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Veröffentlicht am 26.02.2025

Hatte bis zur Hälfte echtes Potenzial, danach war es mir zu wild

Super einsam
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Bis etwa zur Hälfte dieses Buches dachte ich, dass ich ihm mindestens vier Sterne geben würde. Leider hat mich die Handlung in der zweiten Hälfte dann aber doch ziemlich verloren.

Der erste Teil des Buches ...

Bis etwa zur Hälfte dieses Buches dachte ich, dass ich ihm mindestens vier Sterne geben würde. Leider hat mich die Handlung in der zweiten Hälfte dann aber doch ziemlich verloren.

Der erste Teil des Buches hat meine Erwartungen noch recht gut erfüllt. Ich habe erwartet, dass es ein Roman ist über meine Generation und die Probleme, welche Menschen dieser Generation umtreiben. Von Fragen zur eigenen Identität und Sexualität über die Trauer aufgrund einer zerbrochenen Beziehung bis hin zu einem Gefühl allgemeiner Einsamkeit in einem Leben in der Großstadt, ergänzt um eine gesellschaftspolitische Kritik rund um Wohnraumknappheit, Leistungszwang und Kapitalismus. Die kurzen Kapitel lassen sich überwiegend gut lesen und einige von ihnen haben mich emotional wirklich packen können.

Anton Weil hat einen ganz bestimmten Ton, der schwer zu greifen ist, mich zu Beginn aber für sich eingenommen hat. Ich fand mich vor allem in der ersten Hälfte auf eine rauschhafte Art in Vitos Kopf wieder. Die Geschichte überzeugt mit einem angenehmen Alltagshumor und einer gewissen Situationskomik - ob in den Gespräche in der Eckkneipe, in welcher man der Besitzerin das eigene Herz ausschüttet oder bei frustrierenden Fahrten mit der Deutschen Bahn, die von absurden Verspätungen geprägt sind.

Doch spätestens ab der Hälfte war mir Vitos Abdriften in seine Träume/Fantasien einfach zu wild. Es geht in diesem zweiten Teil der Geschichte vor allem darum, der eigenen Einsamkeit zu entfliehen, was hier konkret über die Verbindung zur verstorbenen Mutter passieren soll. Auch sucht Vito Verbundenheit zu fremden Menschen, mit denen er Sex hat oder sich vorstellt zu haben, doch wenig überraschend füllt das seine Leere nicht. Gerne hätte ich Vito noch länger bei dieser Suche begleitet, doch dafür war es mir vor allem zum Ende hin zu fragmentarisch und wenig emotional greifbar.

Ich kann persönlich auch einfach gar nichts anfangen mit Alkoholrausch, heftigem Trinken und Drogenkonsum allgemein. Das hat mich in seiner Intensität ziemlich gestört und auch mit Vito als zunehmend unzuverlässigem Erzähler konnte ich irgendwann wenig anfangen. Die Verwirrung der Geschichte ist sicherlich so beabsichtigt, doch mit meinen Erwartungen an das Buch und auch mit meinen Erfahrungen aus der ersten Hälfte war ich angesichts der sehr wilden, abgedrifteten Handlung dann einfach lost und konnte mich selbst nicht mehr mit der Geschichte identifizieren.

So bleibt es für mich leider nur ein durchschnittliches Leseerlebnis. Ich könnte mir vorstellen, dass Menschen, die sich gerne von Geschichten mitreißen lassen und auch kein Problem damit haben, dass Realität und Fantasie sehr stark miteinander verschwimmen, hier eine gute Lektüre finden. Die „wilde Irrfahrt durch die Psyche einer ganzen Generation“, die auf dem Cover versprochen wird, habe ich dann vor allem in der zweiten Hälfte leider nicht mehr wahrgenommen, obwohl meine Hoffnungen dahingehend nach dem ersten Teil durchaus hoch waren. Ich bleibe also etwas ernüchtert zurück und gebe diesem Buch drei Sterne.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Großes Potenzial, das noch besser hätte ausgeschöpft werden können

Verdammt wütend
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Ich habe "Nie, Nie, Nie" damals verschlungen und wollte deshalb selbstverständlich auch das neue Buch der Autorin lesen - zumal das Thema Wut mich stark angesprochen hat. Und es hält dahingehend auch, ...

