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Veröffentlicht am 20.12.2017

Vater werden ist nicht schwer

No. 9677 oder Wie mein Vater an fünf Kinder von sechs Frauen kam
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vor allem, wenn die Befruchtung im Reagenzglas erfolgt und man als Erzeuger nicht großartig irgendwelche Konsequenzen zu tragen hat. Als Samenspender nimmt man keinerlei finanzielle Verpflichtung auf sich, ...

vor allem, wenn die Befruchtung im Reagenzglas erfolgt und man als Erzeuger nicht großartig irgendwelche Konsequenzen zu tragen hat. Als Samenspender nimmt man keinerlei finanzielle Verpflichtung auf sich, im Gegenteil, man wird dafür bezahlt.

Will Bardo hat sich so als Collegestudent etwas dazuverdient und ist auf diese Weise im Alter von 38 Jahren Vater von fünf Kindern im Teenageralter. Ein stolzer? Man weiß es nicht, denn er kennt sie nicht.

Von diesen fünf Kindern, aufgewachsen in vier Familien, machen sich vier auf die Suche nach ihrem leiblichen Vater. Das Ganze geht von Milo und Hollis aus, die bei lesbischen Elternpaaren aufgewachsen sind und sich im Alter von 14, 15 auf die Suche nach ihren Wurzeln machen wollen. Aus ihrer Perspektive ist die Geschichte auch geschrieben, sie erzählen abwechselnd. Außer ihren Mitstreitern, die ja auch ihre Halbgeschwister sind, spielt auch JJ eine nicht gerade kleine Rolle: er wurde als Baby adoptiert, ist Milos Freund - bald auch der von Hollis - und nimmt ungeheuren Anteil an ihrem Schicksal.

Abgesehen von der Vatersuche gibt es mehrere andere relevante Themen wie bspw. Homosexualität und das Teenagerdasein an sich. Autorin Natasha Friend geht das Thema locker und eloquent an und gibt dem Leser das überaus angenehme Gefühl, dass lesbische Eltern etwas völlig Normales sind. Sind sie ja auch in Zeiten der Ehe für alle, oder nicht? Ist bloß noch nicht jeder drauf gekommen.

Ein warmherziges Buch mit gut entwickelten Figuren - ganz eindeutig eine Stärke der Autorin - das in ihrer Heimat, den Vereinigten Staaten in Zeiten von Trump sicher nicht nur auf Zustimmung stößt. Also auch ein mutiges Buch, was in der Hinsicht schade ist, dass sowas überhaupt nötig ist. Und es schlägt eine Bresche für Kinder, die in etwas anderen als der üblichen Familienkonstellation aufwachsen.

Absolut lesenswert, vor allem, da die Geschichte eine ganz andere Entwicklung nimmt als die eigentlich erwartete. Unkonventionell und warmherzig - einfach gut!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ermordet im Auftrag der eigenen Eltern

Love like blood
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werden im Rahmen sogenannter Ehrenmorde jährlich zig junge Frauen und viele davon leb(t)en mitten unter uns. Wenig wissen wir darüber und Mark Billingham, der schon einige mehr oder weniger spannende Krimis ...

werden im Rahmen sogenannter Ehrenmorde jährlich zig junge Frauen und viele davon leb(t)en mitten unter uns. Wenig wissen wir darüber und Mark Billingham, der schon einige mehr oder weniger spannende Krimis geschrieben hat, trägt dazu bei, hier ein Tabuthema zu beleuchten.

Und wie er das tut - dieser Krimi ist eindeutig einer seiner spannendsten und gelungensten, auch wenn streckenweise recht ruhig daherkommt. Aber dann zieht es auch wieder an.
Einmal mehr ist die ebenso außergewöhnliche wie vielschichtige Londoner Ermittlerin Nicola Tanner involviert, doch diesmal leitet sie die Untersuchung nicht. Sie ist nämlich stark lädert, hat sie doch ein privates Unglück der schlimmsten Art erfahren. Aber sie holt sich ein paar Kollegen ins Boot, allen voran den etwas unkonventionellen, man könnte sogar manchmal sagen: nassforschen Thorne - und stößt gemeinsam mit ihnen zunächst auf eine ganze Reihe von Hindernissen.

Asien - denn die Personen, die Tanner verdächtigt, einen Ehrenmord verübt zu haben, kommen von diesem Kontinent - bebt, doch das Londoner Team kommt nicht weiter. Oder doch?

Mark Billingham schreibt eloquent und eindringlich, er entwickelt gekonnt eine gewisse Spannung, die er aus meiner Sicht diesmal durchgehend halten kann. Die Charaktere sind sehr gut ausgearbeitet, man kann sich sowohl die Mitglieder der muslimischen Gemeinde als auch weitere Figuren, die im Erzählverlauf eine Rolle spielen, sehr gut vorstellen.

