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Veröffentlicht am 10.10.2025

Emotionale Achterbahnfahrt mit den Friesenhofschwestern

Der Friesenhof
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Mit „Der Friesenhof – Schicksalstage“ ist der zweite Teil der Teehändler-Saga von Fenja Lüders erschienen. In dem Roman beweisen die starken Frauen der Familie de Fries trotz zahlreicher Differenzen und ...

Mit „Der Friesenhof – Schicksalstage“ ist der zweite Teil der Teehändler-Saga von Fenja Lüders erschienen. In dem Roman beweisen die starken Frauen der Familie de Fries trotz zahlreicher Differenzen und furchtbarer Schicksalsschläge jede Menge Zusammenhalt: Während Hanna mit ihrem Mann Tomek den familiären Hof führt und ihr zweites Kind erwartet, hat ihre Schwester Gesa sich bei ihrer Arbeit im Teekontor unentbehrlich gemacht. Aber auch ihr eigenes Teekontor entwickelt sich überraschend schnell und die heimliche Beziehung zu ihrem verheirateten Chef Keno wird immer intensiver. Doch dann taucht nach 10 Jahren Kriegsgefangenschaft überraschend Gesas Verlobter Gerold auf dem Friesenhof auf. Zusätzlich sorgt die scharfe Zunge der oft schlecht gelaunten ältesten Schwester Helga für Konfliktpotenzial, sodass Tanti mit ihrer direkten Art und ihrer Lebenserfahrung einige Wogen zu glätten hat.
Das Cover passt gut zum Inhalt des Buches und macht die Zusammengehörigkeit mit dem Auftaktband der Saga auf den ersten Blick deutlich. Im Vordergrund sind zwei Frauen zu sehen, die vermutlich die Protagonistinnen Hanna und Gesa darstellen. Etwas unscharf im Hintergrund ist der von Bäumen umgebener Hof zu erkennen, eingerahmt vom blau-weißen Muster eines friesischen Teeservices.
Obwohl ich den ersten Teil noch nicht gelesen habe, was ich zweifelsfrei nachholen muss, bin ich problemlos in die Geschichte eingestiegen. Dass Fenja Lüders vollkommen zurecht zu meinen Lieblingsautorinnen zählt, beweist sie auch mit diesem Buch eindrucksvoll. Sie legt den Fokus der Erzählperspektive mal auf Gesa, mal auf Hanna und transportiert das authentisch wirkende Geschehen ohne Effekthascherei. Dabei aber so eindringlich, dass ich vollkommen von der Handlung vereinnahmt mit den Schwestern gehofft, gebangt, gelitten und mich gefreut habe. Damit erklärt sich auch, das für eine Familiengeschichte vergleichsweise hohe Spannungsniveau, dass zum Schluss in einem überraschenden und absolut mitreißenden Höhepunkt gipfelt. Als Leser kann man nur schwer vorausahnen, was in diesen schweren Zeiten als nächstes passiert, auf welche Art das Schicksal der Familie mitspielt oder ob es ein Happy End gibt. Gern wäre ich beim Lesen auch noch näher an die dritte Schwester im Bunde herangerückt, die aber erzählerisch hinter Hanna und Gesa zurücksteht.
Ebenso wie die Handlung wirken auch die Figuren des Romans mit ganz individuellen Charakterzügen äußerst authentisch. Hannas Mann Tomek und Gesas große Liebe Keno sind überaus loyal und sympathisch. Sie stärken ihren Frauen stets den Rücken ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Trotzdem habe ich beim Lesen immer wieder an Kenos Schneid gezweifelt und mich um Gesa gesorgt. Helga ist von den Erfahrungen aus ihrer Ehe verbittert und bricht oft Streit vom Zaun. Andererseits blüht sie in ihrer neuen Aufgabe auf dem Nachbarshof spürbar auf, behält auch in Ausnahmesituationen einen kühlen Kopf und zeigt manchmal überraschendes Einfühlungsvermögen. Wenn es darauf ankommt, ist auf sie Verlass. Gesas Verlobter Gerold kommt nach 10-jähriger Gefangenschaft psychisch und physisch schwer gezeichnet in die Heimat zurück. Dass von seiner Familie niemand mehr übrig ist und er auch bei Gesa nicht nahtlos an die Vergangenheit anknüpfen kann, versetzt ihm einen weiteren harten Schlag. Hanna hat den Hof mittlerweile gut im Griff und ist mit ihrer kleinen Familie trotz der harten Arbeit sehr glücklich. Doch auch sie wird vom Schicksal nicht verschont. Die mittlere Schwester Gesa steht mit beiden Füßen mitten im Leben. Sie weiß, was sie will und baut sich mit ihrem Realitätsbewusstsein und ihrem unternehmerischen Talent eine Existenzgrundlage auf. Lediglich im Hinblick auf Keno wirkt sie zeitweise etwas naiv. Ganz besondere Freude hat mir Tanti mit ihrer schlagfertigen und direkten Art gemacht und mich einige Male zum Schmunzeln gebracht. Sie steht den Schwestern treu zur Seite, hält mit ihrer Meinung nicht hinter dem Berg, beweist aber auch immer wieder enormes Fingerspitzengefühl.
„Der Friesenhof – Schicksalstage“ ist ein Roman ganz nach meinem Geschmack: von Anfang an fesselnd, emotional unheimlich ergreifend, mit einer unvorhersehbaren, authentischen Handlung und vielschichtigen Charakteren. Lesefreude in reinster Form!

