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Monsieur

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Veröffentlicht am 07.03.2025

Eine Unterhaltung, die im Zug Fahrt aufnimmt

In einem Zug
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Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits ...

Daniel Glattauers Roman "In einem Zug", der am 13. Januar 2025 bei Dumont erschienen ist, kann in vielerlei Hinsicht als eine Rückbesinnung auf die größten Stärken des Autors angesehen werden. Wie bereits in seinem Bestseller "Gut gegen Nordwind" gelingt es Glattauer erneut, eine eindringliche Erzählung auf engstem Raum zu inszenieren, die durch ihre Dialogführung beeindruckt.
Die Handlung ist denkbar simpel: Eduard Brünhofer, ein gefeierter Autor von Liebesromanen, sitzt im Zug nach München einer jungen Frau, Catrin, gegenüber. Und sie beginnen eine Unterhaltung. Was als belangloses Gespräch beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einer tiefgehenden Konversation, in der sich die beiden Fremden mit einer erstaunlichen Offenheit begegnen. Der Leser wird Zeuge eines sich entfaltenden Dialogs, in dem Eduard und Catrin sich gegenseitig Einblicke in ihre innersten Gedanken und Gefühle gewähren.
Glattauer bleibt seinem Stil treu und erschafft eine beeindruckende Charakterzeichnung allein durch die Worte seiner Figuren. Die gesamte Handlung entfaltet sich fast ausschließlich in der Unterhaltung zwischen den beiden, nur unterbrochen von kurzen, reflektierenden Einschüben. Die Konservation nimmt bald an Intensität zu, begünstigt auch durch den Genuss von etwas Wein. Eduards anfängliche Zurückhaltung weicht einem immer offeneren Gespräch, in das Catrin sich mehr und mehr einbringt.
Die Metaphorik der Zugfahrt als Sinnbild für den fortlaufenden Gesprächsfluss ist brillant gewählt: So wie der Zug zwischen den Stationen nicht anhalten kann, so scheinen auch Eduard und Catrin sich nicht mehr aus ihrem Gedankenaustausch lösen zu können. Sie springen von Thema zu Thema, tasten sich langsam an immer intimere Geständnisse heran und verlieren sich schließlich ganz in ihrem Dialog.
Glattauer versteht es, seine Leser zu fesseln, auch wenn sich die gesamte Handlung auf den begrenzten Raum einer Zugkabine beschränkt. Die emotionale Tiefe und die kunstvolle Sprachführung machen "In einem Zug" zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis. Zwar mag die eine oder andere dramaturgische Wendung am Ende etwas unnötig erscheinen, doch beeinträchtigt dies nicht die Gesamtharmonie des Romans. Fans von "Gut gegen Nordwind" werden an diesem Werk große Freude haben.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Verlorene Träume

Die Tage nach dem Pflaumenregen
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Karissa Chens Debütroman "Die Tage nach dem Pflaumenregen", der am 27. Februar 2025 im Gutkind Verlag erscheint, ist ein ambitioniertes Werk, das das Schicksal zweier Menschen eng mit der Geschichte Chinas ...

