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Veröffentlicht am 17.04.2023

Berührende Lebensgeschichte der Eltern

Solange wir leben
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Beginnend 1937 in Wien erzählt David Safier Lebensgeschichte seiner Eltern Joschi und Waltraut.
In zwei Erzählsträngen begleiten wir sie, er jüdischer Herkunft, lebend in Wien, sie deutscher. Die unterschiedliche ...

Beginnend 1937 in Wien erzählt David Safier Lebensgeschichte seiner Eltern Joschi und Waltraut.
In zwei Erzählsträngen begleiten wir sie, er jüdischer Herkunft, lebend in Wien, sie deutscher. Die unterschiedliche Herkunft, zieht unterschiedliche Konsequenzen aus dem 2. Weltkrieg. Er darf nach Palästina auswandern, sie wächst im Kriegsdeutschland in Bremen auf.
Durch einen Zufall begegnen sich die beiden in einer Eisdiele und nähern sich an.
Doch 20 Jahre Altersunterschied sind vorerst nicht einfach.
David Safier schildert die Geschichte seiner Eltern bis zu ihrem Lebensende. Durch das jeweilige Zeitkolorit ist man als Leser sofort in die jeweilige Situation hineingeworfen. Ich war erstaunt, was ich wiedererkannt habe aus den Erzählungen meiner eigenen Mutter, die auch in Norddeutschland aufwuchs, an Sprache, Vorstellungen und Wünschen der Generation, die den Krieg überlebt haben. Ehrlich und ungeschönt, dabei sehr liebevoll werden die Lebensumstände, Gedanken von Waltraut und Joschi beschrieben . Die umfangreiche Recherche und großes Einfühlungsvermögen beeindruckt! Für mich waren es allerdings keine Protagonisten, mit denen ich warm wurde. Doch das ist auch nicht das Anliegen dieses Romans. Ein Zeitdokument zum Verstehen dieser Lebensabschnitte. Auch ein großes Abenteuer durch diese politisch und wirtschaftlich unruhige Zeit, welche für jeden einzelnen viel Phantasie aufbringen musste, nur um zu überleben. Das macht den Roman spannend, diesen Überlebenskampf gibt es Gott sei Dank in dieser Form heute hier nicht mehr. Ihre Wünsche, Vorstellungen und Entscheidungen sind den damaligen Umständen geschuldet. Das gibt die Distanz zum Staunen, Begreifen und Betrachten. Doch die große Verbindung, alle Zeit überdauernd ist die Liebe und Zuneigung zueinander, was sehr berührt. Eine gelungene Romanbiographie, detailliert recherchiert und aufrichtig betrachtet!

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Veröffentlicht am 28.02.2021

Schein und Sein

Die dritte Frau
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Die dritte Frau, jenseits von Heiliger oder Hure - der letzte Satz des neuen Romans von Wolfram Fleischhauer. Die "Purpurlinie", das Erstlingswerk des Autors, liegt 25 Jahre zurück, ein Bestseller. Es ...

Die dritte Frau, jenseits von Heiliger oder Hure - der letzte Satz des neuen Romans von Wolfram Fleischhauer. Die "Purpurlinie", das Erstlingswerk des Autors, liegt 25 Jahre zurück, ein Bestseller. Es handelt von einem Gemälde von Henriette 'Entrague und Gabrielle d'Estrees, die Geliebten Heinrich IV. Durch einen Brief des Nachfahren von Henriette und dessen schonungsloser Kritik am Erstlingswerk, wird der Autor inspiriert, eine Fortsetzung zu schreiben. Er lernt die schöne Camille kennen, die mit unveröffentlichten Dokumenten sowie ihrer Erotik lockt.
Bis zur Hälfte des Buches etwas mühsam, erfährt man doch sehr viel von der politischen Stuation um Heinrich IV, seiner Leidenschaft und durch Intrigen verursachten Thronkämpfe. Heinrich IV, ein verliebter Narr.
Jetzt in der Gegenwart sieht sich auch der Protagonist in einer Lage wieder, die nicht vernunftgesteuert ist. Das was Camille moniert, ist, dass die Individualität, das Empfinden der dargestellten Frauen, kaum Beachtung bekommt. Der Roman nimmt in dem Moment Fahrt auf, als der Autor am eigenen Leib in Irrungen und Wirrungen gerät, ganz im Hier und Jetzt und hinterfragen muss, ob hinter all dem Schein noch eine dritte Frau zutage tritt.
Ich schätze Wolfram Fleischhauers Ideen, doch dieser Roman konnte mich nicht wirklich fesseln, der mühselige Beginn und dann ein fast an Kitsch heranragender zweiter Teil.
Ich werde noch einmal "die Purpurlinie" lesen.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Gute Unterhaltung!

