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Veröffentlicht am 31.03.2025

Charmanter Kinderreiseführer durch die Alpen

OTTO fährt los – Ein Sommer in den Bergen
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Gleich zwei Sachen vorab: Ja, es kommt Urlaubsstimmung auf im dritten Abenteuer von VW-Bus Otto. Und (leider?) ja, das Buch ist mehr Reiseführer als Geschichte – aber das ist nur in einem Punkt schade. ...

Gleich zwei Sachen vorab: Ja, es kommt Urlaubsstimmung auf im dritten Abenteuer von VW-Bus Otto. Und (leider?) ja, das Buch ist mehr Reiseführer als Geschichte – aber das ist nur in einem Punkt schade. Dazu später mehr.

Denn erst einmal Sachen packen und auf in die Berge: Otto reist mit einer Familie durch die Alpen. Bayern, Österreich, Schweiz – alles ist dabei. Schloss Neuschwanstein genauso wie der Bodensee, hochgelegene Bergseen, Hängebrücken, Gipfelessen. „Ein Sommer in den Bergen“, so der Titel dieses „Otto fährt los“-Teils, macht richtig Vorfreude auf den nächsten Urlaub oder sorgt für Flashbacks zu vergangenen Reisen.

Natürlich vor allem dank der großartigen Illustrationen von Stefanie Reich, die die Bergwelt perfekt einfängt und dabei das ein oder andere Motiv gezeichnet hat, das man von vielen, vielen Instagram Fotos kennt. Ist aber ja nicht schlimm, ist schließlich ein Kinderbuch und Kinder sind (hoffentlich) noch nicht selbst auf Insta unterwegs.

Und auch die Texte von Madlen Ottenschläger sind wieder gewohnt wohlig-lustig. Sie hat diesen ganz besonderen Stil, der hier im Haus ganz gut ankommt, egal ob bei Hannah und Benja, bei Metti Meerschwein oder nun eben Otto.

Nur einen kleinen Wermutstropfen gibt es doch: Die Familie, die mit Mietbulli Otto in den Süden fährt, bleibt leider etwas blass. Und das ist dem geschuldet, was ich anfangs geschrieben habe – dass das Buch mehr ein Reiseführer, eine Urlaubsinspiration für die Alpen ist und weniger eine Geschichte. Zwar verfolgt man, was die Zwillinge Klara und Luzie mit ihren Eltern erleben – vom Übernachten an Bergseen und Gondelfahrten hin zu Kletterabenteuern. Aber trotzdem wird man das Gefühl nicht los, dass es eine Aneinanderreihung von Urlaubsempfehlungen ist. Das ist, auch schon geschrieben, ein wenig schade. Aber auch Jammern auf recht hohem Niveau.

Denn alles in allem ist „Otto fährt los: Ein Sommer in den Bergen“ ein toll illustriertes, schön geschriebenes Buch, das sich tatsächlich anfühlt wie ein sonniger Wandertag irgendwo in Österreich oder Bayern mit einem großen Teller Kaiserschmarrn mit Preiselbeeren zum Abschluss. Sogar mit dem passenden Rezept am Ende des Buchs. Wer also in diesem Jahr mit dem Nachwuchs einen Urlaub im Süden plant – dieses Buch ist die (fast) perfekte Einstimmung.

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Veröffentlicht am 18.03.2025

Unaufgeregter Krimi für Kinder

Detektivagentur Christie & Agatha – Ein Beweisstück verschwindet
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Ein Sandwich ist verschwunden. Kein normales Sandwich, was für jeden hungrigen Magen schon recht dramatisch wäre. Nein, darin war ein Experiment von Mr. Fleming versteckt. Wer könnte Interesse daran haben? ...

