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Veröffentlicht am 24.02.2025

Wow - berührendes Familienporträt, das mich emotional total abgeholt hat!

Wo der Name wohnt
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„Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich die Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm, ...

„Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich die Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm, wie nach Großmutters Gesicht, das ich nicht mehr sehen würde. Es waren ungefähr vierzig Schritte von Tür zu Tür.“

Ricarda Messner hat ein autobiografisches Werk über die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart geschrieben, das vom sowjetischen Lettland bis in unser Deutschland der Gegenwart reicht. Dabei zeichnet sie ein berührendes Familienportrait, das zurück zu ihren Wurzeln führt, sie geht dabei auf Spurensuche und versucht so, ihren Erinnerungen Raum zu geben.

Von Riga nach Berlin führte der Weg der Großeltern und damit auch der von Ricardas Wurzeln. 1971 gelingt ihnen die Ausreise aus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Mit „Wo der Name wohnt“ nimmt uns Ricarda mit in die Welt ihrer ganz eigenen Erinnerungen, in denen neben Gegenständen, Geschehnissen, gemeinsamen Erlebnissen, auch der Name „Levitanus“ eine wichtige Rolle spielt - denn den möchte sie bewahren, indem sie ihn wieder tragen möchte und ihn so vor dem Aussterben retten. Doch ist das so einfach in Deutschland möglich?! Ihr könnt die Antwort wahrscheinlich erahnen.

Zu ihrer Großmutter hat sie eine besondere Bindung, die nochmal stärker wurde, als sie ins Haus direkt neben ihr zog in Berlin - Hausnummer 36 und 37, fortan trennten sie nur 40 Schritte voneinander. Sie entwickelten gemeinsame Rituale, wie zusammen einzukaufen oder ihre Mahlzeiten miteinander einzunehmen. Wir erleben eine absolut rührende Großmutter-Enkelin-Beziehung, die in Ricarda nur den Wunsch verstärkt, den Familiennamen mit Stolz tragen zu wollen.

Was mich besonders berührt hat, ist die schonungslose Ehrlichkeit mit der die Autorin von ihren eigenen Unsicherheiten bezüglich ihres eigenen Verhaltens an Gräbern berichtet.

„Ich habe versucht, dort zu sitzen, habe den Stein flüstern hören. Auch er hat mich aufgefordert, erzähl mir was, aber ich wusste wieder nicht, was ich sagen sollte. Ich fürchte, ich weiß nicht, wie ich mich vor den Gräbern geliebter Menschen verhalten, in welcher Haltung ich den Steinen begegnen soll.“

Das war für mich persönlich der emotionalste Part des Buches, da es mir ganz genauso geht (daher vermeide ich Friedhöfe konsequent, was sicherlich nicht die richtige Lösung ist).

Nicht nur mich hat Ricarda Messner überzeugt mit ihrem Debütroman „Wo der Name wohnt“ - sondern ihr wird auch der Literaturpreis Fulda 2025 verliehen, absolut verdient, herzlichen Glückwunsch!
Ich kann Euch nur wärmstens empfehlen dieses Buch auf Eure Leseliste zu setzen, sofern Ihr es nicht bereits getan habt - lasst Euch dieses besondere Familienporträt nicht entgehen!

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Veröffentlicht am 19.02.2025

Eine Biografie, die sich wie ein hochspannender Abenteuerbericht liest, grandios! 🤩🌊⚓️❄️

Alfred Wegener
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Wie Ihr ja wisst, bin ich ein großer Fan der Meerliteratur und natürlich ist Alfred Wegener eine Persönlichkeit, der meine Faszination in vielerlei Hinsicht gilt. Daher war ich unglaublich gespannt auf ...