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Lange verdrängte, traumatische Kindheitserlebnisse bewegend aufbereitet

Der Sommer am Ende der Welt
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In „Der Sommer am Ende der Welt“ widmet sich Eva Völler ebenso einfühlsam wie eindringlich dem Schicksal ehemaliger Verschickungskinder – ein Thema das gerne unter den Tisch gekehrt wird.
Journalistin ...

In „Der Sommer am Ende der Welt“ widmet sich Eva Völler ebenso einfühlsam wie eindringlich dem Schicksal ehemaliger Verschickungskinder – ein Thema das gerne unter den Tisch gekehrt wird.
Journalistin Hanna verbindet den Urlaub mit ihrer Teenagertochter Katie auf Borkum mit Recherchearbeit für ihren nächsten Artikel. Auf ebendieser Insel hat auch Hannas Mutter als sogenanntes Verschickungskind Anfang der 60er Jahre sechs Wochen voller traumatischer Erlebnisse in einem der vielen Kinderkurheime zugebracht. Doch selbst Hanna hätte nicht mit dem gerechnet, was bei ihren Recherchen nach und nach ans Licht kommt. Ihre romantischen Gefühle dem loyalen Inselarzt Ole gegenüber, stürzen Hanna in einen tiefen Gewissenskonflikt, denn auch seine Familie ist maßgeblich in die damaligen Verbrechen verwickelt.
Das Cover mit dem Mädchen und der jungen Frau unter unheilvoll dunklen Wolken in trister Umgebung hat für mich etwas Bedrückendes, das hervorragend zum Inhalt des Romans passt. Doch auch wenn das Cover eher düster denn einladend wirkt, ist da auch noch der hoffnungsbringende Lichtschein am Horizont.
Warum Eva Völler zu meinen Lieblingsautorinnen gehört, stellt sie auch mit diesem Roman wieder eindrucksvoll unter Beweis. In ihrem wunderbar flüssig zu lesenden, eindrücklichen Schreibstil, stellt sie auf zwei verschiedenen Zeitebenen und in mehreren spannenden Erzählsträngen sehr feinfühlig das Schicksal ehemaliger Verschickungskinder dar. Ein Schicksal, das auch ich geteilt habe und obwohl mir fast alle Erinnerungen an diese Zeit fehlen, ist einiges doch wieder hochgekommen – ebenso wie das oftmals mühsam heruntergewürgte Essen im Kinderkurheim. Es ist überaus erschütternd, wie wenig damals hinterfragt wurde und das pädagogische Handeln hätte zweifelsfrei besser in eine Kaserne gepasst. Als wäre die wochenlange Trennung von Zuhause nicht schon schlimm genug gewesen. Zusätzlich verbindet Eva Völler die Verschickungsthematik mit NS- und Nachkriegsverbrechen und auch wenn es sich um einen fiktiven Roman handelt, wirkt die Szenerie doch authentisch und liegt absolut im Bereich des Vorstellbaren. Die beinahe von Beginn an vorhandene Spannung baut sich in den verschiedenen Erzählsträngen immer weiter auf und erreicht kurz vor Schluss einen dramatischen Höhepunkt. Langweilig wird es beim Lesen mit Sicherheit nicht. Vielmehr konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen – für mich ein echter Pageturner.
