Träumend ist der Himmel blauer als blau....
Die Schwestern von KrakauWir befinden uns im 2016 in Paris. Ediths Vater Simon Mercier ist überraschend verstorben und ihre Tante Adi, mit der ihr ihr Vater im gleichen Haus lebte, bittet sie um Rat und Hilfe, da ihr geliebter ...
Wir befinden uns im 2016 in Paris. Ediths Vater Simon Mercier ist überraschend verstorben und ihre Tante Adi, mit der ihr ihr Vater im gleichen Haus lebte, bittet sie um Rat und Hilfe, da ihr geliebter Wintergarten durch einen starken Gewittersturm völlig unter Wasser steht und nun neu gestaltet werden muss. Edith, die mit ihrem Mann ein gemeinsames Architekturbüro in Deutschland leitet, reist natürlich sofort an. In Paris angekommen, geht sie auch erstmals nach dem Tod ihres Vaters in dessen Wohnung und macht eine Entdeckung, die nicht nur ihr Leben völlig auf den Kopf stellt. Denn anscheinend hatte Simon einen jüdischen Vater und eine deutsche Mutter namens Helene und stammte nicht aus der Familie Mercier. Doch was geschah mit seinen Eltern, was weiß ihre Tante Adi....Edith erlebt das, was vielen Kriegsenkeln dieser Zeit passiert, die unheilvollen Schatten der Vergangenheit lichten sich, die Decke des Schweigens öffnet sich und Edith begibt sich auf Spurensuche....Sie nimmt den Leser mit in ihre Familiengeschichte und die dunkle Geschichte der Stadt Paris im Jahr 1942, als die große Razzia stattfand und Paris danach judenrein war.
Auf dieser Spurensuche findet sie auch die Adresse ihrer Großcousine Tatjana, die in der Nähe von Stuttgart lebt und als Psychologin tätig ist. Da sowohl Edith als auch Tatjana keine Geschwister haben und während ihres gemeinsamen Austauschs feststellen, dass in ihrer beider Familien eine Decke des Schweigens herrscht, sie beide die Vergangenheit ihrer Vorfahren spüren, aber nichts wissen, begibt sich Tatjana ebenfalls auf Spurensuche. Tatjanas Großmutter Lilo war Helenes Schwester und die Familie wohnte damals in dem von den Deutschen besetzten Polen, in Krakau. Nachdem Tatjana in Krakau angekommen ist, nimmt sie Kontakt zu einem polnischen Historiker auf, der sie mit der Vergangenheit der Stadt und der seines Onkels, einem geheimnisvollen Apotheker, mit hinein nimmt. In dieser Apotheke, mitten im damaligen jüdischen Ghetto hat ihre Großmutter Lilo als junge Frau gearbeitet und sehr viel erlebt. Diese Apotheke war für viele Juden ein Lichtblick in ihrem tristen und gefahrvollen Alltag und auch für den jüdischen Widerstand hat dieser Ort und vor allem der Apotheker Tadeusz eine ganz zentrale Rolle gespielt.
Bettina Storcks nimmt uns mit auf eine Zeitreise, denn wir lesen jeweils aus der Sicht von Tatjana und Edith in der Gegenwart, sowie auch in der Vergangenheit aus der Sicht von Lilo, reisen nach Paris, Krakau und Stuttgart. Vor allem reisen wir auch in die Tiefen unserer Seele, setzen uns mit der Schuld der Generationen auseinander, mit erfüllter und unerfüllter Liebe, mit Unterlassung, Schmerz und Trauer, Mitläufertum, Zivilcourage, mit Verantwortung und Erinnerung und Loslassen und Neuanfang. Sie beschreibt psychologisch tiefgehend und sehr fein formuliert, wie es in der Seele der Spurensuchenden aussieht, wenn sie die Tür der Vergangenheit öffnen und sich diesem unaussprechlichen Grauen stellen, ebenso wie es den Menschen in der damaligen Zeit ging, die das Grauen erleben mussten und um zu überleben, es tief in ihrer Seele versteckten, nicht wissend, dass Traumata Brandmale im Gehirn hinterlassen und an die Generationen weitergegeben werden.
Für mich war das der beste Roman von Bettina Storcks und ich durfte schon einige Geschichten von ihr lesen. Sehr sensibel und fein formuliert, dabei spannend und tiefgehend und am Ende doch auch hoffnungsvoll. Ich kann jedem empfehlen, diese Familiengeschichte zu lesen und habe mich bei der Beschreibung der Spurensuche in vielem wieder gefunden. Dieser Krieg hat Generationen traumatisiert und sollte unbedingt von den neu gewählten Politikern gelesen werden, denn ich habe den Eindruck, dass viele leider nichts aus der Geschichte gelernt haben.
Absolut lesenswert!