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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 30.04.2025

intensiv und berührend

Der Junge aus dem Meer
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An dieses Buch bin ich ohne große Erwartungen herangegangen. Es sieht nett aus, aber nicht spektakulär. Allerdings fesselt es sofort und entwickelt einen ganz besonderen Sog, ruhig und stetig.

Wir sind ...

An dieses Buch bin ich ohne große Erwartungen herangegangen. Es sieht nett aus, aber nicht spektakulär. Allerdings fesselt es sofort und entwickelt einen ganz besonderen Sog, ruhig und stetig.

Wir sind in einem irischen Fischerort, irgendwann in den 70ern, und da sind die Menschen speziell. Das erzählen sie uns auch aus ihrer ganz eigenen Sicht. Hier ist die Gemeinde selbst ein ganz eigentümlicher Erzähler, Beobachter, Kommentator. Man hat gehört, man hat gesehen, man munkelt und manches hat man noch nie erlebt, weil manches bei uns eben nicht üblich ist. Das ist so einfach wie originell, macht Spaß und charakterisiert diesen Menschenschlag wirklich treffend. Man ist sich einig, eigen zu sein, reserviert aber neugierig, eine Gemeinschaft von Eigenbrötlern.

Ganz besonders eigen ist Ambrose Bonner, der eines Tages ein Baby mit nach Hause bringt. Ein echtes Findelkind, das am Strand abgelegt wurde. Ambrose und seine Frau adoptieren den kleinen Jungen, der von da an einen Sonderstatus in der Gemeinschaft erhält. Er gehört dazu und ist doch eigentlich fremd. Sein Bruder Declan tut sich schwer damit, ihn als Bruder zu lieben. Ist Brandon nicht eher ein Rivale, ein Konkurrent um die Elternliebe?

Dieses Buch ist intensiv. Es erzählt von harten Leben irischer Fischer, die mit dem Meer verbunden sind, sowohl ihre Traditionen als auch ihre Vorurteile pflegen und sich plötzlich mit dem Fortschritt auseinandersetzen müssen. Das Thema wird einfühlsam mit der Geschichte der Familie Brandon verflochten, deren Leben man 20 Jahre lang begleiten kann. Es gibt Leidvolles und auch Tragisches, aber sie machen weiter und arrangieren sich. Das Ende lässt sogar hoffen, dass es auch andere Wege geben kann als die vorgezeichneten.

Ein wunderbares Buch.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Grandios erzählt

Die Fletchers von Long Island
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Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. ...

Dieses Buch hätte ich beinahe verpasst, weil das Cover so nett ist. Es tut locker flockig, liegt aber ganz schwer im Magen. Dabei ist der Stil unfassbar großartig. Am Anfang wollte ich mir fast alles markieren. Das ist meisterhaft bissig, bitterböse ironisch, unverschämte Endlossätze, die einem fast ins Gesicht spucken: Da, nimm das! Wahrscheinlich ist das auch ein geniales Hörbuch.

Es geht um die Fletchers. Sie sind Fabrikbesitzer, steinreich, jüdisch, geben den Ton an in Long Island, aber die Entführung von Carl Fletcher in den 80ern hat keiner in der Familie verwunden. 40 Jahre später sieht man, wie sich das Trauma bei den verschiedenen Mitgliedern der Familie ausgewirkt hat. Sie haben im Grunde alles, aber niemand ist glücklich, alle sind verkorkst, versnobt, arrogant. Nach und nach tut sich ein ganzer Sumpf auf, wobei Carls Entführung gar nicht das eigentliche Problem zu sein scheint. Diese Menschen sind mehr durch Reichtum verkorkst, oben drauf noch ordentlich religiös-traditionelle Absurditäten. Und noch nach Jahren steht die Frage im Raum: Wer hat Carl entführt und wo ist das Lösegeld geblieben?

Das alles wird mit erlesenem Sarkasmus präsentiert, in einem Stil, bei dem man jeden dritten wunderbaren Satz einrahmen möchte.

„Er schlürfte Smoothies mit nicht weniger als 13 Superfoods und absolut keinem raffinierten Zucker. Es gab pochierte Jakobsmuscheln. Es gab Wildlachs. Es gab Hähnchen, die nur frisches Gras gefressen hatten; es gab Steaks von Kühen, die die besten Schulen besucht hatten.“

„Die Welt lag ihr zu Füßen. Und sie ließ sie liegen.“

Dieses Buch zu lesen ist das blanke Vergnügen, es seziert diese Gesellschaft, ist herrlich böse und witzig gleichzeitig. Ich habe ständig gelacht und auch gestaunt und am Ende bin ich tief beeindruckt.

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Veröffentlicht am 08.03.2025

Wie man alle Grenzen sprengt

Wenn wir lächeln
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Ein gutes Buch muss nicht gleichzeitig ein schönes Buch sein, dafür ist dieses Buch das beste Beispiel. Es ist furchtbar gut geschrieben und ganz, ganz schrecklich.

Jara und Anto sind 15, beste Freundinnen ...

Ein gutes Buch muss nicht gleichzeitig ein schönes Buch sein, dafür ist dieses Buch das beste Beispiel. Es ist furchtbar gut geschrieben und ganz, ganz schrecklich.

Jara und Anto sind 15, beste Freundinnen und suchen ihren Platz im Leben. Dabei ist klar, dass sie alles wollen, was ihre Mütter nicht wollen, dass sie klarkommen, selbstständig sind, im Grunde erwachsen und machen können, was sie wollen. Die Grenzen muss man natürlich ausloten, aber das ist doch toll!
Es ist ganz furchtbar, diesen beiden Mädchen zuzusehen, die sich in geradezu allem verstricken, was das Erwachsenwerden mit sich bringt. Mädchen oder Frau? Was muss man sich gefallen lassen? Muss man sich überhaupt gefallen lassen, was einem nicht gefällt oder weiß man erst, dass es nicht gefällt, wenn man es ausprobiert hat? Ist man cool, wenn man es nur spielt? Jara und Anto spielen mit Gefahren, als wäre es ein Sport und wenn was schiefgeht, lächeln sie. Als aber Anto unvermittelt von der Brücke in die Ruhr springt, vergeht Jara das Lächeln.

