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Veröffentlicht am 25.03.2025

Gefährliche Suche nach der Wahrheit

Der irische Fremde
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Mary Shean begegnet am Osloer Flughafen einem Mann, den sie 25 Jahre zuvor am Elternhaus in Irland gesehen hat, als sie ihre Eltern tot auffand. Sie wurde von ihrer Tante in Frankfurt aufgezogen und ist ...

Mary Shean begegnet am Osloer Flughafen einem Mann, den sie 25 Jahre zuvor am Elternhaus in Irland gesehen hat, als sie ihre Eltern tot auffand. Sie wurde von ihrer Tante in Frankfurt aufgezogen und ist nie wieder nach Irland zurückgekehrt. Mary engagiert eine Privatdetektivin, die Informationen über den Fremden vom Flughafen beschaffen soll, dessen Namen sie auf seinem Flugticket erkennen konnte. Sie will die traumatische Erfahrung nicht länger unterdrücken, sondern endlich die Wahrheit erfahren. Mary hat sehr unterschiedliche Erinnerungen an den Tag und glaubt inzwischen, dass die offizielle Version von einem Unfall durch austretendes Gas im Haus nicht stimmt und es sein könnte, dass ihre Eltern ermordet wurden. Sie mietet ein Zimmer im Ort und findet dort in Jenna eine Freundin, die ihr in dieser schwierigen Zeit beisteht. Mary befragt u.a. ihren Kindheitsfreund Owen, seinen Vater, den Ortspolizisten und ihre Psychiaterin, die sie damals behandelt hat. Schon bald merkt sie, dass ihre Nachforschungen nicht erwünscht sind und sie in eine Welt von Lügen und Geheimnissen eindringt, was sie schließlich sogar in Lebensgefahr bringt, denn das Schicksal ihrer Familie hängt mit den Aktivitäten der Provisional IRA und den The Troubles genannten, fast 30 Jahre dauernden bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Nordirland zusammen, die erst durch das Karfreitagsabkommen von 1998 weitgehend beendet wurden. Durch diesen historischen Hintergrund wird der Roman noch interessanter und spannender.
Ich habe den Roman gern gelesen, obwohl der letzte Teil mit den zahlreichen Handlungsumschwüngen, möglichen Tätern und Varianten zum Tod von Marys Eltern schon etwas verwirrend ist. Ein ungewöhnlicher Krimi und sicher nicht mein letztes Buch von Matthias Moor.

Veröffentlicht am 23.03.2025

Sie konnten zusammen nicht kommen

Was ich von ihr weiß
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Jean-Baptiste Andreas Roman “Was ich von ihr weiß“ beginnt im Jahr 1986 in einem Kloster, wo der inzwischen 82jährige Mimo – Michelangelo Vitaliani – seit vierzig Jahren wohnt. Er hat nur noch wenige Tage ...

Jean-Baptiste Andreas Roman “Was ich von ihr weiß“ beginnt im Jahr 1986 in einem Kloster, wo der inzwischen 82jährige Mimo – Michelangelo Vitaliani – seit vierzig Jahren wohnt. Er hat nur noch wenige Tage zu leben. Der Roman ist ein Rückblick Mimos auf sein Leben, in dem er zum großen Teil als Ich-Erzähler in Erscheinung tritt. Mimo hat als Sohn einer verarmten Familie und als Kleinwüchsiger von 1,40 m Größe einen schweren Start im Leben. Der „Zwerg“ wird erst viel später als erfolgreicher Künstler Ruhm und Anerkennung finden. Zunächst schickt seine Mutter den 12jährigen Sohn nach Italien in den Ort Pietra d´Alba in Ligurien, zu einem Onkel, der nicht mit ihm verwandt ist, sondern einfach nur ein Mann, der der Familie einen Gefallen schuldet. Dieser Mann – selbst völlig untalentiert – lässt Mimo ohne Lohn in seiner Bildhauerwerkstatt schuften und hungern. Es dauert trotzdem nicht lang, bis Mimos Talent als Bildhauer erkannt wird, er die ersten Skulpturen erschafft und Reparaturen an Kunstwerken durchführt. Der Junge lernt schon bald die gleichaltrige junge Viola Orsini kennen, jüngste Tochter einer reichen Adelsfamilie. Sie ist hochintelligent, vergisst nie etwas Gelesenes und bringt Mimo die Welt der Literatur und der Wissenschaft nahe. Viola will frei sein, im wörtlichen Sinne fliegen, aber dann stürzt sie mit der mit Freunden gebauten Konstruktion vom Dach ihres Hauses und überlebt schwerverletzt. Mimo und Viola bleiben ein Leben lang befreundet, begegnen einander und trennen sich wieder für Jahre. Sie können wegen ihrer zu unterschiedlichen Herkunft niemals ein Paar werden. Das lassen die gesellschaftlichen Konventionen nicht zu. Der Roman erzählt die Geschichte ihres Lebens vor dem historischen Hintergrund, der zwei Weltkriege und vor allem die Jahre des Faschismus einschließt bis zur Entstehung der Republik.
Andreas historischer Roman ist sehr detailreich und nicht frei von Längen. Ich habe ihn trotzdem gern und zügig gelesen und empfehle ihn Lesern, die sich für Geschichte und Kunst interessieren.

