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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.12.2017

Gut recherchiert, spannend und bringt den Zeitgeist dem Leser authentisch nahe!

Tod am Nord-Ostseekanal
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Diesem historischer Krimi merkt man die ausgiebige Recherche der Autorin an. Anja Marschall versetzt den Leser wie bei einer Zeitreise mitten in diese Epoche und alles wirkt sehr authentisch und lebensnah ...

Diesem historischer Krimi merkt man die ausgiebige Recherche der Autorin an. Anja Marschall versetzt den Leser wie bei einer Zeitreise mitten in diese Epoche und alles wirkt sehr authentisch und lebensnah geschildert. Man bekommt ein Bild dieser Zeit präsentiert. Es gab noch kaum Autos, die Menschen waren überwiegend arm, mussten körperlich schwer arbeiten und hatten schlechte Arbeitsbedingungen und die noch unemanzipierte Rolle der Frau zeigt sich in einigen Schicksalen sehr deutlich. Diese Zustände haben mich sehr berührt und auch die Ermittlungen liefen unter ganz anderen Bedingungen ab, als man sie von zeitgenössischen Krimis her kennt.
Was mir auch gut gefällt, ist die Einleitung jedes Kapitels mit passenden Auszügen aus der Kieler Zeitung oder der Kanalzeitung von 1894.

Der einnehmende flüssige Schreibstil der Autorin und ihre sehr bildhaften Beschreibungen von schäbigen Lebensbedingungen, gigantischer Baustelle, Dreck und armen Leuten verleihen diesem Krimi seinen ganz besonderen Reiz. Was sich hier vor dem inneren Auge aufbaut, ist schon großes Kino!

Aber auch die Charaktere sind treffend gezeichnet. Der Krimiheld Hauke ist ein intelligenter, grundehrlicher und sympathischer Mann, der sich weder vor der Obrigkeit verbiegt noch sich unterkriegen lässt. Besonders sein Wissen bei der Leichenschau ist beeindruckend und macht die technischen Raffinessen von heute mehr als wett. Auch sein Helfer Karl ist clever und sehr verlässlich. Die Jennings Schwestern sind von dem Wunsch nach Verheiratung durch den Vater abhängig, von Liebesheirat keine Spur. Die eine ist intrigant und die andere eine unscheinbare, zurückgezogene Frau. Besonders gefällt mir die Vermieterin von Hauke. Sie hat ein Herz aus Gold.


Die zeitgemäße Handlung ist spannend aufgezogen, die kurzen Kapitel lassen das Buch schnell lesen und stets versucht man zu verstehen, wie alles zusammen hängt und wer hinter der Sabotage stecken könnte. Die Fährten führen erst am Ende zu einer Lösung, die sachlich logisch und auch überraschend aufklärt.

Im Bucheinband finden sich historische Karten, die die Orientierung heutiger Leser einfach machen. Das größte Lob gehört der Autorin dafür, wie perfekt sie die damaligen Lebensbedingungen hier im Buch eingefangen hat.


Historischer Krimi, der dank umfangreicher Recherche realistisch
genau die Lebensbedingungen der Zeit einfängt und mit fesselnden Ermittlungen punktet. Besser kann ein Krimi nicht geschrieben sein.

Veröffentlicht am 28.12.2017

Gelungener Auftakt einer Reihe mit viel Witz und einer dramatischen Auflösung!

Toter geht's nicht
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Bei diesem Krimi musste ich oft und herzhaft lachen, denn mit Henning Bröhmann hat Dietrich Faber einen wunderbar dröseligen Charakter geschaffen, der nicht nur eine Memme ist, sondern eigentlich kaum ...

Bei diesem Krimi musste ich oft und herzhaft lachen, denn mit Henning Bröhmann hat Dietrich Faber einen wunderbar dröseligen Charakter geschaffen, der nicht nur eine Memme ist, sondern eigentlich kaum Stärken besitzt. Er hasst seinen Job, kann mit seinen Kindern nichts anfangen und hat auch noch seine Frau aus dem Haus gegrault. Aber gerade diese Schwächen machen ihn sympathisch. Denn eigentlich hat Bröhmann das Herz auf dem rechten Fleck und in seinen Gedanken und Bemerkungen bringt der Kabarettist Faber viel Humor unter, wenn auch häufig sarkastischer und ironischer Art.
Dabei sorgt der neu zu erlernende Umgang Bröhmanns mit seinen Kindern, die Haushaltsführung und der ständig furzende Berlusconi für heitere Unterhaltung. Bröhmann hat es nicht leicht, denn auch mit den schrägen und anspruchsvollen Eltern der privaten Kita muss er jetzt klar kommen und seinen persönlichen Arbeitsbeitrag leisten. Wobei er auch dort gerne andere für sich einspannt, um sich den Ermittlungen zu widmen. Er geht sogar so weit, seine Kinder zu Befragungen mitzunehmen und auch Berlusconi wird häufig im Präsidium geparkt. Sein Arbeitsstil ist wirklich nicht vorbildlich und man möchte ihm schon mal die Meinung geigen.
Gleichermaßen hat mich Bröhmanns Kollege Teichner sehr belustigt, seine Sprüche sind ebenfalls nicht dem typischem Beamtenjargon entsprechend, aber dafür umso witziger.

