Norddeutscher Roman über Pflege und Opioide
Die erste halbe Stunde im ParadiesJanine Adomeit erzählt in „Die erste halbe Stunde im Paradies“ von Kai und Anne, die als Kinder zu früh erwachsen werden mussten. Die Geschwister wuchsen mit ihrer chronisch kranken, alleinerziehenden ...
Janine Adomeit erzählt in „Die erste halbe Stunde im Paradies“ von Kai und Anne, die als Kinder zu früh erwachsen werden mussten. Die Geschwister wuchsen mit ihrer chronisch kranken, alleinerziehenden Mutter auf – und hatten bald mehr und mehr die Rolle der Pflegenden, halten jedoch fest zusammen. Als Erwachsene haben sie sich längst aus den Augen verloren. Doch als Kai sich nach Jahren wieder meldet, muss Anne sich nicht nur ihm, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Sie arbeitet für einen Pharmakonzern, doch ihr zunehmendes Interesse an Opioiden und insbesondere Fentanyl ist mehr als nur berufliche Neugier.
Besonders beeindruckt hat mich, wie der Roman Fragen wie familiäre Verantwortung, die Rolle von Verwandten als Pflegenden und verdrängte Wut mit einer beeindruckenden Klarheit verhandelt. Die Pflegeproblematik wird ungeschönt gezeigt: der immense Druck, die mangelnde Unterstützung, die still ertragenen Opfer. Dennoch wird auch die tiefe Verbundenheit zwischen den Geschwistern gezeigt. Diese realistischen, schmerzhaften Beschreibungen haben mich sehr beschäftigt. Die Einblicke in Annes Arbeit als Pharmareferentin, durch die man die Gelegenheiten bekommt, hinter die Kulissen hinter der Schmerzmittelindustrie zu schauen, fand ich unglaublich spannend. Ich hatte zur Opioidkrise in den USA bereits Dokus und Serien gesehen, aber der Roman zeigt eindrücklich, dass auch Deutschland nicht davor gefeit ist.
Adomeits Stil ist nüchtern, aber genau dadurch so eindringlich – die Emotionen entstehen zwischen den Zeilen. Ich habe den Roman fast an einem Stück gelesen, weil er mich so gefesselt hat. Diejenigen, die nun befürchten, dass es in dem Roman nur um düstere Themen geht, kann ich beruhigen: Es gibt auch in schwierigen Zeiten noch einen Funken Hoffnung auf Zusammenhalt und Verbundenheit.