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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 20.12.2017

Ermittlungen im Gelobten Land

Die letzte Sünde
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Die junge Autorin Katharina Höftmann bietet uns einen klassischen Whodunnit mit allem Zipp und Zapp in ungewöhnlichem Setting, nämlich in Tel Aviv, der inoffiziellen Hauptstadt und dem schillernden Zentrum ...

Die junge Autorin Katharina Höftmann bietet uns einen klassischen Whodunnit mit allem Zipp und Zapp in ungewöhnlichem Setting, nämlich in Tel Aviv, der inoffiziellen Hauptstadt und dem schillernden Zentrum des israelischen Nachtlebens. Wer packend und eloquent formulierte, atmosphärische Krimis liebt, der ist mit Höftmanns erstem Krimi gut bedient.

Worum geht es? Eine junge Frau wird tot in einer Sprachenschule aufgefunden. Kommissar Assaf Rosenthal, eine Art israelischer James Bond und ehemaliger Armeeoffizier, ganz neu im Polizeidienst, ermittelt. Dabei tun sich Abgründe auf - genauso faszinierend ist allerdings das Drumherum, sein Team und die im Zusammenhang mit dem Mord auftauchenden Figuren, von denen jede einzelne ungeheuer plastisch und authentisch rüberkommt.

Der Auftakt zu einer Serie, wie die Autorin bereits angekündigt hat. Ich für meinen Teil bin trotz kleiner Abstriche, die vor allem die sich schon recht früh abzeichnende Auflösung des Falles und den in meinen Augen etwas zu sehr in den Mittelpunkt gestellten und dadurch vom Mord ablenkenden Auftritt des Kommissars als Frauenheld betreffen, bereits jetzt ein Riesenfan der Krimis von Katharina Höftmann! Die Autorin hat mit ihrem neuen Krimi eine Lücke auf dem deutschen Krimimarkt gefüllt und kann trotz der erwähnten kleinen Schwächen bereits jetzt mit so großartigen deutschen Krimiautoren wie Nele Neuhaus oder Siegfried Langer mithalten. Ich jedenfalls fiebere dem nächsten Werk aus der Feder dieser Autorin bereits jetzt entgegen!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Eine Leiche im Herzen von Wien

Die Tote vom Naschmarkt
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Inmitten des Naschmarkts, einer der großen Touristenattraktionen Wiens, findet sich die Leiche der jungen, hübschen Studentin Monika.

Die ebenfalls junge Redakteurin des "Wiener Boten", Sarah Pauli, ...



Inmitten des Naschmarkts, einer der großen Touristenattraktionen Wiens, findet sich die Leiche der jungen, hübschen Studentin Monika.

Die ebenfalls junge Redakteurin des "Wiener Boten", Sarah Pauli, unter anderem zuständig für eine Kolumne zum Volksglauben und selbst hoffnungslos abergläubisch, erhält ein Paket mit drei Fingern zugeschickt - es zeigt sich, dass diese der Toten abgetrennt wurden...

Monika hat kurz vor ihrer Ermordung - denn schnell wird deutlich, dass sie so zu Tode kam - in einem Prozess einem der Vergewaltigung Angeklagten ein Alibi gegeben, auf dessen Grundlage er völlig unerwartet freigesprochen wurde. Die Anwälte beider Parteien, das Vergewaltigungsopfer, die Mitarbeiter und Gäste der Bar - sie alle spielen eine Rolle in diesem Kriminalfall. Doch welche?

Sarah ist neugierig und beginnt zu ermitteln, dabei ist sie jedoch nicht die Einzige, die neben der Polizei in die Ermittlungen eingreift: Birgit Pohn, die ebenso loyale wie leichtsinnige Freundin der Ermordeten, will ebenfalls wissen, was es mit dem Tode ihrer Freundin auf sich hat.

Brutal geht es los, doch eher gemächlich entwickelt sich die Geschichte weiter.... teilweise wird es gar zu gemütlich und die Story droht im Kleinkrieg verschiedener Beteiligter oder auch im äußerst aktiven Innenleben der Protagonistin Sarah Pauli, das hier wie auch im Vorgänger-Band "Tödliches Rendezvous" nicht zu kurz kommt, stecken zu bleiben.

Doch zum Ende wird es es wieder spannend und der Fall wird mit einer recht überraschenden Wendung abgeschlossen.

