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Veröffentlicht am 09.06.2025

"Wir fahren in den Amethyst. Und feiern."

Nacht über Soho
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Nacht über Soho von Kate Atkinson (DuMont Verlag)

Um in den Amethyst zu gelangen, musste man als Erstes zwischen den beiden Granitobelisken von Türstehern vorbei, zwei ehemaligen gnadenlosen Straßenkämpfern, ...

Nacht über Soho von Kate Atkinson (DuMont Verlag)

Um in den Amethyst zu gelangen, musste man als Erstes zwischen den beiden Granitobelisken von Türstehern vorbei, zwei ehemaligen gnadenlosen Straßenkämpfern, die stolz darauf waren, Nellies Wachhunde zu sein.
„Jungs“, sagte sie und nickte ihnen zu.
Sie verzogen kaum eine teilnahmslose Miene, um sie zu begrüßen, auch wenn sich in ihnen ein Gemeinschaftsgefühl regte. Beide waren mehrmals im Gefängnis gewesen. Nellie war jetzt eine von ihnen. S.184

Vorhang auf für Nellie Coker und ihren Clan. Auf der Showbühne von Kate Atkinsons Roman über das Londoner Nachtleben der 20iger Jahre tummeln sich eine Vielzahl von interessanten Charakteren. Hier besticht Kate Atkinson mit ihrem Talent der ausgezeichneten Figurenbeschreibung. Trotz der zahlreichen Protagonisten verliert man nie den Überblick, da die Autorin durch einen kalkulierten, strukturierten und bestechend bildhaften Schreibstil brilliert.
Die knallharte Geschäftsfrau Nellie, die ihre Inspiration der realen Nachtclub-Königin Kate Meyerick zu verdanken hat, ist die Drahtzieherin ihres erschaffenen Imperiums. Das Setting des Sohoer Nachtlebens und der illustren Clubgesellschaft beschreibt die Autorin in schillernden Farben. Neben den Reichen, Mächtigen, Korrupten und kriminellen Banden tummeln sich die leichten Mädchen und Nellies sechs Kinder, die zum Missfallen ihrer Mutter ihre eigenen Wünsche und Ziele verfolgen. In diesem Pfuhl ermittelt der engagierte Detective Chief Inspector John Frobisher. Sein Ziel; schwarze Schafe ausfindig zu machen und tief im Sumpf des Coker-Clans zu rühren. Er will das Kartenhaus der Cokers zum Einsturtz bringen. Mehr noch interessieren ihn die verschwundenen Mädchen, die sich im Sohoher Nachtleben in Luft aufzulösen scheinen. Aus diesem Grund schleust er Gwendolen Kelling, eine Bibliothekarin in einen von Nellies Nachtclub ein. Ihre Intention ist die Suche nach der verschwundenen Schwester ihrer Freundin. Hieraus entwickelt sich ein Kriminalfall, da einige der vemissten Mädchen bald leblos aus dem Wasser gefischt werden.

Fazit: Die britische Schriftstellerin schreibt ein Gemisch aus Gesellschaftsroman, Familiengeschichte und historischem Krimi. Sie beschert uns hervorragenede Lesestunden mit dem vorliegenden fesselndem Theater. Mit einem unaufgeregten Charme erzählt sie diese Geschichte spannend und mit einer feinen Ironie, für mich eine Mischung, die begeistert!

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Veröffentlicht am 02.06.2025

Wie das Leben so spielt!

Sputnik
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Sputnik von Christian Berkel (Ullstein Verlag)

Ein Foto von meinem Gehirn. Das wäre schon etwas anderes als der Milchzahn, mit dem sich Martin letzte Woche produziert hatte. Das war ein Mutterwort. „Produzier ...