Veröffentlicht am 23.03.2025

Das Glück liegt nicht in weiter Ferne

Die Magnolienkatzen
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Die Schriftstellerin Noriko ist nach dem Tod des Vaters zu ihrer Mutter gezogen. Sie ist in den 50ern, unverheiratet, kinderlos und leidet unter einer Schreibblockade. Eines Tages finden die beiden Frauen ...

Die Schriftstellerin Noriko ist nach dem Tod des Vaters zu ihrer Mutter gezogen. Sie ist in den 50ern, unverheiratet, kinderlos und leidet unter einer Schreibblockade. Eines Tages finden die beiden Frauen eine Straßenkatze mit fünf Jungen in ihrem Garten – an der Stelle, wo einst der Ehemann und Vater eine Magnolie gepflanzt hatte. Noriko und ihre Mutter haben früher Hunde gehalten, Katzen mögen sie nicht besonders. Die Mutter sagt sogar, dass sie sie hasst. Sie versuchen sofort, die sechs Katzen loszuwerden, vergeblich. Sie wollen sie aber auch nicht ihrem Schicksal überlassen und nehmen sie bei sich auf mit der Absicht, sie abzugeben, wenn sie etwas älter sind.
Die Autorin beschreibt, wie sich der Alltag mit den sechs Gästen gestaltet, wie Freunde und Bekannte immer wieder vorbeikommen und Katzennahrung, Streu und Spielzeug vorbeibringen. Alle sind fasziniert von den sehr unterschiedlichen niedlichen Tieren. Allmählich vollzieht sich auch bei Noriko und ihrer Mutter eine Veränderung der Einstellung. Sie schließen die Tiere ins Herz und behalten letztlich Mutter Mimi und ihren Sohn Taro. Noriko beschreibt das Wesen der neuen Mitbewohner sehr eingehend, deutet ihre unterschiedlichen Laute und ihre Körpersprache. Das Zusammenleben mit den geliebten Tieren verändert die beiden Frauen und vor allem auch Norikos Einstellung zum eigenen Leben und zu der Frage, was Glück bedeutet. Sie begreift, dass das Glück nicht in weiter Ferne liegt, sondern im Hier und Jetzt zu finden ist. Sie ist sich bewusst, dass sie eines Tages großen Schmerz empfinden wird, wenn die Katzen nicht mehr leben, sie, die ihnen einst aus Furcht vor der daraus resultierenden emotionalen Bindung nicht einmal Namen geben wollte.
Morishita ist ein sehr schönes Buch über die Liebe zwischen Mensch und Tier gelungen. Allerdings fand ich Chloe Daltons "Hase und ich" noch um einiges eindrucksvoller und berührender.

Veröffentlicht am 02.03.2025

Für immer ein Dibbuk im Getriebe

Die Fletchers von Long Island
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In ihrem Roman “Die Fletchers von Long Island“ geht es um die sehr reiche jüdische Familie Fletcher auf Long Island. In den 40er Jahren hat es Zelig Fletcher mit knapper Not aus Polen auf ein Schiff und ...

