handlung. Dabei verknüpft das Bauprojekt nicht nur zwei ...

In Cristina Henríquez‘ Roman „Der große Riss“ wird der Bau eines Kanals, der den Atlantik mit dem Pazifik verbinden soll, zum zentralen Element der Handlung. Dabei verknüpft das Bauprojekt nicht nur zwei Ozeane, sondern auch das Schicksal mehrerer Protagonisten. Diese stammen aus unterschiedlichen Milieus und Kulturen, sind jedoch direkt oder indirekt von den Geschehnissen rund um den Kanalbau in Panama betroffen. Der Roman entfaltet sich aus verschiedenen Perspektiven und gibt einen vielschichtigen Einblick in das Leben dieser Zeit.
Eine der eindrucksvollsten Figuren ist das junge Mädchen Ada, das neu nach Panama kommt, angelockt durch das Versprechen zahlreicher Arbeitsmöglichkeiten. Ihre Reise ist nicht nur geographisch, sondern auch sozial und emotional eine Herausforderung. Sie hat ihre Heimat verlassen, um Geld für eine notwendige Operation ihrer Schwester zu verdienen, und findet sich plötzlich in einer Welt wieder, in der unterschiedliche Gesellschaftsschichten aufeinanderprallen. Durch Adas Augen erkundet der Leser das Panama um 1900, eine Welt, die vielen heutigen Lesern wohl fremd erscheinen dürfte.
Neben Ada gibt es zahlreiche weitere Protagonisten, deren Leben durch den Bau des Kanals auf die eine oder andere Weise beeinflusst wird. So begegnet Ada dem wohlhabenden Ehepaar Marian und John, das zur Oberschicht Panamas gehört. Marian ist schwer krank, und obwohl sie aus privilegierten Verhältnissen stammt, kann ihre gesellschaftliche Stellung ihr in dieser Situation wenig helfen.
Ein weiterer zentraler Charakter ist der junge Fischer Omar, der sich von der Arbeit am Kanal ein unabhängiges Leben erhofft. Doch diese Entscheidung führt zu einem unausgesprochenen Konflikt mit seinem Vater, der ihn in der traditionellen Lebensweise der Fischer halten will. Die Distanz zwischen Vater und Sohn wird zu einer schmerzhaften Erfahrung für beide. Henríquez zeichnet mit großer Sensibilität das komplexe Wechselspiel zwischen individuellen Träumen und gesellschaftlichen Zwängen.
Obwohl die einzelnen Charaktere für sich stehen, werden sie von Henríquez auch als Archetypen genutzt, um die damalige Gesellschaft zu analysieren. Durch ihre Geschichten werden tiefgehende Fragen zu Kultur, Politik und Gerechtigkeit aufgeworfen, die sich erstaunlich aktuell anfühlen. Insbesondere die weiblichen Figuren stehen im Mittelpunkt der Betrachtung. Sie sind es, die oft nur indirekt von den historischen Entwicklungen betroffen sind, aber dennoch eng mit ihnen verknüpft bleiben.
Eine bemerkenswerte erzählerische Entscheidung Henríquez' ist es, aufzuzeigen, wie bestimmte Gruppen in der Geschichtsschreibung marginalisiert werden. Die einfachen Arbeiter, ohne deren Mühe der Bau des Kanals nicht möglich gewesen wäre, drohen in der offiziellen Historie zu verschwinden. Die Ehre gebührt allein den Entscheidungsträgern und Einflussnehmern, während diejenigen, die den eigentlichen physischen Kraftakt vollbringen, kaum Erwähnung finden. Auch die Menschen, die für den Bau des Kanals gezwungen werden, ihre Häuser zu verlassen, werden in der offiziellen Geschichte lediglich als Randerscheinung betrachtet. Dies wirft die zentrale Frage auf: Wem nutzt der Kanal letztlich? Ist es in erster Linie ein Projekt der Amerikaner, um ihre weltpolitische Stellung zu festigen, während die panamaische Bevölkerung auf der Strecke bleibt?
Der Roman liefert viele solcher Fragen, ohne dabei eindeutige Antworten zu präsentieren. Henríquez verzichtet weitgehend auf direkte Wertungen und lässt vielmehr die Lebensgeschichten ihrer Figuren für sich sprechen. Dies verleiht dem Roman eine große Authentizität und lässt viel Raum für eigene Reflexionen. Dennoch ist klar, dass Henríquez mit "Der große Riss" mehr als nur einen historischen Roman schaffen wollte. Ihr Werk ist eine Allegorie auf gesellschaftliche Ungleichheiten, die bis in die Gegenwart reichen.
Trotz dieser Tiefe verliert der Roman nie seinen Unterhaltungswert. Henríquez gelingt es, zwischen den verschiedenen Erzählebenen, zwischen individuellen Schicksalen, Geschichte und Politik, eine harmonische Balance zu finden. Sie erzählt von menschlichen Tragödien, gesellschaftlichen Spannungen und politischen Fragen, ohne ihre Figuren dabei zu eindimensional erscheinen zu lassen. Jede Figur wird mit viel Tiefe, Emotion und psychologischer Schärfe gezeichnet. Ihr Erzählstil ist bildreich und facettenreich, sodass sie eine selten behandelte historische Episode auf eindrucksvolle Weise zum Leben erweckt. Die Übersetzung von Maximilian Murmann unterstützt dies zusätzlich mit einer flüssigen und eleganten Sprache.
Letztendlich ist "Der große Riss" ein überzeugender und tiefgehender Roman, der den Leser auf eine emotionale und geschichtliche Reise mitnimmt. Die Mischung aus individueller Tragik, gesellschaftlicher Analyse und historischer Präzision macht ihn zu einem Werk, das lange nachhallt. Henríquez ist damit ein beachtenswerter Schmöker gelungen, der sich sowohl für eine unterhaltsame Lektüre als auch für eine tiefere Auseinandersetzung mit den dargestellten Themen eignet.