Ich habe "Nie, Nie, Nie" damals verschlungen und wollte deshalb selbstverständlich auch das neue Buch der Autorin lesen - zumal das Thema Wut mich stark angesprochen hat. Und es hält dahingehend auch, was es verspricht, doch so richtig zufrieden bleibe ich nicht zurück.

Erst einmal finde ich es aber toll, dass Linn Strømsborg bei ihrem Schreibstil geblieben ist und wir hier wieder mit teils extrem kurzen, rasanten Kapiteln konfrontiert sind. Das gibt einen tollen Lesesog, den ich ehrlicherweise ohne diese Form wohl nicht gehabt hätte. Denn so sehr ich Britts Wut und Frustration in meinem Innersten nachfühle, so sehr haben sie mich auch gelähmt. Damit will ich absolut nicht sagen, dass alles einen Moment von Empowerment braucht. Unter dem Patriarchat Leidende haben ein Recht auf ihre Wut und Vieles lässt sich nunmal nicht wegrationalisieren. Das wird vor allem zu Beginn deutlich, doch diese Stärke konnte für mich nicht aufrechterhalten werden und wandelte sich für mich im weiteren Verlauf in das Gefühl, dass etwas fehlt.

Vielleicht liegt es auch daran, dass ich die Erzählperspektive irritierend fand. Es gibt mehrere Blickwinkel, die irgendwie gleichzeitig aus der jeweiligen Person und aus Britt heraus erzählt werden. Die Perspektiven sind dabei total wichtig und teilweise schlicht genial. Etwa, wenn die Autorin Espen zu Wort kommen lässt und so Maternal Gatekeeping thematisiert - das aber später durch die Perspektiven von Anita und Runa wieder in Relation setzt, indem klar wird, dass die Männer sehr wohl viel seltener Alltagsaufgaben/Mental Load übernehmen und es wohl eher weniger am vermeintlichen Gatekeeping der Frauen liegt. Wirklich ein großes Kompliment, wie unglaublich elegant Strømsborg die Komplexität struktureller Ungleichheiten im Privatleben hier abbildet.

Ich konnte die Vorzüge aber durch meine Irritation oft nicht so richtig genießen und wurde dadurch auch aus einer möglichen emotionalen Verbundenheit zu den Figuren gerissen. Genau das hätte es bei aller Beklemmung ob des Inhalts aber unbedingt gebraucht und das haben andere Bücher in diesem Feld meiner Meinung nach besser hinbekommen. Zusätzlich erschwert wurde mir das Lesen dieses Mal außerdem durch die Kombination aus Wut und Ängstlichkeit bei der Protagonistin. Das war mir persönlich zu viel, was aber einfach eine Präferenz ist.

Absolut kein schlechtes Buch und ich bin mir sicher, dass sich Viele gesehen fühlen und durch die Lektüre ihrer Wut hoffentlich noch mehr Ausdruck verleihen können. Mir fehlte es an emotionaler Zugänglichkeit einerseits und aktivem Handeln andererseits, daher nicht mein Favorit der Autorin, deren zukünftige Bücher ich aber dennoch lesen werde.

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Veröffentlicht am 15.01.2025

Wichtige Perspektive, doch ziemlich zäh erzählt

Jeanie und Julius
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Ich bin großer Fan des Verlags, doch mit „Jeanie und Julius“ war ich leider nicht wirklich glücklich.

Die Erzählperspektive rund um ein finanziell armes Geschwisterpaar in ihren Fünfzigern, die nach dem ...

Ich bin großer Fan des Verlags, doch mit „Jeanie und Julius“ war ich leider nicht wirklich glücklich.

Die Erzählperspektive rund um ein finanziell armes Geschwisterpaar in ihren Fünfzigern, die nach dem Tod der Mutter zwischenzeitlich in die Obdachlosigkeit rutschen, ist eine so wichtige. Und auf der einen Seite finde ich die zermürbende Not und Trostlosigkeit sehr gut eingesetzt, weil sie wohl die Realität gut abbildet. Doch war das Lesen dadurch auch sehr anstrengend und streckenweise zäh. Vielleicht hätten 100 Seiten weniger dem Buch gut getan.