Die Charaktere lassen sich, mit Abstufungen, ziemlich deutlich in die Kategorien gut und böse einordnen, erhalten aber mit ihren individuellen Charakterzügen und Beweggründen deutliche Tiefe. Isa ist stets auf ihr eigenes Wohl und ihren Vorteil bedacht. Die zahlreichen Verbrechen ihrer Vorfahren lassen sie weitgehend kalt. Vielmehr ist sie in Sorge, dass ihr Hotel durch negative Presse eine Rufschädigung erfährt. Um dies zu verhindern ist sie zu einigen Intrigen bereit. Isas herrische Großmutter Margret ist bei ihren Mitmenschen alles andere als beliebt. Doch auch sie hat während ihrer Kindheit und Jugend traumatische Erfahrungen gemacht. Einer Inszenierung gleich gibt sie nun häppchenweise Details aus der Vergangenheit preis. Mehr noch als ihre Enkelin hat auch sie die Fähigkeit ihr Umfeld geschickt zu manipulieren. Mit Luise und Angela gibt es im Jahr 1962 zwei Betreuerinnen im Kinderkurheim die unterschiedlicher nicht sein könnten. Hannas Tochter Katie ist trotz ihres Alters weitgehend umgänglich, verantwortungsbewusst und aufrichtig um ihre Familie besorgt. Inselarzt Ole verliebt sich ebenso Hals über Kopf in Protagonistin Hanna, wie auch umgekehrt. Mit seiner überaus loyalen und zuverlässigen Art steht er Hanna stets liebevoll zur Seite. Die Geschehnisse aus der Vergangenheit machen Ole allerdings schwer zu schaffen. Hanna ist froh darüber Ole an ihrer Seite zu wissen, denn nicht nur ihre Rechercheergebnisse erschüttern sie, auch ihre Gesundheit bereitet ihr Anlass zur Sorge und dann wird auch noch ein Anschlag auf ihr Leben verübt. So sehr sie ihre Erkenntnisse über das Kinderkurheim und die traumatischen Erlebnisse der Verschickungskinder auch an die Öffentlichkeit bringen möchte, treibt sie die Liebe zu Ole in einen tiefen Gewissenskonflikt.
„Der Sommer am Ende der Welt“ ist ein überaus lesenswerter Roman. Düster, spannend, erschütternd, einfühlsam und tiefgründig zugleich, widmet Eva Völler sich einem Thema zu, das viel zu wenig Aufmerksamkeit erhält. Früher war eben doch nicht alles besser.

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Veröffentlicht am 25.04.2025

Wagemutiger Start in ein neues Leben

Elbnächte. Die Lichter über St. Pauli
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„Elbnächte – Die Lichter über St. Pauli“ ist der spannende Auftakt zu Henrike Engels jüngster Dilogie um zwei starke Frauen, die sich gemeinsam mit einem ehemaligen Polizisten den Herausforderungen in ...

