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Veröffentlicht am 20.12.2017

Mord im Hamburger Hafen

Stille Wasser
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Im stillen Wasser spielt sich die Handlung des vorliegend Krimis ab, nämlich im Hamburger Elbhafen.

Dort muss ein Schiff wegen einer Bombendrohung evakuiert werden, doch als die zahlreichen Besucher das ...

Im stillen Wasser spielt sich die Handlung des vorliegend Krimis ab, nämlich im Hamburger Elbhafen.

Dort muss ein Schiff wegen einer Bombendrohung evakuiert werden, doch als die zahlreichen Besucher das Schiff verlassen haben, findet die sowieso bereits eingetroffene Polizei eine Leiche: eine schöne Frau, die, wie bald festzustellen ist, zur Besatzung des Schiffes gehört. Doch ihre Herkunft wie auch verschiedene Gegebenheiten rund um den Tatort werfen Fragen auf - kann das Rätsel um die Ermordung - denn nichts anderes ist es - der Frau gelöst werden?

Autorin Angelique Mundt lässt neben dem Hamburger Kommissarengespann Torben Koster und Michael Liebetraut auch Psychotherapeutin Tessa Ravens ermitteln - eine bewährte Kombination - dies ist bereits der dritte Fall für die drei Charaktere: eine ungewöhnliche, dabei fesselnde Zusammenstellung. Tessa Ravens, die eigentlich wegen der mit der Bombendrohung zusammenhängenden Räumung des Schiffes zur Beruhigung der Passagiere herbeigerufen wird, gerät in den Fall hinein, zumal sich einer ihrer Patienten - ein besonders schwerer Fall sogar - auf dem Schiff befindet.

Angelique Mundt ist es wieder einmal gelungen, ein spannendes, facettenreiches Setting zu kreieren, in dem sich die Ereignisse und Zusammenhänge - wenn auch auf eine eher ruhige Art - überschlagen: und zwar in dem Sinne, dass immer wieder neue Baustellen, neue Erkenntnisse vorgelegt werden, die es dem Leser schwer machen, das Buch aus der Hand zu legen. Zudem gibt es immer wieder Einschübe aus dem Bereich der Psychotherapie, was die Handlung für mich besonders reizvoll gestaltet.

Dennoch verläuft der in oder andere Hinweis im Sande, auch wird die ein oder andere Entwicklung ein wenig lang. Doch ist der gesamte Rahmen so atmosphärisch, die Figuren so charismatisch, dass mich das nicht im Geringsten stört. Im Gegenteil, ich kann den nächsten Band kaum erwarten!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Aller Anfang ist Köln

Max
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Naja, fast, denn Max Ernst, der große Künstler des 20. Jahrhunderts, kommt eigentlich aus Brühl, das aber nur einen Katzensprung von der Domstadt entfernt ist. Und dorthin zieht es ihn auch mit seiner ...

Naja, fast, denn Max Ernst, der große Künstler des 20. Jahrhunderts, kommt eigentlich aus Brühl, das aber nur einen Katzensprung von der Domstadt entfernt ist. Und dorthin zieht es ihn auch mit seiner ersten Frau, Mit seiner ersten Ehefrau (von insgesamt vier!) der Kunsthistorikerin Louise Straus-Ernst, lebt er dort und wird zu einer der Gallionsfiguren der Kölner Dadaismus-Bewegung, bis es ihn fortzieht - fort von der Familie, hin zur nächsten Frau.

Markus Orths kleidet das Leben des Künstlers in einen Roman und hangelt sich dabei an den Frauen im Leben Max Ernsts entlang - an sechs ausgewählten, denn es waren einige mehr, die sich für eine Zeit zu Max gesellten. Auf diese oder jene Art und Weise.

Die dichterische Freiheit gepaart mit historischen Fakten zu präsentieren ist nicht leicht - Markus Orths meistert diese Herausforderung mit Bravour, spannend schreibt er und mitreißend, vermag die Charaktere, die ja "in Echt" existiert haben, in wenigen Sätzen darzustellen. Und neben den sechs Frauen Lou, Gala, Marie-Berthe, Leonora, Peggy und Dorothea sind dies noch eine Menge anderer Gestalten, Weggefährten Ernsts in der ein oder anderen Phase seines Lebens oder auch - wie Paul Elouard, Hans Arp oder Marcel Duchamp - mehr oder weniger lebenslang.