Ein ungezähmtes Tier
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Es geht um einen Raubüberfall am 2. Juli 2022, der exakt 7 Minuten dauern wird.
Doch wie kam es dazu? Das Buch schildert ausführlich die Geschichte in Rückblenden und gegenwärtigem Voranschreiten.
Da ...

Es geht um einen Raubüberfall am 2. Juli 2022, der exakt 7 Minuten dauern wird.
Doch wie kam es dazu? Das Buch schildert ausführlich die Geschichte in Rückblenden und gegenwärtigem Voranschreiten.
Da sind Arpad mit seiner Frau Sophie in einem schicken Designer Glashaus am Genfer See und da ist das Pärchen Greg und Katrine, die etwas entfernt in einer Mittelschichts-Siedlung, von den Reichen spöttisch „die Warze“ genannt, mit ihren Kindern wohnen,
Den Reichen bleibt kein Wunsch offen und so könne sie mit einer Lässigkeit damit umgehen. Sophie, Anwältin, ist schön, attraktiv und zufrieden. Ihre Ausstrahlung beeindruckt vor allem Greg, Polizist, der schon bald Möglichkeiten ersinnt, sie heimlich zu beobachten. Sie strahlt für ihn etwas Animalisches aus, dem er sich nicht entziehen kann. Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf. Sophie und Katrine freunden sich an. Es taucht ein Fremder auf. Liebe, Intrigen, Grenzüberschreitungen und alte und neue Geheimnisse – dies verspricht eine gute Unterhaltung.
Wie immer hat Joel Dicker den Roman intelligent konstruiert. Langsam angehend, doch dann mit immer mehr unerwarteten Wendungen steigert sich die Spannung.
Die Verknüpfungen der mitspielenden Personen zu dem Raubüberfall wird deutlich und auch jedes Eigeninteresse und Beweggrund – und das sind sehr unterschiedliche - kommen Häppchenweise ans Licht und da mehr Personen in die Geschichte einsteigen steigt die Spannung.
Es überzeugt, dass der Plot wichtig ist und das ist gelungen. Eine eher leichte Lektüre, die man gern in einem Stück anhört oder durchliest. Torben Kessler liest ausgezeichnet und bringt die einzelnen Charaktere zum Leben.

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Veröffentlicht am 24.12.2025

Gute Idee – schwierig in der Umsetzung

Ruf der Leere
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Felix, 25, möchte seinem langjährigen Freund Ben eine Willkommensparty geben. Perfekt scheint hierfür die Hütte seines Vaters im Wald für Gespräche und Entspannung. Ben war längere Zeit in Australien. ...

Felix, 25, möchte seinem langjährigen Freund Ben eine Willkommensparty geben. Perfekt scheint hierfür die Hütte seines Vaters im Wald für Gespräche und Entspannung. Ben war längere Zeit in Australien.
Doch es kommt anders als gedacht, Gäste erscheinen, die nicht eingeladen waren – und dann auch noch ein alter Mann, der meint, er sei der Tod. Soweit so gut – ein spannender Anfang.
In Rückblenden werden die Mitspieler vorgestellt und deren Verknüpfungen untereinander.
Wichtige Lebensabschnitte werden beleuchtet. Nach und nach verdichten sich die Charakterdarstellungen, während die Feier in der Hütte voranschreitet. Die Spitze des Eisbergs sozusagen, denn was psychologisch darunter liegt, sind Frustrationen, enttäuschte Lieben, Rivalität und Neid. Jede der Personen ist belastet, auch dadurch, nicht offen sein zu können. Felix, die Hauptperson wird dargestellt durch ein sehr facettenreiches Bild, das eine Palette von Sympathie bis Abneigung erzeugt, denn er scheint seine eigene Vorstellung von ethischen und moralischen Grenzen zu haben. Parallel zur Innenschau zeigt der Handlungsstrang ein Ethikseminar, in dem genau diese Fragestellungen diskutiert werden.
Der Roman besticht durch die feine Erzählstruktur die gelungen auf psychologische Verdichtung setzt und moralische und ethische Fragen einwebt. Kein leichtes Unterfangen. Auf großen Strecken war ich gut unterhalten. Dennoch fand ich die Figur des Vaters nicht überzeugend, die des alten Mannes ebenso wenig, auch nicht den Professor des Ethikseminars – Randfiguren die doch entscheidend zum Erzählstrang beitragen sollen.
Das Ende des Romans lässt eine völlig neue Sichtweise auf die Vorfälle fallen und zu viele Fragen bleiben offen. Der Titel des Romans „Ruf der Leere“ hört sich erst einmal gut an, er beschreibt den plötzlichen, unkontrollierbaren Drang, eine gefährliche Handlung auszuführen, das Gehirn funktioniert in dieser Sekunde falsch, oft unter Stress. Dies ist anregend für den Schluss des Romans. Mir erschließt sich jedoch nicht, warum dieser Titel für die Gesamtgeschichte vergeben wurde.

