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Veröffentlicht am 16.04.2025

Skurril, mit abgründigem Humor

Der Duft des Wals
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Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, ...

Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, verbindet ihren Flug mit einem anschließenden Urlaub im selben Hotel. Der erhoffte Traumurlaub wird empfindlich gestört, als eines Nachts ein Wal strandet und aufgrund der Fäulnisgase im Inneren explodiert. Der Gestank, der sich über die gesamte Hotelanlage ausbreitet, ist übelkeitserregend und penetrant. Das Hotelpersonal müht sich erfolglos, den Geruch zu übertünchen. Zwei der Angestellten sind der Fahrer Waldemar und das Zimmermädchen Belén.

Hugo, Judith, Ava, Céleste, Waldemar und Belén erzählen die Geschichte abwechselnd aus ihrer Perspektive. Jede und jeder trägt sein Päckchen mit sich herum und reagiert unterschiedlich auf die Lage. Insbesondere die Blickwinkel der drei Familienmitglieder fand ich sehr interessant, da sie zeigen, wie jede:r von ihnen die eigene familiäre Situation beurteilt und mit den Gegebenheiten umgeht. Die Charaktere sind teilweise sehr skurril, insbesondere die tiefgläubige, sich selbst geißelnde Céleste und Ava, die ständig alles mit ihrem Etch A Sketch zeichnet und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.

Was ich etwas schade fand ist, dass sich die einzelnen Erzählperspektiven kaum in ihrem Sprachduktus unterscheiden. Das hätte die Charaktere für mich noch greifbarer gemacht. Bei Ava passt der sehr erwachsene, abgeklärte Ton meines Erachtens auch nicht so gut zu einer Zehnjährigen.
Insgesamt sind Handlung und Figuren sehr skurril, mit abgründigem Humor, und ich habe viel darüber nachgedacht, was mir der Autor damit sagen möchte. Manches bleibt mir unklar, an anderen Stellen lässt sich relativ leicht Gesellschaftskritik herauslesen. Auch der achtlose Umgang mit der Natur, ihre Ausbeutung und Zerstörung werden thematisiert – und die Folgen werden von den Menschen so lange ignoriert und symptomatisch behandelt, bis die Natur eines Tages zurückschlagen wird.

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Veröffentlicht am 28.03.2025

Eher kein Handbuch

Das Geheimnis der Wolken. Handbuch zum Lesen des Himmels
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„Das Geheimnis der Wolken“ von Vincenzo Levizzani trägt den Untertitel „Handbuch zum Lesen des Himmels“, und aufgrund dessen hatte ich ein Buch erwartet, das leicht verständlich und prägnant in die Welt ...

„Das Geheimnis der Wolken“ von Vincenzo Levizzani trägt den Untertitel „Handbuch zum Lesen des Himmels“, und aufgrund dessen hatte ich ein Buch erwartet, das leicht verständlich und prägnant in die Welt der Wolken einführt und auch als übersichtliches Nachschlagewerk dienen kann, wenn man Näheres über ein Himmelsphänomen wissen möchte. Diese Erwartung wurde nicht erfüllt.

Levizzani ist Wolkenphysiker, und dies merkt man seinem Buch auch deutlich an, da er sehr physikalisch-wissenschaftlich formuliert. Ob Sahara-Staub, Hagel, Gewitterzellen oder die Entstehung und Größe von Regentropfen - Levizzani erklärt fundiert, detailliert und ausführlich. Etwas trocken empfand ich seine Ausführungen zu den wichtigsten historischen Wolkenphysikern.

Positiv hervorheben möchte ich die zahlreichen Fotos, Diagramme und Illustrationen, die den Text sehr gut ergänzen und das Geschriebene veranschaulichen. Auch das kleine Glossar am Buchende ist hilfreich.

Wer sich eingehend mit Wolken und ihrer Physik auseinandersetzen möchte, findet hier das perfekte Buch. Wer das im Untertitel versprochene Handbuch mit Nachschlagwerkcharakter sucht, wird eher nicht fündig.

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Veröffentlicht am 08.03.2025

berechnende Mütter, schwache Söhne

Er war ein guter Junge
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Nach dem Tod seines Vaters wächst Giovanni in den 50er Jahren zunächst bei den Großeltern in einem kleinen sizilianischen Dorf auf, bevor er mit 11 Jahren zu Mutter und Schwester nach Sciacca zieht. Dort ...

