Profilbild von uli123

uli123

Lesejury Star
offline

uli123 ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit uli123 über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.02.2025

Das Leben auf dem Dorf

Hier draußen
0

Wer jemals in einem Dorf gelebt hat oder gar dort groß geworden ist, weiß, welch große Bedeutung dort den Dorffesten zugeschrieben wird. Exakt an ihnen hangelt sich die Geschichte entlang. Fünf Stück sind ...

Wer jemals in einem Dorf gelebt hat oder gar dort groß geworden ist, weiß, welch große Bedeutung dort den Dorffesten zugeschrieben wird. Exakt an ihnen hangelt sich die Geschichte entlang. Fünf Stück sind es im fiktiven schleswig-holsteinischen Dorf Fehrdorf, verteilt über ein Jahr, benannt im Inhaltsverzeichnis am Ende des Buches, jeweils untergliedert in mehrere kürzere Kapitel. Von den Dorfbewohnern lernen wir die unterschiedlichsten Typen kennen, die sehr detailreich und lebensnah beschrieben werden. Sie könnten in jedem Dorf in Deutschland wohnen: die Nutztierhalter, Altenteiler, Bürgermeister, Zugezogene aus den Nachbardörfern und der Großstadt. Eine Gemeinsamkeit besteht zwischen ihnen – alle hadern irgendwie mit ihrem Leben und dem Zusammenleben mit den anderen auf dem Dorf. Lange Passagen sind der Gedankenwelt der Romanfiguren gewidmet. Etwas verwundert schüttelt man den Kopf über das traditionelle Rollenbild von der Frau. Das Landleben romantisieren tut der Roman keineswegs. Gerade weil er so lebensecht geschrieben ist, habe ich ihn gerne gelesen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 19.02.2025

Beeindruckend

Wild wuchern
0

Auf nur rund 200 Seiten wird vor uns rasend schnell in Ausschnitten das so unterschiedlich verlaufene Leben zweier Cousinen aufgeblättert, an deren Ende beide auf einer einsamen Almhütte in Tirol vereint ...

Auf nur rund 200 Seiten wird vor uns rasend schnell in Ausschnitten das so unterschiedlich verlaufene Leben zweier Cousinen aufgeblättert, an deren Ende beide auf einer einsamen Almhütte in Tirol vereint sind – die Eremitin Johanna und die Städterin Marie. Etwas Märchenhaftes wohnt der Geschichte inne. Ein klein wenig fühle ich mich an Johanna Spyris Heidi erinnert oder an das Grimmsche Märchen von Frau Holle, mit deren Figuren Goldmarie und Pechmarie sich und die Cousine die eine Protagonistin Marie selbst vergleicht. Beide schleppen Traumata aus der Vergangenheit mit sich herum, die eine aus der Kindheit herrührend, die andere aus ihrem Erwachsenenleben als Ehefrau. Um was es konkret geht, wird erst nach und nach sichtbar, wie es sich für einen guten Roman gehört. Auf jeden Fall sind die Vergangenheiten beider Frauen jede für sich furchtbar und in ihrer Familie wurzelnd. Dazu passend sind die Schilderungen von Naturereignissen in den Bergen und Erlebnisse mit Tieren. Alles ist so bildhaft, dass man sich als Leser in das Geschehen hineinversetzt fühlt. Eigentlich gar nicht so recht zum Thema passend und dennoch so gelungen ist der erfrischende und humorvolle Schreibstil, mit dem die Autorin alles von Marie als Erzählerin schildern lässt. Frisch von der Leber weg, wie ihr der Schnabel gewachsen ist legt sie los. Eingestreut ist viel österreichischer Sprech, den ich immer wieder gerne lese und der die Personen so authentisch macht.
Dieses Buch zu lesen, macht einfach Spaß.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.02.2025

Jugend und Rechtsextremismus

Unter Grund
0

Dieses Buch passt so gut in die Gegenwart, in der rechtsextremistische Kräfte scheinbar mühelos aufblühen, und sollte deshalb unbedingt gelesen werden, vor allem von jungen Leuten. Es verdeutlicht anschaulich, ...

Dieses Buch passt so gut in die Gegenwart, in der rechtsextremistische Kräfte scheinbar mühelos aufblühen, und sollte deshalb unbedingt gelesen werden, vor allem von jungen Leuten. Es verdeutlicht anschaulich, wie gerade dieser Teil der Bevölkerung empfänglich für die wahnsinnigen Ideen rechter Gruppierungen ist und sich ihnen aus unterschiedlichen Gründen anschließt – als da seien Außenseitertum, Einsamkeit, familiäre Probleme, die Suche nach einer Identität. Das geschieht anhand der jungen Protagonistin Franka, die als 16jährige im Jahr 2006 in einem Dorf in Franken immer tiefer in die rechte Szene abrutschte und den Weg von dieser weg erst durch eine von ihrer Mutter veranlasste Internatseinschulung fand, nachdem sie an der Begehung schwerer Straftaten beteiligt war. Franka verarbeitet diese Zeit zehn Jahre später, als sie als Referendarin mit Schülern einem Prozesstag im sog. NSU-Prozess beiwohnt. Jetzt stellt sie sich den Fragen ihrer Angehörigen in ihrem Heimatdorf und muss erfahren, dass es auch unter ihnen welche gibt, die schlimme Geheimnisse horten. Der Wechsel zwischen Gegenwart und Vergangenheit ist gelungen, macht er doch die Motive deutlich, die zu Frankas Einstellung führten. Der Text liest sich gut, wenngleich das Thema keine leichte Kost ist.
Es ist ein wichtiges Buch, das ich sehr empfehle.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.02.2025