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Medizin, Politik und Obsession

Stadt der Hunde
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Leon de Winter ist bekannt für seine thematische und stilistische Vielseitigkeit, die sich von Roman zu Roman stark unterscheiden kann. Dennoch besitzen seine Werke einen unverkennbaren Stil, der sich ...

Leon de Winter ist bekannt für seine thematische und stilistische Vielseitigkeit, die sich von Roman zu Roman stark unterscheiden kann. Dennoch besitzen seine Werke einen unverkennbaren Stil, der sich in der klaren Sprache, seinen oft ambivalenten Protagonisten und einer wiederkehrenden Auseinandersetzung mit politischen und gesellschaftlichen Themen zeigt. Auch sein neuer Roman "Stadt der Hunde", der am 22. Januar im Diogenes Verlag erschienen ist, fügt sich in dieses Muster ein.
Im Zentrum der Geschichte steht Jaap Hollander, ein niederländischer Jude, der sich nicht ausschließlich mit seinem Herkunftsland, den Niederlanden, verbunden fühlt. Gleichermaßen zieht es ihn immer wieder nach Tel Aviv und insbesondere in die Wüste Negev, wo seine Tochter vor Jahren spurlos verschwand. Als ehemaliger Gehirnchirurg im Ruhestand wagt er eine erneute Reise an diesen Ort, um nach Hinweisen auf ihr Schicksal zu suchen. Doch diese Reise nimmt eine unerwartete Wendung: Ein Scheich bittet ihn, eine lebensrettende Gehirnoperation an seiner Tochter durchzuführen – Jaap ist ihre letzte Hoffnung. Der Chirurg willigt ein, jedoch nicht aus idealistischen oder humanitären Gründen. Vielmehr reizt ihn die immense Bezahlung, die ihm weitere Mittel zur Suche nach seiner Tochter verschaffen könnte.
Mit dieser Ausgangslage entfaltet sich eine Geschichte voller Unwägbarkeiten und überraschender Wendungen. Die Operation selbst stellt ein riskantes Unterfangen dar, dessen Ausgang lange unklar bleibt. Doch auch darüber hinaus bleibt der Roman spannend: Ein Scheitern hätte weitreichende politische Konsequenzen, während selbst ein Erfolg nicht frei von Risiken ist.
Gleichzeitig ist "Stadt der Hunde" nicht nur ein politischer Thriller, sondern auch eine tiefgehende Charakterstudie. Seine Obsession, das Verschwinden seiner Tochter aufzuklären, hat Jaap an den Rand des Wahnsinns getrieben. Seine Skrupellosigkeit und seine Besessenheit verleihen ihm eine zwiespältige Natur. Als renommierter Chirurg war er einst weltweit angesehen, doch privat fiel er durch seine Affären und seinen Charme auf. De Winter zeichnet ihn als vielschichtige Figur, die sowohl fasziniert als auch irritiert.
Bemerkenswert ist, dass der Roman selbst dann noch mit unerwarteten Entwicklungen aufwartet, als die Operation längst abgeschlossen ist und die unmittelbaren Konsequenzen geklärt scheinen. Dies trägt dazu bei, dass der Leser nicht nur in die Handlung hineingezogen wird, sondern auch einen tiefen Einblick in die Psyche des Protagonisten erhält – eine Qualität, die in dieser Intensität selten in der Literatur zu finden ist.
Insgesamt ist „Stadt der Hunde“ zu den stärkeren Romanen des Autors zu zählen, der die Praktiken eines Gehirnchirurgen mit politischen Spannungen in Israel und menschlichen inneren Konflikten auf eine leichtfüßige Art kombiniert.

