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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.03.2025

Klug, temporeich, historisch fundiert

Schwebende Lasten
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In „Schwebende Lasten“ erzählt Annett Gröschner die fiktive Lebensgeschichte von Hanna aus Magdeburg – eine Geschichte, die zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einer ostdeutschen ...

In „Schwebende Lasten“ erzählt Annett Gröschner die fiktive Lebensgeschichte von Hanna aus Magdeburg – eine Geschichte, die zugleich die Geschichte des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive einer ostdeutschen Arbeiterin ist. Der Roman zeichnet Hannas Weg von der Floristin zur Kranfahrerin nach und verknüpft ihr Schicksal mit den politischen Umbrüchen und sozialen Verwerfungen ihrer Zeit.

Die klare Sprache und die Art, historische Zusammenhänge anhand einer weiblichen Figur greifbar zu machen, haben mich stellenweise an Klaus Kordons „Trilogie der Wendepunkte“ erinnert – eine Reihe von historischen Romanen, die ich früher sehr gerne gelesen habe. Allerdings geht Gröschner in „Schwebende Lasten“ oft noch drastischer in die historisch authentischen und furchtbaren Details. Durch das hohe Erzähltempo hatte ich aber nie das Gefühl, von der Schwere der Ereignisse erdrückt zu werden.

Besonders gefallen hat mir Hannas Haltung: Trotz der vielen verzweifelten Situationen, in die sie und ihre Familie geraten, verliert sie nie ihren moralischen Kompass. Sie bleibt anständig, verbreitet weder Hass noch Missgunst. Diese Perspektive fand ich sehr wohltuend, denn sie zeigt, dass es möglich war, trotz widrigster Umstände eine Haltung zu bewahren. Gleichzeitig hebt der Roman hervor, was für unglaubliche Härten gewöhnliche Frauen im 20. Jahrhundert überlebt haben.

Insgesamt ist „Schwebende Lasten“ ein kluger, temporeicher und historisch fundierter Roman. Eine Empfehlung für alle, die sich für deutsche Geschichte interessieren!

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Veröffentlicht am 15.03.2025

Berührend und poetisch

Unmöglicher Abschied
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„Unmöglicher Abschied“ war mein erster Roman von Nobelpreisträgerin Han Kang – und wird ganz sicher nicht mein letzter sein. Die Protagonistin Gyeongha soll für ihre Freundin Inseon, die im Krankenhaus ...

„Unmöglicher Abschied“ war mein erster Roman von Nobelpreisträgerin Han Kang – und wird ganz sicher nicht mein letzter sein. Die Protagonistin Gyeongha soll für ihre Freundin Inseon, die im Krankenhaus liegt, auf die Insel Jeju fliegen und sich dort um den Vogel der Freundin kümmern. Auf der Insel tobt ein menschenfeindlicher Schneesturm, der schon die Reise herausfordernd macht. Endlich angekommen muss sich Gyeongha dann auch noch mit den Geistern der Vergangenheit auf der Insel auseinandersetzen: schrecklichen Massakern, die die Regierung in den 1950ern an der Bevölkerung verübt hatte.

Die Geschichte entwickelte für mich mit ihrem melancholischen, klaren Stil schnell einen Sog, obwohl sie durchweg düster und traurig bleibt. Die eisige, lebensfeindliche Natur der Insel Jeju spiegelt die innere Zerrissenheit der Figuren wider, und der Schneesturm wird fast schon zu einem eigenen Charakter, der Gyeonghas Reise ebenso bestimmt wie ihre Erinnerungen. Im zweiten Teil des Romans spielt auch magischer Realismus eine große Rolle, um die Freundschaft zwischen den beiden Frauen auf eine ganz besondere Weise erzählen.

Insgesamt werden die persönlichen Schicksale zweier Freundinnen poetisch mit einem lange verdrängten Kapitel koreanischer Geschichte verknüpft und der Roman zeigt eindringlich, wie Vergangenheit und Gegenwart untrennbar miteinander verwoben sind. Trotz der poetischen Sprache und der emotionalen Tiefe hatte der Roman für mich auch Längen. Dennoch überwiegt mein Eindruck, dass „Unmöglicher Abschied“ ein einfühlsames, eindrucksvolles Buch ist.

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Fesselnd

In ihrem Haus
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„In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden ist ein Roman, der sich zwar langsam entfaltet, aber dabei für mich schnell eine Sogwirkung entwickelt hat. Anfangs begleiten wir die verschlossene Isabel in ihrem ...

„In ihrem Haus“ von Yael van der Wouden ist ein Roman, der sich zwar langsam entfaltet, aber dabei für mich schnell eine Sogwirkung entwickelt hat. Anfangs begleiten wir die verschlossene Isabel in ihrem stillen, geordneten Leben, das von klaren Routinen geprägt ist. Nach dem Tod ihrer Mutter lebt sie allein im Haus der Familie und trifft sich nur ab und zu mit ihren beiden Brüdern. Als ihr älterer Bruder seine aktuelle Freundin Eva im Haus einquartiert, wird Isabels bisheriges Leben infrage gestellt.

Was mir besonders gefallen hat, ist die dichte, sinnliche Sprache, die die sommerliche Schwere und unterschwellige Spannung zwischen Eva und Isabel greifbar macht. Man spürt in jeder Szene, dass etwas Bedrohliches in der Luft liegt, auch wenn es lange nicht greifbar ist. Die langsame Annäherung zwischen Isabel und Eva hat sich für mich im Mittelteil des Romans allerdings etwas gezogen. Doch dann kommt eine überraschende Wendung, die ich wirklich nur kurz vorher vorhergesehen hatte – ab diesem Moment konnte ich das Buch wieder kaum noch weglegen.

Thematisch geht es um Begehren, Schuld, Verdrängung und gesellschaftliche Zwänge – auch atmosphärisch liegen diese Themen immer in der Luft, auch wenn nicht offen über sie gesprochen wird. Für mich war der Roman eine lohnende, fesselnde Lektüre mit einem starken Ende, aus dem ich viel mitgenommen habe.

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Veröffentlicht am 09.03.2025

Alltagstauglich und lecker

The Modern Taste of Ayurveda
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„The Modern Taste of Ayurveda“ verspricht eine einfache, alltagstaugliche Umsetzung der ayurvedischen Küche mit einem saisonalen Ansatz – und tatsächlich gelingt das in vielen Rezepten sehr gut. Besonders ...

„The Modern Taste of Ayurveda“ verspricht eine einfache, alltagstaugliche Umsetzung der ayurvedischen Küche mit einem saisonalen Ansatz – und tatsächlich gelingt das in vielen Rezepten sehr gut. Besonders das Bratapfelporridge hat mich mit seinen ungewöhnlichen, wärmenden Gewürzen absolut überzeugt, und auch das frühlingshafte Risotto mit Radieschen war überraschend lecker.



Allerdings gibt es auch einige Einschränkungen bei meiner Empfehlung: Manche Zutaten sind schwer zu bekommen, vor allem wenn man keinen gut sortierten Bio- oder Asialaden in der Nähe hat. Außerdem waren die Suppen, die ich bisher ausprobiert habe, für meinen Geschmack etwas zu fade, das hatte ich nicht erwartet.



Was mir jedoch insgesamt gefällt, ist die moderne Interpretation von Ayurveda – ohne dogmatische Regeln, sondern mit einer entspannten, genussvollen Herangehensweise. Den Ansatz, z.B. lieber warm zu frühstücken, werde ich auf jeden Fall weiter verfolgen. Wer Lust hat, sich an ayurvedischer Ernährung zu versuchen, aber nicht gleich seinen kompletten Lebensstil umstellen möchte, findet hier auf jeden Fall gute Inspirationen!

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Veröffentlicht am 09.02.2025

Neue Perspektiven

Überwintern. Wenn das Leben innehält
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„Überwintern“ ist ein wunderbar poetisches und kluges Sachbuch darüber, wie wir mit Krisen, Übergangsphasen und schwierigen Zeiten umgehen können. Katherine May nutzt das Bild des Winters – sowohl im wörtlichen ...

„Überwintern“ ist ein wunderbar poetisches und kluges Sachbuch darüber, wie wir mit Krisen, Übergangsphasen und schwierigen Zeiten umgehen können. Katherine May nutzt das Bild des Winters – sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinne – um zu erkunden, wie Menschen und Tiere mit Rückzug, Stillstand und Erneuerung umgehen.

Ich mochte besonders die Vielfalt an Perspektiven, die May einfließen lässt: von der Haselmaus, die sich zum Winterschlaf in ein gemütliches Nest zurückzieht, über skandinavische Saunakultur bis hin zu Ritualen wie Stricken oder Singen als Formen der Selbstfürsorge. Dabei bleibt Wintering angenehm unsentimental – es ist kein Selbsthilfebuch mit schnellen Lösungen, sondern eine feinfühlige Reflexion über das Akzeptieren schwieriger Phasen und das Finden von Wegen, sich selbst mit Geduld und Fürsorge zu begegnen.

Allerdings ist nicht zu übersehen, dass viele der Strategien, die May beschreibt – von Jobpausen bis hin zu Rückzugsreisen – einige Privilegien voraussetzen, die nicht viele Menschen haben. Dennoch bietet das Buch wertvolle Gedanken für alle, die lernen möchten, Krisen als natürliche Phasen im Leben zu betrachten, statt sich dagegen zu wehren. Ein zartes, tröstliches Sachbuch, das dazu einlädt, den eigenen Rhythmus zu finden und das Winterliche im Leben mit mehr Milde zu betrachten.

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