Wie Ihr ja wisst, bin ich ein großer Fan der Meerliteratur und natürlich ist Alfred Wegener eine Persönlichkeit, der meine Faszination in vielerlei Hinsicht gilt. Daher war ich unglaublich gespannt auf Günther Wessels Biografie „Alfred Wegener – Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker“! Und ich wurde nicht enttäuscht, denn sie zeichnet ein beeindruckendes Porträt eines Wissenschaftlers, dessen Name heute weltweit bekannt ist: Alfred Wegener. Wessel gelingt es, Wegeners facettenreiches Leben und seine bahnbrechenden Leistungen packend darzustellen.

Alfred Wegener (1880–1930) war ein außergewöhnlicher Wissenschaftler, dessen bahnbrechende Ideen die Geologie revolutionierten. Ursprünglich ausgebildet als Astronom, widmete er sich später der Meteorologie und Polarforschung. Seine berühmteste Leistung ist die Theorie der Kontinentaldrift – die Vorstellung, dass die Kontinente einst eine große Landmasse bildeten und sich im Laufe der Erdgeschichte auseinanderbewegten. Obwohl seine Idee zunächst belächelt wurde, legte sie den Grundstein für die heutige Plattentektonik.

Wegener war nicht nur ein brillanter Theoretiker, sondern auch ein abenteuerlicher Forscher. 1906 nahm er an einer Expedition nach Grönland teil, wo er Wetterballons einsetzte, um die Luftströmungen zu erforschen. Später durchquerte er als einer der Ersten das grönländische Inlandeis – eine waghalsige Unternehmung, bei der er und sein Team extreme Kälte, Stürme und Hunger überstehen mussten.

Neben seinen geologischen Erkenntnissen leistete er auch bedeutende Beiträge zur Meteorologie. Er war einer der Ersten, der die Existenz des Jetstreams erkannte und untersuchte Wetterphänomene in den Polarregionen.

Tragischerweise kam Wegener 1930 auf einer Expedition in Grönland ums Leben. Sein letztes Ziel war es, eine inländische Forschungsstation inklusive der dort zur Überwinterung ansässigen Wissenschaftler mit einem Nachschub an Vorräten zu versorgen, das Ganze versuchte er auf Skiern und war auf dem Weg Richtung Küste. Sein Leichnam wurde Monate später gefunden – friedlich in seinem Schlafsack liegend, auf dem endlosen Eis, das ihn so faszinierte.

Heute gilt Alfred Wegener als Pionier der modernen Geowissenschaften, und seine Theorie der Kontinentaldrift ist eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Wahnsinn, oder?! Was ein einziger Mensch in der Lage ist zu erreichen in seinem Leben, da kann ich nur staunen und bin voller Bewunderung.

Günther Wessel nimmt uns mit auf eine Reise durch ein bewegtes Leben. Er startet bei Wegeners großen Sehnsucht, führt uns durch seine Jugend, sein Studium und seine Forschung, nimmt uns mit auf seine erste Polarfahrt (1906-1908); Wegeners Marburger Jahre folgen und seine Grönlandzeit (1912-1913), anschließend wird’s persönlich und wir erfahren mehr über seine Hochzeit und sein bürgerliches Leben. Und schließlich führt uns seine letzte Grönlandreise (1930/31) zu seinem ewigen Grab im Eis.

Günther Wessel konzentriert sich was sein Schreiben angeht hauptsächlich auf umweltpolitische und kulturhistorische Thematiken. Mir hat er in dieser Biografie wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich vermittelt und gleichzeitig ist es ihm dabei gelungen, die menschliche Seite Alfred Wegeners so in Szene zu setzen und akzentuieren, wie er es verdient hat. Wie ein hochspannende Abenteuerberichte haben sich Wegeners Expeditionen dadurch gelesen, großartig!

Für wen ist also das Buch die passende Lektüre?!
Für alle, die sich bereits mit Alfred Wegener beschäftigt haben, aber auch für jene, die damit starten wollen. Es enthält auch Karten und einen Bildteil, die mein Leseerlebnis besonders bereichert haben. Und für alle, die sich für die Geschichte der Wissenschaft und die Persönlichkeiten dahinter interessieren, ist diese Biografie eine klare Empfehlung. Also, Fans der Meeresliteratur - habt Ihr das Schätzchen schon gelesen, oder es noch vor?!