Der Krimi ist unblutig und auch nur mäßig aufregend, aber das ist bei diesem Buch nicht so wichtig. Die Handlung erscheint logisch, die Ermittlungen anfangs schleppend und das Ende richtig überraschend und auch noch spektakulär dramatisch.

Hier spielen die besonderen Charaktere und lustigen alltäglichen Schilderungen die Hauptrolle im Buch und ich konnte nicht umhin, vor lauter Vergnügen die Morde als nebensächlich einzustufen. Doch auch hier kann Bröhmann dank seiner Mithelfer am Ende punkten und den Fall auflösen.


Wer gerne lustige Krimiunterhaltung geniessen möchte, dem sei dieses Buch ans Herz gelegt. Ich bin jetzt Bröhmann-Fan und freue mich auf weitere Fälle.

Veröffentlicht am 20.12.2017

Eine berührende Geschichte über die Liebe im Alter

Und jetzt lass uns tanzen
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Marguerite Delorme ist 78 Jahre alt, als ihr Mann Henri nach langer Ehe stirbt. Ihre Beziehung war stets höflich, aber nicht von Liebe geprägt. Es gab keinen Streit, Henri regelte ihr gemeinsames Leben ...

Marguerite Delorme ist 78 Jahre alt, als ihr Mann Henri nach langer Ehe stirbt. Ihre Beziehung war stets höflich, aber nicht von Liebe geprägt. Es gab keinen Streit, Henri regelte ihr gemeinsames Leben und entschied auch die Urlaubsziele. Nach seinem Tod fühlt sich Marguerite haltlos und aufgelöst, alt und überflüssig. Doch dann beschliesst sie, eine Thermalkur in den Bergen zu machen und ihr Leben nimmt noch einmal eine große Wendung.

Der 73-jährige Marcel Guedj ist Algerienfranzose und fast 50 Jahre lang glücklich mit seiner Kindheitsliebe Nora. Als Nora verstirbt fühlt sich Marcel einsam. Seine Tochter meldet ihn zu einer Kur an. Dort lernen sich Marguerite und Marcel kennen und entdecken, dass sie über die gleichen Dinge lachen können.

"Sie schert sich nicht mehr um Geschwätz und Konventionen, etwas anderes hat die Oberhand gewonnen. All die übermütigen Luftbläschen, die Henri jahrelang nicht an die Oberfläche kommen ließ, blubbern nun nach oben, in die Freiheit." Zitat Seite 136


Dieser Roman hat mich sehr berührt und dadurch in einen Lesesog versetzt. Mir wurde bewusst, wie auch im Alter der Wunsch nach Liebe und Glück das Leben bestimmen kann. Die Protagonisten hätten sich als junge Menschen nie ineinander verliebt, aber die Einsamkeit und ihre Lebenslust haben es im Alter möglich gemacht.


Karine Lambert verarbeitet in ihrem Roman die Thematik der späten Liebe, weil sie es von einer Bekannten selbst so erfahren hat.


Ihre Protagonisten werden gut charakterisiert, man erlebt die bisherigen Lebensläufe und kann sich ein authentisch wirkendes Bild von Marguerite und Marcel machen. Sie lebte ein kultiviertes, wohlhabendes Leben ohne Liebe und war nur das Anhängsel ihres Mannes. Marcel war arm und musste sich seinen Platz im Leben suchen und fand doch die große Liebe. Nachdem beide Hauptfiguren verwitwet sind, entdecken sie trotz ihrer Unterschiede Gefühle füreinander.


Ihre ersten Begegnungen wirken unsicher, sie haben Bedenken wegen ihres Alters, doch sie sind sich schnell sehr nahe. Diese Szenen hat die Autorin mit wunderbarer Leichtigkeit beschrieben, dessen Romantik man sich nicht entziehen kann. Gleichzeitig sieht Marguerites Sohn Probleme, er möchte seine Mutter behüten, aber damit auch bevormunden. Genauso hat es sein Vater getan. Es braucht eine Zeit bis er versteht, dass auch seine Mutter Freiräume braucht und ihr Leben endlich selbstbestimmt leben möchte.