Karissa Chens Debütroman "Die Tage nach dem Pflaumenregen", der am 27. Februar 2025 im Gutkind Verlag erscheint, ist ein ambitioniertes Werk, das das Schicksal zweier Menschen eng mit der Geschichte Chinas verknüpft. Schon im Vorfeld deutete sich eine epische, zeitlich umspannende Erzählweise an, die die Lebenswege der Protagonisten Sushi und Haiwen von ihrer Kindheit in den 1930er Jahren bis zu ihrem späten Wiedersehen in Los Angeles nachzeichnet.
Die Geschichte beginnt im Jahr 1938, als sich die beiden Nachbarskinder Sushi und Haiwen kennenlernen. Beide sind schüchtern und zurückhaltend, doch gerade diese Gemeinsamkeit bringt sie einander näher. Hinter ihren stillen Fassaden verbergen sich große Träume: Haiwen möchte eines Tages als professioneller Geiger auftreten, während Sushi von einer Karriere als Sängerin träumt. Doch das Schicksal hat andere Pläne für sie, und die Leser wissen bereits zu Beginn, dass sie weder ihre Träume verwirklichen noch als Paar zusammenfinden werden. Dies wird durch eine kluge Erzählentscheidung der Autorin früh enthüllt: Gleich zu Beginn beschreibt sie ein erneutes Aufeinandertreffen der beiden in Los Angeles – sechzig Jahre später.
Der Roman schildert in einem prägnanten und fließenden Erzählstil die Lebenswege der beiden Hauptfiguren. Feinfühlig beschreibt Karissa Chen die stillen Momente ihrer Kindheit, das vorsichtige Erkunden des anderen Geschlechts und die ersten Herausforderungen, die ihnen in den Weg gelegt werden. Besonders Sushis Eltern stehen einer Verbindung mit Haiwen skeptisch gegenüber, und doch könnte man anfangs meinen, dass ihre Freundschaft die Widerstände überdauern wird.
Doch das Leben hält andere Wendungen bereit: Haiwen gibt seine Karriere als Geiger und auch seine Beziehung zu Sushi auf, um sich dem Militär anzuschließen und seiner Familie zu helfen. Damit gerät sein Leben auf eine völlig andere Bahn, und erst im Alter wagt er einen letzten Versuch, die Vergangenheit wieder aufleben zu lassen. Doch kann man einst verlorene Träume wiederbeleben? Oder sind sie im Laufe der Jahre nur noch blasse Erinnerungen?
„Die Tage nach dem Pflaumenregen“ wirft grundlegende Fragen über Identität und Anpassung auf. Chen zeichnet das Bild zweier Menschen, deren Charakter nicht festgelegt ist, sondern sich den Umständen beugen muss. Vielleicht ist es ein notwendiger Überlebensmechanismus – nicht nur für Individuen, sondern auch für Nationen. Während Sushi und Haiwen mit den Umwälzungen ihrer Heimat ringen, verändert sich auch China über sechs Jahrzehnte hinweg radikal. Politische und gesellschaftliche Umbrüche sind nicht nur eine Kulisse, sondern nehmen direkten Einfluss auf die Lebenswege der Figuren. Die Autorin zeigt auf, dass persönliche Schicksale stets untrennbar mit historischen Ereignissen verwoben sind.