Insgesamt ein netter Krimi, in dem auch das Wiener Lokalkolorit nicht zu kurz kommt! Ich jedenfalls habe ihn trotz der kleinen Abstriche gern gelesen und freue mich schon auf den nächsten Fall, mit dem es die Journalistin Sarah Pauli zu tun bekommt!

Veröffentlicht am 20.12.2017

Das Leben und die Liebe gehen zuweilen seltsame Wege.

Als die Liebe zu Elise kam
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In "Als die Liebe zu Elise kam", dem neuen Roman von Natasha Solomons, sind die Windungen des Lebens von viel Trauer und Tragik überschattet., gerät doch die Titelheldin Elise 1938 als jüdischer Flüchtling ...



In "Als die Liebe zu Elise kam", dem neuen Roman von Natasha Solomons, sind die Windungen des Lebens von viel Trauer und Tragik überschattet., gerät doch die Titelheldin Elise 1938 als jüdischer Flüchtling aus Wien nach Südengland und muss dort, statt wie bisher ein behütetes Leben als höhere Tochter aus einem Intellektuellen- und Künstlerhaushalt zu führen, ihre Brötchen als Dienstmagd verdienen. Hier hat sie zwar einen steinigen Beginn, stößt aber von Anfang an auf das Verständnis des unkonventionellen und toleranten Hausherren und verliebt sich alsbald in den vielumschwärmten Sohn des Hauses, der - o Wunder - der in Wien als hässliches Entlein geltenden Elise ebenfalls Gefühle entgegenbringt. Zunächst bleibt also Elise in England trotz einiger Anfangsschwierigkeiten in einem sicheren Kokon, beschützt von Menschen, denen sie vertrauen kann, doch dann holt der Krieg sie in vollem Umfang ein und eine tragische Koinzidenz jagd die nächste... tja, und so wird aus Elise Landau Alice Land.

Alice im Wunderland? Nein, sicher nicht. Dieses Buch zeigt gar trefflich, wie es gelingt, trotz vieler trauriger Ereignisse seinen Platz zu finden und ein erfülltes Leben zu führen, das auch glückliche Phasen beinhaltet.

Fern von Kitsch und Sentimentalität baut die Autorin ihre Story auf, mit einer Leichtigkeit, die den Leser das Buch kaum aus der legen lässt. Hinter dem gefälligen, zuweilen gar humorvollen Erzählstil stecken eine große Tiefe, eine breit gefächerte Symbolik und die vielen Gedanken, die sich die Autorin bei der Entstehung ihres Buches gemacht hat. -

Eigentlich strotzt dieses Buch nur so vor Tragik: Tyneford ist ein tragischer Ort, Elises/Alices Biographie mit einer ganzen Reihe von Tragödien verbunden. Aber auch in den schlimmsten Zeiten bleibt die Liebe bei ihr und gibt ihr Zuversicht.

Die Welt braucht solche Bücher - Bücher , die Hoffnung und Wärme transportieren und so werde ich dieses Buch mit Sicherheit häufiger als Mutmacher oder einfach zum darin Schwelgen verschenken. Trotzdem bin ich nicht uneingeschränkt begeistert - das große Talent der Autorin für die Darstellung des Atmosphärischen geht einher mit einer Schwäche bei thematischen Übergängen. Zäsuren - in diesem Buch meist tragische, manchmal jedoch auch erfreuliche Ereignisse, sind aus meiner Sicht nicht scharf genug gezeichnet.

Doch das größte Manko hat nichts mit der Autorin, sondern mit dem Übersetzer zu tun, der sich meiner Ansicht nach nur halbherzig seiner Arbeit gewidmet hat - zu kraftlos sind viele Formulierungen, vor allem die Episoden, in denen Elises anfänglich stümperhaftes Englisch dargestellt werden soll. Für die Zukunft wünsche ich dieser jungen, vielversprechenden Autorin einen der wirklich guten Übersetzer englischer Literatur wie Bernhard Robben oder Patricia Klobusiczky, dann wird sie sicher auch hierzulande noch mehr begeistern können.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Mal was anderes...

Meistens alles sehr schnell
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Mit "Meistens alles sehr schnell" hat Christopher Kloeble ein für die deutsche Literaturgeschichte höchst ungewöhnliches Werk erschaffen. Es handelt sich um die Suche eines sehr skurrilen Vater-Sohn-Gespanns ...