Ein Sandwich ist verschwunden. Kein normales Sandwich, was für jeden hungrigen Magen schon recht dramatisch wäre. Nein, darin war ein Experiment von Mr. Fleming versteckt. Wer könnte Interesse daran haben? Sein Assistent Mr. Pryce? Die französischen Gastgeber? Oder etwa Sir Arthur Conan Doyle? Klare Sache – die Schwestern Agatha und Christie müssen diesen Fall aufklären.

Der erste Band der neuen Reihe „Detektivagentur Christie & Agatha“ mit dem Titel „Ein Beweisstück verschwindet“ ist ein gemütlicher, humorvoller Kinderkrimi voller Anspielungen auf Krimigeschichte und kulturellen Besonderheiten. So geraten die Gastgeber der Teeparty in Verdacht, französische Spione zu sein – dabei stammen sie aus dem benachbarten Belgien. Ein Schmunzler, der im englischen Original vermutlich ein bisschen besser zündet und mit Vorurteilen aufräumen soll.

Und natürlich ist die Geschichte ein guter Einstieg in die Krimiwelt, besonders, wenn die Eltern oder Großeltern eine Affinität für Agatha Christie, Sir Arthur Conan Doyle oder ähnliche Autor:innen haben. Es ist alles komplett unaufgeregt, die beiden Schwestern sind charmant, der Humor very british. Die Kriminalgeschichte ist ziemlich geradlinig, nur bedingt überraschend – cosy crime für Kinder eben, aber sie lebt über die Figuren, wie auch häufig in den Krimis für Erwachsene.

Vielleicht fehlt ein bisschen Würze, wenn die Kinder bereits andere Detektivgeschichten gelesen oder gehört haben. Sind sie schon an spannende Abenteuer wie bei den drei ??? Kids gewöhnt, könnten die Abenteuer von Christie und Agatha ein bisschen zu ruhig wirken. Das aber hängt vermutlich vom jeweiligen Kind ab – und wie die Reihe weitergeht. Denn schon im Sommer soll Teil 2 der Detektivagentur erscheinen. Und ich sag’s mal so: Wir sind durchaus interessiert, welcher Fall dann aufgeklärt werden muss.

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Veröffentlicht am 10.03.2025

Teilen macht Freu(n)de

Meins! Der Hase, der nicht teilen wollte
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Wer kennt es nicht – Kinder teilen selten gerne. Zumindest nicht mit jedem. Mama bekommt was ab, Papa nicht. Der eine Freund schon, die andere Freundin nicht. Manche Kinder wollen am liebsten gar nichts ...

Wer kennt es nicht – Kinder teilen selten gerne. Zumindest nicht mit jedem. Mama bekommt was ab, Papa nicht. Der eine Freund schon, die andere Freundin nicht. Manche Kinder wollen am liebsten gar nichts abgeben, so sehr die Eltern auch „Teilen macht Spaß“ predigen. Immerhin: Auf andere hören Kinder dann doch hin und wieder – und auf Bücher sowieso. „Meins! Der Hase der nicht teilen wollte.“ ist da ein schönes Buch übers Teilen lernen. Schön? Wunderschön!

Die Geschichte ist halbwegs schnell erzählt: Ein Hase hegt und pflegt seine Rüben und möchte keine abgeben. Schon gar nicht an die neuen Nachbarn, die Kaninchen. Als ein Wildschwein jedoch Kurs auf die gemeinsame Nachbarschaft macht, warnt der Hase die Kaninchen – und opfert ihnen zuliebe seine heißgeliebten Rüben.

Zugegeben: Der Sinneswandel des Hasen kommt schon etwas abrupt. Während die Kaninchen ihn immer wieder auf eine Suppe einladen, ist der eigenbrötlerische Hase stets abweisend, möchte weder etwas mit ihnen noch mit anderen Waldtieren zu tun haben. Doch in der Stunde der Gefahr besinnt er sich, verliert zwar seine Rüben, gewinnt aber neue Freunde. Und merkt, wie schön es ist, zu teilen. Das macht ihn zwar nicht zu einem Sympathieträger, zu einem Rollenvorbild, aber die Kinder begreifen die Moral des Buchs doch recht gut.