Sushi und Haiwen verlassen China schließlich und beginnen in den USA ein neues Leben. Sushi übernimmt die Verantwortung für ihre Schwester und nimmt selbst die erniedrigende Arbeit in einem Restaurant auf sich. Doch aus dieser Notlage entwickeln sich unerwartete Wendungen: Ein reicher Gönner nimmt sie zur Frau, und sie wird Mutter. Doch trotz ihrer neuen Familie scheint Sushi nie wahres Glück zu finden. Ähnlich ergeht es Haiwen, der ohne Musik und ohne Sushi ein Dasein fristet, das ihn ebenso wenig erfüllt.
Eine der zentralen Fragen des Romans lautet daher: Hätten sie ihr Glück gefunden, wenn sie auf ihrem ursprünglichen Weg geblieben wären? Oder waren ihre Träume in einem von Krieg und Revolution geprägten Land ohnehin zum Scheitern verurteilt? Karissa Chen wagt keine eindeutige Antwort, sondern überlässt es den Lesern, selbst darüber nachzudenken, wie viel Einfluss ein Einzelner auf sein Schicksal hat.
Für einen Debütroman ist „Die Tage nach dem Pflaumenregen“ ein durchaus gelungenes Werk. Karissa Chen nimmt sich die Zeit, ihre Protagonisten über Jahrzehnte hinweg zu begleiten, ohne dass der Roman dabei überladen oder unausgeglichen wirkt. Trotz des historischen Hintergrunds erhebt das Buch keinen belehrenden Anspruch und konzentriert sich in erster Linie auf die beiden Hauptfiguren. Ihre Erlebnisse stehen zwar exemplarisch für viele chinesische Emigranten, doch bleiben sie in ihrer individuellen Tiefe glaubwürdig und greifbar.
Der Roman folgt einer bewährten Erzählstruktur, wie sie bereits in vielen Werken über das Leben im Exil zu finden ist. Dennoch gelingt es Chen, das Thema auf eine Weise zu behandeln, die berührt und zum Nachdenken anregt. „Die Tage nach dem Pflaumenregen“ ist eine einfühlsame Geschichte über verpasste Chancen, über die Anpassungsfähigkeit des Menschen und über die Frage, ob sich verlorene Träume jemals wiederfinden lassen. Wer sich auf das bewegende Schicksal von Sushi und Haiwen einlässt, wird in diesem Buch einige fesselnde Lesestunden erleben.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Umwege eines Lebens

Für Polina
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Takis Würgers neuer Roman "Für Polina", erschienen am 26. Februar 2025 im Diogenes Verlag, stellt erneut eine außergewöhnliche Frauenfigur ins Zentrum der Geschichte. Die titelgebende Polina ist jedoch ...