In ihrem Roman “Die Fletchers von Long Island“ geht es um die sehr reiche jüdische Familie Fletcher auf Long Island. In den 40er Jahren hat es Zelig Fletcher mit knapper Not aus Polen auf ein Schiff und in die USA geschafft. Dort hat er eine Polyesterfabrik aufgebaut, die ihn reich gemacht hat und inzwischen von seinem Sohn Carl geleitet wird. Carl war verheiratet, hatte zwei Kinder – Nathan und Bernard genannt „Beamer“ – als er 1980 vor seinem Haus entführt wird. Gegen eine Lösegeldzahlung von 250.000 Dollar wird er fünf Tage später frei gelassen. Zwei der Entführer werden aufgrund von markierten Scheinen gefasst, aber den Drahtzieher findet man genauso wenig wie den Löwenanteil der gezahlten Summe.
Die Autorin beschreibt mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, wie es für die Familie weitergeht. Carl wird nie wieder derselbe sein, und auch seine Frau Ruth und seine Kinder sind für immer traumatisiert. Bei einem solchen Trauma gib es kein Danach. Ruth verbringt den Rest ihres Lebens Leben damit, ihren Mann zu beschützen. Keines der drei Kinder – die Tochter Jenny wurde erst drei Monate nach der Entführung geboren – bekommt sein Leben in den Griff. Nathan ist ein erfolgloser Anwalt mit einer Angststörung, Beamer schreibt Drehbücher, die kein Produzent haben will und in denen es immer um Entführungen geht und bezahlt Sex-Arbeiterinnen und eine Domina, um sich erniedrigen und schmerzhaft bestrafen zu lassen, und Jenny hat viele Jahre lang keine Freunde oder auch nur nennenswerte soziale Kontakte. Sie engagiert sich schließlich bei einer Gewerkschaft, weil sie sich für den Reichtum der Familie schämt und schuldig fühlt und verschenkt ihr Geld. Sympathisch ist keiner von ihnen. So schrecklich das ist, was ihnen widerfuhr, fällt dem Leser Empathie nicht leicht.
Die Autorin zeigt, wie schwer es vor allem für die drei Kinder ist, Ziele für sich zu finden und ein erfolgreiches Leben zu führen. Bei dem vorhandenen Reichtum ist es ja auch zunächst nicht notwendig, sich irgendwelche Gedanken über die Zukunft zu machen. Außerdem gibt es in der Geschichte eine Fülle von Details zum jüdischen Leben, zu religiösen Praktiken und zu allen Arten von jüdischen Sitten und Gebräuchen. Taffy Brodesser-Akner ist ein interessanter Roman gelungen, stilistisch brillant, an dem mich lediglich die epische Breite stört.

Veröffentlicht am 15.02.2025

Vom Leben nach der Apokalypse

Der letzte Mord am Ende der Welt
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Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi ...

Auf einer kleinen griechischen Insel leben 122 Menschen in einer friedlichen Dorfgemeinschaft, angeleitet von drei Wissenschaftlern. Die Dorfbewohner bewirtschaften die Felder und halten Tiere. Eine Abi genannte KI hat sie unter Kontrolle, kennt ihre Gedanken und beantwortet ihre Fragen. Jeden Abend um 20.45 fallen sie in einen Tiefschlaf. Am nächsten Morgen wachen sie ohne jede Erinnerung an die Nacht auf und wundern sich über ihre vielen Verletzungen aller Art. Sie sterben spätestens mit 60 Jahren. Außerdem gibt es auf der Insel drei Wissenschaftler, deren Lebensdauer nicht festgelegt ist. Niema, mit 173 Jahren die älteste von den dreien, hat eine Barriere erfunden, die das Dorf vor dem die Insel umgebenden giftigen Nebel schützt, der die gesamte übrige Menschheit 90 Jahre zuvor ausgelöscht hatte – kurz bevor eine Lösung zur Beendigung des Klimawandels zur Verfügung stand. Dann wird Niema eines Morgens ermordet aufgefunden. Wenn ihr Tod nicht innerhalb von 107 Stunden aufgeklärt wird und ihre Forschungsergebnisse der Dorfgemeinschaft rechtzeitig zugänglich gemacht werden, sterben auch noch die letzten Menschen. Als Ermittlerinnen treten die rebellische Emory und ihre Tochter Clara auf. Emory hat immer schon unerwünschte Fragen gestellt und die Regeln der Ältesten gebrochen. Ihr muss es gelingen, den Fall zu lösen und die Menschen zu retten.
Der dystopische Roman enthält viele Elemente, die typisch für Science-Fiction-Romane sind, und spricht wichtige Themen an: Was bedeutet menschliche Existenz, und welchen Wert hat das Leben? Obwohl mir Geschichten mit derartig unrealistischen Elementen sonst eigentlich nicht gefallen, habe ich Turtons neues Buch gern gelesen und war sehr gespannt auf die Aufklärung des Kriminalfalls, um die es ja auch geht. Ungewöhnlich ist nicht nur der dystopische Charakter der Geschichte, sondern auch die KI Abi als Ich-Erzählerin, die vielleicht der Grund ist, dass die Charakterisierung der Figuren weniger gelungen ist. Obwohl insgesamt etwas breit in der Darstellung und nicht frei von Längen ist der Roman durchaus empfehlenswert – wie schon “Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“.