Einen Tick besser als die Geschichte sind jedoch die großartigen Illustrationen. Alle Bilder sind wunderschön gestaltet, die einzelnen Abschnitte mit einer bezaubernden, abwechslungsreichen Farbpalette in Szene gesetzt. Da sitzt das Kind auch gerne mal alleine vor dem Buch und schaut sich die wundervollen Bilder an und kichert über die ein oder andere Szene – besonders, wenn das Wildschwein seine Rüsselschnauze in den Kaninchenbau steckt, um die köstlichen Möhren zu erschnüffeln.

Natürlich ist Steve Smalls Geschichte keine Novität auf dem Kinderbuchmarkt. Aber wer noch kein Buch übers Teilen im Regal hat, der bekommt eine durchaus humorvolle und vor allem großartig illustrierte Geschichte, die zeigt, dass Teilen Freude und Freunde macht – und dass selbst in motzigen Hasen ein gutes Herz stecken kann.

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Veröffentlicht am 14.02.2025

Falsches Etikett, guter Inhalt

Shanghai Story
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Vielleicht hilft es, wenn man „Shanghai Story“ direkt anders betrachtet: Nicht als Roman, sondern als Kurzgeschichtensammlung. Als Roman scheitert das Experiment, eine Familiengeschichte von 2040 in Richtung ...

Vielleicht hilft es, wenn man „Shanghai Story“ direkt anders betrachtet: Nicht als Roman, sondern als Kurzgeschichtensammlung. Als Roman scheitert das Experiment, eine Familiengeschichte von 2040 in Richtung Vergangenheit zu erzählen, am fehlenden roten Faden. Auf der anderen Seite: die unterschiedlich langen Episoden aus dem Leben der Familie Yang sind wirklich gut.

Juli Min nimmt die Leser:innen mit in das Leben einer asiatischen Familie mit chinesisch-japanischen Wurzeln. Wobei Grenzen eigentlich keine Rolle spielen. Zwei der drei Kinder studieren in den Staaten, die Eltern haben lange in Frankreich gelebt, man jettet zu jeder Gelegenheit rund um den Globus. Aber auch das Leben in der Shang-High Society hat seine Schattenseiten – und die Autorin beleuchtet diese grandios.

Eheprobleme, Abtreibung, illegale Autorennen, Prostitution, ja, selbst Corona sind Elemente, die in den einzelnen Geschichten vorkommen. Zu Beginn sitzt Leo, der Familienvater, im Hochgeschwindigkeitszug vom Flughafen zurück in die Stadt und reflektiert den aktuellen Status seiner Ehe. Und auch andere Figuren tauchen auf, nehmen die Lesenden mit in ihre Gedankenwelt. Damit beginnt das Experiment, denn: „Shanghai Story“ ist rückwärts erzählt. Man wird nie erfahren, was aus Juli Mins Figuren wird. Aber kleiner, enttäuschender Spoiler: Man erfährt größtenteils auch nicht, worin die Wurzeln ihrer Gedanken, ihrer Lebenssituationen sind. Denn nur wenig ist miteinander verwoben.

Eigentlich enttäuschend, sollte man meinen. Viele Nebenfiguren, die in den Geschichten auftauchen, sind gut gezeichnet, man möchte mehr über sie erfahren, aber nein, um sie soll und wird es nur am Rande gehen. Und auch die vielen Erlebnisse der Familie Yang sind größtenteils nur kleine Spotlights, die einmal aufglühen und danach nicht mehr thematisiert werden. Viel Potenzial verschenkt, „Shanghai Story“ hätte zu einem epochalen Werk werden können.
Aber: Die Geschichten sind schon gut. Liest man sie für sich und macht sich keine Hoffnung, dass Plots wieder aufgegriffen werden, sind es wirklich starke, spannende Episoden rund um das Leben der Familie und der Personen, die ihnen nahestehen. Besonders berührend die über das Kindermädchen der Familie, fast schon herzzerreißend die Begegnungen und Abschiede rund um ihr vormals betreutes Kind.