Takis Würgers neuer Roman "Für Polina", erschienen am 26. Februar 2025 im Diogenes Verlag, stellt erneut eine außergewöhnliche Frauenfigur ins Zentrum der Geschichte. Die titelgebende Polina ist jedoch nicht konkurrenzlos, denn der Erzähler Hannes, der seit seiner Kindheit mit ihr verbunden ist, verfolgt noch eine zweite bedeutende Leidenschaft: das Klavierspielen.
Hannes ist ein schüchterner und verschlossener Junge, der zunächst kaum den Eindruck erweckt, ein besonderes Talent zu besitzen. Er wächst vaterlos bei seiner Mutter Fritzi auf, die ihn als junges Mädchen während einer Italienreise unfreiwillig mit einem Marmorhändler gezeugt hat. Durch eine fast zufällige Begebenheit kommt er in Kontakt mit dem Klavier seines Vermieters Heinrich Hildebrand und entdeckt seine außergewöhnliche Begabung. Bald zeigt sich nicht nur sein Talent für das Spiel, sondern auch für das Komponieren. Hannes, der zuvor ziellos durchs Leben driftete und in der Schule wenig Erfolg hatte, findet in der Musik eine Bestätigung, die ihm Halt gibt und seine Träume entfacht.
Doch der Preis für diese Kunst ist hoch. An einem bestimmten Punkt beschließt Hannes, ihn nicht länger zu zahlen. Dies führt ihn in eine existenzielle Krise, in der er sich mehrmals verliert, aber auch immer wieder findet. Hannes ist eine vielschichtige Figur, die oft zwischen Extremen schwankt. Er fürchtet den Verlust von Dingen, die ihm wichtig sind, und neigt dazu, aufzugeben, bevor er eine Niederlage erleiden könnte. Dies betrifft nicht nur seine Beziehung zur Musik, sondern auch seine Liebe zu Polina. Obwohl er sich zeitlebens nach ihr sehnt, weist er sie in jungen Jahren immer wieder unbewusst zurück.
Die beiden lernen sich in einer fast villenartigen Mietwohnung kennen, in der Hannes mit seiner Mutter lebt. Polina ist die Tochter einer Freundin von Fritzi. Mit der Zeit entwickelt sich zwischen den beiden eine enge Verbindung. Zunächst wirkt es, als sei Hannes hingebungsvoll an ihr interessiert, während Polina distanzierter bleibt. Doch ein Band zwischen ihnen bleibt bestehen, auch wenn es immer wieder zu reißen droht.
Polina führt ein anderes Leben als Hannes. Sie ist unabhängiger und trifft selbstbewusster Entscheidungen, die sie jedoch nicht vor Fehlern bewahren. Auch sie muss mit Fehltritten und Reue umgehen. Trotz der starken Verbindung der beiden zeichnet "Für Polina" weniger die Momente des Zusammenseins nach, sondern konzentriert sich auf das Getrenntsein. Der Roman ist mehr eine Innenschau Hannes' als eine klassische Liebesgeschichte. Er erkennt zu spät, dass sowohl Polina als auch die Musik sein wahres Lebensglück darstellen. Erst nachdem er auf Abwege geraten ist, findet er den Weg zu sich selbst.
Obwohl Polina als Figur weniger im Fokus der Erzählung steht, bleibt sie stets im Hintergrund präsent und hat eine große Strahlkraft auf Hannes' Leben. Die Erzählweise des Romans gleicht einem wilden Ritt, der bereits mit Fritzis Italienreise an Fahrt aufnimmt und bis zur letzten Seite nicht an Tempo verliert. Auf knapp 300 Seiten schildert Würger die Stationen von Hannes' Leben, von seiner Kindheit bis zum Beginn seiner großen Karriere, und lässt dabei auch seine zahlreichen Umwege nicht aus.
Der Roman ist in einem schnörkellosen Stil geschrieben, der oft nur einen knappen Abriss einzelner Ereignisse liefert, fast wie eine Inhaltsangabe. Würger verweilt selten länger bei einer Szene und springt schnell von einem Meilenstein zum nächsten. Dennoch wirkt der Roman nicht überhastet oder oberflächlich. Besonders die detailreichen Beschreibungen von Hannes' Beruf als Klavier-Transporteur sowie die Charakterisierung von Nebenfiguren wie seinem Chef Blau oder seinem Kollegen Bosch verleihen der Geschichte Tiefe.
Allerdings gibt es auch Aspekte, die weniger gelungen erscheinen. Die Darstellung von Hannes als Wunderkind wirkt oft überzogen und wenig glaubwürdig. Zudem erscheint die Musikwelt, wie sie Würger schildert, manchmal klischeehaft und nicht immer realistisch. Der Roman bietet in dieser Hinsicht wenig Neues und bleibt letztlich ein unterhaltsames, aber nicht innovatives Werk.
"Für Polina" präsentiert sich als solider Liebesroman, der insbesondere durch die eindrucksvolle Darstellung von Hannes' Lebenskrise und deren Überwindung punktet. Auch wenn die Liebesgeschichte vorhersehbar ist, sorgt das hohe Erzähltempo sowie die Leuchtkraft der Figuren für anhaltende Spannung. Der Roman lebt von den Irrwegen, die Hannes' Leben nimmt, und zeigt eindrucksvoll, dass man manchmal Umwege gehen muss, um das Wesentliche zu erkennen. Trotz seiner Schwächen ist "Für Polina" ein fesselnder Roman, der seine Leser mitnimmt auf eine Reise durch ein Leben voller Musik, Liebe und Selbstfindung.

