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Veröffentlicht am 18.02.2025

wie ein Einzelner den dritten Weltkrieg verhinderte

Wie ein Mann nichts tat und so die Welt rettete
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Ich hatte bereits vor Jahren von Stanislaw Petrow gehört, der durch sein besonnenes Handeln den dritten Weltkrieg verhindert hatte, und war nun neugierig, Näheres über die damaligen Ereignisse und Petrows ...

Ich hatte bereits vor Jahren von Stanislaw Petrow gehört, der durch sein besonnenes Handeln den dritten Weltkrieg verhindert hatte, und war nun neugierig, Näheres über die damaligen Ereignisse und Petrows Leben zu erfahren.

Lukas Meisel zeichnet die Tage im September 1983 nach, in denen das Schicksal der Menschheit in den Händen von Stanislaw Petrow lag. Hierbei ist er sehr um ein wahrheitsgemäßes Bild von Petrow bemüht. Er sprach unter anderem mit Petrows Sohn und Kurt Schuhmacher, einem Bestatter aus Oberhausen, der Petrow zum Dank in Russland besucht und ihn auch nach Deutschland eingeladen hatte. Petrow selbst ist 2017 verstorben, und der Vorfall unterlag viele Jahre strengster Geheimhaltung.

Der Verlauf der Ereignisse zeigt, wie knapp damals die Welt einem Atomkrieg entging und auch, wie riskant es ist, sich blind auf technische Systeme zu verlassen. Hätte an diesem Tag nicht Petrow, der kurzfristig für einen erkrankten Kollegen einsprang, Dienst gehabt, würde möglicherweise keiner von uns heute existieren. Computersysteme, smarte Technologien und KI sind heute nicht mehr aus unserem Leben wegzudenken. Petrows Geschichte sollte uns eine Mahnung sein, wie wichtig ist, diesen nicht die alleinige Kontrolle zu überlassen. Ein wacher, die einzelnen Faktoren besonnen abwägender menschlicher Verstand kann einen lebenswichtigen Unterschied machen.

Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 18.02.2025

sehr lesenswerte Wiederentdeckung

Dienstmädchen für ein Jahr
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Da ich im letzten Jahr eine Vorliebe für skandinavische Literatur entwickelt habe, hat mich die Wiederentdeckung von Sigrid Boos „Dienstmädchen für ein Jahr“ von 1930 sehr neugierig gemacht.

Der Schreibstil ...

Da ich im letzten Jahr eine Vorliebe für skandinavische Literatur entwickelt habe, hat mich die Wiederentdeckung von Sigrid Boos „Dienstmädchen für ein Jahr“ von 1930 sehr neugierig gemacht.

Der Schreibstil hat mich gleich von Beginn an begeistert. Auch wenn das Buch fast 100 Jahre alt ist, liest es sich so frisch und lebendig, dass die Seiten nur so dahin fliegen. Die Ich-Erzählerin Helga hat gerade das Abitur in der Tasche. Als Tochter eines Fabrikdirektors gehört sie in ihrer Kleinstadt zur gehobenen Gesellschaft, den Haushalt versorgen Dienstmädchen, und sie ist durchaus verwöhnt, obgleich sich die Wirtschaftskrise auch bei ihrer Familie bemerkbar macht. Mehr oder weniger zufällig lässt sie sich im Freundeskreis während einer Diskussion darüber, ob „moderne junge Mädchen etwas taugten“, zu einer Wette hinreißen, und sie erklärt sich bereit, für ein Jahr inkognito als Hausmädchen in Dienst zu gehen.

Ihre Erlebnisse und Eindrücke schildert sie in 19 Briefen an ihre Freundin Grete. Diese lesen sich äußerst unterhaltsam, da Helga eine treffsichere Beobachterin ist, intelligent, eloquent und humorvoll, und auch über eine gute Portion Selbstironie verfügt. Auch wenn sie anfangs wenig Ahnung von Hauswirtschaft hat, arbeitet sie sich eifrig und schnell ein, und durch den Perspektivwechsel gewinnt sie Achtung vor dem, was die Hausangestellten täglich zu leisten haben. Das Jahr tut ihrer Persönlichkeitsentwicklung in jedem Falle gut, und sie sieht ihr altes Leben nun mit anderen Augen.
Trotz des überwiegend heiteren Grundtons werden im Roman auch die Probleme, mit denen die Dienstmädchen im Alltag konfrontiert sind, sichtbar. So wird in ihrer Gegenwart ungeniert über sie gesprochen, und man begegnet ihnen mit Misstrauen und Unterstellungen. Die Standesgrenzen sind zwar nicht mehr so scharf gezogen wie in den Jahrhunderten zuvor, jedoch noch immer vorhanden, und werden auch in diesem Roman nicht wirklich überwunden.
Ich habe dieses Buch in einem Rutsch gelesen und war beinahe traurig, als ich am Ende angekommen war – zu gerne hätte ich noch mehr über Helga, die mir im Laufe der Geschichte richtig ans Herz wuchs, erfahren.