„Elbnächte – Die Lichter über St. Pauli“ ist der spannende Auftakt zu Henrike Engels jüngster Dilogie um zwei starke Frauen, die sich gemeinsam mit einem ehemaligen Polizisten den Herausforderungen in ihrem neuen Leben stellen und daran wachsen.
Louise und Ella könnten unterschiedlicher kaum sein und doch führt das Schicksal sie 1913 im Hamburgerviertel St. Pauli zusammen - die eine Tochter aus gutem Hause und nun von ihrem betrügerischen Ehemann mittellos sitzen gelassen, die andere eine ehemalige Prostituierte aus ärmlichen Verhältnissen, der die Flucht gelungen ist. Auf der Suche nach einer neuen Existenzgrundlage treffen sie auf Paul, der nach einem Anschlag nur noch für die Jagd auf eine Bande gefährlicher Straßenkinder und ihren grausamen Anführer lebt. Als die beiden Frauen einem mutmaßlichen jungen Mörder Unterschlupf bieten, sind sie auf Pauls Unterstützung angewiesen, um die Unschuld des Jungen zu beweisen.
Das ansprechende Cover zeigt eine junge, emanzipiert wirkende Frau, in deren Rücken sich das Elbufer erstreckt. Es passt somit fast perfekt zur Handlung. Allerdings eben nur fast, denn die dargestellte Frau kann meines Erachtens nach weder die elegante, blonde Louise, noch die füllige, farbenfroh gekleidete Ella sein, sondern verkörpert lediglich eine starke Frauengestalt in der damaligen Zeit.
Der Schreibstil von Henrike Engel hat mir außerordentlich gut gefallen, lässt sich wunderbar flüssig lesen und wirkt atmosphärisch sehr dicht. Durch die bildhafte Ausdrucksweise konnte ich mich immer wieder nach St. Pauli im Jahr 1913 versetzen und intensiv mit den Charakteren mitfühlen. Umso schöner, dass die Handlung dem Schreibstil in nichts nachsteht. Schon allein die Schicksale der drei Protagonisten sind wirklich ergreifend, zumal Gedanken und Gefühle deutlich spürbar werden. Doch Henrike Engel belässt es nicht dabei ihre Protagonisten auf dem Weg in ein neues Leben zu begleiten. Stattdessen schafft sie eine extrem gelungene Mischung: eine interessante und emotional ansprechenden historischen Geschichte mit einem packenden Kriminanteil, der mit vielen unerwarteten Wendungen für ein fast durchgängig hohes Spannungsniveau sorgt, das kurz vor Schluss noch einmal einen Höhepunkt erreicht.
Absolutes Highlight des Romans sind in meinen Augen aber zweifelsfrei die Figuren und deren Entwicklung. Obgleich die drei Protagonisten sich stark unterscheiden ist der Zusammenhalt groß – allen voran zwischen Louise und Ella (und natürlich Principessa). Nachdem Paul bei einem Attentat den linken Arm verloren hat, besteht sein einziges Lebensziel in einem Rachefeldzug gegen die Kinderbande und vor allem den Drahtzieher. Abgesehen davon ist der clevere und einst so ambitionierte Ex-Polizist seines Lebens überdrüssig. Doch durch die gemeinschaftliche Aktion mit Ella verändert sich nach und nach Pauls Sichtweise, sodass der ehemals so korrekte Polizist gleich mehrfach die Grenzen der Legalität überschreitet und eine unvorhergesehene Überraschung erlebt. Ella ist trotz ihrer tragischen Vergangenheit voller Herzensgüte. Gemeinsam mit ihrer Hündin Principessa nimmt sie ihr neues Leben optimistisch in Angriff und ist dabei stets hilfsbereit. Allerdings bringt ihre Hilfsbereitschaft sie gelegentlich auch ganz schön in die Bredouille. Louise und Ella ergänzen sich in ihrer Freundschaft und in ihren Talenten sehr passend. Da ihre fehlende Bildung Ella aber oft unangenehm ist, beschließt sie mit viel Ehrgeiz dagegen anzugehen. Louise musste in ihrem behüteten Leben bislang noch nie auf eigenen Beinen stehen und fühlt sich nun ins kalte Wasser geworfen. Ihr kühler Verstand und ihre neu gewonnene Freundin Ella helfen ihr dabei maßgeblich. Louise tut, was immer nötig ist, um sich (und Ella) eine neue Existenzgrundlage zu schaffen, auch wenn es gesetzlich oder moralisch mindestens fragwürdig ist. Mit großer Zielstrebigkeit und wenig Hemmungen lernt Louise schnell eine Situation zu ihren Gunsten zu nutzen.
Wer historische Romane und/oder starke Frauenfiguren mag, sollte sich diesen keinesfalls entgehen lassen. Ergreifende Schicksale, authentische Figurenentwicklung und eine absolut spannende Handlung – was will man mehr? Ich freue mich jedenfalls schon darauf im zweiten Teil zu erfahren, wie es mit den drei Protagonisten weitergeht.

