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Veröffentlicht am 04.03.2025

Über den Neuanfang und über das Leben überhaupt

Sommervogelflug
1

Schmetterlinge sind so vielfältig, so zart, so wunderschön anzuschauen, wenn sie die Blüten umschwirren. Schon immer genieße ich es, sie ein Weilchen zu beobachten und dabei ein Stück Unbeschwertheit, ...

Schmetterlinge sind so vielfältig, so zart, so wunderschön anzuschauen, wenn sie die Blüten umschwirren. Schon immer genieße ich es, sie ein Weilchen zu beobachten und dabei ein Stück Unbeschwertheit, ja Lebensfreude zu tanken. Ich habe das Glück, dass es sie in meiner Nähe noch zahlreich gibt.

Eva Floris hat mich mit ihrem „Sommervogelflug“ in eine Welt entführt, die mir nicht ganz fremd ist und doch sehe ich nun diese feingliedrigen Wesen mit ganz anderen Augen, mein Blick auf sie wird sehr viel intensiver sein. Gestaunt habe ich über die Beschreibung dieser grazilen Tiere, von den Puppen und den Raupen bis hin zu ihrer vollen Entfaltung. Schon dieser erste Kontakt und die Vielfalt haben mich für dieses wundervolle Buch eingenommen.

Aber nicht genug damit. Mit Lilly reise ich nach Elba, in deren Leben nach einer schweren Krankheit nichts mehr so ist, wie es war. Dass sie nicht das Kind ihrer geliebten Eltern ist, macht ihr schwer zu schaffen, denn sie wusste all die Jahre nichts davon, dass sie adoptiert wurde. Eine Spur zu ihrer leiblichen Mutter führt auf die Insel Elba, also macht sie von Hamburg aus auf, sie zu suchen. Dabei stellt sie ihr bisheriges Leben infrage, auch gibt sie ihren Verlobten frei, sie blockiert auch weitgehend den Kontakt zu ihrem Umfeld.

Auf Elba leitet Valentina einen Schmetterlingspark und da eine Stelle unbesetzt ist, findet Lilly dort Arbeit. Lilly meint, hier ihre Mutter gefunden zu haben – ob sie richtig liegt? Valentinas spröde Art, ihre Distanziertheit nicht nur Lilly gegenüber macht eine Annäherung nicht gerade einfach.

Es steckt so viel Lebensweisheit in diesem schon auf den ersten Blick so heiter daherkommenden Buch, das Cover lädt direkt ein, für einige Stunden alles andere zu vergessen. Wie das Leben manchmal so spielt, war für Lilly ihre Krankheit ausschlaggebend, dass sie von der Adoption erfahren musste. Schwer enttäuscht von denen, die ihr am nächsten waren, sucht sie einen Neuanfang, den sie auf Elba zu finden glaubt. Dabei führt so mancher Umweg zu Menschen, denen sie sich sehr verbunden fühlt, anderen gegenüber ist sie eher reserviert, Nähe kann sich nicht bei jedem einstellen.

Der Roman weckt Sehnsucht nach dem sonnigen Süden, Eva Floris beschreibt die Insel so eindrucksstark, dass ich am liebsten sofort gen Italien düsen würde. Die italienische Lebensart, der so herzliche Menschenschlag und auch die Schönheit der Schmetterlinge – all das macht Lust auf einen baldigen Trip. Die Charaktere, allen voran Lilly und Valentina, sind mit viel Leben gefüllt. Sie sind absolut glaubhaft angelegt, sie sind stark und auch schwach, haben Ängste und Sehnsüchte, sind eher leichtlebig, andere wiederum nehmen jede Aussage schwer, sie beziehen vieles auf sich, was der Nächste einfach an sich abprallen lässt. Verlustängste und ein tief empfundener Vertrauensbruch, aber auch Freundschaft und Liebe in allen Facetten sind Thema, um nur einiges herauszugreifen. Ich habe mich wohl gefühlt auf Elba, habe mit ihnen gelitten, gebangt, habe so manches Mal geschmunzelt und mich mit ihnen gefreut. „Ach, das Leben“ schreibt Valentina an Lilly. Ein schöner Halbsatz zum Schluss, der alles umschreibt.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Eine wundervolle Geschichte voller Musik und Poesie

Für Polina
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„Eine Liebe durchrollte Fritzi, schön und erschütternd, und sie begriff, dass dieser stille Gnom, der sich auf ihrer Brust zu einer kleinen Kugel zusammenigelte, das wunderbarste Missgeschick war, das ...