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Veröffentlicht am 25.02.2025

Distanzierte Sicht auf eine Katastrophe

Super-GAU
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Bea Davies wagt sich mit ihrer Graphic Novel "Super-GAU" an ein Thema heran, das in der Literatur bislang nur selten behandelt wurde: die Fukushima-Katastrophe von 2011. Am 25. Februar 2025 im Carlsen ...

Bea Davies wagt sich mit ihrer Graphic Novel "Super-GAU" an ein Thema heran, das in der Literatur bislang nur selten behandelt wurde: die Fukushima-Katastrophe von 2011. Am 25. Februar 2025 im Carlsen Verlag erschienen, verwebt die Künstlerin geschickt Fiktion und Realität, indem sie die Katastrophe nicht direkt darstellt, sondern vielmehr die mentalen Auswirkungen auf acht Berliner in den Fokus rückt. Dieser indirekte Zugang spiegelt die Art und Weise wider, wie viele Menschen in Deutschland das Ereignis damals erlebt haben – durch Nachrichten, Gespräche und schleichende Sorgen.
Die Wahl, die Geschichte nicht aus der Perspektive unmittelbar Betroffener zu erzählen, sondern aus der Sicht von Menschen, die Tausende Kilometer entfernt sind, ist eine mutige und gleichzeitig treffende Entscheidung. Sie ermöglicht es den Lesern, sich mit den Figuren zu identifizieren, die selbst von der Katastrophe nur aus zweiter Hand erfahren und dennoch mit ihren Auswirkungen konfrontiert werden. Anfänglich ist das Unglück für die Figuren nur eine Randnotiz in den Nachrichten, doch im Verlauf der Geschichte beginnt es, sich in ihre Gedankenwelt einzuschleichen, Ängste hervorzurufen und das alltägliche Leben zu beeinflussen – sei es durch besorgte Diskussionen, Reflexionen über die eigene Sicherheit oder direkte Auswirkungen auf Familie und Freunde.
Diese Erzählweise macht sich die universelle Erfahrung zunutze, dass es bestimmte historische Momente gibt, die sich unauslöschlich in unser kollektives Gedächtnis eingebrannt haben. Die Fukushima-Katastrophe gehört sicherlich dazu – ein Ereignis, von dem viele Menschen noch genau wissen, wo sie waren, als sie davon erfuhren. Die Graphic Novel spielt geschickt mit diesen Erinnerungen und schafft eine Brücke zwischen den fiktionalen Schicksalen der Figuren und den realen Erfahrungen der Leser. Dadurch entfaltet "Super-GAU" eine emotionale Wirkung, die über den reinen Inhalt hinausgeht und eigene Erinnerungen an diesen Tag wachruft.
Mit nur 208 Seiten und einem Fokus auf Bildsprache anstelle von ausführlichem Text ist "Super-GAU" erzählerisch knapp gehalten. Acht Figuren ausreichend Raum zur Entfaltung zu geben, ist eine große Herausforderung – Davies begegnet dieser, indem sie ihre Geschichte eher skizzenhaft erzählt. Vieles bleibt angedeutet, Leerstellen werden bewusst offengelassen, sodass die Leser dazu eingeladen sind, sich selbst ein Bild zu machen und eigene Gedanken zu den Charakteren und ihrer Entwicklung zu formen.
Diese skizzenhafte Erzählweise spiegelt sich auch in der visuellen Gestaltung wider. Davies’ Illustrationen sind bewusst reduziert, oft nur flüchtig angedeutet und verzichten auf übermäßige Detailfülle. Die Figuren und Hintergründe wirken teilweise abstrahiert, was den introspektiven Charakter der Geschichte unterstreicht. Dieser Stil unterstützt die Atmosphäre der Unsicherheit und des Ungewissen, die das Fukushima-Unglück nicht nur für die Betroffenen in Japan, sondern auch für Menschen in anderen Teilen der Welt ausgelöst hat.
Letztlich ist "Super-GAU" weniger eine klassische Graphic Novel mit einer stringenten Handlung als vielmehr ein Denkanstoß. Die Lektüre regt dazu an, sich erneut mit der Fukushima-Katastrophe auseinanderzusetzen und über deren langfristige Folgen nachzudenken – sowohl auf gesellschaftlicher als auch auf persönlicher Ebene. Gleichzeitig spiegelt das Buch die Unterschiedlichkeit individueller Lebensrealitäten wider. Jede der acht Figuren erlebt den 11. März 2011 auf ihre eigene Weise, und doch verbindet sie alle die gleiche Nachricht, das gleiche Entsetzen, die gleichen Fragen. Diese Parallelen lassen auch die Leser innehalten und ihre eigenen Erinnerungen mit denen der Charaktere abgleichen.
"Super-GAU" bleibt trotz seiner künstlerischen und erzählerischen Stärken ein eher zurückhaltendes Werk, das sich nicht durch spektakuläre Inszenierung oder emotionale Zuspitzung auszeichnet, sondern durch seine leise, aber nachhaltige Wirkung. Es ist eine Graphic Novel, die vielleicht nicht sofort mitreißt, aber nachhallt – und genau darin liegt ihre Stärke. Wer eine tiefgründige Reflexion über Katastrophen, Medienwahrnehmung und die Fragilität des Alltags sucht, wird in diesem Werk einen wertvollen Beitrag finden.

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Vergangenheit und Gegenwart, Ost-Berlin und Budapest

Rückkehr nach Budapest
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Mit "Rückkehr nach Budapest" nähert sich die Autorin Nikoletta Kiss einem altbekannten Thema auf eine neue Weise. In der deutschsprachigen Literatur wurden die DDR und das Leben in Ost-Berlin bereits vielfach ...