Der Roman liest sich fast wie ein Umschlag der Geschehnisse in Westeuropa in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert - danach wird es um Max Ernst merklich stiller - es ist tollkühn, was Markus Orths hier wagt. Und mit Bravour meistert.

Ein Meisterwerk also, eines, das ich in vollen Zügen genossen habe, nicht nur, weil ich Max Ernst als Sohn (naja, fast - siehe oben) meiner Heimatstadt Köln schon lange kenne und schätze, das Max-Ernst-Museum in Brühl oft besucht, seine Bilder im Kölner Museum Ludwig oft gesehen habe, teilweise von Kindesbeinen an.

Ein Meisterwerk also, das einem (Maler-)Meister gewidmet ist und dem ich viele, viele Leser gönne! So sollte eine literarische Biographie geschrieben sein, aber ich kann mir vorstellen, dass das nur die Wenigsten schaffen. Das ist auch gut so - wenn es zu viele Meisterwerke auf der Welt gibt, relativieren sie sich!

Aber so: Ein Hoch auf den großartigen Maler Max Ernst und ein weiteres auf den Autor Markus Orths, der ihm mit diesem Roman ein einzigartiges Denkmal geschaffen hat!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ein Okapi als Todesbote

Was man von hier aus sehen kann
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Im kleinen Westerwälder Dorf kündigt sich der Tod auf ungewöhnliche Weise an: durch ein Okapi, das Selma, der Großmutter der Ich-Erzählerin Luise im Traum erscheint. Den tragischsten Todesfällen im Umfeld ...

Im kleinen Westerwälder Dorf kündigt sich der Tod auf ungewöhnliche Weise an: durch ein Okapi, das Selma, der Großmutter der Ich-Erzählerin Luise im Traum erscheint. Den tragischsten Todesfällen im Umfeld von Selma ging seit Jahrzehnten dieser Traum voraus und so ist auch Luises erste Erfahrung damit eine tragische, die ihr im Alter von zehn Jahren widerfährt und die ihr weiteres Leben - zumindest, so lange wir sie begleiten dürfen, prägen wird.

Neben Selma, DER prägenden Gestalt in Luises Leben, lernen wir eine Reihe anderer Dorfbewohner kennen, die allesamt - jeder auf seine Weise - speziell sind - die Vorstellung vom knorrigen Westerwälder, die zumindest im Rheinland (ich bin Kölnerin) gang und gäbe ist, manifestiert sich hier in Gänze.

Neben Selma und dem jahrzehntelang unglücklich in sie verliebten Optiker sind dies Luises Eltern - die sie beide, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen, nicht zu fassen bekommt, ihr gleichaltriger Freund Martin, der Einzelhändler, Elsbeth und Marlies, um nur mal ein paar Namen zu nennen. Jeder von ihnen wird von Autorin Marianna Leky in aller Kürze so eindringlich geschildert, dass man ihn gleich vor sich sieht, in einigen Fällen auch hört bzw. riecht.

Ein wunderbares Buch, in dessen Verlauf wir Luise von ihrer Kindheit bis ins Erwachsenenalter hinein begleiten und ihr tragikomisches Schicksal - nichts anderes wird hier geschildert - in verschiedenen Lebensabschnitten erleben dürfen. Wir begegnen Luise in ihrer Einsamkeit, aber auch in Zeiten der Liebe. Ja, die Liebe ist es, die im Westerwald - und nicht nur dort - nicht immer schwer zu finden, aber stets schwer zu halten ist! Und zwar in all ihren Formen. Mariana Leky findet wunderbare Worte, um die unterschiedlichen Stimmungen, die den Roman in Bezug auf dieses ganz besondere Gefühl durchdringen, darzustellen.

Ein Roman mit Sogwirkung, so zumindest habe ich es empfunden und sehe es in der Nähe eines frühen Irvings (vor allem von Hotel New Hampshire) oder auch von "Tango für einen Hund" von Sabrina Janesch. Überflüssig zu erwähnen, dass ich beide genannten Bücher ebenfalls sehr schätze und sie bereits oft empfohlen habe. Auch dem vorliegenden wird es so gehen: ich war von der Leseprobe gleich vollkommen ergriffen, auch wenn ich vor Jahren den Vorgängerroman "Die Herrenausstatterin" nur stellenweise genießen konnte. Falls es Ihnen genauso ergeht, zögern Sie trotzdem nicht: es könnte ja sein, dass Sie Luises Charme ebenso erliegen wie es bei mir der Fall war!