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Veröffentlicht am 30.01.2025

Klapper und Bär, ein merkwürdiges Gespann

Klapper
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Romane über Außenseiter sind ein beliebtes Genre in der Jugendliteratur. Ihre sympathischen Protagonisten, die mit Menschlichkeit und oft verschrobener Eigenart aufwarten, schaffen es nicht nur, das Herz ...

Romane über Außenseiter sind ein beliebtes Genre in der Jugendliteratur. Ihre sympathischen Protagonisten, die mit Menschlichkeit und oft verschrobener Eigenart aufwarten, schaffen es nicht nur, das Herz der Leser zu erwärmen, sondern ermöglichen – wenn geschickt geschrieben – tiefgehende Einblicke in menschliche Beziehungen und gesellschaftliche Missstände. Kurt Prödels Roman „Klapper“, der am 30. Januar im Park x Ullstein Verlag erschien, reiht sich in diese Tradition ein. Mit dem Protagonisten Klapper, einem jugendlichen Computer-Nerd, bietet die Geschichte eine feinfühlige, wenn auch nicht bahnbrechende Perspektive auf das Außenseiterdasein und Selbstfindung.
Der titelgebende Klapper ist das klassische Beispiel eines sozial isolierten Jugendlichen: Ohne Freunde verbringt er fast seine gesamte Zeit in seinem Zimmer. Er duscht selten, trägt T-Shirts von umstrittenen Bands und vertieft sich stundenlang in Computerspiele – das Leben eines typischen Nerds, wie man es sich vorstellt. Doch Klappers eintöniges Leben verändert sich, als er Bär, die Neue in seiner Klasse, kennenlernt. Auch sie ist eine Außenseiterin, doch mit einem entscheidenden Unterschied: Bär hat es gelernt, sich gegen die Anfeindungen ihrer Umwelt zu behaupten. Diese Gegensätze zwischen den beiden werden früh in der Geschichte deutlich, etwa in einer Szene, in der Bär Klapper in einer brenzligen Mobbing-Situation zur Seite steht. Ihre Freundschaft entwickelt sich langsam und wirkt authentisch, geprägt durch gemeinsame Interessen und das gegenseitige Verstehen der jeweiligen Andersartigkeit.
Trotz dieser Annäherung bleibt Klapper im Kern derjenige, der er immer war. Die Beziehung zu Bär löst in ihm zwar eine Art „Erwachen“ aus, doch statt einer radikalen Verwandlung geht es hier vielmehr um dezente Veränderungen: Klapper bleibt ein verschlossener und verschrobener Typ, lernt aber, sich zumindest einem anderen Menschen zu öffnen. Dadurch verzichtet der Roman auf das oft überstrapazierte Narrativ der „Normalisierung“ von Außenseitern. Vielmehr ist „Klapper“ eine Geschichte über Selbstakzeptanz und das Erlernen, mit der eigenen Unangepasstheit umzugehen, auch wenn das soziale Konflikte mit sich bringt.
Das Thema Mobbing wird in „Klapper“ zwar angeschnitten, spielt jedoch eine untergeordnete Rolle. Die entsprechenden Szenen dienen weniger als kritische Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern vielmehr dazu, Bärs Stärke und Klappers Schwächen hervorzuheben. Diese Unterschiede zwischen den beiden Protagonisten verleihen der Geschichte eine zusätzliche Dimension. Gleichzeitig zeigen sich in der Darstellung von Bär jedoch auch Brüche: Ihre robuste und selbstbewusste Fassade täuscht darüber hinweg, dass sie in ihrem privaten Umfeld großen Herausforderungen gegenübersteht.