„Eine Liebe durchrollte Fritzi, schön und erschütternd, und sie begriff, dass dieser stille Gnom, der sich auf ihrer Brust zu einer kleinen Kugel zusammenigelte, das wunderbarste Missgeschick war, das ihr hatte passieren können.“

Takis Würger erzählt von Hannes, er erzählt auch von Polina und beginnt mit Fritzi, Hannes Mutter. Seine Worte sind wie Poesie, seine Geschichte berührt, sie geht nahe, sie wühlt auf. Von der Wiege - eigentlich schon ab der Zeugung - bis sehr viele Jahre danach sind die Leser sowas wie Zaungäste im Leben des Hannes Prager.

Fritzi gibt ihrem Sohn alles, was er braucht, was nicht unbedingt mit Materiellem zu tun haben muss. Auch hat sie es geschafft, sich und Hannes ins Herz des alten Hildebrand zu schleichen - die alte Villa im Moor ist von nun an auch ihr Zuhause. Und die kleine Polina und ihre Mutter, die Fritzi seit der Geburt ihrer Kinder eine Freundin ist, sind oft und gerne da.

Hannes Leben ist voller Musik, er kann sich am Klavier sehr viel besser ausdrücken als mit Worten. Er ist eine Naturbegabung, der Junge im Moor spürt die Töne, er erweckt Melodien zum Leben. Hannes ist glücklich, seine Kindheit ist geprägt von unbändigem Lebenswillen – bis sein Leben aus dem Takt kommt. Er spielt nicht mehr, er arbeitet von nun an als Klavierträger. Und wie es so ist, bekommt auch Hannes Leben irgendwann wieder eine neue Wendung. Alles fließt, nichts bleibt stehen.

Es ist eine Liebesgeschichte, die beim Lesen eher durchschimmert. Das Band, das sie schon immer miteinander verbindet, ist sehr dehnbar, es scheint irgendwann zu reißen. Es ist eine Familiengeschichte, die keiner großen Worte bedarf. Das Buch erzählt auch von Freundschaft, von echten Freunden. Denn was wären wir ohne diese wahren Freunde. Hannes, Fritzi, Polina, Hildebrand und noch so einige andere Figuren prägen Hannes Leben, sie sind jeder für sich ziemlich eigen und doch bilden sie eine Einheit - nicht immer ist das Leben fair, jeder bekommt das mehr oder weniger zu spüren.

„Für Polina“ ist ein wundervoll erzähltes Buch, es ist eine Geschichte der leisen Töne, die doch sehr gewaltig daherkommt.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Nordic Noir vom Feinsten

Schmerz
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„Schmerz“ ist der erste Fall für Dora und Rado, zwei Ermittler bei der Kriminalpolizei Reykjavik, die beide aus unterschiedlichen Gründen kaltgestellt wurden.

Dora wurde bei einem früheren Einsatz angeschossen ...

„Schmerz“ ist der erste Fall für Dora und Rado, zwei Ermittler bei der Kriminalpolizei Reykjavik, die beide aus unterschiedlichen Gründen kaltgestellt wurden.

Dora wurde bei einem früheren Einsatz angeschossen und seitdem funktioniert ihr Hirn anders als zuvor. Sie spürt intensiver, kann innerhalb kürzester Zeit eine Fremdsprache erlernen, jedoch wird sie immer wieder ausgeknockt, sie kann sich dann nicht erinnern und verrichtet seitdem Schreibtischarbeit. „Dora erinnert sich noch, dass sie der Mann an der Schulter packte. Dann fiel der Schuss. An den Knall erinnert sie sich nicht. Nur an den stechenden Schmerz in ihrem Auge.“ Ein Schmerz, der seitdem nie mehr ganz verschwindet.

Rado ist ein hervorragender Ermittler mit serbischen Wurzeln. Mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn wohnt er bei den Schwiegereltern und genau diese verwandtschaftlichen Verhältnisse sind es, die ihn bei der groß angelegten Razzia gegen gefährliche Größen der Unterwelt ausgrenzen.

Als nun ein Teenager im Thingvellir-Nationalpark verschwindet, wird Dora mit den Ermittlungen betraut, ihr zur Seite wird Rado gestellt. Die Suche nach der 16jährigen Morgan gestaltet sich schwieriger als zunächst angenommen. Daneben geht es um organisierte Kriminalität, um Auftragsmord und Freiheitsberaubung, auch spielt Genderdysphorie – der Wunsch nach einer Geschlechtsumwandlung - eine Rolle und auch die Frage, ob - und wenn ja inwieweit - hochrangige Bedienstete innerhalb der Polizei involviert sind, drängt sich auf.