Nach dem Tod seines Vaters wächst Giovanni in den 50er Jahren zunächst bei den Großeltern in einem kleinen sizilianischen Dorf auf, bevor er mit 11 Jahren zu Mutter und Schwester nach Sciacca zieht. Dort freundet er sich mit dem gleichaltrigen Santino an. Beide haben Mütter, die sich gezielt mit einflussreichen Männern einlassen und schon früh die Zukunft ihrer Söhne planen. Insbesondere Giovannis Mutter Cettina zieht im Hintergrund die Strippen für Giovanni, der einmal ein möglichst reicher Anwalt werden soll. Santiano wird Bauunternehmer, verstrickt sich in undurchsichtige Geschäfte, und auch Giovanni gerät als Anwalt in denselben Kreis aus Abhängigkeiten von der Cosa Nostra.
Simonetta Agnelli Hornby zeichnet anhand der Lebenswege von Giovanni und Santiano ein eindrückliches Bild von der sizilianischen Gesellschaft der 50er bis 90er Jahre. Auch wenn die Verstrickungen der beiden in die Geschäfte der Cosa Nostra zentral sind, liegt der erzählerische Schwerpunkt auf der persönlichen und familiären Ebene. Die mächtigsten Personen im Roman sind die beiden Mütter Cettina und Assunta, denen ihre Söhne treu ergeben sind. Santiano und Giovanni wirken schwach, sind echte Muttersöhnchen, ohne Rückgrat und moralischen Kompass. Insbesondere Giovanni wirkt wie eine Marionette seiner Mutter, die für ihn Beruf, Ehefrau und Haus auswählt und unablässig für ihn netzwerkt. Ich muss gestehen, dass mir bis auf Anna Di Giorgio, eine Kommilitonin Giovannis, und Giovannis Großeltern alle Personen des Romans sehr unsympathisch waren, da sie extrem opportunistisch handelten. Es mag sicherlich so sein, dass es in gewissen Berufen auf Sizilien nahezu unvermeidlich ist, mit der Mafia in Kontakt zu kommen und es schwierig ist, sich deren Einfluss zu entziehen, doch ich konnte bei Santiano und Giovanni auch nicht den Versuch, sich integer zu verhalten, feststellen.
Fazit: Der Roman gibt einen interessanten Einblick in die gesellschaftlichen Strukturen Siziliens in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ich hätte allerdings gerne noch etwas mehr über die konkreten Verflechtungen im Bau- und Anwaltsgewerbe mit der Mafia erfahren. So bleibt mir manches zu vage.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Under pressure

Die Kammer
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„Die Kammer“ wartet mit einem interessanten Setting auf: Fünf Sättigungstaucher und eine Sättigungstaucherin sind auf einem Tauchschiff in einer hyperbaren Tauchkammer eingeschlossen, um während ihres ...

„Die Kammer“ wartet mit einem interessanten Setting auf: Fünf Sättigungstaucher und eine Sättigungstaucherin sind auf einem Tauchschiff in einer hyperbaren Tauchkammer eingeschlossen, um während ihres Arbeitseinsatzes in den Tiefen der Nordsee unter konstanten Druckverhältnissen zu leben. Eines Tages liegt einer der Taucher leblos in seiner Koje. Alle Taucher waren vor ihrer Mission kerngesund – woran ist der Kollege gestorben? Die Situation ist für alle fünf belastend, zumal der Leichnam nicht einfach durch eine Luke nach draußen geschafft werden kann, da die Kammer auf die Druckverhältnisse 100 Meter unter der Meeresoberfläche eingestellt ist und eine Dekompression mehrere Tage dauert. Es bleibt nicht bei einem Todesfall, und die Nerven der Überlebenden liegen zunehmend blank…

Das Grundprinzip – eine Gruppe von Menschen ist abgeschlossen von der Außenwelt, und es kommt zu einem ungeklärten Todesfall – ist nicht neu, doch die Idee, das Ganze in eine Druckkammer zu verlegen, fand ich sehr spannend. Ich habe mich bisher noch nie mit Sättigungstauchen beschäftigt und konnte so einen interessanten Einblick in diese herausfordernde Tätigkeit bekommen. Sehr hilfreich ist in diesem Zusammenhang das Glossar am Ende des Buches. Ich hätte es toll gefunden, wenn der Autor in einem Nachwort näher auf seine Recherchen zum Sättigungstauchen eingegangen wäre, um beurteilen zu können, wie realistisch die Lebens- und Arbeitsverhältnisse in der Druckkammer beschrieben wurden.