Trotz einigen ziemlich brutalen Szenen ist dies ein eher ruhiger Spannungsroman, der überhaupt nicht auf Knalleffekte setzt, sondern auf subtile Schwingungen und Verwebungen. Obwohl, es ist ein richtig, richtig dickes Ende und wenn dies nicht Billingham wäre, würde ich den Autor verdächtigen, doch ein klein bisschen sensationslüstern unterwegs zu sein.

Die Auflösungen waren für mich dieses Mal eine absolute Überraschung. Nicht so sehr die Personen, sondern vielmehr die Motive bzw. die Motivationen. Wirklich sehr geschickt und und klug konstruiert! Und es war immer was los, was bei diesem Autor nicht immer der Fall ist. Aus meiner Sicht sein bislang gelungenster Spannungsroman, den ich wirklich jedem Krimifreund ans Herz lege!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Eine Zeitkapsel, in der Verbrechen angekündigt werden

SOG
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Das klingt wie aus einem SF-Roman, aber ist dennoch bittere Realität in den Ermittlungen der Kripo in Reykavik: dort wurden vor über 10 Jahren Schüler aufgefordert, ihre Visionen für die Zukunft aufzuschreiben ...

Das klingt wie aus einem SF-Roman, aber ist dennoch bittere Realität in den Ermittlungen der Kripo in Reykavik: dort wurden vor über 10 Jahren Schüler aufgefordert, ihre Visionen für die Zukunft aufzuschreiben und einer von ihnen hat auf die kaltblütigste Weise den Entwicklungen vorgegriffen: dort werden Morde vorausgesagt, die zum Teil inzwischen tatsächlich geschehen sind.

Hat das alles etwas mit der Leiche eines Mädchens aus derselben Zeit zu tun - auch darauf gibt es Hinweise? Aber bald schon finden sich Verbindungen zur Gegenwart - und zwar welche der gruseligsten Art. Ich will nicht viel verraten, aber wer was gegen abgetrennte Körperteile hat, sollte sich von diesem Buch verhalten.

Nur so viel: der ganze Kriminalbereich Islands im weitesten Sinne outet sich als korrupter Sumpf sondergleichen, in den auch Familien - bis hin zu Kindern im Kindergartenalter - mit hineingezogen werden.

Wie im Vorgängerfall "DNA" setzt die isländische Autorin Yrsa Sigurdardottir das mehr oder weniger unfreiwillig zueinander findende Ermittlergespann bestehend aus Psychologin Freya und Kommissar Huldar ein - beide hatten schon mal eine Begegnung, eine der ganz anderen Art.

Aber lesen Sie selbst, denn es ist wie immer unterhaltsam und originell, was die isländische Autorin hier verzapft hat. Allerdings sollten Sie nicht zu zart besaitet sein, denn es ist ganz schön starker Tobak, der hier aufgetischt wird und auch Kinder spielen eine Rolle und auch sie bzw. der Umgang mit ihnen sind Themen, die von der Autorin nicht gerade sanft dargestellt werden.

Also definitiv eher was für Thrillerfans als für Freunde des klassischen Whodunnit. Und für solche, die auf überraschende Wendungen stehen, wobei es für meinen Geschmack manchmal fast zu absurd zugeht. Ein bisschen weit hergeholt sind die Konstruktionen auf jeden Fall und das ist noch eine Untertreibung meinerseits.

Dennoch wieder ein spannender Fall mit schrägen, gut und eindringlich dargestellten Protagonisten, den ich gern gelesen habe. Ich hoffe sehr, dass Freya und Huldar, deren Nicht-Beziehung mal wieder auf die Probe gestellt wird, erneut zuschlagen und dass ihre Hassliebe sich endgültig in die ein oder andere Richtung verlagert. Wie auch immer, ich würde gern mehr von ihnen lesen!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ein modernes isländisches Märchen

Nordlichtherzen
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Jarvis hat ihren Mann verloren. Zumindest seinen Geist, sein Körper ist noch da, die Hülle sozusagen und vegetiert vor sich hin, schon seit sechs langen Jahren. Er liegt nämlich im Koma, nach einem ziemlich ...

Jarvis hat ihren Mann verloren. Zumindest seinen Geist, sein Körper ist noch da, die Hülle sozusagen und vegetiert vor sich hin, schon seit sechs langen Jahren. Er liegt nämlich im Koma, nach einem ziemlich dämlichen Sturz im eigenen Atelier. Martin Miller ist nämlich Maler, ein ziemlich erfolgreicher sogar, doch zum wahren Star stieg er erst nach seinem tragischen Unfall auf.