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Veröffentlicht am 11.03.2025

Tradition und Neubeginn in der Rosenholzvilla

Entscheidung in der Rosenholzvilla
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„Entscheidung in der Rosenholzvilla“ ist der würdige Abschluss von Tabea Bachs Rosenholzvilla-Reihe. Auch wenn man, wie ich noch nicht alle Teile der Reihe kennt, findet man problemlos in die Handlung ...

„Entscheidung in der Rosenholzvilla“ ist der würdige Abschluss von Tabea Bachs Rosenholzvilla-Reihe. Auch wenn man, wie ich noch nicht alle Teile der Reihe kennt, findet man problemlos in die Handlung rund um die zentralen Motive Familie, Freundschaft und Musik hinein.
Die Rosenholzvilla, die mittlerweile Sitz einer Stiftung für erkrankte und verletzte Musiker ist, füllt sich mit Gästen. Nebenbei hat Elisa auch noch eine große Feier zu organisieren und damit alle Hände voll zu tun. Die Freude über Fabios geplante Rückkehr in die familiäre Instrumentenmanufaktur ist allseits groß. Doch die Bedingungen seiner Rückkehr hat niemand recht bedacht, am wenigsten Fabio selbst. Und während Elisa am Programm für ihr mögliches Comeback auf der Bühne arbeitet, erfährt die Stimmung zwischen Danilo und ihr einen gehörigen Dämpfer. Ob ihre Liebe die Belastungsprobe besteht? Oder ob sich die dunklen Wolken über der Manufaktur nun auch über ihrer Beziehung ausbreiten?
Tabea Bach verschafft ihrer Rosenholzvilla-Trilogie ein überaus gelungenes Ende. Das Cover hat einen hohen stilistischen Wiedererkennungswert mit den weiteren Bänden der Reihe und fängt die Handlung in Landschaft, Musik und der im Mittelpunkt stehenden jungen Frau wunderbar ein. Die zwischen den Bergen hervortretenden Sonnenstrahlen vermitteln schon vor dem Lesen ein Gefühl von Hoffnung und einem möglichen Happy-End. Auch die Handlungsstränge der Geschichte sind überaus spannend und geschickt miteinander verknüpft. Manche Entwicklungen lassen sich im Vorfeld erahnen, andere wiederum überraschen und steigern die Spannung des Romans. Die Umgebung wird herrlich bildhaft beschrieben, sodass ich mich zwischenzeitlich fast ein wenig wie im Urlaub gefühlt habe. Mit dem Besuch im Kamelienpark und der Villa am Lago Maggiore spannt Tabea Bach einen Bogen zu ihrer Romanreihe rund um die „Kamelieninsel“ und auch auf die Seidenvilla-Saga findet sich ein Hinweis. Zweifellos fängt sie die Atmosphäre im Kamelienpark wunderbar ein und es ist eine Freude davon zu lesen. Trotzdem fehlt mir an dieser Stelle ein Mehrwert für die Handlung - gerade in Anbetracht der bestehenden Themenfülle des Romans. Obwohl mir das „Komplettpaket“ mit Handlung, Schreibstil, Cover und Themen hervorragend gefällt, sind neben den musikalischen Motiven doch die Charaktere mein persönliches Highlight. Statt sie durchweg sympathisch und perfekt zu erschaffen, verleiht Tabea Bach ihren Charakteren Ecken, Kanten und durchaus einige Charakterschwächen. Dies führt einerseits zu zahlreichen spannungsgeladenen Konflikten im Umfeld der Familie Fasetti/Eschbach und andererseits zu einem hohen Maß an Authentizität. Elisas Mutter Anna verhält sich in schwierigen Situationen oft unselbstständig und resigniert. Mit ein wenig Unterstützung lässt sich jedoch ihr Kampfgeist anstacheln und sie blüht förmlich auf. Adrien ist verständlicherweise über die unwiderruflichen Veränderungen verbittert, erkennt aber mit den wirklich wichtigen Werten im Leben auch neue Perspektiven. Mit dieser Entwicklung ist er für mich eine der stärksten und besonders sympathischen Romanfiguren. Romys unterwürfiges Verhalten gegenüber ihrem Mann Fabio hingegen sehe ich sehr kritisch. So kann in meinen Augen auf Dauer keine glückliche Beziehung aussehen. Auch Fabio würde von mir sicher nicht den Titel ‚Vater des Jahres‘ erhalten. Zu oft übergeht er die Interessen und Wünsche seiner wirklich herzallerliebsten Tochter Mimi. Danilo ist, ähnlich wie sein Bruder oft mit seinen eigenen Bedürfnissen beschäftigt. Mit Enttäuschungen umzugehen ist definitiv nicht seine Stärke. Werden seine Erwartungen nicht erfüllt, handelt er oft impulsiv und lässt seine Mitmenschen im Stich. Allerdings offenbart er auch immer wieder einige sympathische Seiten. In meinen Augen hätte Elisa trotzdem einen besseren Partner verdient, aber die Liebe fällt nun einmal wohin sie will. Elisa selbst ist die sprichwörtliche gute Seele, die sich um jeden ihrer Mitmenschen kümmert und immer nur das Beste für andere will. Manchmal ist sie dabei für meinen Geschmack ein wenig zu gutmütig, aber nichtsdestotrotz ist ihr uneigennütziges Handeln absolut bewundernswert.
Auch zum Abschluss der Saga um die Rosenholzvilla geht es noch einmal hoch her. Zwar haben sich (fast) alle Familienmitglieder mit Leib und Seele der Musik verschrieben, Spannungen und Turbulenzen kommen im wunderschönen Tessin aber trotzdem auf. Besonders für diejenigen Leser, die Musik oder Familiengeschichten oder gar beides mögen, wird der gut geschriebene Roman sicherlich zu einem regelrechten Pageturner. Viel Vergnügen!