Sehr interessant auch hinsichtlich der literarischen Einordnung ist das ausführliche Nachwort der Herausgeberin Nicole Seufert. Ich freue mich sehr, dass dieser wunderbare Roman wieder neu entdeckt wurde, und empfehle ihn allen, die Lust auf einen heitere, sprachgewandt verfasste Geschichte haben, die gleichzeitig einen interessanten Einblick in die norwegische Gesellschaft in den 1930er Jahren bietet. Sehr lesenswert!

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Veröffentlicht am 18.02.2025

Tiefgründiger, sorgfältig recherchierter historischer Roman mit Krimianteil

Nacht der Ruinen
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Köln, im März 1945. Bei einem der letzten Bombenangriffe auf Köln muss sich der amerikanische Pilot Richard Rohrer per Fallschirm retten und wird nach seiner Landung von Deutschen gelyncht. Der junge amerikanische ...

Köln, im März 1945. Bei einem der letzten Bombenangriffe auf Köln muss sich der amerikanische Pilot Richard Rohrer per Fallschirm retten und wird nach seiner Landung von Deutschen gelyncht. Der junge amerikanische Soldat Joe Salmon wird nach Köln beordert, um den Mörder zu finden. Salmon ist Jude und als Joseph Salomon selbst in Köln aufgewachsen, bevor er 1939 gerade noch fliehen konnte. In Köln begibt er sich nicht nur auf die Spuren des Lynchmörders, sondern sucht auch privat nach zwei Menschen, die ihm sehr am Herzen liegen: Hilda und Jakub.

Als Joe nach Köln zurückkehrt, erkennt er die zerstörte Stadt kaum wieder. Sehr eindrücklich werden die zerstörten Fassaden und die Ruinen beschrieben, der allgegenwärtige Brand- und Verwesungsgeruch, die fetten Ratten, die überall durch die Stadt huschen. Cay Rademacher nimmt sich viel Zeit, um die Atmosphäre in Köln gegen Kriegsende zu beschreiben. Der Krieg ist noch nicht vorüber, die Wehrmacht sitzt am anderen Rheinufer, vereinzelt kommt es noch zu Kämpfen. Die Menschen „organisieren“ sich, was sie benötigen, es gibt weder Strom, noch Gas oder Wasser, das Benzin aus Brandbomben, die als Blindgänger in den Ruinen liegen, wird zum Betanken genutzt, kleinere Erschütterungen bringen Häuserfassaden zerbombter Gebäude zum Einsturz. Die Kölner sind vorsichtig, misstrauisch und taktieren gegenüber den Besatzern, versuchen, ihre Rolle während der Kriegsjahre gegenüber in einem möglichst harmlosen Licht darzustellen. Diese sehr detaillierten Schilderungen gehen etwas zu Lasten der Spannung, so dass „Nacht der Ruinen“ für mich eher ein tiefgründiger historischer Roman als ein Krimi ist.

Sehr gut gefallen hat mir, dass der Autor reale Personen wie George Orwell, Konrad Adenauer und Irmgard Keun, die sich zu dieser Zeit in Köln aufgehalten haben, in die Geschichte mit einflicht und Fiktion mit Realität verquickt. Im Nachwort geht Cay Rademacher dann näher auf seine Recherchen ein und erläutert, wo es sich um historische Fakten handelt und wo um Fiktion.

Durch den sehr lebendigen Schreibstil konnte ich mich von Beginn an sehr gut in Joe hineinversetzen, und vor allem seine Suche nach Hilda und Jakub hat mich sehr berührt.

Fazit: Ein sehr lesenswerter historischer Roman mit Krimianteil, der akribisch recherchiert ist und ein eindrückliches Bild von Köln kurz vor Kriegsende zeichnet.

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Veröffentlicht am 13.02.2025

tolle und sehr leckere Rezepte mit überschaubarem Aufwand

Kinderfeste feiern
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Bereits seit vielen Jahren ernähren wir uns als Familie zuckerreduziert und achten auf gesunde Snacks. Dieses Buch hat mich daher sofort neugierig gemacht.

Die Autorinnen zeigen, wie man mit überschaubarem ...

Bereits seit vielen Jahren ernähren wir uns als Familie zuckerreduziert und achten auf gesunde Snacks. Dieses Buch hat mich daher sofort neugierig gemacht.