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Veröffentlicht am 02.08.2025

Beschwerliche Heldinnenreise

Junge Frau mit Katze
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Junge Frau mit Katze – der Titel ist ansprechend, erscheint harmlos – ist er aber nicht.

Ela, die schon fünf Jahre an ihrer Doktorarbeit arbeitet, wird krank.
Dieser autofiktionale Roman beschreibt, wie ...

Junge Frau mit Katze – der Titel ist ansprechend, erscheint harmlos – ist er aber nicht.

Ela, die schon fünf Jahre an ihrer Doktorarbeit arbeitet, wird krank.
Dieser autofiktionale Roman beschreibt, wie sie mit den Symptomen umgeht und deren Ursachen findet, die medizinischen und die psychologischen.
„Kranksein gehörte zu meinem Leben, wie für andere das Atmen“, erkennt sie.
Ihre Konzentration liegt notgedrungen auf dem Körper, der immer stark reagiert. Sie bemerkt ständig neue reale Symptome mit daraus resultierenden Untersuchungen und Diagnosen von Ärzten: Kehlkopfentzündung, Herzmuskelentzündung, Asthma, Hashimoto, dann eine Grippe, Hat sie auch eine Katzenallergie entwickelt? Die Krankheitsbilder werden detailliert beschreiben, ebenso die Arztbesuche.
Elas Instinkt will sich nicht auf die Diagnosen einlassen, Tabletten nehmen. Unklare Befunde lassen sie zweifeln, Ängste lassen ihren Körper in Chaos versinken. Sie fragt sich, wie die Symptome zusammenhängen. Währenddessen führt Ela ihr Leben weiter wie bisher. Bald muss sie sich der Prüfung stellen. Ihr Doktorvater bietet ihr eine anschließende akademische Tätigkeit an. Trotz ihrer Krankheitsbilder, ihrer Unpässlichkeit, Bettlägerigkeit denkt sie ununterbrochen an ihre Disputation.
Ihr schwieriges Verhältnis zur Mutter wird beschrieben, das zu ihrem Bruder, ihrer Freundin, auf deren Tochter sie tagsüber aufpasst. Dann macht ihre Mutter unerwartete eigene Schritte im Leben und hat auch vor, auf die Hochzeit des Bruders nach London zu kommen. Inzwischen sitzt Ela in ihrem Chaos aus Krankheiten, Diagnosen und eigenen Vorstellungen und dem Funktionieren fest.

Diese Verzweiflung von langandauernd Kranken wird selten beschrieben. Die Thematik hat unser vollstes Mitempfinden. Doch diese Umsetzung ist für mich streckenweise belastend und das „hinreißend Komische“ konnte ich nur in wenigen Sequenzen entdecken und mehr Humor als Ausgleich hätte vielleicht der Schwere der Situation Elas gut getan. So ist man konfrontiert mit allen Einzelheiten der Symptome diverser Krankheiten und den Diagnosen der Ärzte und Elas Reaktion darauf, was irgendwann beklemmend und ermüdend auf mich gewirkt und eine Distanz zu mir als Leserin geschaffen hat. Allerdings ist es natürlich bedeutsam, die Ursache und den Zusammenhang mit einer ganzheitlichen medizinischen Untersuchung zu verstehen und auf dies hinzuweisen – was in diesem Buch auch geschieht. Und, wichtig, wie Daniela Dröscher am Anfang mitteilt. “Schreibend kann ich versuchen, uns (die Mutter und sie) zu retten. So wie mich das Schreiben immer gerettet hat.“ Und so ist dieser autofiktionale Roman auch ein Heilmittel für sie in Romanform.

Als die Mutter die Reißleine zieht, ist der befreiende Cut eingetreten, die Symbiose zur Mutter, die noch bestand, entzweit, „mein Körper hat im Schatten ihres (der Mutter) Körpers gelebt“, weiß Ela. So findet Ela im letzten Abschnitt zu ihrem ureigenen Werdegang und Selbstermächtigung - eine beschwerliche und erfolgreiche Heldinnenreise. Alles findet an den richtigen Platz.

Die schöne und klare Sprache, die den Roman ausmacht, beeindruckt. Ebenso gelungen und inspirierend fand ich die japanischen Gleichnisse und die vor jedem Abschnitt gedruckten Zitate von Yoko Tawada.
Ela selbst hinterlässt bei mir einen gemischten Eindruck, die anderen Mitspieler bleiben eher flach - Ela nimmt sehr viel Raum ein. Die überbordende Sicht und den Umgang mit den Krankheiten lassen Abstand entstehen. Das entstehende Chaos wird auf den Leser abgeladen.
Einfach zu lesen mit schönem Schreibstil und streckenweise anstrengendem Inhalt.


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