Sputnik von Christian Berkel (Ullstein Verlag)

Ein Foto von meinem Gehirn. Das wäre schon etwas anderes als der Milchzahn, mit dem sich Martin letzte Woche produziert hatte. Das war ein Mutterwort. „Produzier dich nicht so“, sagte sie immer, wenn ich Dinge etwas zu ausführlich schilderte. Sie erklärte mir, dass so etwas nur Angeber täten – besser wäre es, man übe sich in Bescheidenheit. Angeber fielen zwar auf, aber niemand erinnerte sich gerne an sie. „Und wir wollen doch nicht, dass man dich vergisst.“ Nein, das wollte ich nicht. Vergessen werden war das Schlimmste, was einem passieren konnte, schlimmer als der Tod, aber daran wollte ich jetzt nicht denken. Ich hatte noch alle Milchzähne und war von Martins Geschichte ziemlich beeindruckt gewesen. S.36

Dieses Mal steht Christian Berkel selbst auf der Bühne des Lebens. Er erzählt seine Geschichte. Und diese ist leichte und gleichzeitig schwere Kost, poetisch und alltäglich einfach, ergreifend und lustig delikat. Sein Schreibstil ist wunderbar. Ich mag seine klaren Sätze und die zahlreichen anschaulichen Anekdoten. An manchen Stellen erfasst mich eine Gänsehaut, die sich langsam über den Körper zieht, bis das letzte Wort im Bewusstsein angekommen ist. Genau so streift er privaten Themen oberflächlich und für den Leser gerade noch erträglich. Alte Bekannte aus „Der Apfelbaum“ und „Ada“ bereichern die Episoden und komplettieren diese angenehme Zeitreise.
Das Cover mit dem jungen Berkel reiht sich passend und prägend neben den zwei vorangegangenen Romanen ein.

Fazit: Mir hat dieses Werk unheimlich gut gefallen. Christian Berkel bleibt sich treu und vervollständigt mit „Sputnik“ seine Familen-Trioligie in gewöhnt angenehmen Stil. Einfach wunderbar und empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 16.03.2025

Ein intensives Leseerlebnis

Emma
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Emma von Jean Reno (lübbe Verlag)

Mit weit geöffneten Armen geht sie zu Fuß aufs Meer zu. Der Wind bläst so stark, dass er ihr fast den Atem nimmt und auf ihrer Zunge den salzigen Geschmack von Tränen ...

Emma von Jean Reno (lübbe Verlag)

Mit weit geöffneten Armen geht sie zu Fuß aufs Meer zu. Der Wind bläst so stark, dass er ihr fast den Atem nimmt und auf ihrer Zunge den salzigen Geschmack von Tränen hinterlässt. Ihre Mutter hat ihr erzählt, dass sie schon mit drei Jahren so aufs Meer zugelaufen war: die Ärmchen ausgebreitet wie Flügel, überzeugt davon, wegfliegen zu können.

„Ich hatte Angst, dass ein Windstoß dich mitnimmt, mein Liebes...“

Ihre Mutter ist hier überall. Emma versucht, ihr Bild wachzurufen – ihre anmutige Gestalt, wie sie sich hier in die Fluten stürzt. Jeanne war übermütig und verrückt und außerdem so schön, dass sie alle Herzen im Sturm eroberte. Sie liebte es, im Winter schwimmen zu gehen: „um meine Zellen zum Tanzen zu bringen“, pflegte sie lachend zu sagen. S.17

Er schreibt so schön! Seine Worte berühren mich und streicheln meine Seele!
Ich habe mich in diesen Roman verliebt, vielleicht, weil Emma in diesem Moment so verletzlich ist und die Parallelen unübersehbar sind.
Ja, und ich liebe Frankreich und die Bretagne, den Ort, wo dieser Roman beginnt. Die detaillierten Beschreibungen der Natur, die Landschaft, die Kultur und die Gepflogenheiten in dem französischen Landstrich und später im Oman sind bildhaft und sehr interessant dargestellt. Die Probleme, die Jean Reno anspricht, verpackt er hervorragend in die erzählte Geschichte. Besonders die Gegebenheiten im Oman haben mich teils fasziniert und auch betroffen gemacht. Die Frau und ihre Rolle in der Gesellschaft, ein bestimmter Status und die Unterschiede zu unserer Lebensweise wurden sehr gut beleuchtet und in die Erzählung eingebaut.