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Sprachliebhaber*innen aufgepasst: Dieses Büchlein ist für Euch! 🤩

Trost
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Warum bereiten uns Begriffe wie die Ewigkeit oder Lebenszeit Sorgen? Stig Dagerman findet mit „Trost“ tröstende Worte für den Schmerz, den uns das Leben bereitet:

„Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es ...

Warum bereiten uns Begriffe wie die Ewigkeit oder Lebenszeit Sorgen? Stig Dagerman findet mit „Trost“ tröstende Worte für den Schmerz, den uns das Leben bereitet:

„Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es auf dem Richtblock der Zeitrechnung platziere. Begrenzt sind meine Lebensmöglichkeiten nur, wenn ich die Wörter oder Bücher zähle, die ich noch erschaffen werde, bevor ich sterbe. Aber wer bittet mich eigentlich zu zählen? Zeit ist ein falsches Maß für Leben. Zeit ist ein grundsätzlich nutzloses Messinstrument, denn es erfasst nur die Äußerlichkeiten meines Lebens.
Doch alles Wesentliche, was mir geschieht und meinem Leben seinen wunderbaren Inhalt gibt: die Begegnung mit einem geliebten Menschen, die Liebkosung der Haut, die Hilfe in der Not, der Mondschein in den Augen, der Segeltörn auf dem Meer, die Freude über ein Kind, das Schaudern angesichts von Schönheit spielt sich ganz und gar außerhalb der Zeit ab. Denn ob ich der Schönheit eine Sekunde oder hundert Jahre lang begegne, ist unerheblich.“

Zeitlebens jagte Stig Dagerman selbst dem Trost hinterher:

„Ich selbst jage Trost wie ein Jäger Wild. Wo immer ich ihn in den Wäldern auftauchen sehe, schieße ich. Häufig treffe ich nur ins Leere, aber manchmal fällt eine Beute zu meinen Füßen. Da ich weiß, dass die Beständigkeit des Trosts so kurz ist wie die des Winds in einem Baumwipfel, eile ich, mich meines Opfers zu bemächtigen.“

Leider war seine Jagd am Ende vergeblich, denn der Schmerz, den ihm das Leben bereitete, war letztlich stärker und er beging 1954 mit nur 31 Jahren Suizid. 1923 wurde er nördlich von Uppsala/Schweden geboren und führte in seinem kurzen Leben einen beständigen Kampf gegen seine schweren Depressionen und wurde von existenziellen Krisen gebeutelt.

Schreiberisch beschäftigte er sich mit seinen persönlichen Krisen und auch seine prägenden Nachkriegserfahrungen (als Reporter) ließ er in seine Texte, Essays, Theaterstücke, Reportagen und Bücher fließen. Er wurde als Stern am Literaturhimmel gefeiert und erlangte schnell Bekanntheit. Doch er hatte nicht nur produktive Schreibphasen, stets hatte er auch mit Schreibblockaden zu kämpfen.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens hadert Stig Dagerman mit Gesellschaftsnormen, wünscht sich mehr individuelle Freiheit. Er ist nicht gläubig und denkt, ihm bleibe aufgrund dessen sein persönliches Glück verwehrt. Trost zu finden sieht er nicht nur für sich selbst als immer unerreichbarer, sondern auch für die Menschheit an sich. Was für ein armer, getriebener Geist er doch war!

Die Berliner Autorin Felicitas Hoppe erläutert und ergänzt mit Ihren Erläuterungen Stig Dagermans autobiografisches Vermächtnis, seine Gedanken und Worte.