Die Autorinnen zeigen, wie man mit überschaubarem Aufwand Leckeres zubereiten kann, das auch optisch bei den Kids für Begeisterung sorgen wird. So wird aus einem Blechkuchen (interessant: mit Apfelmark im Teig) durch bunte Schokolinsen und etwas Lebensmittelfarbe ein cooler Legokuchen. Diesen werde ich definitiv demnächst nachbacken. Neben Kuchen und Torten gibt es auch süße Rezepte für kleine Teilchen wie Cakepops, Muffins oder Eiskonfekt. Häufig wird Lebensmittelfarbe verwendet. Wir nutzen prinzipiell keine künstliche Farbe, aber die meisten Rezepte dürften auch mit veganer Pflanzenfarbe aus dem Biomarkt funktionieren, wenn man kleinere Abstriche in Intensität und Farbvielfalt in Kauf nimmt. Sehr lecker war die fruchtige Bowle, die mein Sohn gleich ausprobieren wollte.

Bei den herzhaften Snacks fiel mir gleich ein interessantes Rezept für Ketchup ins Auge: prima, da gekauftes Ketchup enorm viel Zucker enthält. Die ausgefallene Brottorte mit Avocado und Lachs steht auch schon auf unserer Liste, und der Gemüsezug ist eine tolle Idee! Ausprobiert haben wir die Käsekekse, die superschnell zubereitet waren, und die herzhaften Muffins, zu denen wir Salat gereicht haben. Bei den Muffins würden wir nächstes Mal etwas mehr Kräuter verwenden.

Sehr gut gefiel mir, dass die beiden Autorinnen nicht nur Zucker generell reduzieren, sondern auch Alternativen zum Industriezucker nutzen, etwa Agavendicksaft, Datteln oder Fruchtmus, teilweise auch Xylit. Besonders toll finde ich die Idee mit den natürlich gefärbten zuckerfreien Streuseln am Ende.

Ein sehr schönes, praxistaugliches Buch mit tollen Tipps nicht nur für gesunde Kinderfeste, sondern auch für leckere Naschereien und Snacks zu allen Gelegenheiten.

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Veröffentlicht am 13.02.2025

Ostberliner Baugeschichte

Die Allee
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Florentine Anders, Enkelin des berühmten Bauhaus-Architekten Hermann Henselmann, gibt mit diesem Roman einen äußerst spannenden und interessanten Einblick in ihre Familie. Sie erzählt vor allem aus der ...

Florentine Anders, Enkelin des berühmten Bauhaus-Architekten Hermann Henselmann, gibt mit diesem Roman einen äußerst spannenden und interessanten Einblick in ihre Familie. Sie erzählt vor allem aus der Perspektive ihrer Großmutter Irene „Isi“ und ihrer Mutter Isa. Erstere war selbst eine vielversprechende Architektin, stand jedoch immer im Schatten ihres Mannes und war zudem als achtfache Mutter gefordert. Durch Isis und Isas Blick zeichnet die Autorin auch ein detailliertes Bild von Hermann Henselmann, einem hochbegabten, aber für das DDR-Regime unbequemen Architekten, der die Umstände geschickt für sich zu nutzen wusste und bei seinen Projekten gerne hoch pokerte. So modern und einnehmend Henselmanns Entwürfe auch waren – er selbst wirkt auf mich zutiefst unsympathisch: Ein Choleriker, der seine Frau offen und bei jeder Gelegenheit betrog, ein patriarchaler Herrscher, extrem von sich selbst eingenommen, mit enormem Geltungsdrang. Als Quellen dienten Florentine Anders neben ihrer Mutter Isa die Memoiren ihrer Großeltern, Literatur über Hermann Henselmann und Gespräche mit ihrem Großonkel Raimund, dem Bruder von Isi.

Das Buch ist sehr unterhaltsam und lebendig geschrieben, und gibt tiefe Einblicke in das, was für die Privilegierten in der „klassenlosen Gesellschaft“ der DDR möglich war: Wohneigentum, Auslandsreisen, exotische Speisen usw. Zudem zeigt es, dass, aller Staatspropaganda zu Trotz, auch in der DDR die alten Rollenklischees nicht überwunden waren und Kinder und Haushalt weiterhin Frauensache blieben.

Da ich als Bayerin nicht mit der Ostberliner Architektur vertraut bin, waren für mich besonders die Details zur Entstehung der Bebauung an der Karl-Marx-Allee interessant und der lange Weg von der Idee bis zum Bau des Fernsehturms. Auch das ständige Hin und Her, was nun unter „sozialistischer“ Bauweise zu verstehen sein sollte, wurde eindrücklich beschrieben. Während des Lesens hielt ich immer wieder inne und betrachtete mir im Internet Bilder der im Buch erwähnten Bauwerke. Nach diesem Roman werde ich bei einem Besuch sicher mit anderen Augen durch Berlin laufen. Ein sehr lesenswerter Roman über ein bedeutendes Kapitel Ostberliner Baugeschichte.

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