Mit "Meistens alles sehr schnell" hat Christopher Kloeble ein für die deutsche Literaturgeschichte höchst ungewöhnliches Werk erschaffen. Es handelt sich um die Suche eines sehr skurrilen Vater-Sohn-Gespanns bestehend aus Fred, dem leicht behinderten Vater und Anton, dem im Heim aufgewachsenen, inzwischen erwachsenen Sohn, nach ihrer Vergangenheit, vor allem nach der - zumindest für Anton - unbekannten Mutter. Auf dieser Reise rückwärts, die eher an angelsächsische literarische Traditionen gemahnt, treffen sie auf zahlreiche skurrile Gestalten aus der Vergangenheit, doch auch aus der Gegenwart, die ihnen, jeder auf seine Art, den Weg weisen. Die Familiengeschichte birgt Dunkles: Lieblosigkeit, Inzest, Verlassensein, Verstoßen - aber auch Gefühle.

Eine dichte, reichhaltige Geschichte, die man an einem Stück weglesen kann und die sprachlich teilweise extrem stark daher kommt, dann jedoch wieder merkwürdig abflacht. Durchgehende Sprach- und Wortgewalt wie auch inhaltliche Überzeugung kann ich diesem Buch nicht attestieren: gemahnt Kloebles Stil teilweise an Irving, sind die Figuren und ihr Verhältnis zueinander teilweise doch zu kühl, ja fast kaltherzig dargestellt, dann wiederum kommt überraschend Wärme durch, aber nur für eine Weile.

In mir wurden viele Fragen und zwiespältige Gefühle hervorgerufen. Ein Buch, das spannend zu lesen war und eine mögliche Anregung für Rezipienten von Irving, den beiden Jonathans (Lethem und Safran Foer), aber auch den deutschsprachigen Autoren Herrndorf und Lappert ist und für manch einen literarischen Höhepunkt darzustellen mag - für mich ist es eher die Verheißung auf weitere, größere Lesefreuden mit Christopher Kloeble, der im übrigen in diesem Roman auf sehr mutige und überraschende Art und Weise einen Einblick in die Herkunft seines Familiennamen gibt.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Wem kann ich vertrauen?

Eine große Zeit
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Diese Frage stellt sich dem Protagonisten von William Boyds Roman "Eine grosse Zeit", dem jungen Schauspieler Lysander Rief, im Verlauf der Geschichte mehr und mehr, wird er doch 1913 aus heiterem Himmel ...

Diese Frage stellt sich dem Protagonisten von William Boyds Roman "Eine grosse Zeit", dem jungen Schauspieler Lysander Rief, im Verlauf der Geschichte mehr und mehr, wird er doch 1913 aus heiterem Himmel in Wien - dort hielt er sich eigentlich wegen einer Psychotherapie auf - verhaftet und der Vergewaltigung bezichtigt.

Dadurch verändert sich sein ganzes Leben, denn auch der britische Geheimdienst kommt ins Spiel. Nicht lange, dann beginnt der erste Weltkrieg mit all seinen Wirren, Lysander gerät im wahrsten Sinne des Wortes in die Schusslinie und in einen Strudel der Ereignisse, der alle Lebensbereiche betrifft und weiß nicht mehr, wem er noch trauen kann: dies umfasst auch die engsten Familienmitglieder und Freunde.

Nicht die politische Situation an sich ist es, die hier im Mittelpunkt steht, nein, es geht vielmehr um jähe, unerwartete Veränderungen. So ist das Setting des Romans durch den Kulturbetrieb und die intellektuellen Kreise jener Zeit geprägt, nicht durch den Militarismus und andere politische Elemente, die eher den Rahmen bilden.

Aber Details nachzuerzählen wäre müßig: all das beschreibt der großartige britische Autor William Boyd - den ich bereits seit Mitte der 1980er Jahre verehre - so treffend, spannend und sprachlich so ansprechend, dass ich von Herzen eine Leseempfehlung für dieses Buch aussprechen möchte.

Wer also erfahren möchte, welch fatale Folgen der stümperhafte Gebrauch von Französisch haben kann, was "Verzauberte" sind oder wer einfach in die Atmosphäre des Umschwungs im "Alten Europa" eintauchen will, die von Boyd trefflich transportiert wird, kurzum: wer auf intelligente Weise bestens unterhalten will und auch mal gern einen Spionageroman zur Hand nimmt, der kommt um dieses wundervolle Werk nicht herum.