Sprachliebhaber*innen aufgepasst: Dieses kleine Büchlein „Trost“ von Stig Dagerman ist ein wahres Sprachjuwel! Seine destruktive Gedankenwelt und innere Zerrissenheit spiegeln sich wunderschön in seiner Sprache wider. Eine klare Leseempfehlung für alle, die den Schmerz des Lebens etwas lindern wollen, indem sie sich von der Schönheit der Sprache trösten lassen!

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Veröffentlicht am 10.02.2025

Wow - die Geschichte der Luftfahrtpionierin Amelia Earhart, grandios erzählt! 🤩📚🛫

Die Himmelsrichtungen
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„Es liegt in deiner Hand, dein Leben in die Hand zu nehmen. Die Belohnung liegt im Vorgang selbst. Frag dich was dein Ziel ist und was die Gefahr und ob das Eine es wert ist, das Andere einzugehen. Falls ...

„Es liegt in deiner Hand, dein Leben in die Hand zu nehmen. Die Belohnung liegt im Vorgang selbst. Frag dich was dein Ziel ist und was die Gefahr und ob das Eine es wert ist, das Andere einzugehen. Falls ja, hör auf dir Sorgen zu machen. Wer sich Sorgen macht, reagiert langsamer, das ist erwiesen. Hamlet wäre ein schlechter Flieger gewesen.“

Mit diesen bewegenden Worten von Amelia Earhart, die sie an eine Gruppe Studenten richtete, möchte ich anfangen Euch „Himmelsrichtungen“ vorzustellen. Es erzählt die Geschichte von Amelia Earhart (1897-1937) - eine ganz besondere Frau, eine Vorreiterin, eine Pionierin der Luftfahrt. Sie war nicht nur eine begnadete Pilotin, die als erste Frau alleine über den Atlantik geflogen ist - sondern sie hat ihr Leben lang auch für die Rechte von Frauen gekämpft und sie hat sehr schöne Gedichte geschrieben. Jo Lendle rollt ihr Leben rückwärts auf quasi und erzählt in kleinen Zeitschleifen von einem Leben, das sich eigentlich mehr in der Luft abgespielt hat, als am Boden.

Amelia Earhart ist 1897 geboren und hat sich schon als Kind sehr zum Abenteuer hingezogen gefühlt. Ihr Vater war ein Trinker, deswegen hat sich ihre Kindheit hauptsächlich im Haus ihrer Großeltern abgespielt.
Als sie Anfang 20 ist, darf sie das erste Mal in einem Flugzeug mitfliegen - danach steht die Entscheidung: Sie will selbst Fliegerin werden! Mit 28 verschiedenen Jobs schafft sie es dann auch Flugstunden bei einer Pilotin zu nehmen und zu bezahlen, die sie allerdings sehr schnell in ihren eigenen Fähigkeiten überholt. Amelia ist sehr gut in dem, was sie in Flugzeugen tut. Sie kauft sich dann auch zügig ihre eigene Maschine und wird durch ihre legendäre Atlantiküberquerung 1928 mit einem Schlag berühmt.

Das Fliegen ist für Amelia Earhart mehr als ein Beruf - es ist Freiheit und es ist Macht. Bei dieser Atlantiküberquerung, diesem Überflug (den Lendle auch auf mehreren Seiten sehr eindrücklich beschreibt), sagt sie an einer Stelle:
„Ich konnte es Nacht werden lassen, oder einem endlosen Tag folgen - einfach nur, indem ich eine andere Richtung einschlug. Man eilt den Dingen voraus, oder blieb hinter ihnen zurück. Ich hatte die Zeit in meinen Händen.“

Das klingt für mich nach dem Inbegriff eines Gefühls von Freiheit und Unabhängigkeit. Das Fliegen bedeutet für Amelia eine Form von Macht und auch Ermächtigung - in einer Zeit, in der Frauen so gut wie keine Rechte hatten (im Vergleich zu Männern zumindest). Das wird zum Beispiel deutlich, als Amelia einen wissenschaftlichen Vortrag hält und die Zuhörer anschließend nur Fragen bezüglich ihrer Ehe, Kochrezepten oder ihres Kleidungsstils stellen - wer hätte schon einen Mann nach seinem Vortrag mit derlei Fragen behelligt?!