Bärs familiäre Situation ist angespannt, auch wenn ihr Zuhause nach außen hin als harmonisch erscheint. Klapper erfährt von den Problemen in ihrer Familie nach und nach, etwa bei gemeinsamen Abendessen mit ihren Eltern. Besonders Bärs Rolle als Ersatzmutter für ihre Geschwister verdeutlicht die Belastung, die auf ihr liegt. Ihre Eltern vernachlässigen ihre Pflichten, weshalb Bär öfter der Schule fernbleibt. Im Gegensatz dazu wächst Klapper behüteter auf, obwohl auch bei ihm zu Hause nicht alles glatt läuft: Seine Mutter leidet unter einer ernsthaften psychischen Erkrankung, die Klapper jedoch lange nicht wahrnimmt. Diese Unwissenheit spiegelt seine distanzierte Beziehung zu seiner Mutter wider und verdeutlicht zugleich sein Wesen, Schwierigkeiten lieber zu ignorieren, statt sich mit ihnen auseinanderzusetzen – ein Verhalten, das im Kontrast zu Bärs Tatkraft steht.
Die Konstellation der beiden Protagonisten ist raffiniert, da sie trotz ihrer ähnlichen Außenseiterrolle unterschiedliche Eigenschaften und familiäre Hintergründe aufweisen. Dies verhindert, dass der Roman in stereotype Darstellungen abrutscht, auch wenn einige Klischees, insbesondere bei Klapper, aufgegriffen werden. Der Autor bedient sich gängiger Nerd-Stereotype – von mangelnder Körperhygiene bis hin zu Vorurteilen über Videospieler –, doch durch die Einblicke in Klappers familiären Hintergrund gewinnt sein Charakter an Tiefe. Der Leser bekommt die Möglichkeit, hinter die Oberfläche der Klischees zu blicken und Klapper in seiner ganzen Komplexität zu verstehen.
Prödels Schreibstil ist angenehm zugänglich, und der Roman erfüllt die Erwartungen, die man an eine solche Geschichte stellt. „Klapper“ erzählt von einem ganz gewöhnlichen Jugendlichen, der Schwierigkeiten hat, sich anzupassen, und seinen Platz im Leben sucht. Es ist eine Alltagsgeschichte, die durch die Begegnung mit einer anderen ungewöhnlichen Person Fahrt aufnimmt. In der literarischen Landschaft der Jugendbücher über Außenseiter kann „Klapper“ keine neuen Maßstäbe setzen, doch er reiht sich solide in dieses Genre ein. Mit seinen liebenswert verschrobenen Figuren und einer ausgewogenen Mischung aus heiteren und melancholischen Momenten schafft es der Roman, den Leser zu unterhalten. Die Geschichte ist mal humorvoll, mal nachdenklich und am Ende sogar ein wenig traurig. Vor allem aber ist sie ein ehrliches Porträt zweier Jugendlicher, die auf ihre Weise versuchen, mit den Herausforderungen des Lebens klarzukommen.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Der zweite Teil bietet noch mehr Krimi

Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente: Das Zeichen der Fünf
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Mit „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ ist der amerikanischen Autorin Ali Standish ein unterhaltsamer und vor allem ideenreicher Auftakt in eine Kinderbuchreihe gelungen, ...