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Veröffentlicht am 07.09.2024

Begeisternd, erschütternd und mitreißend zugleich

Im Warten sind wir wundervoll
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Was für ein wundervolles Buch! Der Gedanke schießt mir nach der letzten Seite nicht das erste Mal durch den Kopf.
Ein ergreifendes Schicksal wird mit jeder Menge Dramatik, aber auch Dynamik, Witz und einem ...

Was für ein wundervolles Buch! Der Gedanke schießt mir nach der letzten Seite nicht das erste Mal durch den Kopf.
Ein ergreifendes Schicksal wird mit jeder Menge Dramatik, aber auch Dynamik, Witz und einem außergewöhnlichen Schreibstil so beeindruckend in Worte gefasst, dass ich das Buch kaum aus der Hand legen mag – zu fesselnd sind die Geschichten darin.
Gut sieben Jahrzehnte nach ihrer Großmutter Luise Adler macht sich auch Enkelin Elfie mit dem Flugzeug auf den Weg nach New York um zu heiraten. Auf dem Flug erzählt sie ihrem fremden Sitznachbarn die ergreifende Geschichte ihrer Großmutter, die als junge deutsche War Bride im Dezember 1948 nach ihrer Ankunft am New Yorker Flughafen vergeblich auf ihren Verlobten wartete.
Das Cover des Buches ist so schlicht gehalten, dass es meiner Aufmerksamkeit beinahe – zum Glück nur beinahe – entgangen wäre: Der Titel in großen orangefarbenen Lettern auf weißem Hintergrund, in der unteren Ecke ein laufendes junges Mädchen aus einem vergangenen Jahrzehnt. Die Autorin Charlotte Inden war mir bisher kein Begriff und auch der Klappentext, obwohl schon vielversprechender, wirft dem Leser eher einige Appetithäppchen hin.
Die Handlung des Romans teilt sich in drei jeweils chronologisch verlaufende Erzählstränge, von denen zwei im Verlauf des Buches ineinander übergehen. Es sind die Geschichten von Luise Adler nach ihrer Ankunft in Amerika im Dezember 1948 und ihr vorheriges Leben bei Kriegsende bzw. im Nachkriegsdeutschland, sowie die Geschichte ihrer Enkelin Elfie, die auf dem Weg zu ihrem eigenen großen Glück voller Leidenschaft von ihrer Großmutter erzählt. Definitiv Geschichten mit Tiefgang. Insbesondere zu Beginn des Romans geht Charlotte Inden mit Namen äußerst sparsam um. Da war es für mich ausgesprochen hilfreich, dass die Erzählstränge in sich chronologisch verlaufen und die Geschichten Luises in der Vergangenheit, die der Enkelin Elfie in der Gegenwart verfasst sind. Überhaupt finde ich den Schreibstil von Charlotte Inden absolut ungewöhnlich und erfrischend: phasenweise schildert sie die Geschichte beinahe abhackt in unvollständigen Sätzen und fordert in vielen Passagen die Fantasie ihrer Leser. Nicht immer klärt sie die Umstände auf, lässt Fragen offen oder bietet verschiedene Verlaufsmöglichkeiten an. Gerade die Kombination aus Schreibstil, den erschütternden Geschehnissen in Krieg und Nachkriegszeit und dem starken Charakter des Fräulein Luise Adler machen den Roman absolut mitreißend ohne dabei durchweg zu deprimieren. Wie die Geschichten von Luise Adler und ihrer Elfie ausgehen wird erst kurz vor Schluss aufgelöst. Die Spannung bleibt bis zum Schluss erhalten. Ja, es gibt die Enkelin, aber hatte Luise deshalb ein glückliches Leben? Und auch der Krieg hat schließlich Spuren hinterlassen - nicht nur sichtbare. Das beste Beispiel hierfür ist Jos Freund Wilson.
Dass die Hoffnungslosigkeit trotz aller grausiger Ereignisse nicht die Oberhand gewinnt, ist ganz sicher Luise zu verdanken. Sie lässt sich einfach nicht unterkriegen. Handelt überlegt und selbstbewusst. Dabei steht das Wohl ihrer Lieben für Luise stets an erster Stelle. Dass sie sich ausgerechnet in einen GI verliebt, macht ihr Leben in vielen Belangen nicht leichter. Verstehen kann ich es als Leser trotzdem sofort: Joseph zeigt Menschlichkeit in unmenschlichen Verhältnissen. Er handelt mit Bedacht, hilft wo er kann und setzt sich dafür notfalls auch über Regeln hinweg. Enkelin Elfie hingegen ist eher spontan und ziemlich direkt. Vielleicht auch ein wenig naiv, aber auch sie ist absolut sympathisch. Nicht nur mit ihrer lebhaften Erzählung über die Großmutter nimmt Elfie ihre Reisebekanntschaft Stephen völlig für sich ein. Stephen steht der leicht chaotischen Elfie zur Seite wo er nur kann, obwohl sie beide in festen Händen sind.
Charlotte Indens „Im Warten sind wir wundervoll“ ist mein persönliches Buchhighlight des Jahres. Eine unglaublich ergreifende Geschichte mit viel Tiefgang, die sich ganz wunderbar liest und für mein Gefühl viel zu schnell endet. Absolute Leseempfehlung!

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