Jón Atli Jónasson entführt seine Leser nach Island – sein „Schmerz“ vor herrlicher Kulisse ist Nordic Noir vom Feinsten. Seine Charaktere, allen voran Dora und Rado, sind vielschichtige, sehr individuelle Persönlichkeiten, die Story an sich ist mitreißend erzählt und auch wenn es so einige zwischenmenschliche Momente gibt, die den Glauben an Freundschaft bestärken, so lese ich viel von eiskalten, hochkriminellen Gangs, denen ein Menschenleben nichts bedeutet.

Die Ermittlungen sowohl um das Verschwinden des Teenagers als auch alles rund um die Razzia werden parallel erzählt. Diese beiden Erzählebenen haben zuweilen Berührungspunkte, man kommt auch dadurch der Aufklärung beider Handlungsstränge näher, schlussendlich bleibt es jedoch spannend bis zuletzt. Und – Dora und Rado ermitteln weiter. „GIFT“ erscheint im Herbst 2025. Ich werde mir auch diesen zweiten Fall nicht entgehen lassen.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Nobel geht die Welt zugrunde

Bis die Sonne scheint
1

Die Hormanns leben nach dem Motto mehr Schein als Sein, sie ver(sch)wenden ihre Energie eher darauf, ihr bisheriges Leben weiterzuführen und sich irgendwie durchzuschlängeln, auch wenn die Geldquellen ...

Die Hormanns leben nach dem Motto mehr Schein als Sein, sie ver(sch)wenden ihre Energie eher darauf, ihr bisheriges Leben weiterzuführen und sich irgendwie durchzuschlängeln, auch wenn die Geldquellen schon lange versiegt sind. Und wenn doch mal was eintrifft, wird es sofort wieder ausgegeben für Kuchenberge, für Restaurantbesuche und auch mal für einen Urlaub zwischendurch. Der Gerichtsvollzieher hat die amtlichen Pfandsiegel auf Fernseher, Klavier und auf alle sonstigen verwertbaren Gegenstände geklebt, was sie nicht anficht, da der Kuckuck eher dezent an einer nicht sofort sichtbaren Stelle klebt.

Alles beginnt damit, dass Daniel von einem blauen Samtsakko mit grauer Flanellhose träumt. Er will diese Kombination zu seiner Konfirmation tragen, was angesichts der finanziellen Misere seiner Eltern eher Utopie bleibt – wir schreiben das Jahr 1983.

Vater Siegfried, Mutter Marlene und ihre vier Kinder leben in einem Bungalow, den sie überwiegend in einer Zeit gebaut hatten, als sie beide noch in Lohn und Brot standen. Irgendwann dann macht Siegfried sich selbständig, was nicht die beste seiner Ideen war, denn von nun an gings bergab. Die beiden Omas – Henriette und Lydia – wissen nichts von der ständigen Geldknappheit, auch die Kinder sind nicht informiert, bekommen aber doch so einiges mit.

Christian Schünemann erzählt von der Familie und deren Mitglieder, wie sie heute leben und von den beiden Herkunftsfamilien. Mal ist er bei Marlene in jungen Jahren, sie ist als Buchhalterin tätig. Sie ist ein kluges Mädchen, das sich stetig weiterentwickelt. Auch von Siegfried erfahren wir so einiges, er hätte als Beamter Zeit seines Lebens ein sicheres Einkommen gehabt. Lydia etwa kommt in Oberschlesien zur Jahrhundertwende zur Welt, ihre Mutter verstirbt im Kindbett, Vater steht mit fünf Kindern alleine da. Ihr Weg wird wie auch der der anderen skizziert, man bekommt ein gutes Gespür für die einzelnen Personen.

Die Erzählung wechselt zwischen den Zeiten und den einzelnen Charakteren, was anfangs ein wenig irritierend war. Bald aber war ich mit diesen Zeitsprüngen vertraut und konnte die Eskapaden der Hörmanns so richtig genießen. Wenngleich ich ob ihrer Unbekümmertheit den Kopf geschüttelt habe, so war die Lektüre ein gar amüsantes Unterfangen. Wie kann man nur? Wie konnte es so weit kommen? Sowohl Siegfried als auch Marlene hatten einen guten Start, sie hatten ein sicheres Einkommen, von ihren Höhenflügen konnten sie jedoch nicht mehr lassen, ihre Ansprüche trotz Geldknappheit nicht mehr zurückfahren. Und so machen sie sich auf den Weg: „Wir fahren so lange, bis die Sonne scheint.“ Was solls – nobel geht die Welt zugrunde.