Mit „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente“ ist der amerikanischen Autorin Ali Standish ein unterhaltsamer und vor allem ideenreicher Auftakt in eine Kinderbuchreihe gelungen, die mehr oder weniger im Universum von Arthur Conan Doyle spielt. Seit dem 28. Januar 2025 liegt nun endlich die lang ersehnte Fortsetzung „Baskerville Hall - Das geheimnisvolle Internat der besonderen Talente: Das Zeichen der Fünf“ in deutscher Übersetzung im Hanser Verlag vor. Fans der Reihe sind natürlich gespannt, ob es der Autorin gelingt, das Universum rund um Arthur Doyle und seine Freunde im Internat Baskerville Hall angemessen fortzuführen.
Der erste Band der Reihe konnte mit zahlreichen lustigen Einfällen und einer faszinierenden Erzählwelt punkten, auch wenn er kleinere Schwächen aufwies. Das Gespann rund um den Hauptprotagonisten Arthur Doyle – bestehend aus Mary Morstan, Irene Eagle, Jimmie Moriarty und Grover Kumar – versprach viel Potenzial. Nun kehrt Arthur für sein zweites großes Abenteuer an die Schule Baskerville Hall zurück, diesmal weniger extravagant als im ersten Teil. Doch kaum ist er angekommen und hat sich wieder mit seinen Freunden zusammengefunden, nehmen erneut seltsame Vorkommnisse ihren Lauf.
Arthur findet seinen Lehrer Professor Holmes reglos in dessen Zimmer vor. Zum Glück ist der Professor nicht tot, sondern liegt nur im Koma. Dennoch ist für Arthur sofort klar: Holmes wurde vergiftet. Doch es bleibt nicht bei diesem einen Fall. Nach und nach deckt Arthur ein Geheimnis auf, das vor vielen Jahren seinen Anfang nahm. Dieses Geheimnis steht nicht nur mit einem rätselhaften Zeichen in Verbindung, sondern hängt auch mit den Ereignissen aus dem letzten Abenteuer zusammen.
Ali Standish gelingt es, Arthur und somit die Leser schnell und ohne viel Aufhebens zurück ins Internat zu bringen, wo die Handlung zügig Fahrt aufnimmt. Allerdings fehlt diesmal ein entscheidender Reiz, der den ersten Band so spannend gemacht hat: das Ankommen und Erkunden des Internats. Gemeinsam mit den Protagonisten konnte man im ersten Teil eine fremde und neue Welt entdecken, die sich durch viele Eigenheiten auszeichnete. Da der Handlungsort im zweiten Band jedoch weitgehend bekannt ist, fällt diese Art der Spannung weg. Zudem bringt der zweite Band kaum neue Örtlichkeiten oder Figuren mit sich. Das Personal ist bereits bekannt, und Standish konzentriert sich in erster Linie auf die Entwicklung der Charaktere.
In diesem Punkt zeigt die Autorin allerdings ihre Stärken. Vor allem das zunehmende Misstrauen zwischen Arthur und seinen Freunden sorgt für Dramatik und bringt das Gefüge der Gruppe ins Wanken. Die Handlung selbst weist deutlich mehr kriminalistische Züge auf als im ersten Band. Die vermeintlichen Mordversuche und Arthurs Recherchen erinnern an klassische Kriminalgeschichten, nur eben in einer für Kinder geeigneten Form. Vor allem im Mittelteil wirkt die Geschichte dadurch weniger magisch und rätselhaft, als man es aus dem ersten Teil gewohnt ist. Dennoch baut sie eine gewisse Spannung auf, und junge Leser dürften ihren Spaß daran haben, herumzurätseln, wie sich die verschiedenen Puzzlestücke am Ende zusammenfügen.
Fans des ersten Teils können sich auf jeden Fall auf eine gelungene Fortsetzung freuen, auch wenn der zweite Band nicht vollends an die Qualität seines Vorgängers heranreicht. Hauptgrund dafür ist das Fehlen wirklich neuer Elemente. Zudem zeigt sich, dass das Figurenensemble in seiner Gesamtheit etwas zu umfangreich angelegt ist. Während die vielen unterschiedlichen Charaktere im ersten Band mit ihren Eigenheiten und ihrer Eigenwilligkeit für viel Unterhaltung sorgten, kann ihr Potenzial in einem einzigen Folgeband nicht voll ausgeschöpft werden. Hier fehlt es schlichtweg an Kapazität. Umso mehr kann man jedoch in den kommenden Bänden von ihrer Entwicklung erwarten.
Somit sollte die Reihe „Baskerville Hall“ auch weiterhin auf dem Radar ihrer Leserschaft stehen. Für den dritten Teil dürfte die Autorin jedoch gerne mit etwas Unerwartetem überraschen, um das Universum rund um Arthur Doyle und Baskerville Hall erneut mit frischen Ideen zu bereichern.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

Kammerspielartige Studie einer Dreiecksbeziehung

Die Verdorbenen
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Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten ...