Eine wunderschöne, berührende Liebesgeschichte, die zeigt, dass man die Hoffnung auf Glück auch im Alter nie ganz aufgeben darf.

Veröffentlicht am 14.12.2017

Lebendig und voller Menschlichkeit

Lied der Weite
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Victoria ist siebzehn und schwanger und wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst ...

Victoria ist siebzehn und schwanger und wird von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt. Da überredet ihre Lehrerin Maggie die Brüder McPheron, zwei alte Viehzüchter, das Mädchen bei sich aufzunehmen. Ein erst widerwilliger Akt der Güte, der das Leben von sieben Menschen in der Kleinstadt Holt in Colorado umkrempelt und verwandelt.


In diesem Roman wirft Kent Haruf wie ein stiller Beobachter den Blick auf seine Charaktere und beschreibt Gefühle und Lebensereignisse in einem einfachen Sprachstil und in seiner ruhigen Art, aber dafür mit treffender Tiefe. Mich hat die Geschichte mitgenommen in die Kleinstadt mit ihrer rauen Wirklichkeit der Bewohner und die menschlichen Schicksalen haben mich sehr ergriffen.


Haruf zeigt wie die junge, schwangere Victoria von ihrer Mutter vor die Tür gesetzt wird und bei den alten McPheron Brüdern aufgenommen wird. Anfangs gibt es noch gegenseitigen Argwohn, aber schon bald wandelt sich das in gegenseitige Fürsorge. Victoria ist den alten Viehzüchtern für ihre Liebenswürdigkeit dankbar ist und erkennt sie als ihre neue Familie an. Gleichzeitig bringt sie den alten McPheron Brüdern Leben und Hoffnung ins Haus. Es ist eine Win-win-Situation, denn sie helfen sich gegenseitig und überwinden gemeinsam ihre einzelnen Sorgen und Ängste und auch die anklagenden Vorurteile der Kleinstadtbewohner.

Ebenso schwierig ist die Kindheit der Brüder Ike und Bobby Guthrie, die allein mit Ihrem Vater auf einer Farm leben und von ihrer Mutter verlassen wurden. Auch hier gefallen mir die wunderbar anrührend ausgearbeiteten Charaktere und man kann sie einfach nur gern haben.



Diese anrührende, menschliche Betrachtung passt wunderbar zu dem ruhigen Erzählton. Haruf gelingen damit tiefe Einblicke in menschliche Schicksale ohne anklagend zu werden.



Ich mag die Bücher von Kent Haruf und bin immer wieder fasziniert von seiner Erzählweise. Er vermag es, den Charakteren sehr nahe zu kommen und ihnen in seinen Büchern Leben einzuhauchen. Leider ist der Autor inzwischen verstorben, aber vielleicht gibt es noch unveröffentlichte Bücher, die neu verlegt werden. Ich hoffe es zumindest!

Veröffentlicht am 10.12.2017

Gut unterhaltende Familienkomödie

Ziemlich unverbesserlich
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Diese Geschichte ist wunderbar zu lesen, sehr lebensnah geschrieben und hält inhaltlich einige Überraschungen bereit. Es ist ein Roman, der den Leser sofort in die Handlung versetzt und bei dem man die ...

Diese Geschichte ist wunderbar zu lesen, sehr lebensnah geschrieben und hält inhaltlich einige Überraschungen bereit. Es ist ein Roman, der den Leser sofort in die Handlung versetzt und bei dem man die Charaktere sofort ins Herz schliesst.

Ich habe gelacht, gebangt und mich gefreut, auch emotional ist man mit diesem Roman schnell verwachsen.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Tatsache, dass hier ein reales Lebensgefühl erzeugt wird, nichts wirkt gekünstelt oder konstruiert. Die Probleme mit den Kindern, der Spagat zwischen Arbeit und Familie und die Schwiegermutter, die an das Gute im Menschen glaubt. Halt genau wie im echten Leben.

Auch die juristischen Einschübe, die Frau Scheunemann als promovierte Juristin gern einpflegt, sorgen für Authenzität und interessante Hintergründe, die dem Roman die nötige Tiefe verleihen und nicht ins Klischeehafte abgleiten lassen. So spielt das wahre Leben und so etwas möchte man auch lesen.

Diese Familienkomödie ist die bunte Mischung aus normalem Alltagswahnsinn, Aufdeckung eines Drogenhandels und einer sympathischen Familie mit der Hoffnung auf eine neue große Liebe machen diesen Roman zu einer wunderbar fesselnden Lektüre.


Herrlich lockere Unterhaltung ist hier garantiert und wenn man die Charaktere erst einmal lieb gewonnen hat, ist das Interesse am Nachfolgeband geweckt. Volle Leseempfehlung!