Das Nachwort verrät, dass der Autor durch seine Familiengeschichte zu diesem Buch inspiriert wurde - er vermittelt das Lebensgefühl dieser Jahre mit einer Leichtigkeit, die dem Thema die Schwere nimmt. Für mich ist es ein gelungenes Porträt einer Familie, das auch die Kriegs- und Nachkriegszeit nicht auslässt und das die Wohlstandsgesellschaft gut charakterisiert. Alles in allem eine rundum stimmige Geschichte, die mich schon auch nachdenklich zurücklässt, die mich aber dennoch bestens unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Gut und Böse – es gibt viele Grautöne dazwischen

Dunkle Momente
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Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht, sie ist ganz nah dran an den Opfern und den Tätern, sie macht sich in ihrem Buch „Dunkle Momente“ Gedanken über Schuld und Unschuld, über Recht und Gerechtigkeit. ...

Elisa Hoven ist Professorin für Strafrecht, sie ist ganz nah dran an den Opfern und den Tätern, sie macht sich in ihrem Buch „Dunkle Momente“ Gedanken über Schuld und Unschuld, über Recht und Gerechtigkeit.

Neun Fälle sind es, die Elisa Hoven ihre Protagonistin Eva Herbergen erzählen lässt. Herbergen ist Strafverteidigerin, ihr Beruf ist ihr Berufung. Viele der hier aufgezeigten Geschichten sind echten Fällen nachempfunden, bei denen die Autorin sich gefragt hat, wie es zu diesen Verbrechen kam, was im Leben der Menschen geschehen war und was die Tat mit allen daran Beteiligten letztendlich gemacht hat. „Ein Mensch kann jahrelang das Richtige tun und dann eine falsche Entscheidung treffen, die alles verändert.“

Gleich der erste Fall eines rumänischen Brüderpaares, der mit „Notwehr“ übertitelt ist, zeigt die Diskrepanz von Gut und Böse deutlich auf. Es geht um Einbruch, um Diebstahl und um die von dem Geschädigten geschilderte Notwehr und die Folgen dessen. Von der Vorbereitung einer Straftat bis hin zum Urteil und darüber hinaus werden die Fälle aufgegliedert und so manches Mal stellt sich im Nachhinein einiges ganz anders dar.

Eva Herbergen überschreitet auch Grenzen, solange sich diese mit ihrem Gewissen vereinbaren lassen. Sie setzt sich für ihre Mandanten ein, sie unterstützt diese in Ausnahmesituationen, denn jede Tat ist jenseits des normalen Lebens und bedarf Unterstützung. Fall zwei befasst sich mit einer erfolgreichen Schriftstellerin, es folgt die ganze Dramatik eines Kindersoldaten, auch die nachfolgenden Fälle werfen Fragen nach der Moral auf, nach der Fehlbarkeit auch einer Juristin – jede Geschichte, in die ich tiefer eintauche, hat mich mitgenommen, mich aufgewühlt oder mich auch abgestoßen. Kalt gelassen hat mich keine davon, jede einzelne erzählt von einer Tragödie. Nie hätte ich gedacht, wie glaubhaft Lügen sein können, denn nicht alles ist so, wie es zunächst den Anschein hat.

Ein Fall in der Zeitung, im Urlaub gelesen, hat die Autorin nicht losgelassen. Die Menschen in dieser Geschichte und das Dahinter wollten aufs Papier, so hat alles angefangen. „Dunkle Momente“ erzählt von Menschen in ihren düstersten Stunden. Von menschlichen Abgründen, von Vergewaltigung und Scheingeschäften und von noch so einigem, auch von einer Nachlassgeschichte, die – so hoffe ich – nicht alltäglich ist.

Das perfekte Verbrechen – gibt es das? Nach der spannenden, sehr kurzweiligen Lektüre und den mitunter durchaus grausamen Momenten stellt sich mir diese Frage schon.

„Jede Tat hat seine Geschichte.“ Und diese Geschichte dahinter, diese Geschichten der hier beschriebenen neun Straftaten hat Elisa Hoven gut lesbar ins Buch gepackt, das mich derart gefesselt hat, dass ich es bis zum Schluss nicht weglegen konnte und das mich trotz oder gerade wegen all der Gewalttaten nachdenklich zurücklässt.

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