Michael Köhlmeier beweist mit seinem neuen Roman „Die Verdorbenen“ erneut, dass er die Kunst der kurzen Form beherrscht. Bekannt unter anderem auch für umfangreiche Werke, widmet er sich hier einer kompakten Erzählung, die das Leben von Johann und insbesondere seine turbulente Zeit als junger Erwachsener beleuchtet. Auf nur wenigen Seiten schafft Köhlmeier ein vielschichtiges Psychodrama, das von Spannungen zwischen den Figuren und wechselhaften Beziehungen geprägt ist.
Der Roman beginnt mit einem prägnanten Dialog zwischen Johann und seinem Vater. Als dieser ihn fragt, was er sich vorgenommen habe, zumindest einmal im Leben zu tun, bleibt Johann die Antwort schuldig. Doch innerlich formuliert er eine düstere Vision: Eines Tages möchte er einen Mann töten. Diese verstörende Offenbarung legt den Grundstein für die Erzählung und deutet darauf hin, worauf die Geschichte unausweichlich zusteuert. Ob Johann seinen Wunsch tatsächlich erfüllt, bleibt jedoch lange unklar, denn Köhlmeier konzentriert sich zunächst auf die Schilderung von Johanns Werdegang.
Als Student zieht Johann in eine fremde Stadt und knüpft dort enge Kontakte zu Christiane und Tommi. Die drei entwickeln eine ungewöhnliche Dreiecksbeziehung, die von schwankenden Gefühlen und durchaus auch gegenseitiger Apathie geprägt ist. Köhlmeier illustriert diese Beziehung mit Präzision und feinem Gespür für die zwischenmenschlichen Untertönen der Figuren. Mal scheint Tommi die Kontrolle zu haben und Christianes Aufmerksamkeit zu gewinnen, mal rückt Johann in den Vordergrund, nur um sich plötzlich wieder zurückzuziehen. Immer wieder entsteht der Verdacht, dass die Charaktere sich gegenseitig ausnutzen und ein falsches Spiel miteinander treiben. Dieser ständige Wechsel der Machtverhältnisse sorgt für eine unterschwellige Spannung, die den Leser fesselt und die Handlung vorantreibt.
Johann selbst ist eine ambivalente Figur. Er erscheint als kluger und zielstrebiger junger Mann, gleichzeitig aber auch als egozentrisch und manipulativ. Seine Fixierung auf sich selbst durchzieht den gesamten Roman und lässt ihn selten sympathisch wirken. Auch sein Interesse an Christiane scheint weniger aus echter Zuneigung, sondern vielmehr aus eigennützigen Motiven zu entspringen. Köhlmeier zeichnet Johann mit einer Schärfe, die den Leser zugleich fasziniert und abstößt. Außerdem gelingt es dem Autor, die inneren Konflikte und psychologischen Feinheiten der Figuren auf kleinem Raum zu schildern. Dabei bleibt die Handlung selbst überschaubar, was dem Roman eine fast kammerspielartige Intensität verleiht.
Trotz der gelungenen Figurenzeichnung und der atmosphärischen Dichte erreicht „Die Verdorbenen“ zwar nicht die erzählerische Tiefe von Köhlmeiers größeren Werken, stellt aber gleichwohl eine kurze, prägnante Studie über junge Menschen dar, die auf der Suche nach sich selbst und ihren Träumen alles riskieren, ohne die Konsequenzen zu bedenken. Für einen Roman, den man „nebenbei“ lesen kann, ist „Die Verdorbenen“ eine exzellente Wahl. Köhlmeier liefert eine kleine, feine Erzählung, die durch ihre ungewöhnliche Figurenkonstellation und die psychologische Spannung überzeugt.

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