Mascha Unterlehberg lässt einen einfühlsam in die Köpfe dieser Mädchen gucken und liefert zwar keine Antworten, aber Ideen. Man kann sie ein bisschen verstehen, manchmal, auch wenn nahezu alles was sie tun falsch ist. Man bekommt auch Ideen dazu, warum sie das tun könnten und auf jeden Fall fühlt man, wie schwer es sein kann, sich in die Rolle als Frau einzufinden und zu behaupten. Frauwerden ist nicht nur Erwachsenwerden.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Klein, fein, unterhaltsam, informativ und sehr besonders

Die Hochzeit des Figaro
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Dies war mein zweites Buch aus der Reihe Opera re:told und ich bin wieder sehr begeistert. Man bekommt hier eine Art musikalischen Booksnack, eine ausführliche Inhaltsangabe mit Musikuntermalung, die großen ...

Dies war mein zweites Buch aus der Reihe Opera re:told und ich bin wieder sehr begeistert. Man bekommt hier eine Art musikalischen Booksnack, eine ausführliche Inhaltsangabe mit Musikuntermalung, die großen Spaß macht.

Diesmal stellt Frederic Böhle „Figaros Hochzeit“ vor. Als Mozart 1785 diese Oper schrieb war sie ein Skandal. Und tatsächlich ist die Handlung auch aus heutiger Sicht nicht jugendfrei. Da pocht so ein Graf auf sein Recht primae noctis, obwohl das offiziell längst abgeschafft wurde. Der Diener Figaro und das Dienstmädchen Susanna wollen heiraten, aber der Graf Almaviva hat auch ein Auge auf Susanna geworfen. Seiner Frau Rosina, die er doch im „Barbier von Sevilla“ gerade erst geheiratet hatte, gefällt das gar nicht. Rosina, Figaro, Susanna und der Page Cherubino inszenieren ein Verwirrspiel mit Verkleidungen, um dem lüsternen Grafen eine Lektion zu erteilen.

Das ist natürlich albern, aber vor 200 Jahren war die Commedia dell’arte populär, die mit speziellen Figuren, viel Klamauk und durchsichtigen Intrigen gearbeitet hat und in dieser Tradition muss man dieses Stück sehen, erklärt uns Frederic Böhle sehr anschaulich im Plauderton. Er führt uns durch das ganze Stück, die Arien werden nicht gesungen, nur instrumental angedeutet, wodurch man in der kurzen Zeit auch einen sehr schönen musikalischen Eindruck der Oper bekommt.

Dieses Buch wurde nominiert für den Deutschen Hörbuchpreis 2025 in der Kategorie "Das besondere Hörbuch" und genau das ist es auch, klein, fein, unterhaltsam, informativ und sehr besonders. Es dauert 1 Stunde und 39 Minuten.

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Veröffentlicht am 23.02.2025

Skurriler Grusel im Funkloch

Frühstück mit den Borgias
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„Eine Schauergeschichte“ haben verschiedene Rezensionen behauptet. Wenn man anfängt, dieses Buch zu lesen, denkt man: Es ist der Horror, aber schaurig?

Ariel ist in einem abgehalfterten Hotel in der Nähe ...

„Eine Schauergeschichte“ haben verschiedene Rezensionen behauptet. Wenn man anfängt, dieses Buch zu lesen, denkt man: Es ist der Horror, aber schaurig?

Ariel ist in einem abgehalfterten Hotel in der Nähe von London gelandet, während Zeva in Amsterdam auf ihn wartet. Starker Nebel hat den Flugverkehr lahmgelegt und das Handynetz funktioniert auch nicht. Verzweifelt versucht er, sie zu erreichen und scheitert an vorsintflutlicher Technik in der Einöde. Er ist von der Welt abgeschnitten, er, der Informatik-Papst. Noch dazu tummeln sich seltsame Menschen im Hotel.

Es hat ein bisschen Rocky-Horror-Atmosphäre, gruselig skurriles Personal in einer merkwürdigen Parallelwelt, verwirrend absurde Begebenheiten. Man fragt sich, ist das jetzt lustig oder passiert gleich Grauenhaftes?

Der Schreibstil ist grandios und hilft einem über maximale Verwirrung hinweg. Auch wenn man keine Ahnung hat, was hier gespielt wird, macht das Lesen Spaß. Die Sprache schwankt zwischen erlesen, geschliffen und despektierlich, drastisch, was einerseits amüsant ist und andererseits auf originelle Weise bildhaft. Man spürt Ariels wachsende Verzweiflung, der trotz allem seinen Humor nicht verliert, Zevas Angst und Verwirrung und sieht diese absonderliche Gesellschaft im Hotel vor sich.

Am Ende erwartet einen dann eine ziemliche Überraschung, die das Geschehen in ein deutlich anderes Licht rückt. Ich habe ein wenig überlegen müssen, ob ich mich damit anfreunden kann, denke aber, ich kann. Eigentlich ist es sogar genial, wenn man sich darauf einlässt.
„Frühstück mit den Borgias“ ist ein außergewöhnliches Buch, das dem Leser einiges abverlangt, das aber auch Spaß macht, verwirrt und erstaunt. Es war mein erstes, aber ganz sicher nicht mein letztes Buch von DBC Pierre.

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