Jean Reno hat mit Emma Morvan eine spezielle Figur geschaffen. Ihr Handeln ist von Schicksalsschlägen gezeichnet. Ein gewisser Eigensinn ist ihren Erfahrungen geschuldet. Sie ist intensiv und genau so erzählt der Autor auch von ihr.
Emma durchläuft von Anfang bis Ende eine rasante Entwicklung, wächst über sich hinaus und stellt somit die Weichen für eine neue Zukunft. Ihre Beweggründe und Aktionen sind nachvollziehbar und passen sehr gut in den Roman.

Der gediegene Start harmoniert mit dem actionreichen zweiten Teil. Hier merkt man, dass der Autor über hinreichende Filmerfahrung verfügt. Er zaubert mit seinen Worten Bilder in den Kopf. Man hört das wilde Meer an der bretonischen Küste rauschen, läuft mit Emma über den Souk, sitzt im Cafe oder schlendert durch das elegante Hotel. Ihrem Auftrag, Mitarbeiter des luxuriösen Resorts im Oman hinsichtlich ihrer Massagetechniken und ihres Könnens zu schulen, kommt sie pflichtbewußt nach. Tariq, den Chef der Wellnessoase, hat Emma durch ihre wundersamen Hände und mit ihrer tollen Ausstrahlung beeindruckt. Ihre Berufung und ihre Massagekünste sind legendär. Hierbei hat mich eine gewisse Spiritualität nicht gestört. Letztendlich wird ihre Begabung nicht aufgeklärt, doch fand ich diesen Aspekt sehr spannend. Energiebahnen durchziehen und umgeben uns. Warum sollten sensible Menschen nicht entsprechend darauf reagieren?

Seit der ersten Begegnung von Emma und Tariq fühlen sich beide unheimlich stark zueinander hingezogen. Doch Tariqs Status im Oman sieht ein Zusammensein mit der Französin nicht vor. Somit entwickelt sich eine heikle Konstellation, die Emma immer mehr in die Enge treibt. Verschiedene Interessen, Machtspiele und unerfüllbar scheinende Erwartungen gedeihen zu einer brisanten Spionageaffäre.

Fazit: Ein grandioses Debüt! Mir hat die Mischung aus tiefgründigen Gedanken, rasantem Actiontrthriller und einer intensiven Liebesgeschichte unheimlich gut gefallen. Ich hoffe aus tiefstem Herzen, dass ich weitere Abenteuer der starken Protagonistin in einem Nachfolgeroman lesen darf. Ich schätze Jean Reno als Schauspieler und somit seine Arbeit sehr. Mit Emma hat er bewiesen, dass er auch Romane schreiben kann. Sein Schreibstil ist besonders, intensiv, einzigartig und sehr gut lesbar, eine klare Leseempfehlung von mir!

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Veröffentlicht am 09.03.2025

Unterhaltsam, anschaulich und lehrreich!

Die Brücke von London
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Die Brücke von London von Julius Arth (dtv)

„Hervorragende Voraussetzungen, wie gesagt“, bemerkte Mr Crull erneut.
„Voraussetzungen wofür?“, ruft Juliana heiser aus. Sie bekommt das Durcheinander in ihrem ...

Die Brücke von London von Julius Arth (dtv)

„Hervorragende Voraussetzungen, wie gesagt“, bemerkte Mr Crull erneut.
„Voraussetzungen wofür?“, ruft Juliana heiser aus. Sie bekommt das Durcheinander in ihrem Kopf nicht geordnet. „Wovon um Himmels willen sprechen Sie?“
Der Kapitän richtet sich im Sessel auf, drückt die Schultern durch und legt die Hände im Schoß zusammen. „Verzeihen Sie, Mrs Hamley. Ich dachte, das sei bereits deutlich geworden. Mit Ihrer Hilfe möchte ich der ehemaligen Brückenkirche zu neuem Glanz verhelfen.“ Er zwinkerte verschwörerisch, breitet die Arme aus. „Gemeinsam, Ma`am, werden wir das unverzollte Warengeschäft auf die London Bridge bringen.“ S.166

1749 laufen die Geschäfte der verwitweten Tuchhändlerin Juliana schlecht. Sie versucht sich mehr schlecht als recht über Wasser zu halten. Seit hunderten von Jahren bieten die Händler auf der London Bridge ihre Waren an. Auch Julianas Geschäft befindet sich in der ehemaligen Brückenkapelle auf der London Bridge, direkt darunter fließt die Themse. Juliana muss sich etwas einfallen lassen, um mit der Konkurrenz in Westminster mithalten zu können. Die Umstände zwingen sie nicht ganz legelen Wegen zu folgen.