Kritzelt man also dieses Wort „Roman“ vom Cover, ändert den Titel minimal auf „Shanghai Stories“, dann ist Juli Mins Debüt wirklich richtig gelungen. So bleibt ein fader Beigeschmack, dass mehr möglich gewesen wäre. Schon schade. Aber lesenswert allemal.

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Veröffentlicht am 22.01.2025

Kästner auf dem Zauberberg

Der Goldhügel
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Ja, das Buch macht ein bisschen Arbeit. Emotionale zumindest. Man muss den Erich Kästner seiner Kindheit ausblenden, vielleicht auch hinter sich lassen. In dieser fiktionalisierten Geschichte geht es um ...

Ja, das Buch macht ein bisschen Arbeit. Emotionale zumindest. Man muss den Erich Kästner seiner Kindheit ausblenden, vielleicht auch hinter sich lassen. In dieser fiktionalisierten Geschichte geht es um den Mann Kästner. Gealtert, aber nicht weniger lüsternd, sobald junge attraktive Frauen in seinem Umfeld auftauchen. Immerhin: Der Autor glorifiziert es nicht, im Gegenteil, schafft es dennoch, das Denkmal Kästner nicht mit dem Vorschlaghammer zu zertrümmern.

Es sind die 1960er-Jahre, Kästner ist nach einem gesundheitlichen Zusammenbruch in ein Sanatorium am Luganer See. Ganz allein, fern von seiner Frau, fern von seiner Geliebten und ihrem gemeinsamen Sohn. Immer wieder betrachtet er die Beziehungen zwischen seinen Frauen, wägt ab, hofft auf eine Nachricht von der einen, bekommt aber bloß die der anderen. Freude kommt in dieser freudlosen klinischen Gegend nur von Schnaps und Zigaretten, die ihm bald verboten werden, und einem jungen Fräulein, Fan seiner Bücher, die sich abends an seinen Tisch setzt. Kritisch beäugt von einer älteren Tischnachbarin, die Kästner wie dem Fräulein nicht nur einmal ins Gewissen redet.

Die Kulisse ist bewusst an den Zauberberg angelehnt, was ja irgendwie doppelt passt, vom Kästner-Jahr 2024 zum Mann-Jahr 2025. Und zauberhaft geht es auch in Tobias Rollers Roman zu. Denn die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verschwimmen dort auf dem Collina d’Oro, dem Goldhügel, zunehmend, und schon bald wissen Leser:innen kaum noch, welche der Figuren echt sind und welche nur Kästners Fantasie entspringen und auf Personen in seinem Umfeld basieren – Ehefrau, Geliebte, Vater, Mutter, …

Autor Roller wurde, so heißt es, für „Der Goldhügel“ nicht immer freundlich empfangen, sahen manche sein Buch doch als Verunglimpfung Kästners. Dabei ist es das gar nicht. Kästner wird nicht bejubelt, aber auch nicht zerstört. Sein Verhältnis zu Frauen reflektiert der fiktionale Kästner durchaus kritisch, es wird nicht als „Ach, damals war das halt so.“ abgetan. Es wird ein Blick in sein Innerstes geworfen, zwischen den Erfolgen der Vorjahre und vor seinen letzten Romanen, die er für seinen Sohn schrieb.

Und es ist auch ein Buch, in dem die Frauen vom Lustobjekt zu kraftvollen Personen werden, die Kästner in die Schranken weisen, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen, die auch selbst Abschied von einem Bild Kästners nehmen, um mit einem anderen weiterzuleben. In diesem Sinne ist „Der Goldhügel“ also keine kritische Auseinandersetzung mit dem Autor, sondern doch eine Art freundliche, unterhaltsame und gut erzählte Verbeugung.

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