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Veröffentlicht am 02.03.2025

nach ca. 200 Seiten ein echter Pageturner

Der Gott des Waldes
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Die Geschichte startet mit Louise. Louise ist eine der Betreuerinnen in Camp Emerson, wo ein Haufen KInder und Jugendlicher an einem Sommercamp teilnimmt. Beim morgendlichen Wecken muss sie feststellen, ...

Die Geschichte startet mit Louise. Louise ist eine der Betreuerinnen in Camp Emerson, wo ein Haufen KInder und Jugendlicher an einem Sommercamp teilnimmt. Beim morgendlichen Wecken muss sie feststellen, dass eins der Betten leer ist. Verschwunden ist ausgerechnet die 13-jährige Barbara, Tochter der einflussreichen Familie Van Laar, der das Naturreservat gehört. Doch nicht nur das: Vor 14 Jahren verschwand bereits ihr Bruder Bear in der Wildnis und tauchte auch nach groß angelegter Suche nicht wieder auf.

Während der erste Teil zwischen den Monaten Juli und August des Jahres 1975 hin und her springt und sich mit der Zeit "vor" und "nach" Barbaras Verschwinden beschäftigt, geht es im zweiten Teil bis in die 1950er Jahre zurück und man lernt Alice, die Mutter der KInder näher kennen: wie sie ihren späteren Mann Peter kennenlernte und mit gerade einmal siebzehn Jahren in die Familie Van Laar einheiratete.

Auch die Suche nach Bear im Jahr 1961 wird näher beleuchtet und immer sind es ein paar einzelne Personen, deren Sicht geschildert wird.

Nach etwa 200 Seiten war ich so richtig "drin" in der Geschichte und habe gespannt verfolgt, wie sich die Beteiligten entwickeln und natürlich gerätselt, wer von ihnen mit dem Verschwinden der KInder zu tun haben könnte. Auch ein entflohener Sträfling, genannt "der Schlitzer" steht unter Verdacht oder war es vielleicht der Großvater, mit dem der Junge wandern wollte?

Liz Moore hat zahlreiche Fährten gelegt, auf die Lösung kommt man trotzdem nicht. Das ist auch gut so, denn schließlich hat ihr Spannungsroman 588 Seiten. Da wäre es arg enttäuschend, wenn man bereits nach der Hälfte beide Fälle gelöst hätte.

Doch "Der Gott des Waldes" ist nicht nur ein Krimi, sondern auch eine interessante Milieustudie. Da gibt es auf der einen Seite die reichen Van Laars und auf der anderen Seite die Bewohner des nächstgelegenen Ortes, die wirtschaftlich alle von der Familie abhängig sind.

Ich mochte das Buch und seine Auflösung. Für mich war es ein fesselnder Schmöker, der mich nicht nur gut unterhalten hat, sondern auch mit einem überraschenden und schlüssigen Ende aufwarten kann.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Es ist kompliziert

Halbe Leben
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Klara, erfolgreiche Angestellte eines Architekturbüros, Mutter einer pubertierenden Tochter und Ehefrau eines erfolglosen Fotografen, gerät aus dem Tritt als ihre Mutter Irene einen Schlaganfall erleidet ...

Klara, erfolgreiche Angestellte eines Architekturbüros, Mutter einer pubertierenden Tochter und Ehefrau eines erfolglosen Fotografen, gerät aus dem Tritt als ihre Mutter Irene einen Schlaganfall erleidet und mit einem Male pflegebedürftig ist. Eine Lösung muss her, organisiert von einer Agentur, die der Familie in einem Turnus von 14 Tagen 2 Pfleger(innen) aus der Slowakei schickt.

Die eine, Paulína, entwickelt sich schon bald zu einer unersetzbaren Hilfe, die man auch schon mal um ein paar Extra-Gefallen bittet - gut bezahlt, versteht sich.

Eigentlich sollten beide Seiten von diesem Arrangement profitieren. Klara kann weiter arbeiten gehen und die Verantwortung für ihre Mutter an die Pflegekraft abgeben und Paulina verdient in Österreich mehr als das in ihrer Heimat möglich gewesen wäre und spart auf eine größere Wohnung.

Das Problem ist nur, dass Paulina 2 Söhne in der Slowakei zurücklassen musste, die sie jetzt nur noch alle 14 Tage sieht und die sich durch die lange Trennung immer mehr von ihrer Mutter entfremden.