Abgesehen davon haben mich die beiden Protas fast durchgängig so genervt. Sowohl Jeanie als auch Julius fand ich nämlich überwiegend unsympathisch und ihre Handlungen wenig nachvollziehbar. Ich konnte nicht verstehen, warum Jeanie so viel lügt, nur um Hilfe nicht annehmen zu müssen, und warum Julius seiner Schwester gegenüber mal herablassend und unehrlich, mal zugewandt und beschützend begegnet. Beim Lesen fühlte ich mich konstant in eine ferne Vergangenheit versetzt, obwohl die Handlung in der Gegenwart spielt. Wenn das von der Autorin beabsichtigt war und sie so das Zurückbleiben der beiden hinter der Mehrheitsgesellschaft abbilden wollte, ist das gut gelungen. Mich hat es immer mal wieder irritiert.

Ich finde es wirklich schwer, das Buch zu bewerten, weil ich selbst aus einer sehr privilegierten Position heraus spreche. Und soweit ich es einschätzen kann, war die Darstellung eines solchen Lebens authentisch. Mich hat das Lesen eher heruntergezogen und vielleicht soll das auch so sein, aber dessen muss mensch sich dann wohl vorher bewusst werden. Zudem wird das im Klappentext erwähnte Familiengeheimnis doch ziemlich langsam enthüllt, was für mein Empfinden das Zähe im Buch erneut unterstreicht.

Mich störte dann auch das Ende ziemlich, bei dem eine für mich nicht nachvollziehbare Charakterentwicklung stattgefunden hat. Tatsächlich fand ich die letzten 30 Seiten wirklich gut, weil ich eine Figur endlich greifen konnte, aber es fühlte sich im Vergleich zum vorherigen Erzähltempo gehetzt und unorganisch an. Diesen Wechsel hätte ich mir deutlich früher gewünscht. So war es für mich ein eher anstrengendes Buch mit einer guten Grundlage, aber wenig emotionaler Greifbarkeit.

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Veröffentlicht am 29.12.2024

Ein Alltag in all seiner Tragikomik, aber auch etwas anstrengend zu verfolgen

Kleine Probleme
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Den Aufhänger eines an der Fülle alltäglicher Aufgaben verzweifelnden Protagonisten fand ich sehr reizvoll. Und im Endeffekt hat Nele Pollatschek auch ziemlich genau das geliefert, ich bin aber trotzdem ...

Den Aufhänger eines an der Fülle alltäglicher Aufgaben verzweifelnden Protagonisten fand ich sehr reizvoll. Und im Endeffekt hat Nele Pollatschek auch ziemlich genau das geliefert, ich bin aber trotzdem ziemlich zwiegespalten, was meine Einschätzung angeht.

Eines muss ich der Autorin auf jeden Fall lassen: Sie kann sich unglaublich gut in ihren Protagonisten hineinversetzen. Das gibt dem Text oft etwas Rasantes, fühlt sich phasenweise aber auch an wie ein Fiebertraum. Lars wird im Klappentext als Vieldenker beschrieben und hell yes, das ist er! Da kann es angesichts der sehr vollen ToDo-Liste am letzten Tag des Jahres schon einmal passieren, dass beim Bettaufbau über die Bezeichnungen der einzelnen Bauteile philosophiert wird und neue Wortschöpfungen wie Knülp, Pleumel oder Wü kreiert werden (mein unangefochtener Favorit selbstverständlich: Henriette Hannelore von Hoffmannsthal - die besonderste unter den Schrauben). Oder dass im Zuge der dringend nötigen Steuererklärung über das eigene Lebenswerk, das patriarchale Konstrukt der Ehe oder einen vergangenen Streit mit der Partnerin sinniert wird.

Bei allen Gedankenverknotungen kristallisiert sich auch langsam heraus, dass Lars' Beziehung zu Johanna mindestens auf der Kippe steht und er sie mit einem überaus tatkräftigen 31. Dezember zurückgewinnen will. Und während ich bis zur Hälfte wirklich noch an einigen Stellen lachen musste, weil die ständige Ablenkung bei der Erledigung von Alltagsaufgaben mir nur allzu vertraut ist, wurde es mir am Ende einfach zu abstrus. Ich konnte der Handlung sowie den immer absurderen philosophischen Ausführungen nicht mehr so recht folgen und es wurden mir zunehmend übertrieben. Auch das Ende bleibt mir ein Rätsel und vielleicht ist genau das der Punkt (was findet im Kopf statt und was ist echt?), aber es war schlicht nichts für mich.