Sehnsucht nach Wohlstand

Bis die Sonne scheint
0

Wie sich dem Nachwort entnehmen lässt, hat der Roman autobiografischen Inhalt. Der Autor gibt in Gestalt des Ich-Erzählers Daniel, einem Dreizehnjährigen, seine Familiengeschichte wieder. Für mich persönlich ...

Wie sich dem Nachwort entnehmen lässt, hat der Roman autobiografischen Inhalt. Der Autor gibt in Gestalt des Ich-Erzählers Daniel, einem Dreizehnjährigen, seine Familiengeschichte wieder. Für mich persönlich war diese besonders interessant, da die Familie in den 1970er/1980er Jahren genau wie ich im niedersächsischen Umland von Bremen lebte, so dass mir zum einen viele Örtlichkeiten aus eigener Anschauung bekannt waren und zum anderen viele zeittypische Dinge für mich einen schönen Wiedererkennungs- und Erinnerungswert hatten (z.B. die Automodelle, Fernsehfilme, Haushaltsgegenstände, Briefmarken, Luftpostbriefe u.v.a.m.). Der Werdegang der Familie ist vielleicht gar nicht so ungewöhnlich für eine Elterngeneration, die gleich nach dem Krieg geboren wurde von Eltern, die Flucht und Vertreibung mit den einhergehenden Entbehrungen erlebt hatten, und die sich etwas Wohlstand aufbauen wollte. Dass Daniels Eltern nicht mit Geld umgehen konnten und auch aufgrund äußerer schwieriger wirtschaftlicher Bedingungen mit ihren Geschäftsideen scheiterten, ist so ungewöhnlich nicht. Fast schon humorvoll mutet es dann an, immer wieder zu lesen, wie der Schein nach außen hin gewahrt zu werden hatte und das letzte Kleingeld für weitere Luxusanschaffungen verwendet wurde.
Mir hat das Buch sehr gut gefallen und ich empfehle es Lesern mit Interesse an Familiengeschichten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 30.01.2025

Frauenbilder und -rollen

Halbe Leben
0

Dieser Roman zeichnet ein gelungenes Bild zweier unterschiedlicher Frauen. Da ist zum einen die Enddreißigerin Klara – Karrierefrau in einer Männerdomäne, verheiratet mit einem beruflich wenig ehrgeizigen, ...

Dieser Roman zeichnet ein gelungenes Bild zweier unterschiedlicher Frauen. Da ist zum einen die Enddreißigerin Klara – Karrierefrau in einer Männerdomäne, verheiratet mit einem beruflich wenig ehrgeizigen, verträumten Ehemann, Mutter einer 10jährigen Tochter, die ein besseres Verhältnis zur Großmutter als zur Mutter hat. Zum anderen ist da die gleichaltrige slowakische Krankenschwester Paulina, geschieden, allein erziehende Mutter zweier Söhne, die sie im Zwei-Wochen-Rhythmus ihrer Schwiegermutter überlässt, um aus finanziellen Gründen fern der Heimat als Pflegerin von Klaras Mutter zu arbeiten. Mehr und mehr vereinnahmt die Familie Paulina, auch für außerhalb der Pflege liegende Aufgaben, und erkennen sie rasch als wahre Perle, während diese zusehends unter Schuldgefühlen ihren eigenen Kindern gegenüber leidet und sich von ihren Arbeitgebern nicht mehr wahrgenommen fühlt. Irgendwann beginnt Paulina innerlich zu kochen und sich abweisend zu verhalten. Die Lage spitzt sich bei einer gemeinsamen Wanderung der beiden Frauen zu, als ein vermeintliches Unglück geschieht. Doch handelt es sich tatsächlich um eines? …
Die Situationen einer Familie, die plötzlich die Herausforderung der Pflege eines kranken Angehörigen stemmen muss, und einer aus Osteuropa stammenden 24-Stunden-Pflegerin werden realitätsgetreu geschildert. Ebenso realistisch ist das Bild, das von beiden Frauen gezeichnet wird – immer ist es an den Frauen, alles zu regeln, und dabei kommt an anderer Stelle etwas oder jemand zu kurz. Die ganze Atmosphäre passt gut dazu und es wird viel Spannung aufgebaut, die in der bereits oben aufgeworfenen Frage gipfelt, deren Beantwortung der Deutung des Lesers überlassen bleibt.
Ein unterhaltsamer, dennoch ernster Roman, der sehr lesenswert ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere