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Veröffentlicht am 17.12.2025

Märchenhafter Perspektivwechsel

Dornenhecke
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In ihrer Novelle “Dornenhecke” erzählt T. Kingfisher das Märchen von Dornröschen neu. Hier geht es nicht darum, die schlafende Prinzessin zu erwecken. Im Gegenteil. Es ist Krötlings Aufgabe, die lästig ...

In ihrer Novelle “Dornenhecke” erzählt T. Kingfisher das Märchen von Dornröschen neu. Hier geht es nicht darum, die schlafende Prinzessin zu erwecken. Im Gegenteil. Es ist Krötlings Aufgabe, die lästig eifrigen Prinzen genau davon abzuhalten. Und das aus gutem Grund.

Seit “Wie man einen Prinzen tötet” ist T. Kingfisher für mich die Königin der Märchenadaptionen. Mit "Dornenhecke" hat sie diesen Titel verteidigt. Stilistisch trifft sie genau diesen sanften, erzählerischen Ton, der, zusammen mit einer Prise naiver Unschuld, diese entrückte Märchenatmosphäre erzeugt und zum Schwelgen einlädt. Dazu schafft sie es verblüffend und überzeugend zugleich, klassische Märchenelemente aufzugreifen und diesen eine neue Perspektive zu verleihen. Besonders aber lebt auch diese Novelle von den Charakteren. Auch sie folgen den klassischen Rollen - füllen diese aber mit ihren Unzulänglichkeiten und Eigenheiten auf ganz neue Weise und überaus sympathisch aus.

“Dornenhecke” ist ein wunderbar schräges, herzerwärmendes Abenteuer - sowohl spannend und würdevoll, wie auch leise und absurd. Kingfisher hat es geschafft, etwas Altbekanntes völlig neu aufzulegen, ohne das Vertraute zu opfern.

Ich bedanke mich beim Crosscult Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 10.10.2025

Unkonventionell spannend

Die Spur der Vertrauten
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“Die Spur der Vertrauten” ist ein Einzelband von Christelle Dabos. In dieser phantastischen Dystopie entführt die Autorin ihre Leser:innen in eine Welt, in der die individuellen Instinkte der Menschen ...

“Die Spur der Vertrauten” ist ein Einzelband von Christelle Dabos. In dieser phantastischen Dystopie entführt die Autorin ihre Leser:innen in eine Welt, in der die individuellen Instinkte der Menschen Imperativ sind und das Wir über allem steht. Claire, eine Vertraute, und Goliath, ein Schützer, sind durch ihre Instinkte nicht prädestiniert, aufeinander zu treffen. Doch beide sind auf die Spur der Unauffindbaren gestossen. Und ihr gemeinsames Abenteuer setzt Dinge in Gang, die weit über ihr Vorstellungsvermögen hinaus gehen.

Mit den imperativen Instinkten und dem übergeordneten Wir hat Dabos eine explosive Prämisse und daraus eine faszinierende Welt erschaffen. Allmählich und durch die Augen ihrer Figuren tauchen die Leser:innen in diese vertraute und zugleich fremde Welt ein, immer ganz nah an den Menschen dran und mittendrin. Die Figuren selbst sind unkonventionell, sowohl überzeichnet als auch realistisch mehrdimensional, originell anders und eben doch nahbar, in ihrer Perspektive und in ihren Mustern gefangen und kämpfen doch darum, über den Tellerrand hinaus zu schauen - frustrierend wie befriedigend lebendig.

Auch die Plotstruktur ist bemerkenswert unkonventionell. Die erste Hälfte rast fast atemlos auf einen Höhepunkt zu, dessen Auflösung der Geschichte in der zweiten Hälfte eine unerwartete neue Richtung gibt. Ja, der Plot ist ziemlich exzentrisch, vielleicht sogar bizarr, bleibt aber in sich logisch, wenn man die Prämisse akzeptiert hat. Und die Auflösung ist revolutionär und doch ganz sanft.

Erzählt wird das alles von mehreren Ich-Erzählern. Hauptsächlich sind es Goliath und Claire, durch dessen Augen die Leser:innen mitfiebern. Aber auch hier weicht Dabos von der Norm ab und gibt Einblicke in die Köpfe und Wahrnehmungen mehrerer Nebenfiguren.

“Die Spur der Vertrauten” bricht auf originelle Weise mit Konventionen und Mainstream des dystopischen Genres, trumpft mit liebevoll skurrilen Figuren und schwindelerregender Spannung. Für mich hat dieses Buch das Potenzial zum Jahreshighlight.

Ich bedanke mich beim Rotfuchs Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Mehr als Biologie

Organisch
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“Organisch” ist das neue populärwissenschaftliche Werk von Giulia Enders, das, nach eigener Aussage, in enger Zusammenarbeit mit ihrer Illustratorin und Schwester Jill Enders entstanden ist. Das Hörbuch ...

“Organisch” ist das neue populärwissenschaftliche Werk von Giulia Enders, das, nach eigener Aussage, in enger Zusammenarbeit mit ihrer Illustratorin und Schwester Jill Enders entstanden ist. Das Hörbuch wurde von der Autorin selbst eingesprochen.

Nach ihrem Bestseller “Darm mit Charme” - den ich selbst nicht gelesen habe - verfolgt Enders diesmal einen holistischeren Ansatz und widmet sich nacheinander der Lunge, dem Immunsystem, der Haut, den Muskeln und dem Gehirn. Dabei präsentiert sie einerseits die biologischen Fakten und Funktionsweisen in anschaulicher und ansprechender Prosa und schafft es so, komplexe Logiken und uns normalerweise verborgene Abläufe eingängig und leicht verständlich zu vermitteln. Die wirkliche Leistung dieses Buches liegt für mich aber in der Botschaft, die stellenweise explizit, meistens aber implizit wunderschön mitschwingt. Enders erklärt uns nicht nur unseren Körper, sondern zeigt damit auf, was wir von ihm lernen können. In einer Welt, die so sehr auf das Aussen, den Schein und unsere Leistung fokussiert ist, kommt es einer kleinen Erleuchtung, jedenfalls einer Wohltat gleich, den Blick einmal ins Innen zu richten. Unsere Organe, unsere Biologie, hat sich über Jahrmillionen entwickelt, ihre Strategien, auf die Umwelt zu reagieren, angepasst und hat nur ein Ziel: Leben. Wieso also nicht einmal innehalten und dieser verborgenen Weisheit lauschen? Ja, lauschen - nicht nur der Inhalt lädt dazu ein, auch Giulia Enders Leseleistung passt genau zum Ton des Textes.

“Organisch” hat für mich das perfekte Gleichgewicht zwischen Wissensvermittlung und Inspiration getroffen und ist damit sowohl ein leicht verständliches, äusserst interessantes Sachbuch, als auch ein sanfter, inspirierender Lebensratgeber.

Ich bedanke mich bei Vorablesen und beim Verlag Hörbuch Hamburg für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 19.05.2025

Zwischen den Zuständen

Schweben
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„Schweben“ von Amira Ben Saoud ist ein leiser, gleichzeitig eindringlicher Roman – einer, der auch zwischen den Zeilen erzählt wird. Er spielt nicht in einer konkreten Zukunft oder Vergangenheit, sondern ...

„Schweben“ von Amira Ben Saoud ist ein leiser, gleichzeitig eindringlicher Roman – einer, der auch zwischen den Zeilen erzählt wird. Er spielt nicht in einer konkreten Zukunft oder Vergangenheit, sondern in einem Jetzt, das sich oft seltsam entrückt anfühlt. Das Buch vermittelt das Gefühl, mittendrin zu sein – und doch irgendwie abgehoben, schwebend eben.
Ben Saouds Stil ist beinahe teilnahmslos, gleichzeitig glasklar und präzise beobachtend. Sie schreibt mit einer ruhigen, fast distanzierten Sprache, die gerade deshalb so tief trifft. Weil man beim Lesen plötzlich selbst beginnt, anders zu schauen, zu denken, zu fühlen – als hätte die Sprache der Protagonistin sich in die eigene Wahrnehmung eingeschlichen.

Im Zentrum steht eine Frau, deren Leben sich nicht linear entfaltet, sondern in Rollen, in Zuständen, in Versionen. Sie ist all die Frauen, die sie sein soll, sein könnte, geworden ist – und doch keine davon. Ihre Identität entsteht aus der Summe der Zuschreibungen, Erwartungen und Projektionsflächen, die ihr die Welt zuweist. Es ist faszinierend und zugleich erschreckend, wie das Aussen sich in das Innere frisst, wie Vorgaben zur Überzeugung, Anpassung zur Notwendigkeit wird. Wie wenig es braucht, bis ein Leben, das man nie bewusst gewählt hat, sich anfühlt wie das eigene.

Besonders eindringlich – und verstörend realistisch – beschreibt der Roman die Dynamik einer Gewaltbeziehung. Nicht dramatisch überzeichnet, sondern erschreckend logisch. Die inneren Erklärungen, das „Ich blieb, weil …“, die Rechtfertigungen vor sich selbst – all das wirkt beklemmend nachvollziehbar. Und es zeigt, dass Gewalt oft nicht laut und offensichtlich ist, sondern schleichend, banal und alltäglich.

Kunstfertig subtil und gleichzeitig ein- und nachdrücklich blitzt immer wieder eine kritische Betrachtung von Gesellschaft auf der grossen Bühne auf. “Weil man sich nicht mit dem Unmöglichen arrangieren darf” – dieser Satz hallt lange nach. Ist dieses Unmögliche die Wiederholung von Geschichte, das Einreissen zivilisatorischer Selbstverständlichkeiten, das Akzeptieren von Zuständen, die wir zuvor für undenkbar hielten? Oder ist es eine vermeintliche Chance, die wir in unserer Erschöpfung und Orientierungslosigkeit in ihr Gegenteil verkehren? Solange wir schweigen, bleibt vielleicht noch die Illusion, dass das, was längst geschieht, doch noch aufzuhalten wäre.

„Schweben“ ist ein Roman, der sich nicht klar einordnen lässt – er lebt von Zwischentönen, von Andeutungen, von dem Schweigen zwischen den Sätzen. Und gerade das macht ihn so kraftvoll. Seine Wirkung entfaltet sich nicht in einem grossen Plot, sondern in der Atmosphäre und in Momenten der Irritation, der Traurigkeit und der Klarheit. Ein ungewöhnliches, forderndes Buch – entstanden aus Alltagsbeobachtung, existenzieller Verlorenheit und politischer Reflexion. Und gerade deshalb so wertvoll.

Ich bedanke mich beim Zsolnay-Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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Veröffentlicht am 17.03.2025

Kommunikation und Beziehung

Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen
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“Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen”, ist der etwas sperrige Titel von Nicola Schmidts neuem Elternratgeber. Nach den artgerecht-Bestsellern, dem Elternkompass, weiteren ...

“Zehn wirklich wichtige Gespräche, die Kinder und Eltern wachsen lassen”, ist der etwas sperrige Titel von Nicola Schmidts neuem Elternratgeber. Nach den artgerecht-Bestsellern, dem Elternkompass, weiteren Erziehungs- und zwei Bilderbüchern widmet sich die Wissenschaftsjournalistin und Dozentin hiermit dem Thema Kommunikation in der Erziehung. “Liebe, Lügen, Tod und Grenzen - Wie wir bei schwierigen Themen die richtigen Worte finden” verspricht der Untertitel.

Und ja, die Autorin gibt tatsächlich sehr konkrete Vorschläge, wie Themen und Situationen besprochen werden können. Eine Auswahl der “richtigen” Worte ist beispielhaft bei jedem Kapitel dabei. Nicola Schmidt bietet aber mehr als das. Denn jedes Thema wird hier als Konzept präsentiert, das unser Nachwuchs vom Kleinkind bis zum Teenager in seinen verschiedenen Facetten und aus unterschiedlichen Blickwinkeln erkundet und erlernt. Informativ aber nicht ausufernd präsentiert die Autorin Komponenten dieser Konzepte und setzt diese mit Entwicklungsschritten in verschiedenen Altern in Verbindung.
“Kinder sind kompetent, aber nicht erfahren.” An uns Eltern ist das eine Einladung, mit unseren Kindern gemeinsam auf diese Entdeckungsreise zu gehen. Das Buch gibt Anregungen, wie die gemeinsame Suche nach Antworten gestaltet und gerahmt werden kann, damit ein Austausch auf Augenhöhe möglich wird und der Austausch fruchtbar statt frustreich wird. Der richtige Ort, der richtige Zeitpunkt, geeignete Anfänge und vor allem das richtige (und wirkliche) Zuhören.

Dieses Buch schafft es, zugleich ausführlich, konkret und übersichtlich zu sein. Es ist ein Leitfaden, wie Kinder und Eltern gemeinsam durch Kommunikation Beziehung und durch Beziehung Kommunikation erleben und gestalten können. Es ist eine Einladung, uns selbst, unsere Werte und Normen und unsere Muster zu reflektieren und neu zu erforschen. Und es enthält eine Aufforderung, so früh wie möglich damit anzufangen und diesen Habitus der Begegnung auf Augenhöhe zu kultivieren.

Ich bedanke mich herzlich beim Gräfe und Unzer (GU) Verlag für das Rezensionsexemplar. Meine Meinung bleibt natürlich und wie immer trotzdem meine eigene.

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