Jarvis ist quasi sein Anhängsel, da sie völlig von ihm abhängig ist, er hat sie zu dem geformt, was sie ist. Seit sie mit ihm zusammen ist, geht es ihr gut, sie nimmt keine Drogen mehr und ist Teil der besseren Gesellschaft geworden. Naja, das ist seit sechs Jahren Vergangenheit, denn nun ist sie wieder allein, verkauft ab und an mal ein Bild, um Martins Aufenthalt in einem teuren Heim zu finanzieren und fühlt sich unendlich einsam.

Obwohl ihre Freunde Alice und Davis ständig um sie herum sind. Aber es sind eigentlich Martins Freunde, oder auch nicht, denn mit ihrer Freundschaft sind geschäftliche Interessen verbunden. Und nun setzen sie Jarvis zu, vor allem Alice, die Besitzerin einer erfolgreichen Galerie ist. Dennoch entzieht sich Jarvis nicht ganz - aus Höflichkeit oder aus Einsamkeit?

Bis sie aus Zufall in einen Waschsalon gerät und dort drei Männer - alles Ehemänner, Männer anderer Frauen also - kennenlernt, die sich jeden Dienstag dort treffen und sie einladen, Teil dieser Runde zu werden. Nicht nur, aber auch dadurch verändert sie sich nachhaltig. Sie beginnt, um ihre Interessen zu kämpfen. An verschiedenen Fronten.

Autorin Jamie Attenberg ist eine wirkliche Entdeckung. Sie schreibt wirklich gut, differenziert, eloquent, bringt den Leser zum Nachdenken und zeichnet mit leichter Feder ein gelungenes Bild von der Kunstszene New Yorks. Eine Autorin, die leichtfüßig durch ihre Erzählung wandelt, in wenigen Sätzen eindringliche Charaktere schafft, den Leser in Situationen bringt, in denen er nicht weiß, wie er sich entscheiden würde, für die bzw. für deren Komplexität er dennoch Verständnis hat.

Ein spannender, gut geschriebener Roman, der an manchen Stellen doch nicht ganz überzeugend für mich rüberkam. Aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Ich habe eine Autorin kennengelernt, von der ich mehr lesen möchte!

Veröffentlicht am 23.02.2026

Alles schien möglich

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon ...

Naja, sagen wir mal: fast alles. Und zwar zu Beginn der 1990er Jahre: die Sowjetunion hatte sich aufgelöst, Deutschland war nicht mehr zweigesteilt und das Leben war unglaublich spannend. Einfach schon deswegen, weil die Tore so weit geöffnet waren, gerade in Europa: man konnte in Länder reisen, die bislang unerreichbar schienen (sowohl aus westlicher als auch aus östlicher Perspektive, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen). Und Menschen begegnen, die ganz andere Biographien hatten als man selbst.

So auch in diesem ausgesprochen unterhaltsamen Roman, der seinen Anfang in Rom nimmt und zwar in der Russischen Botschaft - die natürlich auch erst seit neuestem diese Bezeichnung trägt und osteuropäische Gastfreundschaft walten lässt - so etwas kannte man von deren Vorgängerin - der Botschaft der Sowjetunion - ganz und gar nicht. Dort werden zwei Biographien aufgerollt, die unterschiedlicher nicht sein können: die von Jakob Dreiser, einem jungen, begabten Dichter, der stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist - so auch jetzt beim Botschaftsempfang, wo er seine nicht wenigen Freunde trifft und neue Bekanntschaften macht.

Auf der anderen Seite steht Dieter Germershausen, ein schon älteres Semester, dessen Stern eindeutig im Sinken begriffen ist, da sein jahrelanges Treiben als Doppelagent in Ost und West unweigerlich aufzufliegen droht. Er schmeißt sich an Jakob heran, denn er plant ein wichtiges Geschäft. Eines, das ohne die Einbindung des umtriebigen Kerlchens, das sogar Russisch spricht, unweigerlich scheitern wird...

Ein nicht nur witziger, sondern auch sehr atmosphärischer Roman, der diese Aufbruchsstimmung auf der einen und das bedrohliche Sinken auf der anderen Seite sehr passend darstellt. Ich fühlte mich gleich in die frühen 1990er versetzt, in denen ich mich ständig im Baltikum umhertrieb (ich habe entsprechenden familiären Hintergrund), wo es so viel interessanter war als im tiefen Westen der ehemaligen Bundesrepublik, wo man kaum DDR-Atmosphäre genießen konnte. Leider hat mich das Ende ein kleines bisschen enttäuscht und auf dem Weg dorthin schlug die Handlung dann doch ein paarmal für meinen Geschmack zu sehr über die Stränge!