Amelia Earharts Ehe war nie das Zentrum ihres Lebens. Ihr Ehemann musste ganze sechs Mal um ihre Hand anhalten, bis sie endlich „Ja“ sagte und das auch nur unter der Bedingung, dass er ihr den Freiraum einräumt, fliegen zu dürfen - wohin ihr beliebt und natürlich auch soviel ihr beliebt.

Das Buch beruht zu großen Teilen auf Fakten, die der Autor akribisch recherchiert hat, aber es gibt auch (äußerst gelungene!) fiktive Elemente, wie den Umstand, dass Amelia Earhart sich zu Frauen hingezogen fühlte und eine Art Beziehung zu Eleanor Roosevelt unterhielt. Es gibt in diesem Zusammenhang eine (Sex-) Szene, in der die beiden Frauen zusammen im Bett liegen und diese ist so wundervoll beschrieben, wie ich es nie zuvor aus der Feder eines Mannes gelesen habe - großartig, Jo Lendle! Er verleiht dem doch für die damaligen Zeiten umgewöhnlichen Umstand, dass zwei Frauen miteinander im Bett lagen, eine solche Selbstverständlichkeit, die ihresgleichen sucht.

Ich bin wirklich zutiefst beeindruckt, mit wieviel Fingerspitzengefühl sich Jo Lendle Amelia Earhart angenähert hat und welche Verbindung er offensichtlich zu ihr aufgebaut hat in seiner Recherche. Er beschreibt sie ebenso kraftvoll wie behutsam. Sie wirkt dadurch absolut lebendig und zum Greifen nah, gleichzeitig fehlt es auch nicht an humoristischen Nuancen. Was muss sie nur für eine mutige, schlagfertige Frau gewesen sein! Ich habe das Buch Mittags begonnen zu lesen und (mit ein paar Unterbrechungen) habe ich es Abends beendet. Es war für mich total kurzweilig und auch auf eine besondere Art motivierend. Jo Lendle nimmt uns gekonnt mit auf eine Reise durch ein außergewöhnliches Leben - von dem man leider nicht genau weiß, wie es geendet ist. Das ist ein ebenso schöner, wie dramatischer Umstand, denn vor ihrem letzten Flug, ihrer Weltumrundumg, bei der sie verschollen ist, hat Amelia gesagt:
„Frauen müssen Dinge wagen, wie Männer sie gewagt haben. Wenn sie scheitern, wird ihr Scheitern eine Herausforderung für andere sein.“
Diese quasi Abschiedsworte haben mich mit dem Wissen, dass sie danach nie wieder aufgetaucht ist, total berührt.

Jo Lendle erzählt mit einer solchen Leichtigkeit und handwerklich versiert, dass ich in einen wahren Lesesog geraten bin - gibts was schöneres für uns Literaturjunkies?! Dieses Buch ist, obwohl es eine Geschichte erzählt, die lange her ist, keinesfalls aus der Zeit gefallen - es ist so im Jetzt, wie es manche Gegenwartsliteratur nicht ist!
Federleicht nimmt uns der Autor mit durch die Biografie einer echten Pionierin in Sachen Frauenrechte und Feminismus.
Amelia Earhart war nicht nur eine wichtige Persönlichkeit für ihre Zeit, sie sollte es auch für uns sein - ich habe so viel persönlich aus „Himmelsrichtungen“ mitgenommen und möchte Euch ihre Geschichte und dieses Buch ans Herz legen. Man muss kein besonderes Faible für Flugzeuge oder die Fliegerei haben, um dieses Buch zu lieben! Unbedingter Lesetipp!

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Veröffentlicht am 07.02.2025

Meine persönliche Neuentdeckung: Kurt Tucholsky! Ich bin ein Fan!

Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut
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Meine erste literarische Begegnung hatte ich, man kann sagen endlich (!!) in diesem Büchlein, das Texte Tucholskys unter verschiedenen Pseudonymen enthält.
Er war ein scharfsichtiger und kritischer Beobachter ...

Meine erste literarische Begegnung hatte ich, man kann sagen endlich (!!) in diesem Büchlein, das Texte Tucholskys unter verschiedenen Pseudonymen enthält.
Er war ein scharfsichtiger und kritischer Beobachter der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Weimarer Republik. Unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte er seine Texte, wie Kaspar Hauser, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel oder Peter Panter. Er wurde 1890 in eine jüdische Familie geboren und man kann schon fast sagen er genoss seine Kindheit und Jugend im Wohlstand im Berlin der Vorkriegzeit. Er wurde gefördert, wo es nur ging, denn seine gut situierte Familie konnte es sich leisten. Wichtig war Ihnen, dass der kleine Kurt auch eine außerordentlich gute kulturelle Bildung erfuhr - seinen persönlichen Gegenpol und Ausgleich fand er dann aber im Varieté und Theater, denn er empfand seine Schule einengend und stur und haderte mit der seiner Mutter, einer Autoritätsfigur.

Aber was hat mich denn nun so fasziniert an Kurt Tucholsky?!
Er traute seinen Leserinnen und seinem Publikum einiges zu, setzte voraus, dass sie intellektuell und kognitiv in der Lage sind, seine Anspielungen zu begreifen, dass sie ihm quasi ebenbürtig sind. Und das wertschätze ich sehr, denn wie oft lesen wir denn bitte Texte, in denen Autorinnen uns ebendies nicht zutrauen?!

Meinen liebsten Text, ein Gedicht aus 1931 mit dem Titel „An das Publikum“ möchte ich Euch nicht vorenthalten, daher hier ein Zitat:
„O hochverehrtes Publikum,
sag mal: bist du wirklich so dumm,
wie uns das an allen Tagen alle Unternehmer sagen?
Jeder Direktor mit dickem Popo spricht: Das Publikum will es so!
Jeder Filmfritze sagt: Was soll ich machen? Das Publikum wünscht diese zuckrigen Sachen!
Jeder Verleger zuckt die Achseln und spricht: Gute Bücher gehn eben nicht!
Sag mal verehrtes Publikum:
Bist du wirklich so dumm?
So dumm, dass in Zeitungen, früh und spät, immer weniger zu lesen steht?
Aus lauter Furcht du könntest verletzt sein; aus lauter Angst, es soll niemand verhetzt sein; aus lauter Besorgnis, Müller und Cohn könnten mit der Abbestellung drohn? Aus Bangigkeit, es käme am Ende einer der zahllosen Reichsverbände und protestierte und denunzierte und demonstrierte und prozessierte…
Sag mal verehrtes Publikum:
bist du wirklich so dumm?
Ja, dann… Es lastet auf dieser Zeit der Fluch der Mittelmäßigkeit. Hast du so einen schwachen Magen? Kannst du keine Wahrheit vertragen? Bist also nur ein Grießbrei-Fresser —?
Ja, dann… Ja, dann verdienst du’s nicht besser.

Für mich sind die enthalten Texte in „Wenn wir einmal nicht grausam sind, dann glauben wir gleich, wir seien gut“ zeitlos und sprechen mich absolut an, wie sie wahrscheinlich schon die Menschen vor hundert Jahren angesprochen haben. Kurt Tucholsky hatte damit ein beachtenswertes Talent und ich würde ihn zu den Klassikern zählen. Auf jeden Fall waren das zwar die ersten Texte, die ich von ihm gelesen habe, aber sicher nicht die letzten, denn sie sind zusammengefasst: Zeitlos, klassisch, grandios!
Danke Robert Stadlober und dem Verbrecherverlag für das neue herausgeben der Texte! Ich bin ein Fan!

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