Dieser Roman bietet um einiges mehr, als das, "Was man von hier aus sehen kann". Luise zumindest und auch einige andere sind bereit zu wachsen und über den Tellerrand hinweg zu schauen - in vielerlei Hinsicht. Im kleinen Westerwälder Dorf und weit darüber hinaus!

Veröffentlicht am 23.02.2026

Ein Werk ohne Abschluss

Ich möchte zurückgehen in der Zeit
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Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte ...

Und zwar dahingehend, dass ein abgerundetes, klares Ende fehlt. Was auch kein Wunder ist, denn offener könnte eine Handlung nicht enden.

Was kein Wunder ist, geht es hier doch um Familiengeschichte - Autorin Judith Hermann begibt sich nun schon zum zweiten Mal auf die Spuren der eigenen Ahnen und muss sich diesmal nicht nur im übertragenen Sinne warm anziehen. Sie begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters, der innerhalb der SS im polnischen Radom in den Aufbau und die Auflösung eines Ghettos eingebunden war.

Am Ende seiner Tage lebte er von der Familie getrennt und starb zudem einige Jahre vor der Geburt der Autorin - von ihrer Oma, die von ihm geschieden waren, hörte sie nichts, von ihrer Mutter auch nur wenig über ihn.

Es ist kein leichter Gang, den die Autorin auf sich nimmt - über ihn als Person, als Rädchen im Dritten Reich, weiß sie nur wenig und erfährt auch nicht allzu viel.

Dennoch bedeutet diese Lektüre für mich einen großen Gewinn, nimmt sie mich doch mit auf einen steinigen Weg, den viele von uns auf die eine oder andere Art gehen. Auch in meiner Familiengeschichte gibt es zahlreiche Fragezeichen, die größtenteils in Ausland führen, auch hier ist wenig Fassbares zu finden, zumal auch sie wie ich eine jüngere Schwester hat, mit der sie sich über ihrer beider Fragen austauscht - genau das ist auch bei uns gerade ein großes Thema.

Auf eine gewisse Art falle ich in ihre Geschichte wie in ein weiches Kissen - mit allen Wenns und Abers, Zweifeln und Fragestellungen fängt sie mich auf und ich fühle mich bestens verstanden.

Veröffentlicht am 02.02.2026

Ein Universum der Sprachlichkeit

Schleifen
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Und der Mathematik noch dazu - oder ist eines nicht auch das andere? - hat Elias Hirschl geschaffen, in dem die Protagonisten Franziska Denk und Otto Mandl zu Hause sind. Oder sich dieses Zuhause erst ...

Und der Mathematik noch dazu - oder ist eines nicht auch das andere? - hat Elias Hirschl geschaffen, in dem die Protagonisten Franziska Denk und Otto Mandl zu Hause sind. Oder sich dieses Zuhause erst suchen (müssen).

Einen solch abwegigen und zugleich stimmigen Roman habe ich noch nie gelesen - Franziska Denk weist von Kind an Symptome einer jeden Krankheit auf, von der sie hört - sie lernt, sich durch Mittel der Sprache zu schützen. Sie kreiert eigene Sprachen, findet Follower - sowohl Freunde der Worte als auch Nonverbalisten und trifft durch Zufall auf Otto Mandl, der für einige Zeit ihr Lebensgefährte wird - in welcher Form genau, ist nicht so klar. Zudem ist Mandl auch - wie vormals sein Vater - ein Mathematiker ganz besonderer Art.

Ein fordernder, ein verwirrender Roman, in dem es auf eine wissenschaftliche Art und Weise ganz schön durcheinander geht. Oder ist dies gerade nicht wissenschaftlich? Klar ist, dass Autor Elias Hirschl eine gehörige Portion Phantasie und mindestens eine ebensolche an Humor aufbietet, um Protagonisten ebenso wie seine Leser von einer abstrusen Situation in die nächste zu katapultieren.

Ein sehr ungewöhnlicher Roman - ob der Autor die ganze Dauer seiner Entstehung in der von ihm geschaffenen Welt verbrachte? Ich kann es mir kaum anders vorstellen!