Die Geschichte wird aus Sicht der Sättigungstaucherin Ellen Brooke erzählt und bleibt bis zum Schluss hochspannend. Allerdings bin ich mit dem Schluss nicht ganz glücklich, da bleiben für mich ein paar Ungereimtheiten zurück.
Sprachlich ist der Thriller eher einfach gehalten. Der Schreibstil ist nüchtern und direkt, passend zu den hartgesottenen Figuren, die als Sättigungstaucher mental und körperlich belastbar sein müssen und alle auf eine lange Karriere mit teils harten und psychisch belastenden Einsätzen zurückblicken. Etwas unnötig und nervig fand ich die vielen Wiederholungen, etwa zur Hygiene in der Druckkammer. Auch wenn ich mit der Ich-Erzählerin mitfieberte und mitfühlte, blieb ich doch zu den Figuren insgesamt auf Distanz, wahrscheinlich, weil ich mit den eher rauen Charaktere nicht so richtig warm wurde.

Insgesamt ein spannender Thriller, der vor allem durch seinen ausgefallenen Schauplatz besticht.

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Veröffentlicht am 04.03.2025

Der schöne Schein

Ein ungezähmtes Tier
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Bisher hatte ich von Joël Dicker noch nichts gelesen, aber die Leseprobe hat mich sofort angesprochen, und so war ich sehr gespannt auf das Hörbuch.
Sophie und Arpad wohnen in einem großen Haus in einem ...

Bisher hatte ich von Joël Dicker noch nichts gelesen, aber die Leseprobe hat mich sofort angesprochen, und so war ich sehr gespannt auf das Hörbuch.
Sophie und Arpad wohnen in einem großen Haus in einem Nobelvorort von Genf und sind ein Bilderbuchpaar - glücklich verheiratet, zwei Kinder, wohlhabend, tolle Jobs. Mit dem Ehepaar Greg und Karine aus der Nachbarschaft verbindet sie seit kurzem eine Freundschaft, die für den Polizisten Greg jedoch viel mehr ist. Er ist besessen von Sophie und spioniert ihr nach. Doch da ist nicht nur Greg, sondern auch ein geheimnisvoller Unbekannter, der Sophies Schritte verfolgt…Und wie hängt das alles mit einem Juwelenraub in der Genfer Innenstadt zusammen?

Joël Dickers Thriller beginnt mit einem Juwelenraub in Genf und blickt von diesem Tag im Juli 2022 zurück auf die Ereignisse der Wochen zuvor. In weiteren Rückblenden erfährt man Stück für Stück immer mehr über die Vergangenheit und das Leben der Figuren in den letzten 15 Jahren. Diese Zeitsprünge erfordern eine gute Konzentration und genaues Zuhören, doch ich liebe Romane, die häufig die Zeitebene wechseln, so dass mich genau dieser Kniff sehr angesprochen hat. Dicker hat einen raffiniert konstruierten Thriller entworfen, der bis zur allerletzten Seite hochspannend bleibt und immer wieder mit unerwarteten Wendungen überrascht. Weniger überzeugt haben mich die Figuren, die mir zudem ausnahmslos unsympathisch waren. Diese sind diese entweder schickimicki-neureich oder darauf bedacht, mit den Reichen mithalten zu können. Der schöne Schein und Status sind alles. Moralische Bedenken hat keiner der Protagonisten während der gesamten Handlung, der eigene Vorteil ist der einzige Antrieb. Dies führte dazu, dass es mir tatsächlich egal war, wie die Geschichte für die einzelnen Charaktere ausging, und mich die Story emotional völlig kalt ließ.
Torben Kessler liest das Hörbuch mit klarer, angenehmer Stimme und versteht es, jeder Figur einen eigenen Ton zu verleihen. Ich habe ihm sehr gerne zugehört.

Insgesamt hat mich der Thriller sehr gut unterhalten und war bis zu Schluss sehr spannend. Allerdings wirkte die Geschichte doch recht konstruiert, stellenweise etwas überzogen und wenig glaubwürdig. Hierfür vergebe ich knappe 4 Sterne.

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