Der zweite Erzählstrang setzt im Jahr 1202 ein. Ein Geistlicher wird beauftragt die Holzbrücke durch eine stabile Steinbrücke zu ersetzen. Beim Bau läuft nicht alles glatt und Schuldige müssen für dieses Hexenwerk gefunden werden! Die beiden Schwestern Estrid und Sybilla geraten ins Visier der Mächtigen.
Die lebhaften Charaktere bereichern diesen unterhaltsamen Roman. Anschaulich und mitfühlend werden die Zwickmühlen und Nöte der Protagonisten geschildert. Ergänzt wird die Geschichte mit einer sich anbahnenden Liebesgeschichte.
Julius Arth fängt mit seinem bildhaften und flüssigen Schreibstil den Zeitgeist hervorragend ein. Leicht verständlich taucht man in diese fesselnde Geschichte ein. Historische Begebenheiten und Handlungsorte werden leicht verständlich in den Text eingebaut. Der damalige Alltag ist greifbar und gut vorstellbar. Auch die Spannung ist durchweg spürbar und hält sich bis zum Ende, wenn beide Erzählstränge zusammen laufen.

Fazit: Dieser Roman hat alles, was man von guter Unterhaltung erwartet, er ist bereichernd, lehrreich und liest sich fabelhaft! Gern wieder Herr Arth, ich bin bei weiteren historischen Abenteuern dabei!

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Etwas ganz Besonderes!

Für Polina
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Für Polina ein Roman von Takis Würger (Diogenes Verlag)

„Es ist kompliziert.“

Der Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter, und Hannes dachte, ganau so nah und unangenehm hatte er sich Gespräche zwischen ...

Für Polina ein Roman von Takis Würger (Diogenes Verlag)

„Es ist kompliziert.“

Der Vater legte ihm eine Hand auf die Schulter, und Hannes dachte, ganau so nah und unangenehm hatte er sich Gespräche zwischen Vater und Sohn vorgestellt.
„Ich dachte, kompliziert wird es erst später“, sagte der Vater.

Er kannte Polina nicht, sonst hätte er genau gewusst, was Hannes meinte. S.72

Takis Würger verleiht seinem Text eine unterschwellige Schwermut, die jedoch nie erdrückend wirkt. Er schreibt so taktvoll und ehrlich, beklemmend und schön.
Die Zeilen leben von Hannes, dem speziellen, ruhigen Jungen und seinen Fragen sowie Hadern an und mit sich selbst. Im Gegensatz dazu steht die wache und intelligente Polina. Polina, der Name aus dem liebsten Dostojewski ihrer Mutter. Gerade gut genug für ihr Glück mit diesem aufgeweckten Kind. Zwischen Klavierkonzerten vom Plattenspieler und beim Vorlesen von Dostojewskis „Der Spieler“ stellt Polina Fragen und Hannes lauscht scheinbar verträumt den Klängen der Melodien und Stimmen.

Heinrich Hildebrand und Co., alle Nebendarsteller ergänzen diese wunderbaren Bilder, die uns Takis Würger ins Gedächtnis und ins Herz flüstert. Kein Verblassen, sondern eine harmonische Komposition, überraschend einfühlsam und lebendig erzählt! Diese Liebesgeschichte ergießt sich über den Leser mit all seinem Zauber und der gleichzeitigen Schwere der Realität. Es ist so viel mehr als nur eine Liebe zwischen Mann und Frau, eine Liebe zur Musik, eine Liebe an das Leben und an die Freundschaft, ein Auf und Ab der Gefühle, ein Roman fürs Herz!

Auch das Cover ist perfekt gewählt. Mit dem Portrait of a Girl von Jan Sluijters würdigt der Diogenes Verlag diese einzigartige Geschichte.

So stelle ich mir ein gut geschriebenes Buch vor und „Für Polina“ zählt schon jetzt zu einem Jahreshighlight für mich.

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