Mit "Rückkehr nach Budapest" nähert sich die Autorin Nikoletta Kiss einem altbekannten Thema auf eine neue Weise. In der deutschsprachigen Literatur wurden die DDR und das Leben in Ost-Berlin bereits vielfach behandelt, sei es durch Historienromane oder Zeitzeugenberichte. Namhafte Autoren haben sich diesem Kapitel deutscher Geschichte gewidmet, wodurch die Erwartungen an Kiss hoch sind. Doch bereits der Titel und die Vita der Autorin deuten darauf hin, dass sie einen ungewöhnlichen Zugang wählt. Sie verwebt das sozialistische Budapest in das Narrativ, eine selten betrachtete Perspektive, die frische Impulse in das Thema bringt.
Der Roman erzählt die Geschichte der Protagonistin Márta, die zwischen zwei Welten steht. Ihre Teilmigration von Budapest nach Ost-Berlin ermöglicht ihr einen Blick auf das System, der sich von dem einer in der DDR aufgewachsenen Person unterscheidet. Márta flieht vor ihrem trinkenden Vater und findet Zuflucht bei ihrer Freundin in Ost-Berlin. Durch ihre sprachlichen und kulturellen Vorkenntnisse kann sie schnell in das kulturelle Leben der Stadt eintauchen. Dort begegnet sie Konstantin, einem Dichter, der sich zunehmend als regimekritischer Schriftsteller profiliert. Sein großes Romanprojekt entlarvt die Zustände in einem Internat, das von staatlicher Repression geprägt ist, und bringt ihn in Gefahr.
Als Konstantins brisantes Manuskript in Umlauf gerät, nimmt die Handlung eine dramatische Wendung. Márta wird in eine Auseinandersetzung verwickelt, die sie zwischen Loyalität zu ihren Freunden und der Angst vor dem repressiven System hin- und herreißt. Ihr Blick auf die politische Lage bleibt differenziert. Im Gegensatz zu Konstantin, der eine kompromisslose Haltung gegenüber dem Regime einnimmt, erkennt sie zwar dessen Mängel, verfolgt aber zunächst keine explizit politische Agenda. Vielmehr zieht es sie nach Berlin, um ihren Freundinnen Theresa und Katja nahe zu sein. Erst durch ihre Beziehung zu Konstantin entwickelt sie ein Bewusstsein für die politischen Verhältnisse, kann sich seiner Anziehungskraft jedoch nicht entziehen.
Márta ist eine ambivalente Protagonistin. Ihre Passivität und ihre Neigung, schwierigen Situationen aus dem Weg zu gehen, stehen im Kontrast zu Konstantins Entschlossenheit. Dieser Gegensatz erzeugt Spannung, insbesondere als ihre Freundschaft zu Theresa und Katja auf die Probe gestellt wird. Eifersucht durchzieht ihre Beziehungen, da Konstantin eine charismatische Macht auf alle ausübt. Kiss gelingt es, ein komplexes Beziehungsgeflecht zu zeichnen, das zwischen Faszination, Abhängigkeit und Rivalität schwankt.
Strukturell setzt der Roman auf eine raffinierte Erzählweise mit mehreren Zeitebenen. Die Haupthandlung in Ost-Berlin wird durch Mártas Gegenwartsperspektive in Budapest ergänzt. Nach vielen Jahren kehrt sie zur Beerdigung von Theresa zurück. Schnell wird deutlich, dass ungelöste Konflikte aus der Vergangenheit in ihr nachwirken. Die Rückblenden erlauben es dem Leser, nach und nach in die Geschehnisse von damals einzutauchen. Dadurch entsteht nicht nur ein Wechsel zwischen Budapest und Ost-Berlin, sondern auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Diese narrative Verzahnung macht deutlich, dass Mártas Leben nicht strikt in "damals" und "heute" unterteilt werden kann – ebenso wenig wie die Grenzen zwischen den beiden Städten klar gezogen werden können.
Die Stärke des Romans liegt in seiner differenzierten Figurenzeichnung. Besonders Konstantin bleibt im Gedächtnis, da seine Überzeugungen klar fassbar sind, obwohl er selbst mit Zweifeln zu kämpfen hat. Er zögert lange, sein Romanprojekt zu veröffentlichen, was seine Zerrissenheit verdeutlicht. Die anderen Charaktere sind weniger eindeutig gezeichnet, aber gerade dadurch spannend. Ihre Beweggründe bleiben lange unklar, was zu einem Geflecht aus Lügen und Intrigen führt, das Kiss geschickt entfaltet.
Auch das Motiv des Widerstands gegen das Regime wird überzeugend umgesetzt. Während viele Romane dieses Themas mit pathetischen Heldenerzählungen arbeiten, bleibt Kiss realistisch. Die Figuren werden mit der Härte des Freiheitskampfes konfrontiert, aber die Geschichte vermeidet überzogene Dramatisierungen. Stattdessen setzt sie auf feine Zwischentöne und den psychologischen Druck, der auf den Figuren lastet.
Insgesamt überzeugt "Rückkehr nach Budapest" durch seine Stärken: Es ist kein bahnbrechender Roman, aber er bietet eine selten gelesene Perspektive auf die DDR. Die literarische Qualität ist nicht überragend, doch das Zusammenspiel aus politischen Themen, persönlichen Beziehungen und einer komplexen Erzählstruktur hebt das Werk von anderen historischen Romanen ab. Besonders die Randgeschichte über die fragile Frauenfreundschaft zwischen Márta, Theresa und Katja verleiht dem Buch eine zusätzliche Tiefe. Nikoletta Kiss ist es gelungen, einen historischen Roman mit unkonventionellen Elementen zu schreiben, der sich durch eine interessante Erzählweise und nuancierte Figurenkonstellationen auszeichnet.

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