Insgesamt komme ich zu dem Ergebnis, dass die Geschichte durchaus tragikomisch daherkommt und heilsam sein kann für Menschen, die sich überfordert fühlen von der Masse an (alltäglichen) Aufgaben, sie aber für mich mit zu großen Schwächen endet und sich zunehmend zäh anfühlte. Es ist wirklich kein schlechtes Buch und ein wirklich außerordentliches Charakterportrait, aber es wird mir nicht sonderlich stark in Erinnerung bleiben.

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Veröffentlicht am 31.10.2024

Ein interessanter Ausgangspunkt, aber definitiv keine Nebenbei-Lektüre

Lieben
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[Disclaimer: Ich distanziere mich ausdrücklich von den antisemitischen Positionen, welche die Autorin seit dem 7. Oktober 2023 in der Öffentlichkeit recht präsent einnimmt. In diesem Essay bekommen sie ...

[Disclaimer: Ich distanziere mich ausdrücklich von den antisemitischen Positionen, welche die Autorin seit dem 7. Oktober 2023 in der Öffentlichkeit recht präsent einnimmt. In diesem Essay bekommen sie keinen Raum, deshalb beeinflussen sie meine Rezension nicht. Ich glaube aber, dass zu "Lieben" auch dazugehört, Handlungen von Menschen (hier konkret Regierungen) zu kritisieren, ohne in eine einseitige Dämonisierung abzugleiten.]

Ich habe bereits Emilia Roigs Buch "Das Ende der Ehe" gelesen und gemocht, weshalb mir einige der Gedankengänge dieses Essays bereits bekannt waren. Gerade mit einer gewissen antikapitalistischen/antirassistischen/feministischen Vorprägung sind viele Ausführungen nichts Neues und bilden so vielmehr einen Ausgangspunkt für eine tiefergehende Beschäftigung mit einzelnen Themenbereichen.

Der Essay ist zwar an vielen Stellen anekdotisch, blieb für mich aber emotional doch eher an der Oberfläche und wurde vor allem zu Beginn von recht vielen Referenzen begleitet - da hätten es für mich ein paar weniger sein dürfen. Die Gedanken der Autorin rund um die Hierarchisierung verschiedener Beziehungsformen und damit verschiedener Arten zu lieben waren mir größtenteils bekannt, aber trotzdem interessant. Vor allem das recht umfängliche Kapitel zu Freund*innenschaften hat mir sehr gut gefallen, da es hier auch konkrete Beispiele freundschaftlicher Verbindung gab, die auf mich immer sehr heilsam wirken. Romantische Liebe bekommt weniger Raum, was für mich aber angesichts des Übermaßes an Literatur in diesem Feld völlig gerechtfertigt war.

Die zweite Buchhälfte widmet sich einem viel größeren Thema, nämlich der Positionierung des Menschen innerhalb der Natur und des Kosmos. Die Gedanken zu Speziesismus fand ich sehr gut und unbedingt notwendig in einem Buch über das Lieben. Denn ich glaube fest daran, dass wir einen großen liebenden Teil in uns wegsperren, wenn wir nicht-menschliche Tiere und die Natur beherrschen und ausbeuten wollen. Manche Schilderungen, wie etwa ihre Reiterfahrung, passen in eine antispeziesistische Betrachtung der Welt allerdings nur bedingt. Das letzte Kapitel ist ziemlich spirituell, womit ich persönlich nicht viel anfangen kann. Doch die Autorin hat hier einen Ton getroffen, der mich den Abschnitt hat wertfrei lesen lassen - es ist ein Teil ihrer Lebenserfahrung und auch nicht mehr als das. Ich muss es nicht nachvollziehen können, um es zu respektieren.

Die Verbindungen zum übergeordneten Thema "Lieben" fiel schon manchmal recht abstrakt aus. Ich habe es nicht so extrem mit einer Erwartung gelesen, kann eine gewisse Enttäuschung an der Stelle aber nachvollziehen. Für mich war nicht viel neu, einiges trotzdem heilsam und manches zu fern, als dass ich dazu großartige Empfindungen hätte haben können. Eventuell ist das Thema für ein 120 Seiten langes Essay schlicht ein wenig zu komplex und die Autorin schien einen hohen Anspruch an die Vielfalt der angesprochenen Bereiche gehabt zu haben, was das Buch auch nicht unbedingt zu einer leichten Lektüre macht.

Ich empfehle es eher als anspruchsvollen Anstoß für Menschen, die sich in den Bereichen Antikapitalismus, Antikolonialismus und Feminismus trotzdem schon etwas auskennen. Für mich nicht überragend, aber auch nicht schlecht.

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