Am Ende der Geschichte steht der Unfalltod Klaras, der von der Erzählerin aber bereits vorweggenommen wird. Doch war es auch wirklich ein Unfall?

"Halbe Leben" lautet der Titel dieses lesenswerten Romans und er macht deutlich, dass nicht nur die beruftstätige Klara einen Balanceakt zwischen Beruf und Familie hinkriegen muss, sondern vor allem Paulina, die durch den stetigen Wechsel zwischen Zuhause und österreichischem Arbeitgeber in eine ernsthafte Krise gerät.

Man kann sich gut in ihre Situation hineinversetzen. Daneben wirkt Klaras Problem schon wieder fast wie ein "Luxusproblem", denn immerhin hat sie das nötige Geld und einen Partner, die es ihr ermöglichen, "Lösungen" für ihr Dilemma zu finden.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Starkes Debüt!

Coast Road
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In Irland mahlen die Mühlen langsamer als in anderen Ländern, zumindest was die eheliche Scheidung angeht. "Erst am 25. November 1995 stimmte das irische Volk mittels Referendum über die Abschaffung des ...

In Irland mahlen die Mühlen langsamer als in anderen Ländern, zumindest was die eheliche Scheidung angeht. "Erst am 25. November 1995 stimmte das irische Volk mittels Referendum über die Abschaffung des Ehescheidungsverbots in der Verfassung ab", kann man am Ende des Romans von Alan Murrin lesen. Die Mehrheit denkbar knapp: Weniger als einen Prozenpunkt soll diese betragen haben.

Was für Auswirkungen solch ein Ehescheidungsverbot auf Paare und Familien hatte, schildert der Autor packend in deinem Debütroman "Coast Road".
Da ist zum einen Colette Crowley, Dichterin und Mutter dreier Söhne, die ihre Familie für einen anderen Mann verließ und nun nicht mehr zu diesen zurück kann. Sie mietet sich in einem kleinen Cottage an der Coast Road ein und bietet Schreibkurse für Interessierte an, um sich finanziell über Wasser zu halten. Colette ist attraktiv und schon bald beginnen die ersten Männer des Ortes um ihr Haus herumzuschleichen.

Eine andere Frau aus dem Ort, Izzy Keaveney, ist mit einem Lokalpolitiker verheiratet, der sich für die Legalisierung der Scheidung einsetzt. Izzy ist die meiste Zeit unglücklich in ihrer Ehe und besucht den Schreibkurs von Colette. Ihr Sohn war einst mit Colettes Jüngstem befreundet und so versucht Colette über Izzy Kontakt zu diesem aufzunehmen. Denn ihr Mann hat ihr jeglichen Umgang mit den Kindern untersagt.

Und dann ist da noch Dolores Mullen, die ihr viertes Kind erwartet und mit einem Mann verheiratet ist, der es mit der ehelichen Treue nicht so genau nimmt...

Ich fand die Geschichte sehr spannend zu lesen und da ich selbst die ersten 15 Jahre in einer Kleinstadt groß geworden bin, kam mir einiges bekannt vor. In Deutschland galt bis zum Inkrafttreten der Reform von 1976 im Ehescheidungsverfahren noch das Schuldprinzip und Frauen durften davor nicht ohne Erlaubnis ihres Mannes arbeiten gehen.

Das alles kann man sich heute gar nicht mehr richtig vorstellen, war aber für die betroffenen Frauen damals ausgesprochen einschränkend und schmerzhaft.

Ich bin daher froh, dass sich ein irischer Autor, der inzwischen in Berlin lebt, dieses Themas angenommen hat. Denn man sollte nie vergessen, wie unfrei Frauen vor gar nicht einmal so langer Zeit noch waren, damit man alles dafür tut, dass es nie-nie-mals wieder so wird!

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Veröffentlicht am 01.09.2024

Gejagt, aufgegessen, gesammelt und ausgerottet

Das Wesen des Lebens
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Lange Zeit hat der Mensch nicht glauben können, dass er dafür verantwortlich ist, dass viele Tierarten vom Erdboden verschwunden sind.

Selbst die Wandertaube, einst der häufigste Vogel Amerikas, möglicherweise ...

Lange Zeit hat der Mensch nicht glauben können, dass er dafür verantwortlich ist, dass viele Tierarten vom Erdboden verschwunden sind.

Selbst die Wandertaube, einst der häufigste Vogel Amerikas, möglicherweise der ganzen Welt, gilt seit langem als ausgestorben. 1901 wurde das letzte Exemplar vom Himmel geschossen.

Am Beispiel der Stellarschen Seekuh zeigt die finnische Autorin Iida Turpeinen auf, wie eine Art verschwindet. 1741 entdeckt der deutsche Arzt und Naturwissenschaftler Georg Wilhelm Stellar auf einer Expedition unter Vitus Bering auf einer Insel die Seekühe. Nach wochenlanger Irrfahrt durch die Beringsee ist die Mannschaft ausgehungert, leidet unter Skorbut und gerät in einen regelrechten Rausch, als sie auf die sanftmütigen Riesen stößt, die keine Angst kennen und deren zartes Fleisch wie Kalbfleisch auf der Zunge zergeht. Man tötet wesentlich mehr Exemplare als man überhaupt verzehren kann und lässt den Rest im Wasser einfach verrotten. Gier und Verschwendung sind vorherrschend, das Wort "Nachhaltigkeit" existiert noch nicht. Als Gottes Schöpfung gilt die Natur als unerschöpflich. Nach den Entdeckern und Wissenschaftlern kommen die Pelztierjäger und bereits 27 Jahre nach ihrer Entdeckung ist die Stellarsche Seekuh ausgerottet.

Das Skelett, das Georg Wilhelm Stellar einst auf der Insel zurücklassen musste, wird später gefunden und von dem finnischen Gouverneur im damals russischen Alaska käuflich erworben. Auch seine Geschichte und die seiner Frau und Schwester erzählt Iida Turpeinen in dem vorliegenden Roman und folgt dem Weg des Skeletts bis ins Naturkundemuseum von Helsinki.

Man kann erahnen, aus wievielen Einzelinformationen und Fußnoten die Autorin die Geschichte entwickelt hat. Das ist einerseits eine großartige Rechercheleistung und macht das Buch zu einem authentischen naturkundlichen Werk, andererseits erlahmte mein Interesse zum Ende hin, weil man es immer wieder mit neuen Personen zu tun bekommt. Dadurch wirkte der literarische Part irgendwie zerstückelt, auch wenn man viel Interessantes zur Seekuh und den damaligen Menschen erfährt. Wenn man etwa liest, dass die Damen der feinen Gesellschaft ihre getragenen Kleider einfach über Bord warfen, weil dies einfacher und kostengünstiger war, so muss man resigniert feststellen, dass sich in dieser Beziehung bis heute wenig geändert hat.

Ich mochte die gemächliche Erzählweise Iida Turpeinens, auch wenn das Buch dadurch nicht gerade ein "Pageturner" ist. Es ist ein interessantes Experiment, Naturwissenschaft und Literatur miteinander zu vereinen.

Veröffentlicht am 28.02.2024

Ein mir bisher unbekannter Teil russischer Geschichte

Das Philosophenschiff
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Ein mir bisher unbekannter Teil russischer Geschichte

Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und war sehr angetan von der lebendigen Erzählweise des Autors, den ich bisher nur vom Namen her kannte.
Die ...

Ein mir bisher unbekannter Teil russischer Geschichte

Ich habe den Roman als Hörbuch gehört und war sehr angetan von der lebendigen Erzählweise des Autors, den ich bisher nur vom Namen her kannte.
Die Stimme passt gut zu der 100jährigen Architektin Anouk Jacob-Perleman, deren Geschichte hier erzählt wird und natürlich Michael Köhlmeier himself, der hier als Ich-Erzähler auftritt.
Man erfährt viel über die russische Geschichte unter Lenin und die zahlreichen Intellektuellen, die auf den so genannten Philosophenschiffen deportiert wurden. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher Rhetorik die russischen Diktatoren ihre Taten einst und heute zu rechtfertigen wussten.

Was an der Geschichte wahr und was frei erfunden ist, lässt sich natürlich im Internet leicht überprüfen. Wichtiger ist jedoch, dass der Roman die Angst und die Gefühle der Deportierten transportiert. Eindrucksvoll fand ich z.B. die Darstellung von Anouks Eltern, die in ihrer Kajüte mit einer Decke über dem Kopf, tagtäglich auf ihr Ende warten.

Es gibt strenge Regeln auf dem Schiff, um neugierige Fragen zu vermeiden. Nur Anouk widersetzt sich diesen und erforscht das Schiff auf eigene Faust. Dabei macht sie eine unglaubliche Entdeckung ...

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